Netvel: "Im Netz" - 46. Kapitel































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Ende Januar traf ich nachmittags meine Kollegin Mina in der Stadt. Wir gingen Kaffee trinken. Die an einer fortgeschrittenen Tumorerkrankung leidende Mina kann mit ihrer Beinprothese und einem Handstock gut laufen und auch Treppen steigen. Sie erzählte selbst nicht viel, wollte aber umso mehr erzählt bekommen. Was sie erzählte, war, daß der ärztliche Direktor in Kingston nun endlich - und widerwillig - in Pension geht. Fanny, seine ehemalige Geliebte, ist im Rahmen ihrer erotischen Aktivitäten von der Assistenzärztin direkt zur Funktionsbereichsleiterin aufgestiegen - und damit zu Minas Vorgesetzter geworden. Fanny scheint es nötig zu haben, die neu gewonnene Position durch Machtdemonstrationen zu untermauern.
Nachts war ich im "Zone". Es gab wieder einmal hinreißend außergewöhnliche Kostüme zu sehen: einen Turban in Tarnfarben und dazu eine Nickelbrille ... ein Hexenhütchen mit einem darübergeworfenen Leuchtring ...
Les hatte Geburtstag, ich gratulierte ihm. Les erzählte von einem Sampler namens "Endzeit Bunkertracks (Act IV)", auf dem sich ein epochaler Tanzbodenhit befindet, den er auch spielte: "Sex mit einer Leiche (Soman Remix)" von Industriegebiet. So albern die gesampelten Horrorfilm-Texte sind, so außergewöhnlich sind die Rhythmen und die Sounds. Ein weiteres Highlight, das Les heute spielte, war "Virus" von Shnarph!.
Minette erzählte, daß sie vor anderthalb Jahren beim Stoppelfeldrennen mitgefahren ist und sich mit ihrem Auto überschlagen hat. Der Vier-Punkt-Gurt, den alle Stoppelfeld-Fahrer tragen, verhinderte Schlimmeres. Zudem sind die Fahrer durch Überrollbügel geschützt, und die Autos haben Gitter statt Glas in den Fenstern.

In einem Traum war Rafa bei mir zu Hause und fragte mich, ob ich etwas zum Anziehen für ihn hätte. Ich erinnerte mich an das Priesterhemd, das er 1993 so gerne haben wollte und das ihm bestimmt paßt.
"Bei mir hängt es doch nur im Schrank", dachte ich. "Aber ich schenke es ihm nicht, ich leihe es ihm nur aus. Hoffen wir, daß es einigermaßen heile bleibt."

Nachmittags war ich im "Keller", wo Kiran die Videos vom letzten Stoppelfeldrennen zeigte. Er war mit seiner Familie da, Maylin und Meryl. Die kleine Meryl trug hoch angesetzte Zopfschwänze, und sie hatte ein T-Shirt an, das den Totenschädel von "Hello Kitty" zeigt, mit Augenhöhlen in Herzchenform.
Zu den anwesenden Stoppelfeld-Fans gehörten Kayley - eine Freundin von Wirtin Bibian - und Highscore, der eigentlich am Morgen nach HE. zum Hallen-Paintball fahren wollte, aber der Samstagnacht im "Zone" den Vorzug gegeben hat. Er hatte sich wieder so verkleidet, daß kaum einer ihn erkannte, auch ich erkannte ihn zuerst nicht. Ihm macht das Spaß.
Das Stoppelfeldrennen im vergangenen August war eine verregnete Veranstaltung. Die Autos mußten sich mühsam durch den Schlamm pflügen.
"Wenn es trocken ist, können sie schneller fahren, dann gibt es auch eher ein paar schöne Überschläge", erzählte Kiran.
Als das Auto von Teamchef Arras liegenblieb, stieg dieser aus, und Kiran hielt die Kamera auf ihn. Mit seinem Berarbeitungsprogramm machte er Arras schwarzweiß und legte einen Nebelring um ihn. Dazu blendete er einen Vers aus einer Schnulze ein:
"Sag' mal, weinst du, oder ist es der Regen ..."
In der Mitte des Parcours stehen jedesmal drei Fahrzeuge: ein Trecker, ein Rettungswagen und ein Feuerwehrauto. Der Trecker kommt am häufigsten zum Einsatz, denn er muß liegengebliebene oder verunfallte Autos von der Piste ziehen.
Im Schankraum des "Keller" hängt hinter der Theke an einem Schrankschlüssel ein pinkfarbener Plüsch-Königspudel. Er gehörte zu einem Kostüm, das stellte den Tod in pinkfarbenem Plüsch dar, der den Pudel statt einer Sense trug. Der Pudel heißt seitdem "Pudel des Todes". Maylin erzählte, daß Meryl den Pudel vor einiger Zeit im "Keller" entdeckte und ihn unbedingt haben wollte. Bibian wollte ihn ihr aber nicht geben:
"Der gehört dem 'Keller'."
Meryl verhandelte und erreichte, daß sie den Pudel für einige Tage mit nach Hause nehmen durfte. Kaum war das geklärt, bat Meryl ihren Vater:
"Papa, schnell ins Auto!"
- damit Bibian es sich nicht mehr anders überlegte.
Den Stammgästen des "Keller" fiel gleich auf, daß der Pudel fehlte. Meryl brachte ihn wie versprochen zurück.
Meryl wird am 23. Januar drei Jahre alt. Sie ist auf den Tag genau sechs Jahre später zur Welt gekommen als mein Patenkind Ida, die älteste Tochter meiner Cousine Lisa. Meryl geht seit einer Woche in den Kindergarten.
Als Meryl fünfzehn Monate alt war, wickelte Kiran sie auf dem Wickeltisch, und Maylin schaute herein und fragte, ob alles o.k. sei. Das Kind antwortete:
"Mama ab Küche."
Beide Eltern fragten sich, wo Meryl das herhaben könnte.
Im "Keller" unterhielten Highscore, ein Mädchen namens Mavis und ich uns über sogenannte "Soziale Netzwerke" im Internet. Sie gewinnen zunehmend an Bedeutung. Jetzt, im Jahr 2008, nehmen sie immer mehr Fahrt auf. Sie konkurrieren teilweise mit Foren und Portalen.
Mavis, die Punk-Look trägt, erzählte von einem feinen Kleid, das sie sich für eine Hochzeitsfeier ausgeliehen hat. In den Stöckelschuhen konnte sie kaum laufen.
In dem Park in der Altstadt von SHG. soll mal eine Hochzeitsgesellschaft Fotos gemacht haben. Die Atmosphäre wurde gestört durch einen Haufen Leute, die sich mit reichlich Alkohol am Brunnen vergnügten und auch im Brunnen badeten.
Ende Januar waren Constri und ich in Ht. und trafen Ted und Blanca. Wir machten Fotos mit Constris kleiner Digitalkamera. Ted will sich eine digitale Spiegelreflexkamera kaufen.
Gefilmt wurde dieses Mal an einem Aussichtsturm unweit von Teds Wohnung. Er steht auf einer Anhöhe im Wald, ein Naherholungsgebiet. Der Turm war verschlossen, hat aber einen großzügigen Unterstand mit Bank. Ted turnte unter dem Dach an einer Querstange. Hinter dem Turm ist ein Abgrund. Ted und Blanca wagten es, an einer halsbrecherischen Stelle vorbei hinter den Turm zu gehen, wo man durch zwei Fensteröffnungen in den Unterstand hineinschauen konnte. Constri filmte von der anderen, "sicheren" Seite, wie Ted abwechselnd durch die Fensteröffnungen schaute und immer wieder so tat, als würde er abstürzen. In dem Unterstand taten wir so, als handele es sich um einen Wartesaal oder ein Wartehäuschen. Dann stellten Constri, Blanca und ich uns auf die Bank, und Ted trug eine nach der anderen weg. Diese Albereien wurden gefilmt. Constri filmte auch Ted, der auf großen Felsbrocken herumstieg, dicht am Abgrund.
Auf dem Weg zurück zum Parkplatz kam uns im letzten Licht des Tages ein Rudel Jugendlicher entgegen, die trugen einen lärmenden "Ghettoblaster" und viel Alkohol. Sie wollten anscheinend in dem Unterstand des Turms ein Gelage abhalten.
Unser Weg führte an einem Luxusrestaurant vorbei. Constri und Blanca unterhielten sich gerade über das Ende ihrer Beziehungen, als rechts von uns hinter großen Glasscheiben Fotokameras aufblitzten und Videokameras in die Höhe gehalten wurden. Menschen in feinen Kleidern huldigtem einem Brautpaar, das unter einem Bogen aus Rosen auf einer Treppe stand, während der Hochzeitsmarsch aus der Anlage dröhnte. Die Braut - blondiert, mit gewelltem Stufenschnitt - trug ein Spaghettiträger-Kleid in Offwhite. Der Bräutigam trug Anzug und Kravatte.
"Ob die bis zur Scheidung die Kosten der Hochzeit abgezahlt haben?" fragte ich mich. "Na ja, Heiraten an sich kann auch Spaß machen, selbst wenn die Ehe nicht hält."
Wir aßen in der Altstadt von Ht. in dem Bistro "Only" zu Abend, weil es das Diner im ehemaligen Bahnhofsgebäude von Ht. nicht mehr gibt. Wenigstens ist auch das "Only" sehr gemütlich und nett, das entschädigte uns etwas. Das "Only" befindet sich in einem verwinkelten Altbau. Es geht über zwei Etagen, hat niedrige Decken und kleine Nischen. Es ist mit urigen Holzmöbeln eingerichtet, ähnlich wie das Diner.
Spätabends tranken wir Kaffeespezialitäten in Blancas neuer Wohnung. Sie hat es in kurzer Zeit geschafft, sich ein neues Zuhause einzurichten, in dem sie und ihre Katze Ruby sich auch zu Hause fühlen. Blanca hat nicht nur die Katze mitgenommen, sondern noch einiges andere aus der Wohnung, die sie mit Andres bewohnt hat - alles, was sie mag und brauchen kann. Blanca ist mit Andres im selben Sportverein, sie begegnen sich zwangsweise. Blanca redet aber nicht mehr mit Andres.
Ted erinnerte sich an die Zeit mit Cyan. 1991 habe seine Liaison mit Cyan begonnen. 1993 habe Blanca mit Cyan im Saunaraum neben dem Partykeller geknutscht. 2000 habe Cyan hinter der Theke im Partykeller zu Ted gesagt:
"Wetten, daß ich mich traue, dich zu küssen?"
Er tauschte mit Ted einen Zungenkuss aus, der aber wohl von den Partygästen als Gag interpretiert wurde.
Einmal habe Cyan zwischen Ted und Cyans Frau Catherine im Ehebett gelegen - mit einer Hand bei Ted und einer bei Catherine. Catherine habe wohl nicht mitbekommen, wo Cyan seine andere Hand hatte.
Cyan sei nicht nur rasend eifersüchtig auf Marvin gewesen - in den Ted seit Langem verliebt ist -, sondern auch auf mich, und zwar, weil ich für Ted eine weitere Anlaufstelle in H. darstellte und Cyan nicht mehr der Einzige war, der regelmäßig von Ted in H. besucht wurde.
Die Stahlhütte in Ht. ist so gut wie fort. Nach und nach werden die Industrieruinen im Ruhrgebiet abgerissen, so daß kaum noch einer dieser "Lost Places" übrig ist.
Dagda mailte, daß Irvin und sie in der Ruine der Stahlhütte in Ht. auch fotografiert haben. Sie erzählte von ihrem Bruder, der sich - wie ich - in der Facharztweiterbildung befindet. Er arbeitet in F. Über den Zerspanungsmechaniker und Industrial-Musiker Stainless berichtete Dagda, seine Verlobte habe einen schweren Schub ihrer Multiplen Sklerose erlitten. Sie sei nun erheblich gehbehindert und wünsche keine geselligen Kontakte mehr, obwohl sie durchaus noch dazu in der Lage sei, etwa mit Gehhilfe oder Rollstuhl. Anstatt sie zu ermuntern, die Gesellschaft anderer Menschen zu suchen und an kulturellen Ereignissen teilzunehmen, ziehe Stainless sich gemeinsam mit ihr zurück und lebe weitgehend isoliert. Dagda mailte:

Ich würde es begrüßen, wenn sie sich trotz Rollstuhl wieder nach draußen wagen würde. Es gab einen Leidensgenossen, der auf Parties ganz selbstverständlich mit Rollstuhl immer dabei war. Ich hatte nicht den Eindruck, daß irgendjemand ein Problem damit hatte, und das ist auch gut so, finde ich. Aber man kann niemanden zwingen, über seinen Schatten zu springen. Das ist ein individueller innerer Kampf, und gut reden haben wohl alle, die nicht in derselben Haut stecken.

Ich mailte:

Vielleicht war Stainless deshalb auch nicht beim "Maschinenraum"-Festival. Daß seine Verlobte im Rollstuhl sitzt, muß ja wirklich nicht heißen, daß die beiden zwangsweise nur noch zu Hause sind und nicht mehr unter Menschen gehen.

Dagda will Stainless und seine Verlobte in AS. besuchen.
Saara hat am Telefon erzählt, daß sie ihren jetzigen Lebensgefährten Tamino durch ihre Arbeit kennt. Ihr bisheriger Partner Justin sei ziemlich besitzergreifend gewesen. Tamino sei ganz anders. Mit Tamino habe sie so viele gemeinsame Interessen wie mit keinem ihrer bisherigen Partner. Tamino sei auch sportbegeistert, so wie sie selbst. Zusammengekommen seien sie auf einer Autobahnraststätte während einer gemeinsamen Dienstreise. Sie seien beide immer näher aneinander herangerückt. Er habe sie zum Trinken ermuntert, worauf sie erwidert habe, dann müsse sie bei ihm übernachten.
Tamino stammt aus der Gegend um HI. Tamino und Saara überlegen schon, welche Möglichkeiten es gibt, gemeinsam im Raum H. zu leben.
Claire - die ich aus dem "Zone" kenne und die lange Zeit mit Cal aus OS. zusammen war - berichtete am Telefon, daß sie Ende Januar versucht hat, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Sie hat sie aber nicht getroffen. Also hat sie sich in der Unfallchirurgie verarzten lassen. Claire leidet schon seit über zehn Jahren an Depressionen. Sie hat das Gefühl, keiner will sie, und sie selbst will sich auch nicht.
Zu ihre Selbstmordgedanken meinte ich, das habe wohl mit Verlassenheitsgefühlen zu tun, die auf ihre Kindheit zurückgehen. Claire entgegnete, sie sei es doch, die die Menschen von sich weghalte und vermittle, niemanden zu brauchen.
"Das ist vorgeschoben", deutete ich.
"Dir würde ich das sogar glauben", sagte Claire.
"Du sagst dir, wenn ich niemanden an mich heranlasse, kann ich auch nicht enttäuscht werden."
"Das ist typisch Claire."
"Der Mensch ist ein Herdentier", betonte ich. "Glücklich ist man nur in der Gemeinschaft."
Claire möchte eine Psychotherapie machen, doch es gibt eine Wartezeit von einem halben Jahr. Ich empfahl ihr eine stationäre Behandlung in einer Klinik der Regelversorgung, wie Rikka sie vor zweieinhalb Jahren in Kingston absolviert hat. Dort gibt es deutlich kürzere Wartezeiten.
Wie jedes Jahr gab es bei mir am 30. Januar eine Reinfeier in meinen Geburtstag. Wenn der 30. Januar nicht auf einen Samstag fällt - und zugleich die große Party stattfindet -, handelt es sich bei der Reinfeier um ein Kaffeetrinken im kleinsten Kreis, das allerdings deutlich vor Mitternacht stattfindet. Meistens müssen wir am nächsten Morgen früh aufstehen und wollen es nicht zu spät werden lassen. Dieses Mal waren Carl und Constri bei mir. Sie richteten für mich den traditionellen Geburtstagstisch mit Blumenstrauß, Kerze, Torte, einer aus Süßigkeiten gelegten Zahl, einer Tischdekoration aus Süßigkeiten und Geschenken.
Elaine mailte mir ein virtuelles Geburtstagsständchen.
Unter den Geburtstags-E-Mails war auch eine von Jutta. Sie war vor fünfzehn Jahren die Lebensgefährtin meines Vaters. Auch nach dem Ende dieser Beziehung haben Constri und ich uns mehrfach und gerne mit Jutta getroffen. Ein neues Treffen planen wir für das Frühjahr. Ich erzählte von meinen Katzen Bastet und Domino, die nach dem Tod meines Katers Bisat bei mir eingezogen sind. Jutta erzählte von ihrem Kater.
Vor einiger Zeit ist Jutta vom Bauchtanz zu Flamenco gewechselt und betreibt dieses Tanz-Hobby mit ebensolcher Leidenschaft wie vorher den Bauchtanz. Jutta erzählte, daß sie Ende April in der "Neuen Sachlichkeit" im Rahmen einer Flamenco-Show auf der Bühne tanzen wird. Constri und ich wollen unbedingt dabei sein. Wir verabredeten, daß wir die Show filmen.
Für den diesjährigen Kindergarten-Fasching verkleidete meine Nichte Denise sich als "Hexenbaby" - mit rosa Pullover und Leggins, lila Flügeln, einem Haarreif mit rosa Sternchen-Antennen und einem Zauberstab. Auf die Flügel, die lila Filzschuhe und den Zauberstab hatte Constri gelbe Sterne geklebt.
Am ersten Samstag im Februar fand meine Geburtstagsparty statt. Reesli kam als "Geschenk", mit einer Schleife um einen Finger, die ich aufziehen sollte. Er wünschte sich zum Geburtstag, daß ich auch als "Geschenk" erscheine.
Morris schenkte mir eine Kohlezeichnung, die mich beim Tanzen darstellt. Das Bild war schon gerahmt, und ich hängte es neben den Degas, den Onno mir vor einigen Jahren geschenkt hat.
Janice - die Ehefrau von Talis - erzählte, daß Virginia inzwischen ihr zweites Kind erwartet. Vor neun Jahren hat Derek Constri mit Virginia betrogen. Virginia heiratete einige Jahre später Pascal und zog mit ihm aufs Land.
Terry erzählte, daß Claras Studium voraussichtlich im Sommer dieses Jahres endlich abgeschlossen sein wird. Clara war beim ersten Versuch im Studium der Sonderpädagogik gescheitert, hatte jedoch den Mut zu einem zweiten Anlauf. Seit Clara verheiratet ist, will sie von ihren bisherigen Freunden und Bekannten nichts mehr wissen, nur zu Terry und Ray hat sie noch Kontakt.
Donar und Sasso aus HH. waren dieses Jahr auch auf meiner Party. Sie redeten viel über Politik und Ideologien, wobei Hendrik feststellte, daß sie vor allem im Hinblick auf die ehemalige DDR lediglich ein Halbwissen besitzen. Hendrik ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen.
Donar bemerkte, auf meiner Party seien ganz schön viele Männer - ob das alles verflossene Verehrer seien? Ich erklärte, daß mein Bekanntenkreis zur Hälfte aus Männern und zur Hälfte aus Frauen besteht. Soweit ich es mitbekommen habe, gibt es in dem Bekanntenkreis von Donar und Sasso fast nur Männer.
Hendrik ging gegen Morgen mit Berit weg. Als er am Nachmittag zum Kaffee vorbeikam, berichtete er, Berit habe sich über sich selbst geärgert, weil sie etwas zu tief ins Glas geschaut habe. Er habe deshalb besondere Rücksicht walten lassen und darauf verzichtet, Berit näherzukommen.
Am 03. Februar feierte Denise ihren fünften Geburtstag, erst einmal als Familienfeier. Der Kindergeburtstag soll später stattfinden. Denises Vater Derek erschien, Dereks Halbschwester Delia - eine von Denises Patentanten - erschien mit ihrer Familie, auch meine Eltern waren da. Dereks schwer an Asthma leidende Mutter Eda liegt im Krankenhaus. Sie soll noch immer überzeugt sein, daß ihr Zigarettenkonsum nichts mit dem Asthma zu tun hat.
Am Montag habe ich Folgendes geträumt:

In einem kilometerlangen Bürogebäude, verglast und etwa zehn Stockwerke hoch, waren Menschen, deren Leben sich vorwiegend dort abspielte. Ich gehörte auch zu ihnen. Es gab ein Monster, das sah aus wie ein flackernder Lichtkranz. Es zeigte sich manchmal und schwebte über den Köpfen. Ab und zu explodierte es, und derjenige, über dem es sich gerade befand, wurde zerrissen. So ein Drama beobachtete ich aus größerer Entfernung. Das Opfer war ein junger Mann.
Die meisten Leute in dem Gebäude waren noch jung und hatten Pläne. Einer war ein Muttersöhnchen, das in dem Bürogebäude versuchte, ein erwachseneres Leben zu führen. Unvermittelt kündigte er an, er werde sich jetzt erschießen. Stattdessen aber kehrte er zu seiner Mutter zurück.
In dem Bürogebäude spielten sich alle wesentlichen Lebensereignisse ab, auch Hochzeiten. Meine Hochzeit stand kurz bevor, als das Monster wiederkam. Ich dachte, ihm entfliehen zu können, es verfolgte mich jedoch beharrlich und war schneller, als ein Mensch laufen kann. Als es über mir schwebte, erwartete ich, daß es explodieren würde, aber nichts geschah. Es schwebte da nur und rührte sich nicht von der Stelle. Da wurde mir klar, worum es dem Monster ging: Es wollte in den letzten Minuten vor meiner Hochzeit im Mittelpunkt stehen und alle Aufmerksamkeit an sich reißen.
Leider war der Traum hier zu Ende, und ich erfuhr nicht, wie es weiterging.

Rikkas ehemaliger Partner Fermin hatte nicht auf meiner Party dabei sein können, weil er an der Grippe litt. Als es ihm besser ging, kam er zu Besuch und brachte mir mein Geburtstagsgeschenk. Es war ein schwarzes Quietscheentchen mit einem Glitzerstein auf der Brust. Das fand ich hinreißend, und es bekam einen Ehrenplatz auf der Badezimmerablage, den es dauerhaft behielt. Später bekam das Entchen eine pinkfarbene "Rosen-Ente" zur Gesellschaft, deren Kopf wie eine Rose geformt ist.
Es gab Hefeschnecken. Beim Backen erklärte ich Fermin, wie sie gemacht werden. Fermin erzählte von seiner Arbeit als kaufmännischer Angestellter bei den Stadtwerken. Die Preiserhöhungen der Stadtwerke betrachtet er mit weniger Skepsis als die der "Energieriesen", denn das Geld, das unsere Stadtwerke einnehmen, kommt nicht einem privaten Unternehmen, sondern der Stadt und damit auch den Bürgern zugute.
Am Samstag war ich auf Reeslis Geburtstagsfeier. Ich hatte mir eine Schleife umgehängt und mich damit als Geschenk verkleidet, ganz so, wie Reesli es sich gewünscht hatte. Bei Reesli waren sein Nachbar und ein Kumpel in seinem Alter, außerdem vier sehr junge Leute, im Alter zwischen neunzehn und Anfang zwanzig. Sie kennen Reesli von der Gothic-Area im "Radiostern", wo Reesli auflegt. Es waren Tari mit ihrem Freund Norian und Merlia mit ihrem Freund Marikus. Tari ist Abiturientin und jobbt neben der Schule. Sie ist so ähnlich gestylt wie Darienne - die Augen geschminkt im Manga-Stil, schwarz gefärbte Haare -, von Wesen scheint sie aber eher das Gegenteil zu sein.
Reesli spielte MP3's aus verschiedenen Epochen, auch die Ballade "Ich sah den Tod lächeln" von der Band Goethes Erben war dabei. Tari und Merlia meinten, daß Goethes Erben vor allem von dicken Mädchen gehört werden. Marikus vermutete, vielleicht habe das damit zu tun, daß dicke Mädchen ihren Körper nicht einsetzen können, um Männer zu verführen, und daß sie stattdessen versuchen, intellektuell anspruchsvoll zu wirken.
Die jungen Leute konnten uns Älteren erklären, was ein "Emo" ist. "Emos" gibt es praktisch nur in der Altersgruppe zwischen fünfzehn und zweiundzwanzig Jahren. Der "Emo"-Stil leitet sich zum Teil vom Styling des Sängers von Tokio Hotel ab und von deren Musik, wobei Tokio Hotel vom Styling und von der Musik her Epigonen der J-Rock-Band Mois dix Mois sind. Weitere Elemente des "Emo"-Stils sind Manga-Stil, Neo-Punk und Gothic Rock, wobei die "Emos" sich gegen die "eigentlichen" Gothics abzugrenzen pflegen. "Emo" ist die Abkürzung von "Emotional Punk". Den männlichen "Emo" erkennt man unter anderem an einem Pony, der schräg geschnitten ist und weit über die Augen hängt. Die Augen sind mit viel Schwarz geschminkt, was durchaus dilettantisch aussehen darf, Hauptsache, es wird genügend schwarze Farbe verwendet. Die Kleidung ist schwarz, an den Füßen trägt der "Emo" jedoch weiße Stoffturnschuhe. Die Hosen sind sehr eng. Geschmückt wird mit Punk-Elementen - Badges, Sicherheitsnadeln und Ketten. Bei Männchen und Weibchen sind Lippen-Piercings und Ohr-Tunnel angesagt. Der weibliche "Emo" trägt gern Schleifchen im Haar und Manga-Zöpfe. Zum Minirock trägt das Weibchen gern zerrissene Strumpfhosen. Beide Geschlechter tragen fingerfreie Handschuhe. Schwer angesagt sind selbst beigebrachte Schnittwunden an den Handgelenken, die stolz präsentiert werden. Eine depressive Stimmungslage ist Pflicht.
Das "Emo"-Klischee bildet freilich nur sehr begrenzt die Wirklichkeit ab, wie alle Klischees. Witze gibt es dennoch darüber. Tari kennt einige, darunter:
"Welche Süßigkeit mag der Emo am liebsten? - Wein-Gummi!"
Ein junger Mann mit "Emo"-Outfit soll bei der Bundeswehr ausgemustert worden sein, weil er sich die Brille über den tief herunterhängenden Pony zog und deshalb den Sehtest nicht bestand.
Ein Thema auf Reeslis Party war auch, was bei Ebay schon alles versteigert worden sein soll. Irgendwer soll einen "Geistesblitz" versteigert haben. Das war ein Holzknüppel, mit dem man sich gegen den Kopf hauen sollte, um den Geistesblitz zu bekommen.
Am Sonntag trafen Ivco, dessen Frau Carole, deren Kinder Dina und Lucian, außerdem Constri, Denise und ich uns bei Constri. Es gab Zitronenrollen, Streuselkuchen und Butterkuchen. Auf dem Tisch standen Osterglocken. Die Sonne schien frühlingshaft hell. Ein richtiger Winter findet auch dieses Jahr nicht statt, die Nächte können aber frostig sein.
Dina, die Älteste von Ivco und Carole, ist im November fünf Jahre alt geworden. Ihr Bruder Lucian ist zweieinhalb Jahre alt.
Dina war angeschlagen von einer Magen-Darm-Grippe, die sich aber schon wieder besserte. Lucian und Denise spielten mit dem Playmobil-Bus, den Denise von ihrem Vater bekommen hat. Das Dach ist abnehmbar, und man kann viele Playmobil-Figuren hineinsetzen. Dina hatte eine Barbie-Braut mitgebracht und führte vor, daß durch Druck auf die Taille die Krone der Braut blau aufleuchtet.
Ivco erzählte, daß er mit seiner Familie eigentlich in wenigen Tagen in den Winterurlaub fahren wollte. Doch er sei mit einem Projekt befaßt, von dem der Kunde erwarte, daß er es zeitnah fertigstelle. Der Kunde toleriere nicht, daß Ivco sich während des Projekts in den Urlaub begebe. Wann ein Projekt anstehe, sei nie vorhersagbar. Daraus ergebe sich, daß auch ein lang geplanter und gebuchter Urlaub niemals sicher sei. Carole erzählte, daß sie ihren Urlaub lange vorher anmelden muß und ihn nicht nachträglich umschieben kann. Deshalb wird es in diesem Jahr nichts mehr mit einer Urlaubsreise.
Ivco hatte seiner Frau vorgeschlagen, daß sie mit seiner Mutter und den Kindern reisen könne, ohne ihn. Carole will jedoch nicht mit ihrer Schwiegermutter in den Urlaub fahren, ohne daß Ivco dabei ist. Das sei für sie kein Urlaub. Wenn Ivco dabei sei, könne sie sich mit ihm absetzen, während Ivcos Mutter sich um die Kinder kümmere. Ohne Ivco habe sie jedoch diese Möglichkeit nicht. Ivcos Mutter soll ein anstrengendes Wesen haben. Sie soll Aufregung und Unruhe verbreiten. Caroles Eltern seien hingegen entspannte, fröhliche Naturen.
Ivco und Carole sind beide in der Versicherungsbranche tätig. Carole arbeitet bei einem Kostenträger und bearbeitet Verlängerungsanträge für stationäre Behandlungen.
Ivco erzählte von einem Uniformschneider, den er durch die Mitgliedschaft in einem Verein kennengelernt hat. Der Verein pflegt militärische Traditionen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Der Schneider restauriert historische Uniformen und hat eine bedeutsame Sammlung.
In Ivcos Familie ist es unhinterfragte Tradition, daß man "dient". Ivco war bei der Bundeswehr erst in der Schreibstube und dann im Sanitätsdienst im Einsatz, als Zahnarzthelfer. Dabei kann er kein Blut sehen. Er neigt zu Schweißausbrüchen und zum Kreislaufkollaps, wenn ihm Blut abgenommen wird oder er Spritzen bekommt, wie das im Spätherbst der Fall war, als er an Rückenbeschwerden litt. Er hatte einen Bandscheibenvorfall, kam um eine Operation aber noch herum.
Bei der Geburt seiner Kinder war Ivco dabei, achtete aber darauf, nicht zu viel von der Geburt mitzubekommen. Er erinnerte sich, wie die Gynäkologin ihn mehrfach aufforderte, sich hinzusetzen, und in immer strengerem Ton, bis er endlich folgte. Ihm sei gar nicht übel gewesen, aber die Ärztin habe wohl einen anderen Eindruck gehabt.
Carole erzählte von einem Spielplatz in der Nähe von SHG., der eigentlich keiner ist, sondern aus drei Bäumen besteht, in deren Wurzelwerk die Kinder spielen.
Als Constri und ich von unseren Lost-Place-Fotoausflügen berichteten, erzählte Ivco von abbruchreifen Häusern in SHG. und Umgebung. Eines gebe es zur Zeit, das wohl bald abgerissen werde, das könne man aber nur nachts erkunden, denn von der Straße aus könne man sehen, wer darin herumlaufe. Rafa habe bestimmt alle abbruchreifen Häuser in SHG. und Umgebung schon erkundet, das mache er nämlich gern. Rafa habe eine ebensolche Schwäche für Ruinen wie Constri und ich. Einmal sei Ivco frühmorgens um halb fünf auf dem Weg zum Bahnhof an einem Abbruchhaus vorbeigekommen, da habe Rafa aus einem der Fenster gewunken und gerufen:
"Ivco! He!"
Im strahlenden Sonnenschein machten wir einen Spaziergang im Stadtwald. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einem Kindergarten vorbei, wo gerade ein Kinderbasar stattfand. Carole hatte die Idee, hineinzugehen. Carole und ich schauten uns die Kleider und Spielsachen an, während Denise, Dina, Lucian und Ivco draußen auf dem Spielplatz waren. Constri war nicht mitgekommen, weil unser Vater ihr ein Brett einbaute, das noch im Laminat fehlte. Im Kindergarten aßen wir Waffeln. Dina ging es inzwischen wieder so gut, daß sie ihre Waffel ganz aufessen konnte. Kurz bevor wir im Wald ankamen, erreichte Constri uns; sie war uns hinterhergejoggt. Ivco gefielen die Jugendstilhäuser in der Nähe des Waldes, die aus einer Zeit stammen, als sich hier ein ruhiges Villenviertel befand. Heutzutage herrscht innerhalb der Woche Durchgangsverkehr.
Im Wald wurde Dina meistens in der Karre gefahren, damit sie sich nicht überanstrengte. Denise tobte mit Lucian zwischen den Bäumen herum. Sie paßte auf, daß er nicht weglief, und hob ihn auf, wenn er hinfiel.
Lucian kommt bald in den Kindergarten. Dina wird dieses Jahr schon eingeschult, weil sie sich im Kindergarten zu langweilen beginnt. Denise wird nächstes Jahr eingeschult, mit sechseinhalb Jahren. Sie ist noch nicht so weit, daß sie in der Schule stillsitzen kann.
An dem Waldgasthof "Räuberhöhle" stand auf einem Schild, daß es heute Ente gab, und wenn nicht innerhalb von fünfzehn Minuten serviert wurde, bekam man das Gericht kostenlos. Ich beschloß, Constri heute abend in der "Räuberhöhle" freizuhalten. Ich ging davon aus, bezahlen zu müssen, doch ein schnelles Abendessen in der "Räuberhöhle" war ein lockender Gedanke, zumal ich schon lange nicht mehr dort war.
Auf dem Weg zurück zu Constri lief Denise immer wieder vor die Karre und spielte "Straßensperre". In der Karre saß jetzt Lucian, und er wollte, daß Denise auf seinem Schoß Platz nahm. Das hätte die Karre aber nicht ausgehalten. Constri schlug vor, daß Lucian Denise eine "Durchfahrt-Karte" gab, damit sie die Karre vorbeiließ. Damit war Denise zufrieden.
Bei Constri tranken wir Tee und aßen noch etwas von dem Kuchen. Lucian spielte mit dem Playmobil-Bus. Denise legte sich auf die Sofalehne, Dina legte sich auf das Sofa, und beide befaßten sich mit den Barbiepuppen. Denise hatte von mir eine Königin mit Baby bekommen. Es ist eine "Steffi"-Puppe mit Barbie-Maßen. Die neuen Barbies gefallen mir nicht mehr. Die übergroßen Köpfe tragen fischähnliche Glubschaugen und entstellte, ins Längliche gezogene Gesichter. Da sind mir die "Steffi"-Puppen lieber, die überdies auch noch preiswerter sind.
Carole und Constri finden die älteren Barbie-Modelle auch schöner als die neuen mit den aufgeblähten Köpfen.
Abends waren Constri und ich in der "Räuberhöhle". Vor allem die Lage im Wald macht sie zu einem romantischen Ort. Saara und ich waren dort auch schon und aßen Apfelstrudel. Constri und ich bekamen unsere Ente in weniger als einer Viertelstunde und fanden das Essen sehr lecker.
Das Ausflugslokal "Räuberhöhle" hat längst Kultstatus. Es steht dort, wo im 17. Jahrhundert ein Raubmörder sein Unwesen trieb. Der Raubmörder lauerte seinen Opfern im Wald auf. Er wurde 1607 im selben Stadtteil geboren, damals ein Bauerndorf. In seinem Geburtshaus hatte die Band Remain in Silence 1986 ihren Probenraum. Constri und ich waren öfter während der Proben zu Besuch. Heute befindet sich in dem Geburtshaus des Raubmörders ein Weinlokal, und in dem Haus gegenüber - ebenfalls ein historisches Fachwerkhaus - befindet sich unser liebstes griechisches Restaurant, das "Labyrinth".
Nach dem Entenessen mit Constri war ich im "Radiostern". Tanzflächen-Highlight war "Sex, Drogen und Industrial" von Combichrist. Fermin war - wie ich - meistens in der Area, wo vorwiegend elektronisch-rhythmische Musik gespielt wird. Fermin tanzt allerdings so gut wie nie. Er trinkt lieber Kaffee und guckt den Leuten zu.
Am Montagabend besuchte ich Lillien und ihre Tochter Ada, die kurz vor ihrem zehnten Geburtstag steht. Ada sieht ihrer Mutter ähnlich: ein zierliches dunkelhaariges Mädchen, lebhaft, fröhlich.
Lillien und Ada sind vor einiger Zeit in das Haus von Emile gezogen, Lilliens Lebensgefährte. Das Haus steht in einer abgelegenen Kleinstadt zwischen HI. und HM., immerhin in der Nähe einer Bundesstraße. Mit Emile und seinen Kindern bilden Lillien und Ada eine Patchwork-Familie. Lillien und Emile haben nicht vor, zu heiraten. Emile hat eine Ehe hinter sich, die im Rosenkrieg endete.
Lillien erzählte, daß Ada die Gymnasialempfehlung hat, daß jedoch das einzige Gymnasium in der Kleinstadt eine Privatschule ist. Lillien will Ada den Besuch dieser Schule ermöglichen. Ada müßte sonst weite Pendelstrecken in Kauf nehmen.
Lillien will mit ihrem Vater und ihrer Tochter bald nach Indonesien reisen, um die dortige Verwandtschaft zu besuchen. Lilliens Vater ist alt und gebrechlich und wird nicht mehr lange solche Reisen machen können.
Ada verbringt jedes zweite Wochenende an der Nordseeküste bei ihrem Vater Jaron, dem ehemaligen Lebensgefährten von Lillien. Jaron und Lillien haben sich vor neun Jahren in Freundschaft getrennt und verstehen sich auch heute noch. Ebenso hat Lillien zu Jarons Eltern ein gutes Verhältnis. Lilliens Eltern haben sich schon vor Jahrzehnten getrennt. Lillien wuchs bei ihrem Vater auf. Über ihre Mutter redet sie selten. Sie hat eher ein distanziertes Verhältnis zu ihr.
Lillien arbeitet seit vielen Jahren im Krankenhaus in La., derzeit als Nachtschwester in der Unfallchirurgie. Sie arbeitet jedes zweite Wochenende, während Ada bei ihrem Vater ist. Lillien hat eine halbe Stelle, aber die günstige Steuerklasse 2, weil sie unverheiratet ist und ein Kind auf der Steuerkarte hat.
Als Nachtschwester bekommt Lillien die Konflikte und Skandale im Krankenhaus nur aus Erzählungen mit. Obwohl immer mehr Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt wird und sie die Anforderungen kaum noch bewältigen, wird behauptet, man müsse weiter Personal abbauen. Unter anderem baut man es ab, indem Leute angeschwärzt werden wegen unbewiesener Behauptungen. Das ist ein alter Trick, der immer wieder gerne angewendet wird, auch wenn er zu hohen Abfindungen für die betroffenen Mitarbeiter führen kann und die Arbeitgeber, die sich dieses Tricks bedienen, öfter mal einen Prozeß vor dem Arbeitsgericht verlieren. Je höher die kriminelle Energie der Arbeitgeber ist, desto risikofreudiger sind sie meistens auch. Zudem führen Intrigen nur im Ausnahmefall zu strafrechtlichen Konsequenzen.
Lillien ist froh, im Nachtdienst nicht so sehr in der Schußlinie zu stehen.
Weil Lillien am Wochenende entweder Nachtdienst hat oder Ada bei sich hat - und dann das Wochenende mit Ada verbringen will -, gibt es für sie kaum noch Gelegenheiten, Parties und Veranstaltungen zu besuchen. Sie hat sich weitgehend vom geselligen und kulturellen Leben abgekoppelt. Was das mit ihr macht und ob sie etwas vermißt, bleibt im Dunkeln. Lillien betonte jedenfalls, glücklich zu sein.
Lillien erkundigte sich nach Kappa, der vor etwa vierzehn Jahren mit ihr angebändelt hat. Kappa war damals mit Genna zusammen und wollte sie mit Lillien betrügen. Es kam jedoch nicht dazu. Kappa beichtete Lillien eben noch rechtzeitig, daß er liiert war.
Ich erzählte von Kappas Ehe mit Edaín, die auf der Kippe zu stehen scheint.
Lillien war entsetzt, als ich erzählte, wie Rafa seine Freundinnen mißhandelt haben soll. Sie meinte, sie hätte das von ihm nicht gedacht.
Am Dienstagabend war ich bei Constri und Denise zum Essen. Denise will immer Geschichten aus der Kindheit von Constri und mir hören. Besonders interessant findet sie unsere Streiche. Constri will ihr davon nicht zu viele erzählen, um Denise kein schlechtes Vorbild zu sein.
Am Donnerstagabend war ich bei Minette und ihrem Lebensgefährten Malvin. Minette ist zu Malvin gezogen, in eine Dachwohnung in einem Dorf in der Nähe von SHG. Keine Rede ist mehr vom Leben in einer Metropole wie B.
Minette verkauft einen Berg Kleider, die sie bei Ebay ersteigert hat und die ihr nicht passen. Ich fand viele Sachen, die mir gefallen und die ich tragen kann, darunter ein Korsett mit schwarz-violettem Schnörkelmuster.
An einem Schrank klebte ein fotokopierter Zettel mit Anweisungen für die blau angemalten Menschen, die bei Rafas Auftritt beim Sommerfestival 2004 in HI. als "Schaufensterpuppen" auf der Bühne standen. Malvin war unter ihnen und meinte, es habe ihm gefallen. Dafür, daß er eine Dreiviertelstunde auf der Bühne gewesen sei, habe er freien Eintritt, kostenlose Getränke und Zugang zum Backstage erhalten, das sei schon ein guter Deal gewesen.
Minette und Malvin wollten heute nicht in den "Keller", auch nicht, als ich ihnen erzählte, daß Tyra heute dort sein würde. Sie ließen Tyra lieb grüßen und baten, sie möge sich mit ihnen in Verbindung setzen, denn man erreiche sie schlecht, und sie wollten sich schon lange mal wieder mit ihr treffen. Daß man Tyra schlecht erreicht, konnte ich nur bestätigen.
Tyra hatte mir heute endlich eine SMS geschrieben, in der sie mitteilte, daß sie in den "Keller" kommen werde. Sie setzte hinzu, sie habe mit Rafa "JEGLICHEN KONTAKT FÜR IMMER ABGEBROCHEN!". Gegen Abend rief sie mich an und berichtete, daß sie Rafa am vergangenen Donnerstag in SHG. getroffen hat.
"Heute bin ich reich", sagte er. "Ich lade dich zu einer Pizza ein."
Sie gingen zu ihm und aßen Pizza. Rafa meinte, es wäre es gut, wenn sie wieder zusammenkommen würden; er würde sie mit Kußhand wieder nehmen. Er küßte sie ab, und sie war schon dabei, sich erneut auf ihn einzulassen, als ihr Blick auf seinen Monitor fiel. Darauf war das Titelbild von Rafas neuer Vinyl-Edition zu sehen, mit den Köpfen von Darienne und Lucy, die mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms auf die Körper von Barbiepuppen montiert wurden.
"Ich bin aus Plastik" heißt das Machwerk.
"Was ist mit ihr eigentlich?" fragte Tyra und zeigte auf Darienne. "Hattet ihr euch nicht getrennt? Oder bist du jetzt wieder mit ihr zusammen?"
Rafa lächelte genüßlich und sagte:
"Also, seit wir nicht mehr zusammen sind, ist es wieder ... seltsam."
"Gut, dann lassen wir das", entgegnete Tyra. "Dann will ich dich auch nicht mehr sehen."
Sie ging.
Als ich Tyra erzählte, daß an Rafas Geburtstag offenbar keine Party stattgefunden hat, sagte sie beiläufig, Rafa habe in seinen Geburtstag hineingefeiert. Ich fragte, ob sie das vorher gewußt habe. Sie bejahte das.
"Das hätte ich auch gerne vorher gewußt", sagte ich.
Tyra schwieg dazu.
Vermutlich ließ Tyra sich von Rafa verbieten, mir das Datum seiner Geburtstagsfeier mitzuteilen. Trotz all ihrer Beteuerungen, nichts mehr mit Rafa zu tun haben zu wollen, scheint sie ihm nach wie vor ergeben zu sein - wenn nicht gar hörig. Dementsprechend inkonsequent war ihr weiteres Verhalten. Statt tatsächlich den Kontakt zu Rafa abzubrechen, schrieb sie bereits am Sonntag nach ihrem letzten Treffen mit Rafa im Internet-Café eine E-Mail an ihn. Zwar hatte sie ihm längst gesagt, daß sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, dennoch wiederholte sie dieses in der E-Mail:
"Ich will dich nie mehr wiedersehen."
Dieses widersprüchliche Verhalten gibt mir einen Hinweis darauf, daß Tyra es in Wahrheit nicht schafft, den Kontakt zu Rafa abzubrechen.
Ich sagte zu Tyra, ich sei mir sicher gewesen, daß Rafa sie im November im "Keller" so häufig umarmt hatte, weil er vorhatte, sie wieder ins Bett zu ziehen und als Geliebte zu verwenden.
"Und ich habe es nicht gemerkt", sagte Tyra nachdenklich.
Ich setzte hinzu, ich könne mir auch nicht vorstellen, daß Rafa in der Lage sei, einen rein freundschaftlichen Kontakt zu ihr zu pflegen.
"Rafa ist überhaupt nicht fähig, zu irgendwem einen freundschaftlichen Kontakt zu pflegen", betonte ich. "Er kann nur führen - vorführen, verführen, anführen, hinters Licht führen."
Im "Keller" traf ich Highscore, Lucerna, Kayley, Lemmy mit seinem Hund Diogenes und Tyra, die mir gleich vier Herren vorstellte: Janson - den Inhaber des Internet-Cafés, wo Tyra ihre E-Mails schreibt -, Nikki, Jendris und Petram, ein sehr junger Kerl, kaum zwanzig. Als ich Tyra zuwisperte, sie sei hier die Henne im Korb und könne getrost davon ausgehen, daß die Jungs um sie herum alle auf sie fliegen, wehrte sie ab: nein, das sei gewiß nicht der Fall.
"Natürlich!" wisperte ich, und sie kicherte verlegen. "Für sowas habe ich einen Blick."
"Aber Janson hat Frau und Kind", wandte Tyra ein.
"Ja, und?" entgegnete ich. "Das hat doch in diesem Fall nichts zu bedeuten."
Die Kerle grinsten freundlich, lachten und schauten Tyra unentwegt an. Sie verloren sich in schlüpfrigen Witzchen, ohne dabei allerdings den anwesenden Damen zu nahe zu treten.
Pat erschien mit seiner Freundin Veva. Während Pat in den hinteren Teil des Saales ging, begrüßte ich Veva und meinte, es freue mich, wenn ich mir Gesichter merken könne und jemanden wiedererkannte. Pat kam zu uns an den Tisch und begrüßte Tyra, mich aber nicht. Er erzählte, Rafa sei neuerdings recht zickig, und er warte darauf, daß Rafa nicht mehr so zickig sei.
"Ich kann mir denken, warum Rafa zickig ist", raunte Tyra mir zu. "Ich habe ihm doch am Sonntag in einer E-Mail geschrieben, daß ich ihn nie mehr wiedersehen will."
"Rafa kann schlecht verlieren", meinte ich.
Im Laufe des Abends setzte Jendris sich zu mir und bändelte mit mir an. Er fragte mich nach meinem Alter und meinte, ich würde echt aussehen wie unter dreißig. Und überhaupt finde er, ich sei sehr hübsch, echt schön. Er sei dreißig, er hasse seinen Vater und wolle nur mit seinem Bruder eines Tages die Häuser in der Türkei erben. Er habe zu seinem Vater schon lange so gut wie keinen Kontakt mehr.
Jendris wollte mit mir zusammen sein, am besten sofort. Als ich ihm erzählte, der beste Weg, mich kennenzulernen, sei meine Website, meinte Jendris, die Begegnung mit mir würde ihm schon ausreichen.
"Damit ist klar, daß er nur das Eine will", dachte ich.
Nikki, Janson und Jendris konnten nicht verarbeiten, daß ich für Rafa ernsthafte Gefühle habe. Sie hielten das für krankhaft und meine Gefühle ohnehin für nicht echt. Ich machte keinen Hehl daraus, daß ich Rafas Charakter indiskutabel finde und ihn für unfähig halte, eine Beziehung zu führen, die diese Bezeichnung verdient. Und ich betonte, daß Gefühle sich logischen Erklärungsversuchen entziehen und daß es mir durchaus recht wäre, mich in einen anderen Mann zu verlieben, was aber bislang nicht geschehen sei. Die Herren hatten eine festgefügte Meinung und wollten auch nicht wissen, was zu dem Thema auf meiner Website steht. Sie schienen sich nicht dafür zu interessieren, was wirklich zwischen Rafa und mir abläuft und abgelaufen ist. Sie schienen vor allem mit ihrem Neid auf Rafa beschäftigt zu sein, dem es so leicht fällt, Frauen zu verführen. Das schien der wahre Grund dafür zu sein, daß sie sich meinetwegen aufregten. Ich kenne das; viele Herren reagieren so, gerne auch in Gruppen. Ich sage dazu recht wenig, zumal mich die Herren ohnehin nicht ausreden lassen.
Jendris erzählte, wie er früher mit Rafa im "That's Life" Tischfußball gespielt hat. Rafa sei es immer nur darum gegangen, Konkurrenten auszustechen. Er habe immer betont, der Beste zu sein, und wenn er mal verloren habe, habe er erklärt, heute sei nicht sein Tag oder er sei heute nicht in Form. Die Kontakte hätten nur aus Kräftemessen bestanden. Seit das "That's Life" geschlossen habe, könne Jendris mit Rafa nicht mehr kickern. Hier im "Keller" liefen ihre Begegnungen nun so ab, daß Rafa ihm ein Bier ausgebe und er Rafa ein Bier ausgebe, und mehr könne er mit Rafa auch nicht anfangen.
Tyra ergänzte, daß das "That's Life" seit etwa einem Jahr geschlossen hat. Der Wirt habe an den wenigen Stammgästen nicht genug verdient. Er sei mittlerweile in einem Angestelltenverhältnis tätig.
Als Pat mit Veva heimging und Jendris sah, der den Arm um mich gelegt hatte und flirtete, was das Zeug hielt, mußte Pat eine Bemerkung vom Stapel lassen:
"Oh, Hetty, ausgerechnet Hetty!"
Ich nahm das mit mildem Lächeln zur Kenntnis und winkte Pat und Veva zu.
Jendris wurde von mir auf die nächste Party im "Keller" Anfang März vertröstet; vielleicht hat er sich bis dahin abgekühlt. Im Auto erzählte Tyra, Jendris sei immer so. Er flirte, was er könne.
In der Freitagnacht war ich im "Roundhouse". Bei Stücken wie "Terror against" von Punch Inc. und "Electronic Symmetry" von Geistform zieht mich der Gabba-ähnliche Rhythmus so mit sich, daß ich beim Tanzen das Gefühl habe, mich gar nicht zu bewegen. Der Rhythmus ordnet Raum und Bewegung anders. Der Rhythmus setzt die Null-Linie, ist damit statisch und macht auch die Bewegung dazu statisch. Daß man sich beim Tanzen überhaupt anstrengt, merkt man nur daran, daß man danach durchgeschwitzt ist.
Joujou konnte heute nicht hier sein, weil sie ihre kranke Tochter Jeanne versorgte. Heloise und Barnet waren aber da, auch Sylphide, Ary-Jana, Ninon, Yara und Max. Sylphide trägt immer wieder andere Perücken und ist immer wieder anderes gestylt, so daß ich sie von Mal zu Mal nicht wiedererkenne.
Ich erzählte Barnet, daß meinem Auto sein Tip neulich sehr geholfen hat, den Kraftstofffilter zu wechseln. Das altersschwache Auto fährt wieder auf Halbgas hundertsiebzig Stundenkilometer und noch ein bißchen mehr, obwohl es schon fast 560.000 Kilometer gefahren ist, immer noch mit dem ersten Motor.
Am Samstagabend waren Constri und ich bei einem Chorkonzert. Gesa ist Mitglied in dem Chor. Es gab geistliche und weltliche Musik aus verschiedenen Jahrhunderten zu hören. Besonders gefiel uns der Auftritt zweier junger Damen mit dem "Katzenduett" von Rossini und Pearsall. Die Mädchen hatten sich Haarreifen mit flauschigen Katzenöhrchen aufgesetzt, wie sie auch in der Cyber-Mode vorkommen. Eine der beiden trug ein Kleid, das von einer Underground-Firma stammen könnte: lang und aus schwarzem Samt, mit Tütenärmeln. Die andere trug einen ausgestellten schwarzen Minirock. Der Text des "Katzen-Duetts" besteht nur aus "Miau, miau, miau ...", wobei hier unter "Katzenmusik" wirklich Gesang zu verstehen war, auch wenn die Mädchen sich katzenhaft gebärdeten.
Das Mädchen im Minirock war, wie meine Mutter später berichtete, die Tochter von Elly. Bei Elly handelt es sich um eine Freundin meiner Mutter, die selbst auch Mitglied des Chores ist. Meine Mutter kann den Dirigenten nicht leiden, während Elly ihn toll findet. Meine Mutter findet, daß der Dirigent sich selber ein bißchen zu toll findet.
Am Sonntag waren Constri, Denise und ich in Mb. und machten Probeaufnahmen. Wir fotografierten in der Nachmittagssonne auf dem Gelände der ehemaligen Grenzanlagen, wobei Denise immer wieder fotografiert werden wollte und auch wurde. Auf dem Gelände gibt es Häuser, die sind so häßlich, daß ich sie schon wieder ästhetisch finde. Dazu gehört ein etwas abseits stehender Plattenbau, vom Wetter gezaust, ohne jede Verzierung oder Verblendung. In der Nähe des Zauns entdeckten wir das Gerippe einer Telefonzelle, das in einem Graben abgestellt worden war, und ähnlich bizarre Dinge, darunter ein ehemaliges Wachhäuschen auf Stelzen.
Am Ende eines Weges, der der Autobahnmeisterei vorbehalten ist, fanden wir ein Zauntor, das ließ sich öffnen. Dahinter führte ein gewundener Weg hinab zu Entwässerungsbecken für die Autobahn. Es gab einen Stahlsteg, der über die Becken führte, oberhalb eines kleinen Schleusendamms. Vom Stahlsteg aus führte ein Treppchen ins Wasser hinein, dessen Oberfläche gefroren war. Die Anlage war modern, nur wenige Jahre alt, und wirkte etwas fremdweltlich, etwas unwirklich. Denise holte Eisstücke aus einer Pfütze und wollte sie unbedingt mitnehmen. Constri gab ihr eine Tüte und erklärte, man könne das Eis wohl mitnehmen, es werde sich aber verwandeln, wenn man ins Warme komme. Denise wußte auch, in was es sich verwandelte:
"In Wasser."
In der Raststätte neben den Grenzanlagen aßen wir zu Abend. Bevor wir die Heimreise antraten, schauten Constri und Denise in die Tüte, und Denise fand die Voraussage bestätigt:
"Wasser."
Im Radio wird, ebenso wie in der Presse, fleißig über kriminelle Manager hergezogen. Das bringt Quote und Auflage, und als Nebeneffekt sägt es an den weltweit etablierten Strukturen, in denen einige wenige den Großteil des Kuchens unter sich aufteilen und den Rest allen anderen überlassen. Auf der Autobahn lauschte ich einem Sketch, in dem es hieß, überall werde über die Topmanager hergezogen:
"Alles Verbrecher!"
- und sei dies wirklich so? Verdienten sie wirklich kein Mitleid? Heute lasse man jedenfalls mal einen der Betroffenen zu Wort kommen.
In dem Sketch erzählte ein Topmanager, der nicht erkannt werden wollte, mit verzerrter Stimme, wie er in seine Gruppierung hineingerutscht sei und nicht mehr herauskomme.
"Einsam und sozial verwahrlost", beschrieb ein Reporter die Topmanager. "Die Ehefrau ist in einer Beauty-Farm, die Kinder sind im Internat, die Eltern in einem Pflegeheim am Starnberger See. Nur unter Gleichaltrigen, am lodernden Kaminfeuer, da können sie ganz sie selbst sein."
Man hörte die Topmanager laut lachen und gröhlen:
"Weiber! Wo sind die Weiber?"
Der Reporter setzte hinzu:
"Hier fragt niemand, wo die Markenanzüge herkommen und die dicken Wecker am Handgelenk."
Er meinte, die Managerkriminalität sei ein gesellschaftliches Problem und wohl nur noch durch Erziehungscamps in den Griff zu bekommen, wo man versuche, die Topmanager zu resozialisieren.
Am Samstag war ich bei Quinn, der ein Likör-Kränzchen gab. Renner des Tages war der fruchtig-cremige Kirsch-Sahne-Likör. Auf der Gästeliste hatte Quinn mich als "Ballerina-Hetty" vermerkt. Zu Gast waren auch Dayenne, Endera, Onno, Louis, Tilman und dessen Freundin. Neuigkeit des Tages war eine Discothek namens "Doomsday", die in den Räumen des ehemaligen "Maximum Volume" im Gebäude des "Mute" eröffnet werden soll, und zwar am kommenden Donnerstag. Jemand hat schon durch die Jalousien gespäht und ein rotschwarzes Interieur erblickt, das kultig aussehen soll.
Abends fuhr ich zu dem Hochbunker in Lnd., wo Clarice ihren 30. Geburtstag feierte. Gewöhnlich finden in dem Bunker in Lnd. BDSM-Parties statt, und so war überall entsprechendes Gerät zu sehen: Andreaskreuze, Ketten mit Handfesseln, Käfige und ein Brett, durch das der Kopf und die Hände hindurchgesteckt werden, wie im Mittelalter. Besonders romantisch finde ich das nicht, doch Clarice blüht in dieser Atmosphäre auf. Sie ist so schlank wie nie; heute trug sie eine Lackcorsage und einen langen schmalen Lackrock in Größe S. Das sei wirklich ungewohnt, meinte sie. Doch sie sei mit der Entdeckung von BDSM so glücklich, daß sie viel weniger esse als früher.
Nicht nur Clarices Partner Quincy, sondern auch drei ihrer "Verflossenen" waren heute anwesend: Angus, Leander und Damian. Zu allen hat Clarice ein freundschaftliches Verhältnis aufrechterhalten. Ihren Geschiedenen - Leander - umarmte sie stürmisch und innig. Er sah heute aber auch besonders schick aus. Er trug ein äußerst knappes, raffiniertes Dessous aus Lederimitat, das aussah wie auf die Haut gemalt.
Im Bunker traf ich unter anderem Arya, die inzwischen ausgelernte Fotografin ist und mit ihrer Spiegelreflex-Digitalkamera die Partygesellschaft fotografierte. Layana erzählte, sie habe noch immer überlange Arbeitszeiten. Doch im Gegensatz zu mir wird sie davon nicht krank. Entweder ist sie robuster als ich, oder die Arbeit selbst belastet sie weniger. Ich bin schon wieder erkältet.
Am Sonntag rief Ivco an und erkundigte sich, ob es stimmt, daß im ehemaligen "Maximum Volume" am Donnerstag eine neue Discothek ihre Pforten öffnet. Das konnte ich bestätigen. Das vor neun Jahren geschlossene "Elizium" hat eine große Lücke hinterlassen, und nun gibt es die Hoffnung, daß es mit dem "Doomsday" wieder eine Location mit einem Programm vor allem für die Elektro-Wave-Szene gibt.
Ivco sieht am Montagabend The Cure live. Sie treten in M. auf, wo Ivco arbeitet. Endlich kann Ivco in M. ein Event erleben, das nach seinem Geschmack ist.
Denise war am Sonntagabend damit beschäftigt, das Eßzimmer zu dekorieren, denn ihre Puppe "Baby Min" feiert morgen ihren vierten Geburtstag.



In der Nacht zum ersten Sonntag im März kam ich kurz nach ein Uhr in den "Keller". Maylins Mann Kiran, der kassierte, hatte schon mehr als 120 Gäste gezählt; das war nahe am erhofften Ziel.
Ceno hatte sich feingemacht, mit Undercut und Zöpfchen im Nacken, und er trug ein schwarzes Sakko. Er gab mir und den Umstehenden einen aus. Während ich mich mit Ceno und seinen Bekannten im Schankraum an der Stirnseite der Bar unterhielt, ging Rafa dicht an mir vorbei. Ich kraulte ihn an der Schulter, ohne mich im Gespräch zu unterbrechen. Nicht viel später kam Rafa wieder in meine Nähe, und ich strich ihm über den Rücken. Rafa drehte sich um und fragte ungehalten:
"Sag' mal, warum faßt du mich eigentlich dauernd an?"
"Dreimal darfst du raten."
"Ich rate einmal: Du bist doof!"
"Und du erst ... du hast doch dein Gehirn bei Ebay verkauft."
Rafa fiel mir ins Wort:
"Und wenn ich mich anfassen lasse, dann nur von hübschen Frauen!"
"Und was bist du?" fragte ich, während er davoneilte. "Was bist du?"
Zu den Leuten, mit denen ich mich gerade unterhielt, sagte ich:
"Er kann nämlich nur noch Achtzehnjährige beeindrucken. Bei erwachsenen Frauen kann er nicht mehr landen. Die sagen nur:
'Was ist denn das für ein Fuzzi?'
Schließlich wohnt er mit siebenunddreißig Jahren noch bei Mama, im Vorratskeller."
"Da kenne ich auch so einen", sagte das Mädchen, das mir gegenüber stand.
Rafa trug ein enges langärmeliges Oberteil aus Synthetic-Jersey, im Leopardenmuster. Darüber trug er seine schwarze Weste mit den Silberknöpfen. Seine schwarze Baumwollhose war eng und hinten mit Reißverschlüssen besetzt. Er hatte schwarze Pikes an und trug mehrere Ringe an den Fingern. Seine Spiegelbrille hatte er nicht auf.
Ivco kam in den Schankraum. Er hatte sich die Haare hochgestellt und trug eine schwarze Jacke im Uniform-Stil. Carole war heute auch da, mit toupierten Haaren und ausgeschnittenem Netz-Oberteil. Ivco und Carole waren seit dem frühen Abend im "Keller". Carole hatte eigentlich an der Theke helfen sollen, Bibian hatte dann aber doch genügend Personal, und Carole konnte in Ruhe feiern. Sie tanzte sehr viel.
Carole berichtete, daß sie mit ihrer Familie voraussichtlich im April nach Brasilien fliegt, so daß nun doch noch ein gemeinsamer Urlaub stattfindet.
Bibian trug ein W.E-Fan-Shirt, selbstgenäht aus Pannesamt. Pink auf Schwarz blickt einen das hochkant gestellte "Sachsenring"-Logo an, das Rafa als Band-Logo verwendet.
Ivco und Rafa wechselten sich am DJ-Pult ab. Darienne war nicht im "Keller", und es war auch kein anderes Mädchen an Rafas Seite. Anwar winkte mir zur Begrüßung zu.
Während ich mich im Schankraum mit Maylin unterhielt, stellte Rafa sich mit einigen Leuten direkt neben uns, mir schräg gegenüber. Er kam sehr dicht an mich heran, und ich konnte ihn häufig streicheln, sogar meinen Arm auf seinem Rücken liegenlassen.
Maylin erzählte, daß sie mit ihrer Familie bald nach Österreich fliegen will, zu Kirans Bruder. Er lebt mit seiner Familie in Kärnten. Ich erzählte von meinem Urlaub in Kärnten 1980 und 1981. Vor allem die Reißeckbahn hat mich begeistert. Sie wird an Stahlseilen den Berg hinaufgezogen.
Maylin will beim diesjährigen Urlaub für jedes Wetter gerüstet sein. Vor Jahren war für Kärnten Sommerwetter angesagt worden, es war aber sehr kalt. Weil dort, wo Kirans Bruder wohnt - am Wörthersee - gerade ein GTI-Treffen stattfand, war in den umliegenden Geschäften kaum noch warme Kleidung zu bekommen.
Maylin ist durch die Pflege ihres inzwischen verstorbenen Schwiegervaters noch im Nachhinein so belastet, daß sie zur Zeit nicht in der Pflege arbeiten kann. Sie sucht nach einer Alternative, bis sie die Kraft hat, in ihren Beruf zurückzukehren.
Anwar hielt ein Comicheft in der Hand, das er mir flüchtig zeigte; er vergewisserte sich, daß ich erkannte, um welches Comic es sich handelte: Rafas Comic über den computerverrückten Achtziger-Jahre-Teenager "Honk", Band 2.
Aurel sprach mich an, ein Bekannter von Rafa. Er war in szenigem Schwarz gestylt. Aurel möchte sich die Haare lang wachsen lassen; immerhin reichten sie ihm schon bis auf die Schultern. Er bewunderte meine Kostümierung, vor allem meine Zöpfchen-Frisur. Begeistert strich er über meine Schultern:
"Oh, hast du schöne Haut!"
Er wollte mich küssen; ich gestatte ihm aber nur ein Bussi auf die Wange.
Ivco spielte unter anderem "New Gold Dream" von den Simple Minds, "The last Film" von Kissing the Pink, "Decay" von Twice a Man und "Locate a Stranger" von den Invisible Limits. Auf der Tanzfläche sprach mich ein großer Blonder mit schwarzem Kajal und Piratenhemd an:
"Darf ich mit dir tanzen? Weil du so eine hübsche Frau bist."
Wir tanzten also miteinander.
Heute fiel mir besonders auf, daß sich ein Mann nach dem anderen in mich verguckte und mich am liebsten gleich mit ins Bett nehmen wollte. Nur Rafa biß die Lippen zusammen und beschränkte sich darauf, mich mehr oder weniger heimlich zu betrachten.
Ich trug heute eine schwarze, mit Lurex durchwirkte Corsage, die feine Spaghettiträger hat. Dazu trug ich ein Halsband aus schwarzem Samt, an dem ich drei Straßanhänger befestigt habe: ein Kreuz, ein Herz und einen Anker. Ich hatte die Lackpuffärmel an, die langen schwarzen Handschuhe und die schwarzen Tüllröcke, die ich übereinanderziehe. Um die Taille trug ich die Rüschenschärpe aus Chiffon. Ich hatte die mit Spitze bezogenen Ballerina-Schuhe an und silbernes Glitzerspray im Haar.
Im Schankraum saß ich mit Rixelda und ihrem Freund Aldo auf einer Bank. Rixelda erkundigte sich nach Tyra und bat mich, sie zu grüßen. Ich erzählte, daß Tyra mühsam versucht, sich aus ihrer seelischen Abhängigkeit von Rafa zu befreien, während er immer wieder von Neuem versucht, sie in die Rolle der ewigen Geliebten zurückzumanövrieren.
Rafa kam gelegentlich an den Tresen, war aber meistens im Tanzraum. Eine Weile redete Rafa mit Matteo, einem Jungen mit Kindergesicht, gekleidet in typische Schülergarderobe, mit Sportjacke und einer Hose, deren Schritt in den Knien hängt. Matteo schien von Rafa ziemlich beeindruckt zu sein.
Rixelda und ich unterhielten uns über die heutige Jugend.
"Früher war die Jugend auch nicht anders", meinte ich. "In dem Vorstadtgymnasium hatte ich eine Negativauslese in der Klasse, Musterbeispiele für schlechte Erziehung. Die verständigten sich mit Satzbruchstücken, Silben und Lauten. In ganzen Sätzen konnten die nicht kommunizieren. Da kam natürlich nur Nonsens 'raus."
Rixelda vermutete, daß die Laissez-faire-Pädagogik für das schlechte Benehmen von Jugendlichen mitverantwortlich ist.
"Viele Kinder wurden auch zur Zeit des Laissez-faire-Booms sehr konservativ erzogen", gab ich zu bedenken. "Rafa wurde mit dem Rohrstock verprügelt."
"Was?"
"Ja, der wurde mit dem Rohrstock verprügelt. Er tut ja so, als hätte ihm das nicht geschadet."
"Den Leuten, die als Kind geschlagen wurden, sieht man die Schäden oft nicht auf den ersten Blick an", meinte Rixelda. "Nur in bestimmten Situationen werden sie plötzlich zum Tier."
"Rafa schlägt seine Freundinnen", erzählte ich. "Er schlägt sie windelweich. Berenice hat er zweimal dieselbe Rippe zertrampelt."
"Das wußte ich alles noch gar nicht."
Heute war auch Artemis im "Keller". Sie möchte dieses Jahr wieder zum Pfingstfestival nach L. fahren.
Im Tanzraum begrüßte ich Herrn Lehmann, der mit seiner Freundin aus K. hergekommen war. Herr Lehmann ist Mitglied in Rafas musikalischem Nebenprojekt H.F.
"Wenn du was Schlechtes über mich schreibst, kriegst du eins in die Fresse", drohte er.
Ähnlich sparsam verhielt sich Pat mir gegenüber - nur mit dem Unterschied, daß er gar nichts zu mir sagte.
Ich trank Cappuccino mit Gebrannte-Mandel-Aroma, den Aldo mir ausgegeben hatte. Zwischendurch tanzte ich.
Mit Minette unterhielt ich mich über die Band H.F., die Rafa vor drei Jahren gegründet hat, nachdem er die Band Das P. verlassen mußte.
"In der Band passiert schon lange nichts mehr", meinte ich. "Das ist eine Totgeburt."
Ich ergänzte, Herr Lehmann sei bei H.F. immer mehr zum "fünften Rad am Wagen" geworden. Vor etwa zwei Jahren sei er beruflich nach K. gezogen und lebe dort mit seiner Freundin.
"Der hat Arbeit?" wunderte sich Minette. "Mit der Frisur?"
Herr Lehmann trug eine blau gefärbe Irokesenfrisur.
"Der trägt die Haare im Alltag nicht so", wußte ich. "Die hängen dann herunter."
"Malvin hat mit seinen langen Haaren viele Jobs nicht gekriegt", erzählte Minette. "Die haben gesagt, er soll seine Haare abschneiden, dann kriegt er den Job."
Ein Junge namens Troy stellte sich mir vor und gab mir einen aus. Er wirkte reichlich verschossen und hätte mich am liebsten gleich mit ins Bett genommen. Über meinen Beruf sagte er, darauf würde man nicht kommen, wenn man mich sehe.
"Ich werde auch den Teufel tun und das 'raushängen lassen", betonte ich.
Troy erzählte, daß er ebenfalls einen Beruf hat, den er lieber verschweigt: er ist Polizist.
Bisher ist Troy noch keine Autobahnstreife gefahren, und er hat auch nicht das Bedürfnis danach. Ihm graut davor, sich mit entstellten Leichen auf der A2 zu befassen.
"Meine Patienten sind ganz ähnlich", erzählte ich. "Bei einem, der im Koma, wenn ich da im Zimmer bin, habe ich das Gefühl, im Aufbahrungsraum eines Bestattungsinstituts zu stehen. Bei vielen von denen hat eine Reha überhaupt keinen Sinn, die gehören einfach nur ins Pflegeheim. Die liegen da nur, weil sie der Klinik Geld bringen."
"Huch."
"Ich war jetzt lange genug in der Neuro, ich will wieder in der Psychiatrie arbeiten, in meinem eigentlichen Fachgebiet. Wenn ich mich auf die Facharztprüfung vorbereite, ist es wichtig, daß ich in meinem Fach up to date bin und nicht in einer Schlaganfall-Butze arbeite, wo die Leute liegen, die einen Schlaganfall gekriegt haben, weil sie andauernd geraucht haben."
Bei diesem letzten Satz wandte ich mich Rafa zu, der gerade mit einigen Herren vorbeikam.
"Ja!" giftete Rafa. "Ich rauche nur, ich saufe nur, ich f... nur!"
"Du wirst mal einer meiner Patienten!" rief ich ihm nach, als er weiterging.
Ich erklärte Troy, daß ich mich Rafa nicht verpflichtet fühle und daß jeder mit mir flirten darf.
Troy tanzte mit mir. Währenddessen ging Rafa an uns vorbei und wurde von mir an der Schulter gekrault.
Roxys Bruder Ned - mit Kahlrasur und Tarnfarbenjacke - gab mir einen aus, "weil du heute so hübsch aussiehst".
An der Theke sah ich einen Aufkleber: "Hard Rock".
"Vielleicht gibt es bald eine Rockband namens 'Hartz Rock IV'", sagte ich zu Troy.
Er kicherte.
"Meinst du, das kommt an?" fragte er.
"Sicher kommt das an", meinte ich. "Hartz-IV-Witze kommen an, weil es so viele betrifft. Neulich gab es im Fernsehen einen Sketch, da wurde Florian Silbereisen mit seiner Volksmusik-Show verballhornt. Er rief ins Publikum:
'Herzlich Willkommen in der Hartz-IV-Halle in Bitterfeld!'"
Troy kicherte. Ich legte noch eins drauf:
"In einem Sketch wurde 'Raus aus den Schulden' auf die Schippe genommen. Da ging es um einen, der war gelernter Frührentner. Er hat erzählt:
'Mein Großvater war Frührentner, mein Vater war Frührentner, und da habe ich gedacht, machste auch Frührentner. Aber als Frührentner kriegt man ja zur Zeit einfach nichts. Deshalb bin ich auf Hartz IV.'
Er war Hartz-IV-Empfänger, seine Frau war arbeitslos. In einer anderen Familie, die raus aus den Schulden wollte, war der Vater ein arbeitsloser Arbeitsloser."
Troy fragte immer wieder:
"Wie fühlst du dich jetzt?"
Jedesmal antwortete ich:
"Diese Frage stelle ich mir gar nicht. Es ist mir nicht wichtig."
Schließlich meinte Troy:
"Du denkst zuviel nach."
"Warum?" entgegnete ich. "Ich stehe hier nur und gucke, was passiert, das ist alles."
"Stimmt."
Um halb fünf Uhr früh waren beide Toiletten defekt, anscheinend durch Vandalismus. Bibian erklärte die Party für beendet, doch während sie sich langsam beruhigte, ging die Musik wieder an, und die Party lief weiter.
Ned tanzte mit mir.
"Weißt du, daß du wunderhübsch aussiehst beim Tanzen?" fragte er mich.
Nach dem Stück posaunte Rafa durch den Saal:
"Mehr f...en!"
Als Ned wieder mit mir tanzte, fragte er:
"Hast du einen Freund?"
"Nein."
"Willst du einen haben?"
"Das ist furchtbar kompliziert", erklärte ich.
Als wir wieder auf der Bank saßen, fügte ich hinzu:
"Ich kenne Rafa seit fünfzehn Jahren. Und ich weiß, daß er beziehungsunfähig ist. Er hat mich nicht verdient, und er hat keinerlei Rechte an mir. Deshalb bin ich offen für alles und lasse alles auf mich zukommen."
"Dann kann ich es also versuchen."
"Jeder kann es versuchen. Allerdings sieht es eher so aus, daß ich im Moment nichts will außer ein bißchen Flirten und mich ein bißchen unterhalten. Weißt du, wenn man in eine Discothek kommt, und lauter Leute stehen auf einen, dann hat man zwei Möglichkeiten: man lügt oder man ist ehrlich. Und ich bin lieber ehrlich."
Ned flirtete, was das Zeug hielt. Er hätte mich am liebsten aufgefressen. Doch mehr als ein paar Umarmungen und Bussis erlaubte ich ihm nicht.
Ich erklärte Ned, daß es von der Musik abhängt, ob ich tanze. Als Rafa das melancholische "Shoegaze"-Stück "Second Skin" von den Chameleons spielte, das mich an einen Sonnenaufgang über einem nebligen Teich denken läßt, sagte ich zu Ned, während ich auf die Tanzfläche ging:
"Das ist gut."
"Das ist gut!" äffte Rafa mich nach.
Er schien mich sehr genau zu beobachten.
Rafa setzte nun gelegentlich seine Spiegelbrille auf und hatte so die Möglichkeit, mich von dem nur zwei Schritte entfernten DJ-Pult aus zu betrachten, ohne daß ich dieses eindeutig erkennen konnte. Ich teilte Ned meine Vermutung mit, daß Rafa mich lange anguckt, wenn er mir begegnet, um genügend Bilder von mir im Kopf zu haben, wenn er mal wieder irgendein Mädchen bespringt.
"Das würde ich als Hinweis dafür sehen, daß du ein sehr schönes Mädchen bist", meinte Ned.
Wenn Rafa auf den Monitor seines Laptops schaute, dann meistens über die Brillengläser hinweg.
Bibian knuddelte Rafa am DJ-Pult. Bibians Freund Dexter setzte sich neben mich und begann zu flirten. Ich lobte den Aufnäher an seiner Hose, einen Barcode, der zugleich ein Knastfenster darstellt, um dessen Gitterstäbe sich zwei Hände krallen. Dexter meinte, den Aufnäher könne ich haben, wenn er mich küssen dürfe.
"Ein Bussi auf die Wange", gestattete ich ihm.
"Und ich entscheide, wann und wo", verlangte Dexter.
"ich bin kein Mensch, der über sich bestimmen läßt", entgegnete ich.
"Das dachte ich mir", sagte Dexter.
Gegen Morgen spielte Rafa immerhin noch "Video killed the Radio Star" von den Buggles und "Wishing" von A Flock of Seagulls, außerdem "Juliet" von Robin Gibb. Zu "Juliet" tanzte ich mit Lemmy, so hingebungsvoll wie die Travestie-Künstler in ihren Shows. Rafa setzte sich währenddessen zu Roxy auf eine Bank und konnte mir von dort aus gut zusehen. Nach dem Stück wurde geklatscht.
"Die beste Performance 2008!" rief Dexter.
Rafa streute in sein Programm immer mehr Schlager und Rock'n'Roll-Titel ein und spielte schließlich kaum noch etwas anderes. Er tanzte öfters und hüpfte wild herum, auch mit Herrn Lehmann. Die Freundin von Herrn Lehmann legte sich neben mir auf die Bank. Schließlich ging Herr Lehmann mit seiner inzwischen sehr müden Freundin weg. Rafa bot ihm an, noch mit zu ihm zu kommen, das wollte Herr Lehmann aber nicht.
Rafa spielte im Laufe der Nacht den einen oder anderen W.E-Titel, darunter "Hoch die Fahnen". Als dieses Stück das zweite Mal erklang, regelte Rafa es wieder heraus und wollte "etwas Neues" spielen. Es war ein W.E-Titel im Rock'n'Roll-Stil.
Der Titel "Hoch die Fahnen" läßt an das verbotene "Horst-Wessel-Lied" denken, auch wenn der Inhalt recht nebulös und politisch uneindeutig daherkommt. Mir fällt dazu Darienne ein, die unlängst einen Liedtext eines als rechtsradikal geltenden Musikers auf ihr Profil bei der Online-Szene-Kontaktbörse gestellt hat. Warum Darienne ihr Profil mit solchen Texten schmückt und warum Rafa sich auch weiterhin mit Darienne schmückt - zumindest in seinen Bands -, wirft Fragen auf.
Im Laufe der Nacht durchquerte Rafa auch deshalb so oft den "Keller", weil draußen geraucht werden mußte. Gegen sechs Uhr früh rauchten einige von den wenigen Leuten, die noch da waren, auch drinnen. Ganz rauchfrei wird der "Keller" wohl nie werden.
Als Rafa sein Set beendete, war es halb neun Uhr morgens. Ich zog meinen Mantel über und legte mir die hellgraue Stola um, die Lisa mir aus Indien mitgebracht hat. Rafa zog eine Kapitänsjacke über, mit drei goldenen Streifen auf den Ärmeln. Dexter stand bei Rafa am DJ-Pult. Ich stellte mich vor die beiden. Rafa hielt seine geöffnete Rechte hin, so daß ich sie mit meiner rechten Hand bequem umgreifen konnte. Mit einer "Nein, du bist doch gar nicht gemeint!"-Geste befreite Rafa seine Hand und gab sie Dexter. Dann nahm Rafa sein Köfferchen und marschierte von dannen - allein.
Daß Männer sich in mich vergucken, passiert ständig, doch nie habe ich den Eindruck, daß es ihnen um mich als Person geht. Sie scheinen sich ausschließlich für die Fassade zu interessieren.
Rafa hingegen, der mich so sehr haßt, nimmt Kontakt zu mir als Persönlichkeit auf. Ich habe stets das Gefühl, selbst gemeint zu sein, unabhängig von einer Fassade. Ich habe mich im Kontakt mit ihm nie als Objekt gefühlt.
Das vereinnahmende Verhalten paarungswilliger Männer habe ich bei Rafa nicht einmal dann erlebt, wenn er seinen Paarungswillen geäußert hat. Rafa, der so viele Menschen vereinahmt und von sich abhängig gemacht hat, hat mir gegenüber ein solches Verhalten nie gezeigt.
In einer E-Mail erkundigte ich mich, wie Berenices Konzert mit ihrer Band in den Niederlanden gelaufen ist. Berenice schrieb:

Super! Die Resonanz war unglaublich, und wir haben einige Kontakte knüpfen können: das wird nicht unser letztes Konzert in Holland gewesen sein!!!

Ich schrieb:

Super, daß euer Konzert so hervorragend geklappt hat! Das war auch dran, nach allen Mühen und Hemmnissen. Tyra hab ich noch nicht wieder erreicht, aber das ist wohl, wie immer, eine Frage der Zeit, das betont sie ja auch immer wieder.
Tyra will Rafa nie wiedersehen, sein Einfluß bekommt ihr sehr schlecht. In seiner Nähe knickt sie ein wie ein hypnotisiertes Kaninchen, und das nutzt er skrupellos aus.

Berenice schrieb:

Rafa hat Menschen wie Tyra auch einfach nicht verdient. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Ich schrieb:

Ich denke, Rafa hat nicht nur Tyra nicht verdient, sondern er hat überhaupt keinen Menschen auf dieser Welt verdient. Er verachtet ja alle Menschen. Wenn er jemanden über den grünen Klee lobt, dann nur, um sich damit selbst in Szene zu setzen.

Als ich erzählte, wie schlecht Rafa damit umgehen kann, bei Gesellschaftsspielen zu verlieren, schrieb Berenice:

Stimmt - für Rafa zählt nicht das Spielen, sondern nur das Gewinnen.

Ich mailte Berenice die URL zu "Der Magnolienpalast", eine Kurzgeschichte, die gerade fertig geworden ist. Berenice schrieb:

Erinnert mich doch sehr an Rafa und Dich *lach* Nee, was bin ich froh, dass mich das in keinster Weise berührt. Vor wenigen Wochen war Rafa mal wieder in meinen Träumen, und ich habe ihn rausgeworfen!!! Ich habe im Schlaf zu ihm gesagt, dass ich ihn nicht mal mehr in meinen Träumen "sehen" will :) Seeeeeeeeeeeeehr befreiend :)

Ich schrieb:

Cool, dein Traum, in dem du Rafa rausgeworfen hast. Ich muß sagen, das hat er sich redlich verdient. Er hat echt was dafür getan, hat hart dafür gearbeitet.

Berenice schrieb:

Keine Ahnung *lach* Er ist mir egal, ich wollte ihn einfach nicht in meiner Nähe haben - nicht mal im Traum *lach* Nein, im Ernst - er ist mir egal. Wer ist das überhaupt? Ich kann mich nicht mal mehr an die Zeit mit ihm erinnern, so unwichtig ist dieser Mensch.

Constri berichtete am Telefon, daß Garret - Lisas jüngerer Bruder und unser Cousin - aus dem Fenster gesprungen ist. Es war das Fenster einer Wohnung, die Garrets Vater Irmin vor Jahrzehnten in Wien gemietet hat. Die Wohnung befindet sich im fünften Stock. Wie Lisa und Irmin berichteten, hat der an Schizophrenie leidende Garret zum Jahreswechsel den Wunsch geäußert, nach Wien zurückzukehren, um zu promovieren. Er habe sich in der Universität wieder eingeschrieben und sich ein Laptop gekauft. Ein in Wien lebender Verwandter habe Kontakt zu ihm aufgenommen und den Eindruck gehabt, Garret komme in Wien zurecht. Garret habe jedoch seine Medikamente abgesetzt; das sei erkennbar gewesen an den nicht eingelösten Rezepten, die nach seinem Suizid in der Wohnung gefunden wurden. Irmin konnte Garret am Donnerstag vergangener Woche telefonisch nicht mehr erreichen. Am Freitag legte Garret seine Kleider zu einem Kreuz angeordnet vors Fenster und sprang hinaus, vermutlich im religiösen Wahn. Auf dem Weg zum Krankenhaus starb er. Jemand sah nach Garrets Sprung eine Frau aus dem Haus kommen, die auf alle Klingelknöpfe drückte und davonlief. Offen ist noch die Frage, ob es sich um Garrets Lebensgefährtin handelte, die Garrets Geisteskrankheit anscheinend ausgenutzt hat, um ihn in den letzten Monaten um viel Geld zu erleichtern. Die Polizei fand in Garrets Wohnung die Telefonnummer einer Bekannten von ihm, die wurde benachrichtigt, und sie benachrichtigte Garrets Familie. Der Leichnam ist noch nicht freigegeben, weil Fremdverschulden ausgeschlossen werden muß. Irmin will seinen Sohn einäschern und in dem Grab beisetzen lassen, wo seine Mutter Karoline ruht, Garrets Großmutter. In dem Grab liegen auch Karolines Eltern.
Irmin gibt sich Mühe, sich selbst keine Vorwürfe zu machen. Ihm ist bewußt, daß die Tragödie letztlich nicht zu verhindern war. Irmin hat sich nach langem Überlegen entschieden, seinem Sohn ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, trotz der damit verbundenen Risiken. Auch die Unterbringung in einer geschlossenen Abteilung einer Klinik oder eines Heims kann niemanden mit Sicherheit davor schützen, sich etwas anzutun.
Constris ehemaliger Verlobter Cyd rief mich an und erzählte, was er in den letzten Jahren erlebt hat. Constri und Cyd waren vor zwanzig Jahren ein Paar. Sie trennten sich, als sich ihre Lebenswege trennten. Constri studierte in BI., und Cyd kehrte in seine Heimatstadt HB. zurück, wo er Arbeit fand. Zerstritten sind sie nie gewesen.
Cyd berichtet nun, er sei jahrelang drogenabhängig gewesen und seit einer Therapie vor vier Jahren clean. In seinen schlimmsten Zeiten habe er Kokain im Fernseher versteckt und Heroin vom Blech geraucht. Wenn man Koks spritze, gehe das ab wie ein D-Zug, aber ebenso schnell komme der Absturz. Es sei ein Sturz ins Bodenlose. Heute gehe er aus, ohne Drogen zu konsumieren, denn er wolle keine konsumieren. Der Süchtige tue nämlich nicht, was er müsse, sondern was er wolle. Cyd erzählte, er gehe regelmäßig zu einer Selbsthilfegruppe. Der Umbruch sei gekommen, als er wegen des Besitzes einer größeren Drogenmenge in Haft gehen sollte. Man habe ihm angeboten, stattdessen eine Therapie zu machen. Sein Arbeitgeber habe mitgespielt. Cyd habe also die Therapie gemacht. Seine Eltern seien schrecklich wütend gewesen, als sie die Geschichte erfuhren, inzwischen habe sich das Verhältnis jedoch wieder etwas entspannt. Zu seinem Bruder habe er recht guten Kontakt. Zu seinen alten Bekannten habe er kaum oder gar keinen Kontakt mehr.
Cyd hat Schulden durch seinen Drogenkonsum. Er meinte, er sei froh, daß er keine Familie habe, sonst würde er es nicht schaffen, die Schulden abzuzahlen.
Deon erzählte von seiner On-Off-Beziehung mit dem wesentlich älteren Gerard. Deon gehört auch zu den Leuten, die ich seit mehr als zwanzig Jahren kenne. Mein Friseur Henk, Deon und ich sind alte Freunde. Deon und Gerard leben in BS. im selben Mietshaus, aber in getrennten Wohnungen. Gerard soll Deon vorgeworfen haben, es zu nichts gebracht zu haben. Dabei schafft Deon es, trotz seiner Schizophrenie - bei regelmäßiger Medikamenteneinnahme - ein normales Leben zu führen, nur ist er nicht belastbar genug fürs Berufsleben. Gerard ist cannabisabhängig und versucht nicht einmal, beruflich irgendetwas zu tun. Er verläßt sich seit vielen Jahren aufs Amt.
Bertine besuchte mich zum Kaffee. Sie erzählte, daß sie nach der Arbeit meistens zum Grab ihrer Tochter geht. Dort sei sie endlich wieder sie selbst. Auf der Arbeit kann sie sich schlecht abgrenzen und läßt sich stark vereinnahmen. Sie bringt es nicht über sich, sich zu schonen und sich krankschreiben zu lassen.
Am frühen Samstagmorgen war ich im "Roundhouse". Zu den Tanzboden-Hihglights gehörte "Shock Front" von Converter.
Marvel berichtete, daß Joujou und er sich endgültig getrennt haben. Joujou habe ihm gebeichtet, daß sie im vergangenen Jahr mehrere Monate lang einen Geliebten hatte. Das habe für ihn den Ausschlag gegeben. Ohnehin sei er der häufigen Auseinandersetzungen mit Joujou müde geworden. Sie habe ihn gerne als "Versager" betitelt und Ähnliches, das habe er sich nicht mehr anhören wollen. Um Jeanne tue es ihm leid, er habe das Kind ins Herz geschlossen. Joujou sei mit Jeanne in der ehemals gemeinsamen Wohnung in GT. zurückgeblieben. Ninon sei jetzt zu ihnen gezogen.
Weder Joujou noch Ninon waren heute im "Roundhouse", auch Yara nicht. Max war da. Er hat sich von Yara getrennt. Erzählen wollte er dazu aber nichts.
Abends war ich bei Minette und Malvin. Minette verkaufte mir wieder ein paar Sachen, die sie bei Ebay ersteigert hatte und die ihr nicht paßten.
Gegen elf Uhr nachts kamen wir in den "Keller". Xenon erzählte, daß Ivco heute seine Geburtstagsfeier gebe, allerdings keine richtige, nur im Familienkreis.
Bibian erzählte, die Reparatur der Toilettenanlage im "Keller" sei letztlich kostenlos gewesen. Dexter habe sie reparieren können.
Am Mittwochabend war ich bei meinem Vater, der ein Kaffeetrinken anläßlich seines siebzigsten Geburtstags gab. Unter den Gästen waren seine frühere Lebensgefährtin Bellatrix und deren jetziger Ehemann, Hardo. Hardo wirkte sichtlich leidend. Vor Kurzem wurde bei ihm die Diagnose "Lungenkrebs" gestellt. Hardo stammt aus einer Familie von Rauchern und ist selbst Kettenraucher. Auf der Arbeit neigte er dazu, sich vereinnahmen zu lassen, und je mehr Streß er sich auflud - und aufladen ließ -, desto mehr rauchte er. Auf das flehende Bitten seiner Frau, das Rauchen aufzugeben, wollte er nicht hören. Als er immer mehr an Husten litt, schickte Bellatrix ihn zum Arzt. Der ausgedehnte Tumor ist nicht operabel. Es gibt bereits Metastasen in der Leber. Bellatrix ist erst seit eineindrittel Jahren mit Hardo verheiratet und wird schon bald Witwe sein.
Mein Vater fragte mich später am Telefon, was Hardo tun könne. Ich empfahl, Hardo sollte alles, was er in diesem Leben noch erledigen will, so schnell wie möglich erledigen, denn viel Zeit werde ihm nicht mehr bleiben. Eine Chance, daß er die Krankheit überlebt, gebe es nicht.
Am Freitagabend traten FabrikC und Xotox im "Mute" auf. Anschließend brachte Constri ein umfangreiches VJ-Programm. Sie stand links auf der Bühne, das DJ-Pult stand rechts. Kappa stellte Constri in einer Durchsage vor. Ich filmte Constri beim VJing. Darum hatte sie mich gebeten.
Kappa berichtete, seine Frau Edaín wäre heute fast wieder einmal mitgekommen ins "Mute". Edaín habe ich seit Juni vergangenen Jahres nicht mehr gesehen.
Magenta - mit der Sarolyn Constri und mich vor Jahren bekannt gemacht hat - setzte ein Puzzle aus der Vergangenheit zusammen und kam zu dem Schluß, daß sie Constri und mich schon viel länger kennt als Sarolyn. Wie sich herausstellte, ist Magenta die Tochter eines Bekannten meiner Eltern. Sein Name ist Rodrigo. Er war Anfang der achtziger Jahre öfters bei uns zu Besuch und spielte mit meiner Mutter vierhändig auf dem Flügel. Es kam auch vor, daß er sein Töchterchen mitbrachte, das sich damals im Kindergartenalter befand. Dieses Mädchen war Magenta. Rodrigo ließ sich in jener Zeit scheiden. Mein Vater besorgte ihm eine Stelle in seinem Beruf - er ist Dreher - bei Bosch in S. Magenta berichtete, daß ihr Vater für immer in S. geblieben ist und seine Stelle bis zur Rente behalten hat. Rodrigo sei vom Typ her ein scheuer Einzelgänger. Seine Wohnung sei fast leer und nicht sehr gemütlich, das gehöre aber zu seinem Naturell. Er habe schon immer einen eher kargen, klösterlichen Lebensstil gepflegt.
Am Samstag Mitte März fand in dem Festsaal eines Vereinsheims in S. die große Geburtstagsfeier für drei "Siebziger" statt. Das Vereinsheim liegt inmitten von Weinbergen. In der Nähe befindet sich das Anwesen von Eugen und seiner Familie. Eugen ist der Zwillingsbruder meines Vaters. Sowohl Eugen als auch sein jüngster Sohn Tobias sind Winzer. Heute wurde nicht nur der siebzigste Geburtstag von Eugen und meinem Vater, sondern auch der siebzigste Geburtstag von Eugens Schwager nachgefeiert. Er ist der Bruder von Eugens Frau Maret.
Jana trug Trauer. Sie diskutierte mit Irmin über die Frage, inwiefern man den Anwesenden von Garrets Tod erzählen sollte. Sie entschieden sich für Zurückhaltung. Die Feier stattfinden zu lassen und das Vorgefallene nicht an die große Glocke zu hängen, war für die Familie die streßärmste Lösung.
Nach achtundzwanzig Jahren sah ich meine Cousine Dorith wieder. Sie ist Eugens Tochter und wurde gemeinsam mit Lisa und mir am Pfingstsonntag 1966 getauft. Es gibt Fotos von der "Dreiertaufe", wo einmal die Mütter ihre Töchter im Arm halten und einmal die Väter. Das Wetter war frühlingshaft und sonnig.
Dorith war jahrelang mit ihrer Familie als Missionarin in Tansania. Ihre vier Kinder haben jedoch in Deutschland das Licht der Welt erblickt. Ihre jüngste Tochter ist anderthalb Jahre alt. Dorith wohnt jetzt mit ihrer Familie in einer gebirgigen Landschaft südlich von S., recht abgelegen. Ihr Mann braucht anderthalb Stunden für den Weg zur Arbeit.
Nach der Familienfeier war ich mit meinem Vater und dessen Lebensgefährtin Alruna zu Gast in Eugens Haus. Tobias lebt mit seiner Familie im Anbau. Sie haben dort eine geräumige Dachstube als Wohn- und Eßzimmer. Nesthäkchen Anais saß auf einem Sofa und stellte mir lauter Fragen - über Männer, über die Arbeit und allgemein über das Leben als Erwachsener. Sie ist neun Jahre alt und macht sich Gedanken über ihr eigenes Lebenskonzept. Von Anais bekam ich ein bunt bemaltes Osterei und ein bunt marmoriertes Bildchen geschenkt.
Lisas älteste Tochter Ida schenkte mir auch etwas, nämlich ein buntes Briefchen, auf dem stand:
"Du bist die liebste Patentante der Welt!"
Am Dienstagabend war Rixa bei mir zu Besuch. Sie erzählte von ihrer Nichte, die inzwischen knapp volljährig ist. Das Mädchen habe keine Zukunftspläne und übernehme ungern Verantwortung. Rixa freut sich, daß in ihrer eigenen Familie so ruhige, geordnete, wohlstrukturierte Verhältnisse herrschen.
Am Donnerstag war ich im "Keller" zum Rippchenessen. Kayley winkte mich an ihren Tisch. Dort setzten sich auch Lucerna, ihr Mann Ork und eine Freundin von Kayley, Marie-Jo.
Lucerna erzählte von ihrer Schwester, die mit ihren neunundzwanzig Jahren zwei Jahre jünger ist als Lucerna und an einem bösartigen Hirntumor leidet. Nach einer Hormonbehandlung mit den Ziel einer Schwangerschaft habe sich der Tumor entwickelt. Nun, nach Operation und Chemotherapie, wolle Lucernas Schwester erneut den Versuch unternehmen, schwanger zu werden. Ich warnte, daß solche Tumoren durch hormonelle Veränderungen zu neuem Wachstum angeregt werden können, mit fatalem Ausgang. So war es bei einer Tochter von Schwester Tamara in Kingston.
Marie-Jo erzählte von ihrer Schwester Sylviane, die alkoholabhängig war und schließlich an den Folgen der Abhängigkeit starb. Marie-Jo fand Sylviane in deren Wohnung. Sie war erst kurze Zeit tot, so daß Marie-Jo die Feuerwehr rief. Ins Leben konnte man sie nicht mehr zurückbringen.
Magdalena kam in den "Keller" mit Malik, der berichtete, daß ihm das Studium in MZ. auch nach einem Jahr noch Spaß macht und daß seine Schwester Jennice einen Studienplatz in WI. bekommen hat, auf den sie kaum noch zu hoffen gewagt hatte. Es sei ein Studium im Bereich Wirtschaft.
Magdalena erzählte, daß sie in der Berufsschule für Hörgeräteakustiker in HL. als "Streberin" gebrandmarkt wird und daß zugleich ihre Mitschüler sich von ihr Nachhilfe geben lassen. Einmal sei ein Lehrer an der Tafel ins Stocken geraten, weil er der Klasse einen Begriff nicht erklären konnte. Magdalena habe dann den Begriff erklärt, ohne "Fachchinesisch", und die Klasse habe ihn verstanden. Der Lehrer habe sich bei Magdalena bedankt.
In der Firma, wo sie arbeite, sei es anstrengend. Die Arbeit mache ihr Spaß, doch ihre Chefin drangsaliere sie und schikaniere sie.
Lucerna meinte, Magdalena solle bloß den Job wechseln. Magdalena erwiderte, sie wäge die Vorteile gegen die Nachteile ab, und noch würden die Vorteile überwiegen.
Magdalena berichtete, daß sie eine Liaison mit einem verheirateten Mann angefangen hat. Er behauptete, was fast alle verheirateten Männer behaupten - nämlich daß sie mit der Ehefrau nur noch wegen der Kinder zusammen seien. Magdalena will ihn nicht sofort vor die Wahl stellen: "Sie oder ich?", doch will sie nicht länger damit warten als wenige Wochen.
Magdalena fühlte sich von den anderen Frauen am Tisch, die alle mindestens zehn Jahre älter sind als sie, unter Druck gesetzt. Sie erklärte, daß sie die Problematik wohl sieht und wahrhaftig nicht als ewige Geliebte enden will, daß sie aber den geeigneten Zeitpunkt abpassen will, um von dem Liebhaber eine Entscheidung zu verlangen.
Lucerna erzählte, sie habe in ihrem Leben Gewalt und Mißachtung erfahren. Sie freue sich, daß ihr Mann Ork so zuvorkommend sei. Mir fiel auf, daß Ork zwar höflich und zuvorkommend wirkte, daß er zugleich aber alles besser zu wissen meinte und andere Menschen kaum ausreden lassen konnte.
Marie-Jo erzählte, sie sei lange mit einem Mann zusammengewesen, den sie noch immer liebe, doch man habe sich im Laufe der Jahre auseinanderentwickelt, und aus der Beziehung sei eine Freundschaft geworden. Nach ihm habe sie nichts Bedeutendes mehr kennengelernt. Einen ihrer späteren Partner habe sie verlassen, weil sie ihn als vereinnahmend erlebte. Er habe ihr unverlangte Dienste geleistet und sie unverlangt mit Geschenken und Gefälligkeiten überhäuft. Als sie ihm nicht ebenso dienstbar und gefällig sein wollte, sei er beleidigt gewesen. Da habe sie sich von ihm getrennt.
"Wenn mich jemand mit Geschenken überhäuft, will er fast immer eine Gegenleistung dafür", hat Marie-Jo erfahren. "Und sowas kann ich nicht leiden. Da soll er mir lieber gar nichts schenken, dann verlangt er nämlich auch nichts von mir. Der will mich ja sonst nur kaufen."
Ich konnte von Saara erzählen, die sich aus ebenjenem Grund von Justin getrennt hat.
"Man meint ja nicht die Frau als Individuum, wenn man sie zu kaufen versucht", sagte ich. "Es ist egozentrisch, wenn man versucht, jemanden durch Geschenke und Dienstbarkeiten an sich zu binden."
Marie-Jo und ich sind uns einig, daß wir lieber allein leben als mit einem Mann, für den wir keine tiefen Gefühle haben. Beziehungen um der Beziehung willen lehnen wir ab.
Marie-Jo ist fünf Jahre älter als ich. Sie hat keine Kinder, aber zwei Neffen, der eine zwölf, der andere achtzehn Jahre alt. Die beiden waren heute auch im "Keller". Sie übernachteten bei Marie-Jo. Der jüngere wurde gegen elf Uhr abends von Lucerna zu der Wohnung von Marie-Jo gefahren. Der ältere Neffe blieb bis nach Mitternacht. Er macht sich im Gothic-Stil zurecht, mit langen, schwarz gefärbten Haaren und Fledermaus-Mantel.
Marie-Jo ist Friseurin. Rafa ist einer ihrer Stammkunden.
"Ich mag Rafa", meinte Marie-Jo. "Er ist amüsant."
Einmal soll Rafa auf einer privaten Feier mit Anwar und einem gemeinsamen Bekannten einen "Wet Strip Contest" veranstaltet haben, bei dem man sich nasser Kleidungsstücke entledigte. Anwar habe gewonnen, er könne sich am besten bewegen.
Vor längerer Zeit, als Marie-Jo in einer Kneipe namens "Letzte Runde" bediente, kam Rafa an die Bar und machte eines seiner üblichen Komplimente. Es bezog sich auf Marie-Jos Leibesfülle. Sie gab ein Kompliment zurück, das sich darauf bezog, daß Rafa auch nicht eben schlank ist: Sie empfahl, er solle besser etwas weitere Hosen anziehen, seine Hose sitze recht stramm; außerdem wirke es peinlich, wenn er sein Geschlechtsteil derart zur Schau stelle.
Als Marie-Jo einige Zeit danach in den "Keller" kam, sagte Rafa:
"Endlich mal eine richtige Frau!"
... und berührte unsittlich ihr Decolleté. Sie blickte strafend, woraufhin er seine Hand entfernte. Dann griff sie ihm in den Schritt und bemerkte:
"Aber immer noch kein richtiger Mann."
Über Pat erzählte Marie-Jo, mit dem sei sie befreundet. Pat verehre Rafa unkritisch. Bei Veva sei es ähnlich, sie verehre Rafa wie einen Gott.
"Wie kann Pat mit Veva glücklich sein, wenn er weiß, daß sie auf einen anderen steht?" fragte ich.
"Na, die sind sich doch einig", entgegnete Marie-Jo. "Die schwärmen beide für Rafa, die sind einer Meinung, also verstehen sie sich gut."
Als ich Marie-Jo erzählte, daß Rafa immer wieder betont, er habe Angst vor mir, vermutete sie:
"Es kann sein, daß er die Angst da empfindet, wo andere Menschen Liebe empfinden. Was Liebe ist, weiß er gar nicht."
Marie-Jo nimmt an, daß ein gefühlsarmer Lebensstil, wie Rafa ihn bevorzugt, kaum zu ertragen ist.
"Es geht ihm ja auch schlecht", bestätigte ich. "Er raucht die ganze Zeit, hat Panikattacken, entwickelt Paranoia und fühlt sich einsam."
Marie-Jo erkundigte sich, ob mich gelegentlich andere Leute fragen, weshalb ich überhaupt noch Interesse an Rafa habe.
"Rafa verdient mich nicht", betonte ich. "Wenn ich mich in einen anderen Mann verlieben würde, würde ich Rafa zu den Akten legen. Er hat sich durch sein Verhalten mir gegenüber alles verscherzt. Nun habe ich aber diese Gefühle für ihn, also kümmere ich mich um ihn. Was andere Leute darüber denken, ist mir egal."
"Das finde ich aber ganz schön mutig."
"Das ist es ja - ich habe, was das betrifft, keine Angst. Mich kann da nichts schrecken. Es ist schon seltsam - während Rafa anderen Menschen Energie wegnimmt, sie verletzt und verunsichert, sie sich selbst entfremdet und im wahrsten Sinne des Wortes auf ihnen herumtrampelt, ist bei mir das genaue Gegenteil der Fall. Egal, wie abartig und widerwärtig Rafa sich benimmt - wenn ich ihm begegne, tanke ich auf, ich fühle mich selbstsicher, bin ganz ich selbst und fühle mich furchtlos und auf gewisse Art unverletzbar. Seit ich ihn kenne, habe ich nur eine Entwicklung zum Guten durchgemacht."
Als ich erzählte, daß ich immer mehr Freunde finde, während Rafa andere Menschen vor den Kopf stößt und sich dadurch immer mehr Feinde macht, und daß ich beruflich vorankomme, während ihm immer mehr der Boden unter den Füßen wegbricht, meinte Marie-Jo, eigentlich müßte Rafa zerspringen vor Neid.
"Das kann auch einer der Gründe sein, warum er mich haßt", vermutete ich.
Ich meinte, Rafa verlange wahrscheinlich von sich selbst eine niemals endende erotische Anziehungskraft. Dabei werde er nicht jünger. Und wenn er vom DJ-Pult aus zugucken müsse, wie mich lauter Männer anflirten, dann könne das schon Neid- und Haßgefühle auslösen.
Ich setzte hinzu, es sei ganz schön, sich umgarnen zu lassen, aber die meisten Männer hätten es nur auf meine Fassade abgesehen. Marie-Jo hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Viele Männer, die mit ihr flirteten, machten ihr ein zweifelhaftes Kompliment:
"Ich mag Frauen, die etwas mehr drauf haben."
Marie-Jo findet das schrecklich, denn daraus ergibt sich, daß es den Männern vor allem um die Fassade geht, nicht um das Individuum.
Die neunzehnjährige Mavis erzählte von ihrem bevorstehenden Abitur. Sie will in HB. studieren, weil sie dort in ihrem Wunschfach keinen Numerus clausus braucht.
Dexter berichtete, der nächste Termin für eine Party im "Keller" sei noch unsicher, weil Rafa sich zur Zeit schlecht erreichen lasse. Er antworte nicht auf SMS-Nachrichten. Als Dexter neulich bei ihm gewesen sei, habe Rafa geöffnet mit einem hektischen:
"Ich habe keine Zeit, ich muß fertig werden, ich habe keine Zeit."
Rafa habe irgendeinen Bekannten zu Besuch gehabt. Rafas Pupillen seien weit gewesen, als wenn er irgendetwas genommen hatte, und er habe nicht den Eindruck gemacht, ansprechbar zu sein. Dexter sei deshalb gleich wieder gegangen.
Im "Keller" traf ich auch Ned. Er schwärmte mich noch immer an. Als ich aufbrechen wollte, sagte er:
"Was, die schönste Frau hier im Haus will schon gehen?"
Mal, Industrial-Musiker aus HH., meldete sich. Er mailte:

Letzte Woche war ich in F. auf der Musikmesse, wo ich einen neuen Softwaresynthesizer präsentiert habe, den ich für Linux geschrieben habe. War sehr anstrengend, aber lohnend, obwohl der Erfolg schwierig zu beziffern ist, da es eine freie Open Source ist.

Elektronisch hergestellte Musik fasziniert mich, seit ich sie kenne, und ich kenne sie seit "Popcorn" von Electric Coconut im Jahr 1973, zu dem ich an einem Kinder-Disco-Nachmittag getanzt habe. Auch "Switched-on Bach" von Wendy Carlos - damals noch Walter Carlos - konnte und kann mich begeistern. Diese Musik verlangt vor allem technische Kenntnisse. Es geht nicht um einen bestimmten Anschlag einer Klaviertaste, sondern um kryptische Begriffe und Abkürzungen.
Mal erzählte, er habe in F. auf der Musikmesse viele Freunde und Bekannte wiedergetroffen, darunter Fans seines Projekts Notstandskomitee und seinen alten Freund Claus K., dessen elektronisches Musikprojekt Plastic Noise Experience ich schon lange kenne und mag. Claus arbeitet mittlerweile bei Yamaha.
Berenice mailte, ihre Doktorandenstelle werde mit der Promotion auslaufen. Ihr sei zwar die Weiterbeschäftigung auf einer "Post-Doc"-Stelle angeboten worden, doch sie wolle nicht in der Forschung bleiben.
Am Samstag war ich mit Elaine und ihrer Mutter Merle in der Stadt. Elaine bekam schwarze Riemchen-Ballerinen für ihre Konfirmation. Weil die Turnschuhe, die sie heute anhatte, verschlissen waren, warfen wir sie weg, und sie bekam Stiefeletten. Außerdem fanden wir für Elaine eine grauschwarze Cargo-Hose, mit der die zierliche Dreizehnjährige schon wie ein "richtiger" Teenager aussieht. Zum Abendessen gingen wir ins "Rondo". Wir bestellten Pasta. Für Merle bereitete der Wirt ein Wunschgericht mit Rucola und Pinienkernen zu. Merle gab für mich und sich einen lieblichen Roséwein aus. Elaine erzählte von Silvester. Sie feierte bei ihrer Freundin Tanee. Jemand setzte in dem Viertel einen Altpapiercontainer in Brand, wobei es ein Glück war, daß das Wohnhaus, zu dem der Container gehörte, nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Elaine feuert gerne Raketen ab. Ein achtzehnjähriger Junge bewarf sie von einem Balkon aus mit Knallern, und sie schoß Raketen in seine Richtung. Er flüchtete vom Balkon ins Innere des Hauses. Die Knaller-Schlachten habe sie fast unbeschädigt überstanden, berichtete Elaine stolz. Nur ihre Jacke habe ein paar Brandlöcher abbekommen, außerdem etwas von dem roten Pulver, das sich in den Knallern befinde. Im Übrigen wisse sie schon, wie man sich selbst anzünden könne, ohne zu brennen. Wenn man sich mit Deo vollsprühe, könne man sich selbst in Brand setzen, verbrenne sich aber nicht. Und es mache Spaß, Spraydosen als Flammenwerfer zu verwenden.
Zu Elaines Schilderungen sagte Merle nur mit einem Seufzen:
"Diese Geschichten höre ich mir am liebsten gar nicht an."
Am Ostersonntag gab es Frühstück bei meiner Mutter, mit Ostereiern und Suchen im Wohnzimmer. Wir hatten "graue" Weihnachten und "weiße" Ostern. Die Schneeglöckchen waren im Schnee versunken. Es hätte besser zum Wetter gepaßt, wenn wir zu Weihnachten Eier gesucht und zu Ostern einen Tannenbaum geschmückt hätten.
Constri war krank. Meine Mutter und ich machten im Sonnenschein einen Spaziergang zu dem Grab meiner Großmutter Emmy, wo Christrosen blühten. Das Grab wird in fünf Jahren eingeebnet, nicht - wie wir befürchtet hatten - schon in diesem Jahr. Die Reihengräber auf dem Friedhof in Awb. können alle nur für zwanzig Jahre gekauft werden. Weitere fünf Jahre werden als Bonus daraufgelegt. Neu sind die Rasengräber, die teurer sind als die Reihengräber. Sie haben keine Grabbepflanzung, sind nur mit Rasen bedeckt. Neben die Grabsteine stellen die Angehörigen Vasen mit frischen Blumen, Blumentöpfe und Grablichte.



Abends fuhr ich mit Minette, Malvin und deren gemeinsamer Bekannter Siren nach OB., wo es - wie im vergangenen Jahr - eine Ostersonntags-Party im "Ferrum" gab. Ich trug das Korsett, das ich Minette abgekauft habe - glänzend, mit grauviolettem Schnörkelmuster. Dazu trug ich die Lackpuffärmel, das Samthalsband mit Kreuz, Herz und Anker in Straß, die langen Abendhandschuhe, die langen schwarzen Tüllröcke und in der Frisur zwei pinkfarbene Leuchtstäbchen, wie japanische Knotennadeln.
In der Lounge des "Ferrum" war das Buffet aufgebaut. Wir waren um halb elf da - rechtzeitig, um noch etwas davon abzubekommen. Besonders lecker fand ich die Nachspeise: Weiße-Schokoladen-Mousse mit weißen Schokoladenstückchen und Löffelbiscuits. Mitten in der Lounge saßen Herr Lehmann, seine Freundin, Duncan, Dolf und Darienne an einem Tisch. Darienne war gestylt mit einer dicken Schicht Makeup, Schmetterlingsbrille, geradem Pony, gepunktetem Haarreif, toupiertem Hinterkopf und Pferdeschwanz. Sie trug ein schwarzes Trägerhemdchen, ein Röckchen mit Pünktchen und hohe Plateaustiefel. Mit fassadenhafter Ausdrucks- und Leblosigkeit saß sie in der Runde. Minette und Malvin unterhielten sich kurz mit den Leuten an dem Tisch. Zum Essen setzten wir uns an einen Tisch in der Nähe. Als ich mir eine Afri-Cola holte, kam ich an dem Tisch vorbei, wo Dolf und Duncan noch saßen, während die anderen schon in einen der Tanzsäle gegangen waren. Dolf und Duncan hatten einen Pappkarton mit vielen Kärtchen vor sich, und Dolf beschrieb die Karten der Reihe nach.
"Was wird denn das für eine Care-Paket-Aktion?" fragte ich neugierig; da wurde mir klar, daß es sich um Autogrammkarten handelte.
"Oh", machte ich, "schnell weg, bevor ich einen Lachanfall kriege."
In der hinteren Area, wo Rafa auflegte, sagte ich zu Siren:
"Wenn damals im 'Elizium' jemand erzählt hätte:
'Ich habe ein Autogramm von Dolf!'
- dann hätten die Leute gurgelnde Tierlaute von sich gegeben und ihr Bier über den Tisch geprustet."
Siren ist eben erst volljährig und geht noch zur Schule. Sie erzählte, daß einige Mädchen in ihrer Schule Rafa verehren und damit angeben, ihn zu kennen oder ihn schon mal irgendwo in SHG. getroffen zu haben.
"Ich kenne ihn auch", habe Siren beiläufig zu ihren Mitschülerinnen gesagt.
Sie habe erzählt, woher sie ihn kenne und daß sie ihn nicht übermäßig beeindruckend finde.
"Rafa ist doch cool!" hätten die Mädchen erwidert.
"Rafa hat eine große Klappe und nichts dahinter", äußerte Siren ihre Meinung.
Sie erinnerte sich, daß Rafa im "Zone" die Tanzfläche regelrecht leergefegt habe, weil er absolut nicht das gespielt habe, was die Leute hören wollten.
"Im 'Ferrum' ist das anders", wußte ich, "da reißt er sich zusammen."
Die Tanzfläche war voll. Wie bei den vorherigen Parties, die ich im "Ferrum" besucht habe, legte Rafa zahlreiche Klassiker auf, und ich war oft auf der Tanzfläche.
Rafa trug eine Jacke mit Zebramuster, die er irgendwann auszog. Darunter trug er das enge langärmelige Shirt im Leopardenmuster und die schwarze Weste. Während der Nacht trug Rafa durchgehend die Sonnenbrille mit den runden Gläsern.
Auf der großen Leinwand an der Rückseite der Bühne konnte man Rafa noch einmal sehen, live mitgefilmt und darangebeamt, allerdings verfremdet: die Aufnahme war in Schwarzweiß, die Kontraste waren erheblich verstärkt, so daß Rafa mehr einer Comicfigur ähnelte.
Rafa stand meistens allein am DJ-Pult. Darienne war bis kurz vor Schluß in den Sälen unterwegs, meistens mit Herrn Lehmann und seiner Freundin.
Siren und ich wurden fotografiert, als wir an der Seitenwand des Saales standen und uns unterhielten. Die Bilder von allen Parties werden auf die Homepage des "Ferrum" gestellt. Diesen "Erinnerungs-Service" bieten immer mehr Locations. Aramis, der hier sonst auch immer fotografiert, war heute nicht da. Doch es gab ein Wiedersehen mit Denever. Er war so anschmiegsam wie beim letzten Mal, wobei hinzuzufügen ist, daß er allgemein gerne flirtet - mal mit dieser und mal mit jener. Denever legte öfters wie beiläufig den Arm um mich. Einmal, als ich dicht vor der Bühne tanzte - mit dem Rücken zu Rafa -, ging Denever hinter mir vorbei und kraulte die Schnürung meines Korsetts. Diese Geste ähnelte sehr meinen eigenen Gesten, wenn ich Rafa kraule.








Als ich mich mit Denever ein Weilchen vor der Seitenwand unterhalten hatte, kam es mir vor, als wenn Rafa mir Blicke herüberwarf. Ich mußte kichern. Dabei weiß ich nicht einmal, ob Rafa tatsächlich eifersüchtig gewesen ist.
Denever erzählte von seinem zwölfjährigen Sohn. Das Kind ist das Produkt einer flüchtigen Liaison. Denever betonte, daß ihm sein Sohn sehr viel bedeutet.
Als ich von meiner beruflichen Situation mit den überlangen Arbeitszeiten erzählte, erkundigte sich Denever, was ich beruflich mache.
"Ich bin Ärztin", antwortete ich. "Nur Ärzte sind so doof, daß sie sowas mit sich machen lassen."
"Mein Beruf ist auch so einer, bei dem man nicht drauf kommt", erzählte Denever. "Ich bin IT-Chef bei einer Schweizer Bank."
Denever gab mir Afri-Cola aus. Er wunderte sich, daß ich nichts Alkoholisches wollte. Viele Männer, die mir einen ausgeben, wundern sich darüber.
In der Lounge holte ich mir später noch eine große Schale heiße Schokolade mit aufgeschäumter Milch. Die trank ich in der hinteren Area an einem Stehtisch. Rafa schien mich zu betrachten, ebenso wie ich ihn betrachtete.
Als "Hypnotic Tango" von My Mine lief, das schon eines meiner Lieblingsstücke war, als Darienne noch nicht auf der Welt war, schien Darienne es darauf anzulegen, mir beim Tanzen in die Quere zu kommen, und zwar rückwärts und von hinten.
"Knochengerüst", sagte ich. "Dumm wie Brot."
Die Musik war zu laut, als daß Darienne mich hätte verstehen können; dennoch schien sie danach weniger Lust zu haben, sich mit mir anzulegen.
Während der Nacht war ich meistens in der hinteren Area, zwischendurch aber auch in der stets überfüllten Hauptarea. Unter anderem lief dort "Loaded" von Unit: 187, das sich durch einen treibend-verführerischen Rhythmus auszeichnet. Der Gesang ist verzerrt und ohne Melodie. Ich hätte gerne mehr Platz zum Tanzen gehabt.
Als ich am Geländer der Empore stand und auf die Tanzenden blickte, hoffte ich, in der Menge eine Alternative zu Rafa zu finden. Doch das war schon wegen des schwachen Lichts und der Entfernung nicht möglich.
Gegen Morgen versammelten Minette, Malvin, Siren und ich uns in der hinteren Area an einem Stehtisch. Darienne stellte sich vor die Bühne; sie winkte wild mit den Armen und schaute zu Rafa hinauf. Der kam zu ihr herunter und schien etwas mit ihr zu besprechen. Besonders zärtlich wirkte der Umgang zwischen den beiden nicht. Dennoch bin ich sicher, daß Rafa noch immer mit Darienne ins Bett geht; sie wäre sonst wohl kaum bereit, etwas für ihn zu tun. Und offensichtlich war sie seine Fahrerin. Nachdem alle anderen Bekannten von Rafa das "Ferrum" verlassen hatten, war Darienne noch da und kam zu Rafa hinters Pult, als er sich leise und etwas undeutlich durchs Mikrophon verabschiedete:
"So, das war's, kommt gut nach Hause."
Im Auto fragte Minette, was "Dari" zur Zeit macht; sie scheint sich mit Darienne kaum oder gar nicht unterhalten zu haben.
Rafa hat in sein Profil bei der Online-Szene-Kontaktbörse wieder eine Hetzrede gestellt. Er behauptet wie gewohnt, er hasse Frauen, und zugleich, er liebe Frauen. An der Stelle, wo er äußert, er hasse Frauen, setzte er neuerdings hinzu:

mal fett auf die Stalkerin abkotz

Meine Beschwerde über ihn beim Admin des Forums genügte mir nicht, ich wollte mich selbst noch zusätzlich äußern und stellte daher einige Mehrzeiler in mein Profil:


Rauchers Nachtlied.

Dein Leben war ein schlechter Scherz -
schwarz die Lunge, schwarz das Herz.
Vom Krebs zernagt bis auf die Knochen,
sinkst du nun bald ins Grab.
Und was im Leben du verbrochen,
steigt mit dir hinab.
Liebeswerben, Treueschwüre -
nichts, was du gabst, war je von Dauer.
Und was am Ende übrigbleibt,
ist mehr Erleichterung als Trauer:
"Seht, jetzt hat er seine Ruh' -
und wir haben sie noch dazu."


Rauchers Nachtlied.

O dass ich tausend Lungen hätte
und einen tausendfachen Mund!
In jedem eine Zigarette ...


Gamers Nachtlied.

Über allen Rechnern flockt Staub ...
aus allen Rechnern hörest du
kaum einen Sound.
Die Kippen schweigen im Ascher.
Warte nur, balde ruhest du auch.


Der Jäger wollte quarzen gehn

Der Jäger wollte quarzen gehn
Mit Feuerzeug so wunderschön
Dort, wo die kleinen Schnitten stehn
Hallo im grünen Walde.

Die erste Schnitte wollt ihn nicht,
die zweite wollt nur Feuer.
Die dritte lief davon so schnell
Hallo im grünen Walde.

Die vierte Schnitte war noch klein,
fiel mit Karacho auf ihn rein
und als er sagte: "Aus der Traum!"
hängt sie sich an den nächsten Baum
Hallo im grünen Walde.

Die fünfte Maid sprang übern Bach,
jedoch der Jäger sprang ihr nach,
worauf er sich die Gräten brach
Hallo im grünen Walde.

Er qualmt am trocknen Wiesenrand,
als er die Wiese setzt in Brand.
Es qualmt nun bald der ganze Wald
und übrig bleibt nur Asche
und in der Asche die Gebein'
von unserm armen Jägerlein
Hallo im grauen Walde.









"Rauchers Nachtlied" und "Gamers Nachtlied" sind freie Interpretationen von "Wanderers Nachtlied" von Goethe. "Der Jäger wollte quarzen gehn" ist frei nach "Der Jäger wollte schießen gehn" von Dörner entstanden. Auch Letzteres handelt von einem gewissenlosen Schürzenjäger.
Wenn mir etwas widerwärtig ist, versuche ich immer, es so zu verdrehen, daß es mich erheitert.
Am Kantinentisch erzählte Kollege Norwin von den Gefahren einer selbständigen Tätigkeit in eigener Praxis. Man müsse sich wegen jeder Beschwerde vor der Ärztekammer rechtfertigen. Einmal sei eine Zahnarzthelferin zu ihm in die Praxis gekommen, die über die Rentenversicherung eine Umschulung beantragen wollte. Sie habe ein Attest vorgelegt, das besagt habe, sie dürfe keine vorwiegend stehenden Tätigkeiten ausführen. Es habe ein weiteres Attest gegeben, das besagt habe, sie dürfe keine vorwiegend sitzenden Tätigkeiten ausüben. Anstatt zu fragen, was sie dann für einen Beruf ausüben wolle, habe Norwin erwidert, er kenne nur eine Tätigkeit, die liegend ausgeübt werde. Das habe ihm Ärger eingebracht. Vor der Ärztekammer habe er betont, das Wort "Nutte" - dessen Benutzung man ihm vorwerfe - gehöre nicht zu seinem Wortschatz.
Kollege Thormann erzählte, er sei vorsichtig, wenn es darum gehe, einem Patienten die Gewichtsabnahme zu empfehlen. Er wisse, wie schwer es sei, Pfunde loszuwerden, die sich einmal angesammelt hätten, und das betone er auch, wenn er zur Gewichtsabnahme rate. Er kenne schon den Spruch:
"Die Tür geht auf, ein Bauch kommt 'rein, das kann ja nur der Thormann sein."
Eine Sekretärin habe mal einen Schreibfehler gemacht, ausgerechnet in einem Arbeitszeugnis:
"Herr Thormann war ein allgemein beleibter Kollege."
Zum Glück fiel Thormann der Fehler auf, ehe er das Zeugnis an den nächsten Arbeitgeber weiterreichte.
"Na ja, eigentlich war es ja gar kein Fehler", gestand er zu, "nur macht es sich in einem Zeugnis nicht so gut."
Kollege Thormann regt sich über den gegenwärtigen ärztlichen Direktor auf, der gerne die Arbeit an ihn delegiert, die er eigentlich selbst machen müßte. Das kann auch durch eine schriftliche Anweisung geschehen, etwa des Wortlauts:
"Thormann, heute übernehmen Sie die Visite."
Wenn der ärztliche Direktor die Visite in der Abteilung für Orthopädie selbst übernimmt, soll das laut Schwester Evlin die reine Katastrophe sein: Er finde weder die Zimmer noch die Patienten.
Einmal, als Schwester Evlin zum ärztlichen Direktor wollte, sagte die Sekretärin:
"Ich glaube, Sie können jetzt 'rein, er hat gerade gute Laune."
Der ärztliche Direktor behindert durch immer mehr Besprechungen die Arbeit seiner Untergebenen. Er erfindet immer neue Listen, die er morgens verliest und mit denen er den Kollegen die Zeit stiehlt. Die Listen scheinen ein Versuch zu sein, in dem Chaos, das er selbst produziert, die Orientierung zu behalten und sich seiner Machtposition zu vergewissern. Er erreicht mit seinem arroganten, bornierten Verhalten aber nur, daß niemand mit ihm etwas zu tun haben will. Eine der neuesten Erfindungen des ärztlichen Direktors ist das "Bundle", eine Anordnung mehrerer Therapien gleichzeitig, was das Anordnen leichter machen soll, es in Wahrheit aber erschwert, weil bei jedem Patienten überlegt werden muß, welche der Therapien in dem "Bundle" für ihn gar nicht geeignet sind.
Am Kantinentisch dachten wir uns ein neues "Bundle" aus: eine Gummipuppe und eine Tablette Viagra.
Kollege Brownie hat erzählt, daß Frau Zehnt, die herrschsüchtige, heimtückische und aggressive Oberschwester des Hauses, so gefürchtet ist, daß den Schwestern die Angst in den Gesichtern steht, sobald sie auftaucht. Einmal hat Frau Zehnt mir gegenüber behauptet, alle Schwestern, die Probleme mit ihr hätten, würden ihr das sagen. Was sie zu dieser Annahme brachte, weiß ich nicht - vielleicht die Überzeugung, eine beliebte und vertrauenswürdige Kollegin zu sein. Jedenfalls entgegnete ich, daß sie gewaltig im Irrtum sei. Daß sie ihre Position überhaupt behält, kann daran liegen, daß sie den Geschäftsführer umgarnt. Ihr Ehemann soll deutlich jünger sein als sie. Meine Meinung dazu habe ich schon einigen jüngeren Männern gegenüber geäußert:
"Die ist häßlich wie die Nacht, sie hat ein abartiges Benehmen, und kein Mann, der bei klaren Verstand ist, würde so eine nehmen. Also kann der Mann, der sie genommen hat, nicht ganz dicht sein."
Frau Zehnt pflegt die Dienstpläne an den Wünschen der Schwestern vorbeizuschreiben. Als Schwester Miranda den neuen Dienstplan las, seufzte sie laut und rief dann:
"Schoki! Ist hier kein Schoki?"
Sie suchte die Schubladen durch. Ich konnte ihr aus meinem Depot mit einem Ritter-Sport-Täfelchen aushelfen.
Frau Zehnt nutzt ihre Machtposition auch dahingehend aus, daß gegen ihre Vorstellungen von einer ausreichenden Ernährung der Patienten nicht anzukommen ist. Während diejenigen Patienten, die selbst den Speisesaal aufsuchen können, eine normale Versorgung mit Lebensmitteln erhalten, geht es den hilflosen und schwer pflegebedürftigen Patienten wesentlich schlechter. Sie bekommen nur zwischen acht Uhr morgens und fünf Uhr nachmittags etwas zu essen. Während der restlichen fünfzehn Stunden müssen sie hungern. Argumentiert wird damit, daß nicht ausreichend Personal zur Verfügung steht, um diesen Patienten das Abendbrot zur Abendbrotzeit anzubieten. Also bekommen sie es dann, wenn andere Kaffee trinken, und das eigentliche Abendbrot fällt für sie aus.
Als ich auf der Station für besonders pflegebedürftige Patienten eingesetzt wurde, wo Frau Zehnt meistens anzutreffen ist, löste ich einen Kollegen ab, der gekündigt hatte - wie ich inzwischen auch. Der Kollege scheint ziemlich anspruchslos zu sein - oder ziemlich schüchtern. Er hatte sich den Vorstellungen von Frau Zehnt unterworfen, die verlangte, daß die Tür des Arztzimmers durchgehend offenzustehen hatte und daß der Stations-Kopierer im Arztzimmer zu stehen hatte. Die Patienten wurden zwar meistens in ihren Zimmern aufgenommen und untersucht, jedoch gab es auch Telefonate und Angehörigengespräche, die nicht unbedingt auf einen Stationsflur schallen mußten - ganz zu schweigen von Briefdiktaten, die in Abständen von wenigen Minuten gestört wurden, weil irgendjemand etwas zu kopieren hatte. Jedenfalls schloß ich stets die Tür des Arztzimmers und ignorierte die "Anordnungen", die Frau Zehnt mir ohnehin nicht zu geben hatte. Während eines Bereitschaftsdienstes - als Frau Zehnt nicht anwesend war - schob ich den Rollwagen mit dem Kopierer darauf ins Stationszimmer und ließ ihn dort vor der Seitenwand stehen. Darüber freuten sich alle Mitarbeiter, nur nicht Frau Zehnt. Sie sagte allerdings auch nichts mehr dazu.
Frau Zehnt glaubte, auch über die Arbeitszeiten der Ärzte bestimmen zu können. Sie wünschte, daß die Ärzte nicht um acht Uhr, sondern um sieben Uhr morgens zur Arbeit erschienen, damit die Blutentnahmen früher stattfinden konnten. Ich erklärte ihr, daß in diesem Fall unsere Arbeitsverträge geändert werden müßten, einschließlich der Dienstpläne, weil wir dann bereits um halb vier Uhr nachmittags Feierabend machen müßten und um diese Zeit auch die Bereitschaftsdienste beginnen würden. Das sei den Kollegen kaum zu vermitteln.
Ein Oberarzt, der nur kurz blieb, meinte frohgemut, wir könnten ja nun bald mit Samstags-Visiten beginnen. Ich erklärte ihm, daß wir uns in einer Reha-Klinik befanden und nicht in einer Stroke-Unit (eine Intensivstation für Schlaganfall-Patienten) und daß wir außerdem in einer Fünf-Tage-Woche arbeiteten, die vertraglich festgelegt war und nicht willkürlich in eine Sechs-Tage-Woche verwandelt werden konnte. Dazu konnte er nicht viel mehr als nicken.
Kollegin Alva erzählte von ihrer Großmutter, die im Alter von 93 Jahren starb. Bei der Trauerfeier erzählte der Pfarrer einen Witz, den die alte Dame ihm kurz vor ihrem Tod erzählt hatte, als er sie besuchte:

Ein Busfahrer und ein Pfarrer wollen in den Himmel. Petrus winkt den Busfahrer durch:
"Gleich auf Wolke 7!"
So leicht macht er es dem Pfarrer aber nicht. Der wundert sich:
"Warum läßt du mich nicht auch einfach so durch? Ich bin immerhin Pfarrer!"
"Wenn du gepredigt hast, hat die Gemeinde geschlafen", entgegnet Petrus. "Wenn aber der Busfahrer gefahren ist, haben alle gebetet!"

Es gibt immer wieder seltsame Geschichten von den Patienten zu hören. Eine Demenzkranke soll neulich eine lebhafte Auseinandersetzung mit ihrem Spiegelbild gehabt haben. Sie rief in den Spiegel:
"Ouch Mensch, das finde ich aber nicht gut, daß Sie mich nicht vorbeilassen wollen!"
Ihr Spiegelbild stellte sich ihr immer in den Weg.
Ginger - die ich durch Cyra kenne und die als Krankenschwester in HE. arbeitet - fragte mich am Telefon um Rat wegen ihres Ehemannes Tyce. Er habe sich im letzten halben Jahr zu seinem Nachteil verändert. Er verhalte sich seltsam, philosophiere herum, rede von Suizid und sei ausgezogen. Seinen jetzigen Wohnsitz wolle er nicht verraten. Ich empfahl, den Sozialpsychiatrischen Dienst zu informieren. Der Arbeitgeber habe Tyce bereits zum werkseigenen Psychologen geschickt. Ob es sich bei den Auffälligkeiten um einen bizarren Selbstfindungstrip bei gestörtem Selbstwertgefühl oder um eine Psychose handelt, ist noch unklar.
Ende März war ich bei Rikka. Ihr Lebensgefährte Domian ist zu ihr gezogen. Rikka erzählte, an sich komme sie gut mit Domian zurecht. Er arbeite zielstrebig auf eine gesicherte berufliche Zukunft hin. Jedoch gebe es immer wieder Streitereien, und Domian beleidige sie.
Rikka ist als Abteilungsleiterin im Lager eines Bekleidungshauses insgesamt zufrieden. Es falle ihr schwer, ihr Leben selbst zu strukturieren, und durch ihre Arbeit bekomme sie die Struktur, die ihr Halt und Sicherheit gebe.
Ihr Vater melde sich öfters bei ihr und äußere den Wunsch, sie zu sehen. Sie finde einfach keinen Draht zu ihm. Sie habe nie das Gefühl gehabt, daß er sich wirklich für sie interessiere und sich in sie hineinversetzen könne, und das sei bis auf den heutigen Tag so geblieben. Sie treffe sich zwar mit ihrem Vater, aber so selten wie möglich.
Zwei Wochen nach der Feier in S. gab es die dritte Feier zum siebzigsten Geburtstag meines Vaters. Meine Mutter ist nach der Trennung meiner Eltern in Awb. geblieben, und über sie konnte mein Vater die Sozialstation von Awb. - eine Art "Haus der Begegnung" oder Dorfgemeinschaftshaus - als Location organisieren. Meine Mutter war auch auf der Feier. Außerdem waren viele Freunde, Bekannte und Verwandte zu Gast, darunter die Geschwister meines Vaters samt Ehepartnern, mit Ausnahme des jüngsten Bruders und dessen Frau.
Das Buffet kam von einem Partyservice. Die Inhaberin - Solvey - kenne ich seit der Kindheit. In den siebziger Jahren mußten Constri und ich Solveys abgelegte Kleider auftragen, und die fanden wir nicht nur schön. Zudem hatte meine Mutter keinen Blick für Farbkombinationen, so daß wir in unserer Second-Hand-Garderobe manchmal wie Papageien aussahen.
Solvey hat ihren Ehemann Jarno, mit dem sie den Partyservice betreibt, bereits im Konfirmandenalter kennengelernt. Um das Jahr 1980 gab es eine kurze Trennungsphase. Jarno behauptete damals, er liebe Solvey nicht mehr. Solvey vermutet, das habe etwas mit Jarnos Mutter zu tun gehabt. Die habe Solvey nämlich nicht leiden können. Es dauerte allerdings nicht lange, da war der Spuk vorbei, und Solvey und Jarno heirateten.
Solvey kümmerte sich heute gemeinsam mit ihrer Tochter auf der Geburtstagsfeier meines Vaters um die Speisen und das Geschirr.
Constri, Denise und ich gingen nach dem Essen hinaus auf die sonnige Terrasse. Denise kletterte auf eine halbhohe Leuchte und lief auf dem stählernen Balken herum. Sie hüpfte über den hartblättrigen Bodendecker hinter der Leuchte und wollte auf einen Baum klettern, womit Constri jedoch nicht einverstanden war. Denise trug ein feines Kleidchen und sollte es nicht kaputtmachen. Es war ein pinkfarbenes Cordkleidchen mit Volants. Denises Haare waren von Constri zu vielen kleinen Zöpfchen geflochten und mit glitzernden Spangen verziert worden. Um den Hals trug Denise ein Kettchen aus rosa und lila Plastik-Perlen.
Am Nachmittag sollten einige Gäste etwas vortragen, wobei das sowohl Erinnerungen sein konnten als auch Lieder oder Gedichte. Eugen, der Zwillingsbruder meines Vaters, erzählte von der Granate, die er im Jahre 1945 gemeinsam mit anderen Kindern im Wald gefunden hat. Die Kindern hielten die Granate für eine Flasche und wollten wissen, was darin war. Sie versuchten, sie zu öffnen. Als Rauch herauskam, ergriffen mein Vater und Eugen die Flucht. Das rettete ihnen das Leben. Die beiden Siebenjährigen wurden ins Krankenhaus gebracht, jeder mit einem Splitter im Arm. Als die aufgelöste Mutter der beiden ins Krankenhaus kam, fragte mein Vater sie als Erstes, ob ein Nachbar die Schraube schon vorbeigebracht habe, auf die er wartete. Mein Vater war schon als Kind ein leidenschaftlicher Bastler.
So viel Glück wie Eugen und mein Vater hatten nicht alle. Ein Junge, der nicht rechtzeitig davonlief, als die Granate detonierte, bekam einen Splitter in die Lunge und starb.
Irmins Frau Jana erzählte die Geschichte von ihrem Brautkleid. Als sie im Sommer 1965 feststellte, daß sie schwanger war, verbannte ihr Stiefvater sie aus der Familie, und die Mutter, die keinen Unfrieden wollte, fügte sich. Irmin und Jana wollten das Kind, und sie wollten heiraten. Der damals achtzehnjährigen Jana graute davor, der zukünftigen Schwiegermutter Karoline von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Die aber reagierte gelassen:
"Das ist also schon die Dritte!"
Es stellte sich heraus, daß Maret und meine Mutter ebenfalls schwanger waren. Die allerdings waren bereits verheiratet.
Daß Jana und Irmin heiraten wollten, bevor das Kind zur Welt kam, beruhigte Karoline, kam man doch um einen Skandal herum. Was allerdings das Brautkleid betraf, so meinte Karoline, in Weiß müsse Jana nicht unbedingt heiraten, etwas Schlichtes sei passender. Als Jana meiner Mutter davon erzählte, entgegnete die:
"Heiraten tust du nur einmal im Leben, und dann solltest du nicht in Sack und Asche gehen! Komm', wir fahren in die Stadt und besorgen dir ein richtiges Brautkleid."
Da fühlte Jana sich verstanden und gestärkt. Die beiden Frauen durchkämmten alle Brautmodengeschäfte in S., doch es gab damals nirgends ein Brautkleid für Schwangere. Also gaben sie in einem der Geschäfte ein Kleid in Auftrag, es wurde eigens für Jana angefertigt, und sie heiratete in einem richtigen Brautkleid.
Meiner Mutter wurde auf der Geburtstagsfeier meines Vaters viel Anerkennung und Freundlichkeit zuteil, sogar von Maret, die sie einst verteufelt hatte, als sie sich von meinem Vater scheiden ließ.
Constri und ich erzählten aus unserer Kindheit und zeigten Bilder aus einem Buch, in dem meine Eltern Erinnerungen und Zeichnungen aus unserer Kleinkinderzeit gesammelt haben. In unserem Vortag erzählte ich von meinem ersten Friseurbesuch im Alter von drei Jahren, wo ich interessiert verfolgte, wie ich meinen ersten modischen Kurzhaarschnitt bekam. Und ich erzählte von den Trockenhauben, die damals in den sechziger Jahren noch eine seltsame, bedrohlich wirkende Form hatten. Constri und ich erfanden ein Lied über die Trockenhauben, das wir nun wieder sangen, in ähnlicher Betonung wie damals, als wir Kinder waren:
"Alle bösen Trockenhauben, wenn die Haare die Augen zumachen, sind die Haare bös, sind die Haare ätsch."
Constri erzählte aus der Zeit, als sie zwei Jahre alt war und erklärte, sie sei nur zu Besuch hier und heiße in Wahrheit Christa Wöhne. Mehrere Wochen lang war sie Christa Wöhne. Eines Morgens fragte sie unsere Eltern:
"Wo ist denn euer Klo?"
Damit unterstrich sie, daß sie nur zu Besuch da war und eigentlich eine ganz andere Familie hatte.
Ich las einen Text vor, den mein Vater geschrieben hatte, ungefähr in jener Zeit; Constri hieß da aber schon wieder Constri. Mein Vater war damals mit Autobasteln beschäftigt und sah, wie Constri sich auf ein Behältnis mit Altöl zubewegte. Mein Vater schrie aufgeregt, sie solle die Finger davon lassen. Da beugte Constri sich zu ihm herunter und fragte teilnahmsvoll:
"Was ist denn, Papa?"
Außerdem las ich einen Text vor, in dem mein Vater erzählte, daß er mit Frau und Kindern aufs Land fahren wollte und ich, damals fünf, nicht mitkommen wollte mit der Begründung:
"Ich brauche meine Ruhe."
Meine Eltern fanden diese Äußerung putzig, weil sie sich nicht vorstellen konnten, daß auch ein Kindergartenkind manchmal einfach nur seine Ruhe haben wollte.
Heutzutage bin ich froh, daheim stets meine Ruhe zu haben, wenn ich das will. Mir ist klar, daß das nicht selbstverständlich ist. Die Bedeutung von Ruhe und Freiheit wird oft unterschätzt, glaube ich.
Meine Mutter und Maret unterhielten sich längere Zeit. Meine Mutter erinnerte sich an einen Besuch von Maret, über den sie sich besonders gefreut hatte. Damals war sie erst kurze Zeit mit meinem Vater verheiratet und fühlte sich enttäuscht und unglücklich, weil er abends gewöhnlich erst bei seiner Mutter Zeitung las, ehe er nach Hause kam, und es konnte dabei recht spät werden. In ihrem Katzenjammer rief sie Maret an, und die sagte gleich, sie werde vorbeikommen. Maret ging zu Fuß den sieben Kilometer langen Weg, weil ihr weder ein Auto noch öffentliche Verkehrsmittel zur Verfügung standen. Die beiden Frauen verbrachten einen schönen, gemütlichen Abend miteinander.
Zwei Frauen waren in Trauer zu der Geburtstagsfeier erschienen, das waren Jana und Bellatrix. Jana trauerte um ihren Sohn Garret, der tags zuvor beerdigt worden war, und Bellatrix trauerte um ihren Mann Hardo, der bald sterben muß. Hardo bekam im Krankenhaus Chemotherapie, und es ging ihm sehr schlecht.
Jana und Irmin erzählten, Garrets Beerdigung sei würdig und stimmungsvoll gewesen. Neben vielen Verwandten seien auch viele Menschen aus dem Stadtteil erschienen, die Garret das letzte Geleit geben wollten. In der Kirche stand ein großes Bild, auf dem Fotos von Garret aus verschiedenen Lebensphasen zu sehen waren, und dabei standen Kerzen.
Gegen Abend, nach der Feier, fuhr ich mit Carl nach HB., wo Giulietta ihren Geburtstag feierte. Dort trafen wir unsere alten Freunde Folter, Rufus, Drees und Erdnußkopf. Es gab Feldsalat mit Balsamico-Dressing und andere Leckereien.
Erdnußkopf erzählte, daß Brinkus nicht mehr in einem Kiosk arbeitet, sondern bei einer Spedition. Er arbeitet jedoch nicht als Fahrer; er hat nach wie vor keinen Führerschein.
Rufus wohnt nach wie vor mit Geneviève in dem gemeinsam erworbenen Haus. Sie haben sich als WG arrangiert. Das sei nach der Trennung für beide die kostengünstigere und streßärmere Lösung.
Giulietta erzählte von einem makabren Erlebnis, das ihre Freundin Moira mit einem Versicherungsunternehmen hatte. Ein Mitarbeiter des Unternehmens rief Moira an und sagte zu ihr:
"Ihr Mann ist zwar schon tot, aber vielleicht wäre für Sie eine Sterbegeldversicherung attraktiv."
"Entschuldigen Sie", entgegnete Moira, "mein Mann ist gar nicht tot."
"Doch", widersprach der Versicherungsmitarbeiter, "der ist tot. Hier steht es auf dem Formular."
Da dachte die angebliche Witwe:
"Jetzt wird mir klar, warum mein Mann seit dreißig Jahren nicht mehr mit mir ausgehen will! Ich bin mit einem Toten verheiratet! Na ja, dann brauche ich mich ja nicht zu wundern."
Es dauerte eine Weile, bis Moira dem Mitarbeiter klar gemacht hatte, daß nicht alles stimmen muß, was in den Unterlagen steht, und daß ihr Mann noch lange nicht daran denkt, abzuleben.
Am letzten Sonntag im März war es besonders warm und frühlingshaft. Constri, Denise, Endera, Onno und ich fuhren zu Sarolyn und ihrer Familie. Wir lernten den jüngsten Sohn von Sarolyn und Victor kennen, den zehn Wochen alten Jovin. Wir gingen im Stadtwald spazieren. Sarolyn trug Jovin im Tragetuch. Unter den Bäumen blühten die Anemonen. Die weißen Blüten leuchteten in der Sonne, die zwischen den kahlen Ästen auf den Waldboden schien.
Constri gab die Geschichte von Moira, dem Versicherungsunternehmen und dem angeblich toten Ehemann zum Besten. Als sie eben damit fertig war und allgemeines Gelächter ausbrach, fiel hinter uns auf dem Fußweg, wo wir spazieren gingen, ein rotweißer Pfosten um, der jahrelang dort gestanden hatte und eine Feuerwehrzufahrt absperrte.
"Habe ich jetzt was Falsches gesagt?" fragte Constri. "Ist da vielleicht irgendein Toter beleidigt?"
Das schöne Wetter hatten wir erst seit wenigen Tagen. Eine Woche vorher - zu Ostern - war es noch winterlich gewesen, mit reichlich Schnee. Sarolyn erzählte, daß Victor und sie im Garten einen Schneehasen gebaut haben, mit langen Ohren.
An Azura mailte ich:

Jetzt hatten wir graue Weihnachten und weiße Ostern! Man sollte vielleicht die Feiern vertauschen - Krippenspiel im Frühling und Eiersuchen im Dezember.

Azura erzählte von ehemaligen Clubs in M., denen sie nachtrauert. Es gebe wenigstens Ersatz. Die Clublandschaft ist eine bewegte Welt. Viele Clubs und Veranstaltungshallen haben eine kurze Lebensdauer. Nur wenige schaffen mehrere Jahrzehnte. Das Großraum-Veranstaltungszentrum "Zone" in HF. gehört zu denen, die es seit mehr als zwanzig Jahren gibt.
Azura wünschte mir einen guten Start in meinem neuen Job im Mai. Sie ist Biologin, ebenso wie Berenice und Victoire. Azura ist mit ihrem Job in einem Labor sehr zufrieden. Sie schrieb:

In den nächsten Tagen werden wir die Analytica besuchen dürfen, die Messe für Chemie und Biotechnologie, aber eher zu unserem Vergnügen als für irgendwelche dringenden Fragestellungen. Das wird bestimmt lustig. Unter meinen Kollegen sind welche, die waren noch nie dort. Da muß ich dann wohl Fremdenführer spielen. :) Mein Freund wird auch draußen sein, aber der muß für seine Firma mit potentiellen Kooperatorenfirmen verhandeln.

Azura gefällt meine neue Katastrophen-Keks-Kollektion. Das Foto habe ich erst kürzlich online gestellt, die Kekse wurden aber bereits im Advent gegessen. Azura mailte:

Demnächst kannst Du noch Transrapid-Kekse backen, da gibt es dann ein leeres Blech, weil der Transrapid vom Hauptbahnhof zum Flughafen nach jahrelangem Hickhack nun auch nicht gebaut wird, da zu teuer :D :D (hurra, und ohne, daß ich dagegen stimmen mußte ...) oder Autobahn-Steinewerfer-Kekse (die mußt Du dann nur so hart backen, daß man damit einen erschlagen könnte ...) :D
Wie immer finde ich Deine Einfälle super, erst recht die mit hintergründiger Bedeutung ...

Dexter mailte mir einen Barcode als Datei, der den Namen meiner Website "www.netvel.de" codiert. Er hat ein Programm, mit dem er Texte und Ziffern in Barcode-Schrift umwandeln kann.
Im "Reha-Bunker" gibt es inzwischen dreizehn Oberärzte und nur noch eine Handvoll Assistenzärzte. Die Oberärzte werden konsequent von Vordergrund-Diensten verschont. Das bedeutet, nachts und am Wochenende muß stets ein Assistenzarzt vor Ort sein. Der Vordergrund-Dienstplan für die Assistenzärzte ist mittlerweile so eng getaktet, daß die durchschnittliche Wochenarbeitszeit eines Assistenzarztes bei 62 Stunden liegt.
In Bad O. gab es in einem griechischen Restaurant ein Abendessen mit Kollegen - inoffiziell, ungezwungen. Ich unterhielt mich längere Zeit mit Wilson, der als Oberarzt in der Abteilung für Orthopädie arbeitet. Wilson meinte, es sei wichtig, daß die Oberärzte sich nicht für Vordergrund-Dienste zur Verfügung stellen. Das würde ansonsten einem Dammbruch gleichkommen, und die Oberärzte würden genauso "verheizt" werden wie die Assistenzärzte. Wilson hat nichtsdestoweniger großes Verständnis für die Assistenzärzte, die das Weite suchen. Und das werden immer mehr. Ich gehöre auch dazu. Im Mai geht es für mich in der psychiatischen Klinik in Lk. los. Dort will ich meine Facharztweiterbildung abschließen.
Am ersten Samstag im April war ich bei meiner Kollegin Mina in BS., die ihren Lebensgefährten Arnon zu Besuch hatte. Sie servierte uns Pasta und Caprese und erzählte Arnon, daß Caprese "unser" Essen war, das Mina und ich vor sieben Jahren an den Kurswochenenden in Kingston immer beim Italiener gegessen haben. Die Wochenenden gehörten zu dem Zweitverfahren für die Facharztweiterbildung, "Gesprächspsychotherapie nach Rogers". Wir erinnern uns noch gut an die naiv-dogmatische Kursleiterin Silja, die überzeugt war, mit "Rogern" einfach alles heilen zu können. Mina meinte, ohne den zweiten Kursleiter - Kollege Hennig - wären die Kurswochenenden kaum zu ertragen gewesen. Hennig glich durch seine ruhige, entspannte Art Siljas teilweise recht verstiegen wirkenden Dogmatismus aus, bis hin zum schlichten Einschlafen in der Kursrunde.
Über die nun endlich aus Kingston verschwundene, aggressiv-dissoziale Kollegin Wilrun von Landau sagte Mina, nach dem, was ich über sie zu erzählen hätte, sei sie wohl doch nicht so ganz genießbar. Mina hatte bislang immer die Meinung vertreten, Wilrun sei hochanständig.
Daß es immer noch Kollegen gibt, die Wilrun irgendetwas Gutes zutrauen, liegt wahrscheinlich daran, daß Wilrun Unterschiede macht. Grundlosen Haß und unerschöpfliche Aggressivität bekommt nicht jeder von ihr, nur diejenigen, die sie zufällig auswählt. Zudem verhält sie sich hündisch-unterwürfig gegenüber vermeintlich "wichtigen", höhergestellten Personen, so daß ihrer Karriere keine Hindernisse im Weg stehen.
Mina erkundigte sich nach meinen Katzen Bastet und Domino. Ich beschrieb sie so:
"Sie sehen aus wie holsteinische Kühe, nur in Katze."
Abends gingen wir zu einer Ü30-Party in die Stadthalle von BS. Dort sieht es sehr schick aus, und es gibt fünf Areas. Die Musik fand ich überall zu lahm, das störte mich aber nicht, weil ich Minas wegen hier war. Außerdem traf ich Kollegen aus Kingston wieder.
Auf dem Raucher-Balkon herrschte wegen der räumlichen Verhältnisse gemütliche Enge. An Stehtischen versammelten sich die Raucher unter Heizpilzen. Ein junges Mädchen in Reklame-Outfit schleppte Zigaretten und Gratis-Artikel durchs Gedränge. Es baute an den Tischen nacheinander ein Kugelspiel auf. Man spielte gegen das Mädchen. Wer die Kugel auf einem Gewinde zuerst bis ganz nach oben gedreht hatte, bekam ein Werbegeschenk. Mitmachen durften nur Raucher. Mina gewann einen Aschenbecher, silbern und ziemlich schwer.
"Wenn du verheiratet wärst, könntest du damit deinen Gatten erschlagen", meinte ich.
Mina versicherte, nach Heiraten sei ihr nun gerade nicht.
Kurz vor drei Uhr morgens kam ich ins "Zone". Dort traf ich unter anderem Minette, Malvin, Highscore und Heather. Minette erzählte von ihrer Schwäche, sich von anderen Menschen abhängig zu machen. Das sei eine Gefahr für alle ihre Beziehungen, auch die zu Malvin. Der Partner werde überfordert, weil sie ihm Hilfs-Ich-Funktionen übertrage und ihm die Rolle einer allzeit verfügbaren Mutterfigur zuweise.
Über ihre Familie erzählte Minette, nur von ihrer älteren Schwester habe sie sich angenommen und geliebt gefühlt, obwohl sie sich häufig mit ihr gestritten habe. Die Schwester sei nach B. gezogen, als Minette noch ein Kind war, und sie habe ihr nachgetrauert. Als junge Frau sei die Schwester krank geworden und gestorben.
Heather erzählte, daß ihr Übergewicht ernsthafte gesundheitliche Probleme verursacht. Sie leidet an internistischen Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes mellitus Typ II, außerdem an Verschleißerscheinungen des Bewegungsapparats. Diätmaßnahmen konnten ihr nicht helfen.
Zu den heutigen Tanzflächen-Highlights im "Zone" gehörten "Lost" von Rotersand und "True Life" von Lights of Euphoria im Remix von VNV Nation. Minette ließ sich anstecken und ging trotz der späten Stunde noch einmal auf die Tanzfläche.
Valerien mailte zum Streik der Lokführer:

Lokführerstreik betrifft uns hier nicht. Hier wurden Anfang der 90er mehr als 90 % des Schienennetzes stillgelegt, und es gibt gerade mal WIEDER 2 Richtungen, in die Züge fahren, so daß uns Streik nicht berührt ...

Zu Depeche Mode und Kraftwerk mailte Valerien, Musik von diesen Bands habe man in der DDR nur bekommen, wenn man sie aus dem Radio aufnehmen konnte. Depeche Mode und Kraftwerk seien ab 1987 im Radio gespielt worden, zwei Jahre vor der Wende.
Valerien erzählte vom W.E-Fanclubtreffen im vorletzten Jahr, das im "Mute" stattfand. Es habe nicht nur die Party und die Konzerte im "Mute" geeben, sondern auch noch ein Rahmenprogramm, darunter eine Kahnfahrt und einen Restaurantbesuch. Es seien internationale Gäste angereist, denen die Fanclub-Fraktion in H. die Stadt gezeigt habe.
Valerien betonte, die Umbenennung einer der Parties im "Mute" in "Hörerclubtreffen" - was bei der Band W.E soviel wie "Fanclubtreffen" bedeutet - sei keineswegs eine Verlegenheitsaktion gewesen.
Im "Reha-Bunker" wird bei der Dienstplanung keine Rücksicht mehr auf Urlaubszeiten genommen, weil nur noch so wenige Assistenzärzte für die Vordergrund-Dienste zur Verfügung stehen. Beispielsweise sollte ich am 11. April Vordergrunddienst machen, obwohl ich ab dem 12. April Urlaub hatte. Ich hätte dann also in meinen Urlaub hineingearbeitet. Ich hatte bereits mitgeteilt, daß ich nicht zur Verfügung stand. Am 11. April war der ärztliche Direktor nicht in der Frühbesprechung, weil er selbst Urlaub hatte. Statt seiner war der Leiter der orthopädischen Abteilung da. Dieser Kollege hat eine Praxis in N., wo er an zwei Tagen der Woche arbeitet, und zusätzlich die Leiter-Stelle in Bad O., wo er eigentlich an drei Tagen der Woche arbeiten soll. Er hat allerdings mit seiner Drei-Tage-Woche genauso viele Urlaubstage wie jemand, der in Vollzeit arbeitet. Das bedeutet, er hat summa summarum zehn Wochen Urlaub im Jahr. Dementsprechend selten ist er in der Klinik anzutreffen. Heute - es war Freitag - wollte er offenbar schnell mit der Frühbesprechung fertig werden. Als ich anmerkte, den Dienst-Pieper heute nicht übernehmen zu können, da ich ab Mitternacht Urlaub hatte, widersprach der Kollege:
"Sie haben heute Dienst!"
"Nein", entgegnete ich. "Ich lasse mich krankschreiben."
Sprach's und verschwand.
Auf einem Autohof holte ich mein Fieberthermometer hervor, weil ich mich schwach fühlte. Ich hatte Fieber. Sofort fuhr ich zu meinem Hausarzt und ließ mich krankschreiben. Ich hätte mich und andere in Gefahr gebracht, wenn ich mit Fieber gearbeitet hätte - und dann auch noch im Nachtdienst. Ich hätte nur zusammenzubrechen brauchen, und das Haus mit mehr als vierhundert Patienten wäre ohne Arzt gewesen. Zudem habe ich mir wohl gemerkt, was mir Pythagoras im vergangenen Sommer auf der "Salix" erzählt hat. Er hat mit einer Grippe gearbeitet und ist seitdem schwer herzkrank.
Nun war ich bis zum Ende der folgenden Woche krankgeschrieben und konnte mich auskurieren. Ich schickte die Krankschreibung noch am selben Tag weg. Einige Tage später erhielt ich ein Schreiben, in dem ich gebeten wurde, eine Krankschreibung vorzulegen. Ich antwortete, daß diese längst abgeschickt sei und schon im Hause eingetroffen sein müßte. Wegen der Krankmeldung ging mir meine Urlaubswoche nicht verloren, sondern mußte angehängt werden. Nur in der letzten Aprilwoche konnte ich meine Urlaubstage noch nehmen, weil ich schon ab Mai in der psychiatrischen Klinik in Lk. tätig war. Der Verwaltungsleiter des "Reha-Bunkers" tobte, doch es half ihm nichts. Ich war weg und blieb weg, unantastbar legal. Aus Rache behielt die Verwaltung meine grüne Befreiungskarte ein und lehnte die Herausgabe konsequent ab. Bei dieser Karte handelt es sich um ein grünes Stück Pappe, das bestätigt, daß ich nicht gesetzlich krankenversichert sein muß, sondern mich privat versichern darf. Weil die Karte nun weg war, muß ich in Zukunft zu Beginn jeder neuen Tätigkeit eine Bescheinigung der AOK anfordern. Die grünen Pappkarten sind nämlich abgeschafft worden. Nur wer noch eine hat, kann sie dauerhaft verwenden.
Mein unmittelbarer Vorgesetzter - der Chefarzt der neurologischen Abteilung - hatte sich schon Anfang des Jahres in den Krankenstand begeben. Er hatte mehrfach angedeutet, er leide an Depressionen. Dennoch schaffte er es, mir ein sehr gutes Arbeitszeugnis zu schreiben. Zuletzt war er im "Reha-Bunker" sehr unglücklich gewesen, auch wegen des zunehmenden Personalmangels, der im Wesentlichen auf die Firmenpolitik zurückzuführen ist.
"Mich schützt keiner!" hatte er immer wieder geklagt.
Jetzt schützte ihn die Krankschreibung, wenigstens so lange, bis sein Jobwechsel geschafft war. Kurz nach meinem Weggang aus dem "Reha-Bunker" ging er nämlich selbst und wurde Chefarzt in der Nachbarklinik. Er hat vor einiger Zeit erzählt, er stamme aus S. - ebenso wie ich -, und dort sollte eigentlich sein Grab sein, doch nun sei er "im tristen Westfalen" gelandet.
Auch mit der Chefsekretärin habe ich mich immer gut verstanden. Sie verschenkt gerne "Schokolädle", winzige Schokoladentäfelchen von Ritter Sport. Man erwähne dazu, daß die Firma Ritter Sport in der Nähe von S. ihren Sitz hat.
Sehr sympathisch finde ich auch den Maler im "Reha-Bunker", der bei der Arbeit gerne Schlagermusik hört. Als er eines Tages kollabierte, veranlaßte ich seine Aufnahme in einem Allgemeinkrankenhaus, von wo aus er in die Psychiatrie in Lk. verlegt wurde. Als der Maler wieder arbeitete, berichtete er, er habe sich wohl übernommen und deshalb einen Schwächeanfall erlitten. Der Aufenthalt in Lk. habe ihm sehr gut getan. Es sei ein guter und freundlicher Ort, wo ich bald arbeiten würde.
Eines der irrwitzigsten Erlebnisse im "Reha-Bunker" hatte ich mit einem Oberarzt in der Abteilung für Innere Medizin. Er heißt Asmo, und ich lernte ihn beim Mittagessen in der Kantine kennen. Asmo veränderte sich im vergangenen Sommer auf seltsame Art. Während ich ihn beobachtete - wie er redete, seine Mimik, seine Gesten - fielen mir, die ich seit Jahren in der Neurologie tätig bin, lauter psychiatrische Begriffe wieder ein, nämlich die Symptome der Schizophrenie. Meine Verdachtsdiagnose wurde in den kommenden Wochen durch vielerlei Beobachtungen und Berichte anderer Mitarbeiter untermauert. Asmo war tatsächlich wahnsinnig geworden. Er verlor auf eigenartige Weise seine Kontokarte, weshalb ich ihn in der Kantine mehrmals freihielt. Asmo erzählte - ohne daß ihm das im Mindesten peinlich vorkam -, daß er sich neuerdings von einem Kirschbaum ernähre. Er habe den Besitzer des Baumes gefragt, ob er ernten dürfe. Im heißen Sommer wurde Asmo beobachtet, wie er mit bloßem Oberkörper und einem Handtuch um den Kopf durch das belebte Foyer ging. Als ich ihn später darauf ansprach, erklärte er, ihm sei warm gewesen. Die Unangemessenheit seines Verhaltens begriff er nicht. Zudem berichteten die Schwestern auf der Station, wo Asmo eingesetzt war, daß er überall die Wasserhähne aufdrehte und sinnlos laufen ließ. Man nennt so etwas "Fehlhandlungen". Bei der Schizophrenie ist häufig ein Wahn der Grund für Fehlhandlungen. Bei Asmo handelte es sich vermutlich um eine Art "Wasserwahn". Zudem wurde beobachtet, daß Asmo im Stationszimmer die Balkontür öffnete und im angrenzenden Pflegearbeitsraum ebenfalls. Danach lief er immer im Kreis: über den Flur, durchs Stationszimmer, auf den Balkon, in den Pflegearbeitsraum, über den Flur und so weiter. Die heftigste Fehlhandlung war wohl, daß Asmo während einer Visite in einem Patientenzimmer wie beiläufig aus dem Obstkorb der Patientin eine Banane nahm, diese genüßlich verspeiste und sich danach die Bananenschale über das Ohr hängte. Als ich ihn später darauf ansprach, erklärte Asmo, er habe "großen Hunger" gehabt.
Irgendwann wurde es der Unternehmensführung zu bunt. Asmo sollte verschwinden. In der Kantine telefonierte er mit dem Arbeitsamt, so daß jeder mithören konnte. Asmo erzählte freimütig, er sei arbeitslos, verheiratet und habe eine Tochter. Man bedenke, daß die Kantine im "Reha-Bunker" Teil eines Cafés ist, in dem nicht nur die Mitarbeiter essen, sondern wo auch Besucher und Patienten einkehren.
Ich riet Asmo dringend, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben. Das sah er jedoch nicht ein. Stattdessen entwickelte er einen Liebeswahn - so ähnlich, wie ich ihn schon vom Sockenschuß kenne. Während allerdings der Sockenschuß mir gegenüber regelrecht aggressiv wurde, verhielt Asmo sich eher jammerig und überschüttete mich mit schwülstigen SMS-Nachrichten. Daß er verheiratet war, schien für Asmo keine Rolle mehr zu spielen. Ich antwortete auf sämtliche Annäherungsversuche stereotyp, er solle zum Psychiater gehen.
Die Unternehmensführung entschied letztlich, Asmo nach Bayern zu fahren, wo sich eine weitere Klinik des Unternehmens befindet. Auf diese Weise brachte man viele Kilometer zwischen Asmo und Bad O. Man konnte ihm außerdem die Klinik in Bayern als zweite Chance verkaufen. Nach seinem Verschwinden aus Bad O. im Herbst des vergangenen Jahres habe ich nichts mehr von Asmo gehört und bin damit mehr als zufrieden.
Auch ein Kollege namens Osborne wird mir dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Er gab nur ein "Gastspiel" von wenigen Monaten, ähnlich wie Asmo, doch das reichte dafür schon aus.
Osborne war im Kontakt durchaus nett. Er erzählte nicht ohne Stolz, wie er eine doppelseitige Lungenembolie überlebt hat. Er lächelte stets freundlich. Ich fragte mich, ob die Patienten, die er behandelte, an einer Störung des Geruchssinnes litten. Wenn dem so war, dann war es für die Patienten eine Gnade. In der täglichen Frühbesprechung saß Osborne immer vor der Schrankwand hinten im Saal, und ich saß gegenüber, am offenen Fenster. Uns trennten mehr als fünf Meter, jedoch stank sofort der gesamte Saal, wenn Osborne hereinkam. Er roch wie ein offenes Abflußrohr. Wenn ich ihn beobachtete, wie er freundlich vor sich hinlächelnd am Tisch saß, drängte sich mir die Vorstellung von lauter Fliegen auf, die in seiner Nähe tot zu Boden stürzten. Und Fliegen sind Einiges gewöhnt.
Was Osborne zur Stinkbombe machte, erfuhr ich nach und nach durch Kollegen: Abends trank er Unmengen von Alkohol, danach aß er reichlich Knoblauch, um den morgendlichen Geruch des Restalkohols zu überdecken. Die Kombination von Knoblauch und Alkohol ergab jene Mischung, die ich als Körperverletzung einstufe. Osborne wußte, daß die ärztlichen Kollegen verpflichtet sind, an der Frühbesprechung teilzunehmen, und daß sie also nicht einfach das Weite suchen können, wenn ein stinkender Kollege den Saal betritt. Ob Osborne eine Vorstellung davon hatte, welche Ausmaße sein Gestank erreichte, bleibt unbekannt.
Der Nachtportier soll nicht schlecht gestaunt haben, als Osborne volltrunken um ein Uhr in der Frühe die Türglocke betätigte. Osborne soll mehr hereingekrochen als -gegangen sein.
Daß Osborne überhaupt um diese Zeit in den "Reha-Bunker" wollte, lag an seiner Wohnsituation. Er hatte im "Reha-Bunker" Wohnung genommen, als er seine Stelle antrat. Die Klinikleitung hält für Mitarbeiter des Hauses die Möglichkeit vor, zu geringem Preis ein Patientenzimmer mit Bad zu beziehen, im obersten Stockwerk eines ruhigeren Gebäudeteils. Dort lebt auch der ewig unzufriedene Kollege Rainy. Allerdings können die Mieter dieser Suiten das Gebäude nachts nicht betreten, ohne daß ihnen der Nachtportier die Außentüre öffnet. Hinaus kommt jeder ungesehen, der die Feuertreppe benutzen kann. Doch der Schlüssel, mit dem man von außen die Tür zur Feuertreppe öffnen kann, wird den Mietern nicht ausgehändigt. Ohnehin dürfte Osborne im betrunkenen Zustand kaum noch in der Lage gewesen sein, sich unfallfrei auf der Feuertreppe zu bewegen.
Der Spuk hatte ein Ende, als mein Vorgesetzter - der Chefarzt der neurologischen Abteilung - den stinkenden Kollegen hinauswarf.
Was die psychiatrische Klinik in Lk. betrifft, so habe ich schon mehrere Patienten vom "Reha-Bunker" dorthin verlegt. Unter ihnen war eine Dame, die verwirrt im Stationszimmer stand und die Nachtschwester bat, sie nicht zu stören, weil sie gerade ein Fußballspiel schaue. Es war jedoch kein Monitor in der Nähe.
Wahnsinn gibt es im "Reha-Bunker" nicht nur bei Mitarbeitern und Patienten, sondern auch bei der personellen Ausstattung. Inzwischen muß ich mich als Stationsärztin um hundert Patienten kümmern, von denen mindestens zwanzig schwer und mehrfach erkrankt sind. Dazu kommen die Bereitschaftsdienste. Da die Geschäftsführung mehr und mehr auf Schwerstpflegefälle setzt - die das meiste Geld bringen -, werden auch immer mehr solcher Patienten zu uns verlegt, vor allem in die Abteilung für Neurologie, in der ich arbeite. Unter ihnen gibt es auch solche, deren Großhirn weitgehend ausgefallen ist. Man nennt das "apallisch" oder "Wachkoma". Neben einem dieser Patienten habe ich mich gefühlt wie in einer Aufbahrungshalle. Zynisch könnte man von einem "Hotel der lebenden Toten" sprechen. Aus meiner Sicht würde man der Verantwortung für diese Patienten am ehesten gerecht werden, wenn man sie in ein Pflegeheim verlegen würde, anstatt sich in einer Reha-Klinik an ihnen abzuarbeiten.
Als sich im vergangenen Herbst der Personalbestand bei den Assistenzärzten immer mehr lichtete - die hauptsächlich die Stationsarbeit und die Bereitschaftsdienste übernehmen -, bekamen wir in der neurologischen Abteilung eine Art von Hilfe, mit der wir rein gar nichts anfangen konnten. Es handelt sich um zwei illustre Gestalten, die einen guten Draht zur Geschäftsführung zu haben scheinen: eine Dame ohne medizinische Fachkenntnisse und einen Herrn Professor, der schon recht abgebaut wirkt, dafür aber umso mehr von sich und seiner Kompetenz überzeugt ist. Die Dame heißt Frau Wand, der Herr Professor ist der Herr Professor Wunderlich. Frau Wand läuft gern im flatternden weißen Kittel durchs Haus und wird von vielen Patienten für eine Ärztin gehalten. Sie hat immer wieder flotte Ideen, die mit der Realität kollidieren. Unter anderem schlug sie vor, die Nische, in der sich der Zugang zum Feuerwehraufzug befindet, zum Physiotherapie-Raum umzufunktionieren. Man brauche den Aufzug ja nicht mehr, wenn alle Therapien auf der Station stattfänden. Ich wies darauf hin, daß es sich bei dieser Nische um einen Rettungsweg handelt, der nicht verstellt werden darf. Zudem sei es bei der An- und Abreise bettlägeriger Patienten erforderlich, sie mit dem Aufzug zu transportieren. Glücklicherweise konnte ich mich mit meinen Argumenten durchsetzen.
Der Herr Professor Wunderlich sagte über einen unserer Patienten im Wachkoma, den könne man bestimmt wieder auf die Beine bringen. Er befinde sich in der "Krabbel-Phase", daher sei es sinnvoll, den hilflosen Mann auf dem Fußboden auf eine Matte zu legen, damit er wieder lerne, zu robben. Man müsse ihm nur genug Zeit geben, bis zu anderthalb Jahren. Zum Glück konnte ich verhindern, daß diese aberwitzige Idee umgesetzt wurde.
Als mich die Ergotherapeutin fragte, was sie mit dem Wachkoma-Patienten für Übungen machen sollte, antwortete ich, sie könne ihn etwas durchbewegen, ansonsten könne sie nichts für ihn tun. Er sei lediglich hier, um Geld in die Kasse zu bringen, denn für Phase-B-Patienten - zu denen dieser schwer beeinträchtigte Patient gehörte - gebe es besonders hohe Sätze. Es dauerte etwa sechs Wochen, bis der Patient endlich in ein Pflegeheim verlegt wurde. Der "Erfolg" der Reha-Maßnahme bestand darin, daß er sich im "Reha-Bunker" mit dem berüchtigten Problem-Bazillus "MRSA" angesteckt hatte. Ansonsten war der Zustand unverändert.
Eine ähnliche Entwicklung gab es bei einer Schlaganfall-Patientin, die schwer pflegebedürftig ankam. Es war aufgrund ihres Zustands absehbar, daß dies auch so bleiben würde. Alle Therapien halfen nichts, alles blieb, wie es war. Da wir jedoch die Vorgabe hatten, in die Musterbriefe - wie sie von uns verlangt wurden - den Behandlungserfolg zu beschreiben, schrieb ich:
"Die Mobilität wurde verbessert. Sie war in der Lage, mit Hilfe dreier Pflegekräfte zu stehen."
Das kann auch ein Sack Mehl.
Bei dieser Vorstellung bekam ich das, was man als "Kopf-Kino" bezeichnet - und mußte das Diktat unterbrechen, weil ich minutenlang vor Lachen nicht mehr reden konnte.
In jedem Entlassungsbericht sollten wir erwähnen, ob sich "die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft verbessert" habe. Das klingt geradezu absurd, wenn man einen hilflosen, bewegungsunfähigen, oftmals auch verwirrten Patienten vor sich hat, der dem Tod näher ist als dem Leben und dessen Weg ins Pflegeheim führt.
Nicht bei allen Patienten schrieb ich denn auch etwas zur "Teilhabe am Leben in der Gesellschaft". Einer Patientin mit einer ungewöhnlich aggressiven Form der Multiplen Sklerose - wobei man sich schon fragen muß, ob das nicht etwas anderes war als Multiple Sklerose - ging es buchstäblich von Tag zu Tag schlechter, sie konnte immer weniger und war schließlich kaum noch in der Lage, zu atmen, so daß ich sie in eine neurologische Akutklinik verlegte und die Reha-Maßnahme abbrach. Das schrieb ich auch so in dem Brief.
Die Damen vom Schreibdienst brachten mich öfters unfreiwillig zum Lachen. Als ich diktierte:
"Rollator empfohlen."
- stand da nachher:
"Rollator in Polen."
Zeitweise hatten wir eine Krankenschwester auf der Station, die sich nicht immer an Anordnungen hielt. Ein Schlaganfall-Patient hatte eine Halbseitenstörung namens "Neglect". Das heißt, der von ihm selbst wahrgenommene Körpermittelpunkt war verschoben. Wer eine solche Störung hat, kann das Gleichgewicht nicht mehr halten. Er fällt sofort um, weil er das Gewicht zu weit zur gesunden Seite verlagert. Der besagte Patient hatte sich vor seinem Schlaganfall mit Hilfe eines Behindertenfahrzeugs gut bewegen können. Als er nach dem Schlaganfall wieder auf das Behindertenfahrzeug stieg, fuhr er damit sogleich gegen Wände und Möbel und gefährdete andere Personen auf der Station. Sobald ich davon erfuhr, ordnete ich an, daß der Patient den Schlüssel seines Behindertenfahrzeugs abgeben mußte. Das geschah auch. Wenige Tage später hörte ich mehr zufällig von einem Herrn, der mit einem Behindertenfahrzeug im Foyer der Klinik in gefährlicher Weise herumkurven sollte. Wie sich herausstellte, hatte sich die Krankenschwester, die sich nicht immer an Anordnungen hielt, auch nicht an meine Anordnung gehalten, dem Patienten den Schlüssel des Behindertenfahrzeugs nicht mehr auszuhändigen. Sie erklärte, der Patient habe sie um den Schlüssel gebeten, deshalb habe sie ihm den Schlüssel gegeben.
"Was für eine Logik", dachte ich.
Am Ende landete das Behindertenfahrzeug in einem Lager, die Krankenschwester verlor ihre Stelle, und der Patient bekam einen einfachen Rollstuhl zur Verfügung gestellt, mit dem er immer wieder gegen dieselbe Wand fuhr, allerdings in einer Weise, in der er weder sich selbst noch andere Personen nennenswert gefährden konnte.
Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich die Krankenschwester nicht gleich hinausgeworfen. Allerdings weiß ich nicht, was hinter den Kulissen noch alles passiert ist.
Am Samstag nach meiner Krankschreibung ging es mir ein wenig besser, so daß ich an Elaines erstem Abendmahl teilnehmen konnte. Es fand in der Kirche statt, wo Elaine am Sonntag konfirmiert werden sollte.
Elaine erzählte von den Manga-Comics, die sie liest. Sie ist ein Cosplay-Fan und kann sich in der Parallelwelt der Manga-Figuren verwirklichen. Cosplay bedeutet, sich so zu kostümieren wie Figuren in Comics oder Filmen und diese Rollen für Foto- und Videosequenzen zu inszenieren.
Wegen meiner Erkrankung verzichtete ich am Wochenende aufs gesamte Nachtleben und sorgte für genügend Schlaf.
Zur Konfirmation drehte Merle ihrer Tochter die Haare auf, so daß sie in Locken über ihre Schultern fielen. Constri zauberte Elaine nach einer Internet-Vorlage eine Steckfrisur, einen Dutt mit heraushängenden Löckchen. Elaine trug das weiße Puffärmel-Blüschen und das schwarze Spitzenröckchen, dazu eine blickdichte schwarze Strumpfhose und schwarze Riemchen-Ballerinen, und weil es kühl war, zog sie eine taillierte schwarze Samtjacke mit Schößchen über. Sie wählte straßbesetzte Ohrgehänge und schminkte sich dezent. Merle hatte verhindern können, daß Zoë Elaine die Augenbrauen zupfte.
"Was für eine Sünde", seufzte Merle. "Elaine hat so schöne Augenbrauen, wie gemalt, und Zoë will sie ihr ausreißen. Das gibt's nicht."
Constri schenkte Elaine straßbesetzte Ohrringe aus Silber. Ich schenkte ihr einen Schmuckkasten, Schminke in glitzernden Pastelltönen und straßbesetzte Ohrgehänge aus der Drogerie. Zoë schenkte Elaine ein gerahmtes Poster mit Giraffen darauf, Elaines Lieblingstiere. Elaine bekam von ihren Verwandten hauptsächlich Geldgeschenke, die sie auf ein eigenes Konto tun wollte. Wir rieten ihr, sich nach der Höhe des Freibetrags zu erkundigen, damit ihr der Staat das Geld nicht gleich wieder wegnahm.
Zoë kam nicht mit in die Kirche; angeblich verträgt sie die Luft dort nicht. Wir vermuteten einen ähnlichen Zusammenhang wie den zwischen Vampiren und Kreuzen oder dem Teufel und Weihwasser.
Elaines Cousine Griseldis ist bereits fünfzehn Jahre alt, wurde aber erst jetzt konfirmiert, damit die Familie nur eine Feier für beide Mädchen organisieren mußte. Griseldis trug ein Kleid, das man als "Kleines Schwarzes" bezeichnen kann. Es ist mit silbernen Lurexfäden durchwirkt und hat transparente Ärmel. Meiner Ansicht nach paßt es eher zu einer Party als zu einer Konfirmation. Der Glaube scheint Griseldis ohnehin nicht viel zu bedeuten. Das Kreuz, das allen Konfirmanden umgehängt wurde, nahm sie sogleich wieder ab - mit der Begründung, es passe nicht zum Kleid. Ihr Stiefgroßvater Benno warnte, das bringe Unglück.
Constri fiel auf, daß Elaine von allen Konfirmanden am meisten lächelte, Griseldis hingegen am wenigsten. Constri sah Griseldis nicht ein einziges Mal lächeln, auch bei der nachmittäglichen Feier nicht.
Constri machte Elaine ein weiteres Geschenk zur Konfirmation: einen Film von der Einsegnung und der Feier.
Elaine lernte ihren Konfirmations-Spruch auswendig:
"Gottes Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiß." (Psalm 33,4)
Sie meinte, den Spruch sich zu merken, sei gar nicht so einfach.
In der strahlenden Mittagssonne machten Elaine, Merle, Constri und ich eine Foto-Session an einem Tor in der alten, efeuüberrankten Bruchsteinmauer hinter dem Viertel, wo Merle und Elaine wohnen.
Zum Mittagessen fuhren wir zu mir. Es gab Hühnersuppe und aufgebackene Ciabattini. Derek brachte Denise zu uns, die bei ihm übernachtet hatte.
Merle stellte fest, daß sie eine Katzenallergie hat. Mein Kater Bisat, der 2006 verstorben ist, hatte Siamkatzen-Anteile und wirkte auf Merle weit weniger allergieauslösend als Bastet und Domino.
Die Konfirmationsfeier fand im Festsaal einer Feuerwache statt. Es gab Kaffee und Kuchen, später ein Buffet. Denise saß auf dem Boden, malte und entwarf Szenarien mit verschiedenen Spielfiguren. Nachher spielte sie im Hof mit einem Jungen in ihrem Alter. Denise grub bitumenhaltigen Sand aus, und als beide Kinder stolz mit pechschwarzen Handflächen in den Saal stürmten, wurden sie von den Muttis ins Bad geschleppt und gereinigt. Vorher schnappte Constri sich noch Denises Hände und stempelte die schwarzen Handflächen auf ein Stück Papier. So entstand ein richtig aus dem Leben gegriffenes abstraktes Kunstwerk. Zoë hat das "Bild" einige Tage später laminiert, in dem Copyshop, wo sie jobbt.
Benno hat eine neue Lebensgefährtin - Mariette -, die bei ihm am Tisch saß. Er war vorher mit Merles Mutter verheiratet, die Ende des vergangenen Jahres verstorben ist. Merles Eltern haben sich vor Jahrzehnten getrennt.
Benno erzählte, Merles Mutter habe gegen Constri und mich gehetzt. Sie habe uns als "die schwarze Fraktion" bezeichnet und behauptet, wir seien "nicht geheuer". Vielleicht störte sie unsere Party-Garderobe, die wir zum Ausgehen anziehen. Diese ist jedoch keineswegs nur schwarz. Vermutlich neigte Merles Mutter zu Vorurteilen und einem vereinfachten, klischeehaften Denken. Ihre Abhängigkeit von Alkohol, Nikotin und Beruhigungstabletten dürfte die Vereinfachung ihrer Wahrnehmung noch gefördert haben. Soweit ich mich erinnere, hörte Merles Mutter anderen Menschen kaum zu und nahm selbst viel Raum in einer geselligen Runde ein. Benno erzählte, er habe die Meinung von Merles Mutter nie geteilt. Er sei sich im Klaren darüber, was Constri und ich schon alles für Merle und Elaine getan hätten.
Merles Mutter wurde nur 69 Jahre alt. Benno begrub sie im vergangenen November. Er erzählte, wie er Mariette kennengelernt hat. Er ging Heiligabend zur Kirche; wegen der Glätte und des Parkplatzmangels wollte er nicht mit dem Auto fahren. Dasselbe hatte sich Mariette gedacht. Auf dem Weg trafen sie sich - noch Fremde -, und Benno wünschte ihr frohe Weihnachten. Mariette fragte:
"Sind Sie auch auf dem Weg zur Kirche?"
Sie kamen ins Gespräch. Daraus wurde eine Partnerschaft. Mariette ist verwitwet, wie Benno, und sie ist in Bennos Alter, um die Siebzig. Die beiden empfinden es als himmlisches Weihnachtsgeschenk, daß sie sich begegnet sind.
Abends rief Magnus an und erzählte, daß er Mitte Juli in einem Bunker in BO. eine Party mit historischen Computern veranstalten will. Die Computer-Party "Salix" wird es in Zukunft nicht mehr geben, weil keine geeignete Location mehr zur Verfügung steht. Die Gaststätte, in der die "Salix" zuletzt stattfand, ist geschlossen.
Magnus erzählte von seinen Versuchen, eine Partnerin zu finden. Ich meinte dazu, daß die Chancen steigen, wenn man einen eigenständigen Haushalt führt. Magnus sah bisher noch nicht die Notwendigkeit, seinen Haushalt unabhängig von seiner Mutter zu führen. Sie ist für seine Wäsche und sein Essen zuständig, und er befürchtet, ihre Planung könnte durcheinandergeraten, wenn er das ändere. Außerdem könne er jederzeit die Verhältnisse ändern, wenn eine Partnerschaft in Aussicht stehe. Ich meinte, es sei ratsam, die Lebenssituation zu verändern, ehe man eine Partnerschaft suche. Dadurch erlange man eine Ausstrahlung von Unabhängigkeit, die auf erwachsene, unabhängige Frauen anziehend wirke. Rafa beispielsweise könne nur sehr junge, unreife Frauen beeindrucken. Er habe nie über eine eigene Wohnung verfügt.
Magnus erkundigte sich, wie das Verhältnis zwischen Rafa und seiner Mutter aussieht.
"Geschäftsmäßig", faßte ich zusammen, was ich darüber gehört und selbst davon mitbekommen habe. "Die leben aneinander vorbei. Trotzdem kann sie ihn nicht loslassen, und er kann sie auch nicht loslassen."
Magnus erzählte von einem Autounfall, den er vor sechs Jahren in Griechenland erlitten hat. Nach dem Unfall habe er eine Zeitlang keinen Geruchssinn gehabt, und das habe ihn so gequält, daß er an Selbstmord gedacht habe.
"Man kann nicht mehr genießen", erklärte er.
Inzwischen hätten andere Nervenfasern die Funktion der untergegangenen übernommen. Er habe alle Gerüche neu gelernt, und alles sei fast wie früher, nur mit dem Unterschied, daß Zigarettenrauch ihm widerlicher erscheine als je zuvor. Er habe nie geraucht, entbehre selbst also nichts.
Ich erzählte, daß mir erst durch die Bekanntschaft mit Rafa bewußt geworden sei, wie wichtig der Geruchssinn für Liebe und Leidenschaft ist.
"Pheromone sind für mich bindend", meinte ich, "ähnlich wie ein Schlüssel, der in nur ein einziges Schloß paßt."
Magnus meinte, wenn ich Alternativen zu dem beziehungsuntauglichen Rafa suchen wolle, könnte ich die am ehesten in dessen Verwandtschaft finden.
"Daran habe ich auch schon gedacht", meinte ich, "aber es sind halt nicht nur die Pheromone ..."
Am Montag fühlte ich mich wieder erholt genug, um die diesjährige Reise zu Freunden und Verwandten in Süddeutschland anzutreten. Ich fuhr allein, weil Constri betonte, die Zeit für die Herstellung von zwei Musikvideos zu brauchen. Sie wollte mir auch Denise nicht mitgeben und begründete das damit, daß das Kind so viel wie möglich mit ihr als Mutter zusammen sein sollte. Letztlich tat Constri für die Musikvideos rein gar nichts und verhinderte zudem, daß Denise Amaryllis wiedersah, mit der sie sich gut versteht. Überdies verhinderte Constri, daß Denise unsere Cousine Vivien wiedersah, die eine ihrer Patentanten ist.
Zuerst fuhr ich nach WÜ. Um sechs Uhr abends traf ich Victoire auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs von WÜ., wo ich auch parkte. Die eigentlich rothaarige Victoire trägt ihr Haar jetzt kurz, gestuft und gebleicht. Diese Frisur unterstreicht ihr Coming out, das für sie eine neue Lebensphase darstellt. Victoire und ich fuhren auf eine Anhöhe hinter dem Stadtviertel, wo Victoire ihre Wohnung hat. Auf der Anhöhe befinden sich Agrarflächen und ein Wald, der den Einwohnern von WÜ. als Naherholungsgebiet dient. Es gibt Bildstöcke, Gedenkstätten und einen Turm, unterhalb dessen sich ein wilder Grillplatz befindet. Victoire zeigte mir ein seltsam gewundenes Wasserbecken im Wald, in das ein Rinnsal mündet. Ich vermutete, es könnte sich um ein Rückhaltebecken handeln, das verhindern soll, daß Regenwasser auf die ein Stück abwärts gelegene Höhenpromenade läuft.
Victoire erzählte von den Auseinandersetzungen mit ihrer Partnerin Naica, von der sie sich unlängst getrennt hat. Naica ziehe es vor, die Freizeit auf dem Sofa vor dem Fernseher zu verbringen, während Victoire lieber ausgehe, wegfahre, Leute treffe.
"Ich fände es furchtbar, mein Leben nur abzusitzen, anstatt aktiv zu leben", meinte Victoire.
Ich konnte ihr da nur beipflichten.
Victoire steht kurz vor dem Abschluß ihrer Doktorarbeit. Wie es danach weitergeht, ist noch nicht klar. Victoire will nicht in der klinischen Forschung bleiben, lieber in die Grundlagenforschung oder in die Industrie. Das Klima in der klinischen Forschung vertrage sie nicht, es sei von Konkurrenzdenken geprägt. Sie arbeite lieber mit anderen zusammen als gegeneinander. Ins Lehramt wolle sie auch nicht. Die Vorstellung schrecke sie ab, unmotivierte Rabauken unterrichten zu müssen. Ich empfahl ihr, nur die Oberstufe zu unterrichten:
"Die gehen freiwillig zur Schule, und sie wollen was von dir; sie wollen Abitur machen. Da werden sie sich anständig benehmen."
Victoire fühlt sich von einigen Mitarbeitern im Labor angefeindet. Ich erzählte von meiner Vermutung, daß manche Menschen vor allem dann aggressiv werden, wenn sie ein schlechtes Gewissen haben - und dann vorzugsweise aggressiv werden gegen die Menschen, denen sie übel mitgespielt haben. Sie versuchen, ihr schlechtes Gewissen an den eigenen Opfern abzustreifen.
Für die Doktorarbeit hat Victoire aufwendige Laboruntersuchungen machen müssen, die ihr kaum Freizeit ließen. Eines Sonntags war sie mit Freunden zum Wandern im Odenwald, da klingelte ihr Handy, und sie mußte ins Labor, weil eine Versuchsreihe fortgesetzt werden mußte, die sonst verfallen wäre. Auch aus einem Wanderurlaub mit Naica wurde nichts, weil Victoire ins Labor mußte. Naica könne für Victoires berufliche Belastungen kein Verständnis aufbringen; sie mache ihr Vorhaltungen deswegen und erwarte, daß Victoire ihr berufliches Fortkommen aufs Spiel setze, um Verabredungen einhalten zu können.
Victoire und ich aßen in der alten Mühle an der steinernen Brücke über den Main zu Abend. Die einfachsten Gerichte sind dort die besten: Mühlenbratwürstchen, hausgebackenes Mühlenbrot und Salat. Draußen toste der Main über ein Wehr, das zu der ehemaligen Wassermühle gehört. Der Main führte Hochwasser, und die Schiffsampel an der Brücke zeigte immer Rot.
Nachts kam ich in Irmins Haus in S. Der Schlüssel wird unter einem Blumentopf deponiert, wenn zu später Stunde Besuch erwartet wird. Mein Vater rief mich um sechs Uhr morgens an und fragte, wo ich sei. Wie sich herausstellte, war er im selben Haus. Er klagte, er habe mein Auto gar nicht entdecken können; da könnte mir doch unterwegs etwas passiert sein. Ich erzählte, das Auto parke um die Ecke, weil vor dem Haus keine Parkplätze frei gewesen seien.
"Das geht aber nicht", beschwerte er sich, "man muß doch das Auto vom Haus her sehen können."
"Ich kann keine Parkplätze herzaubern. Und die Parkflächen gegenüber sind privat, da darf ich gar nicht parken."
Beim Frühstück schien die Morgensonne in den Glaserker im ersten Obergeschoß. Irmin erzählte, daß die weit über neunzigjährige Nachbarin immer noch lebt. Auch Trude lebt noch, im Seniorenheim. Einen ihrer Schränke hat jetzt Lisa für ihre Bücher in Anspruch genommen.
Irmin erzählte von den Nachbarn im übernächsten Haus. Der Erbe hat das Haus abreißen und neu bauen lassen, kurz nachdem sein Vater verstorben war, sehr zum Leidwesen seiner Mutter und sicher nicht im Sinne des Verstorbenen, der das Haus erst zwei Jahre zuvor für viel Geld hatte renovieren lassen. Der Mutter war es gut gegangen in den letzten beiden Jahren, in denen ihr Mann noch lebte.
"Und dann ist auch noch ihre Schwiegermutter gestorben, das war eine echte Erleichterung für sie!" sagte Irmin und blickte entschuldigend zu seiner eigenen Schwiegermutter hinüber, die neben ihm am Tisch saß. "Du bist da natürlich nicht gemeint! Die Schwiegermutter von der Nachbarin, das war eine richtig Wüste, die war nur schlecht gelaunt und grimmig, und wenn die etwas wollte, dann haute sie ihren Krückstock auf den Boden, daß es knallte, und die Schwiegertochter mußte springen."
Der Bilderrahmen mit Fotos von Garret aus verschiedenen Lebensabschnitten, der bei der Trauerfeier in der Kirche stand, lehnt jetzt an der geflochtenen Truhe, auf der sich Garrets Erinnerungs-Altar befindet, mit Bild, Kerze und Pflanzen.
Jana erzählte, sie habe gehofft, Garrets behandelnder Arzt in Wien werde mehr ein Auge auf ihn haben. Er habe sich jedoch nicht gerührt, als Garret zu einem Termin nicht erschienen sei; erst vier Wochen später habe er nachgehakt, und da sei alles zu spät gewesen.
Janas Mutter hat mir einen Kalender geschenkt mit Janas Bildern, den ich sehr schön finde. Jana hat neue Karten hergestellt mit ihren Bildern, auch solchen, von denen ich mir schon lange Karten gewünscht habe. Sie schenkte mir zehn dieser Karten.
Nachmittags war ich mit Lisa und ihren Kindern im Märchengarten in Ld. Die Anlage kann auch Erwachsene noch begeistern. Die Märchenfiguren und ihre Umgebung sind liebevoll gestaltet, ohne comichaften Kitsch. Es gibt viele kleine Häuschen, in denen man Märchenszenen bestaunen kann. Mit Lisas älteren Töchtern - Ida und Amaryllis - war ich in der "Herzogschaukel". Das ist ein Häuschen mit einer Art Schiffsschaukel darin, die sich vor- und zurückbewegt. Weil währenddessen die Kulisse eines Zimmers außen um die Schaukel herumläuft, entsteht die Illusion, die Schaukel würde ganze Überschläge machen. Das Zimmer, das sich um die Schaukel herumbewegt, hat einen schwarzweiß gewürfelten Fußboden, einen angeklebten Barock-Kamin und an der Decke eine Stuckverzierung. Ida und Amaryllis waren noch ein zweites Mal in der Schaukel, mit Lisa. Ich hütete so lange die zweieinhalbjährige Lilia. Als Lisa wieder herauskam, erzählte sie, es sei zu viel für sie gewesen, sie habe die Augen zugemacht.
Im Märchengarten gibt es einen künstlichen Papagei, der ist mit einem Chip und einem Lautsprecher ausgestattet. Er nimmt alles auf, was man sagt, um es anschließend wiederzugeben. Außerdem gibt es einen Goldesel, der für jede 20-Cent-Münze, die man in einen Schlitz wirft, einen golden umhüllten Schokoladentaler ausspuckt.
Gegen Abend begann es zu regnen, und wir fuhren heim.
Am Mittwoch war ich mit Lisa, Amaryllis und Lilia in der Altstadt von ES. Lisa kaufte sich ein hübsches braunes Röckchen und sommerliche Oberteile. Sie möchte von dem schlotterigen "Mutti-Stil" wegkommen und klagt, daß sie fast nie Zeit zum Bummeln hat. Wie Sarolyn - und viele andere Mütter - neigt sie dazu, eher ihren Kindern etwas zu kaufen als sich selber.
Abends war ich bei Maret und Eugen. Maret erzählte, daß Eugen jahrzehntelang unter Migräne gelitten hat und erst jetzt - im Alter - weniger darunter zu leiden hat. Eugens Sohn Tobias hat die Migräne geerbt.
Maret und Eugen erzählten, die Arztpraxen in S. seien neuerdings zweigeteilt: sie hätten einen Bereich für Kassenpatienten und einen für Privatpatienten. Privatpatienten bekämen fast sofort Termine, Kassenpatienten müßten wochenlang auf einen Termin warten. Die "Zwei-Klassen-Medizin" sei dort voll umgesetzt.
Eugen schafft mit seinen siebzig Jahren immer noch im Weinberg, obwohl Tobias den Betrieb längst übernommen hat. Ein alter Bekannter, der schon voll im Ruhestand ist, sah Eugen dort oben und feixte:
"Hättest du was Anständiges gelernt, müßtest du heute nicht mehr schaffen."
Eugen tut das aber gerne und auch seinem Sohn zuliebe.
Im letzten Winter fuhr Tobias bei strengem Frost hinaus, um Eiswein zu machen. Auf einem Gitter rutschte er aus und brach sich den Fuß. Der Akku seines Mobiltelefons war leer, so daß er keine Hilfe herbeirufen konnte. Also schleppte er sich zum Auto und fuhr mehr schlecht als recht nach Hause. Auf der Treppe vorm Haus ging nichts mehr, doch hier wurde er wenigstens gleich gefunden und ins Krankenhaus gefahren. Draußen im Weinberg hätte Tobias erfrieren können. Mit dem Eiswein wurde es dann doch noch etwas, denn Eugen sprang ein.
Bei schönem Frühlingswetter spazierten Lisa, ihre Kinder und ich durch den Zoo. Die Kinder beschäftigten sich lange auf der Streichelwiese. Lisa war von den kleinen Zicklein rettungslos fasziniert. Wir machten viele Fotos, auch in den orientalischen Bauten, die es in dem prachtvollen Zoo gibt. "Maurischer Garten" heißt die außergewöhnliche historische Anlage.
Am Freitag fuhr ich nach FR. Dort besuchte ich meine Tante Britta und ihren Mann Wilko. Sie sind erst vor Kurzem hierher gezogen. Von ihrer Wohnung aus können sie das Münster sehen, in dem ich auch schon gewesen bin, mit Shara. Britta und Wilko haben von der Kirche seit fünfunddreißig Jahren eine Planzeichnung an der Wand hängen, in jeder ihrer Wohnungen. Auch in ihrer jetzigen Wohnung hat die Zeichnung einen Platz an der Wand, im Wohnzimmer mit Blick auf das echte Gebäude.
Es gab Zimt-Muffins mit Blaubeeren, frisch gebacken von Britta.
Meine nächste Station war EM. Mit Shara fuhr ich zur Ruine der Hochburg hinauf. Wir kamen an der Psychiatrischen Klinik vorbei. Das Klinikgelände in EM. ist wie eine "Stadt in der Stadt".
Im Sonnenschein kletterten Shara und ich auf dem Ruinengelände herum, fotografierten und fotografierten. Weil ich in der Ruine einen guten Drehort für Constris Videos erkannte, drehte Shara mit seiner Digitalkamera ein kleines Filmchen mit Rundumblick, damit Constri sich ein Bild von der Ruine machen konnte.
Wir erkletterten noch eine weitere Burgruine. Sie ist wesentlich kleiner, war eigentlich nurmehr ein Herrenhaus. Unterhalb der Burg gibt es ein Café, dort kehrten wir ein zu Kaffee und Kuchen. Wir saßen draußen, mit Panoramablick auf die hügelige Landschaft.
Shara erzählte, er hoffe, daß seine Doktorarbeit subventioniert werde. Er lege es nicht darauf an, mit Musik Geld zu verdienen. Er habe nichts dagegen, damit Geld zu verdienen, aber er wolle seine Existenz nicht darauf stützen, um sich bei seiner kreativen Arbeit nicht unter Druck setzen lassen zu müssen.
Abends fuhren wir zu meiner Cousine Vivien und ihrer Familie. Shara fotografierte alle Anwesenden zur Erinnerung. Mein Cousin Corell erschien ebenfalls, als besonderer Gast. Er erzählte von seiner neuen Stelle in FR.; das sei genau die Stelle, die er sich immer gewünscht habe. Er arbeitet mit Noten-Programmen. Shara und Corell hatten mindestens zwei Gesprächsthemen: Musik und die Metropole B. Shara ist in B. aufgewachsen, Corell hat dort studiert. Es stellte sich heraus, daß es gemeinsame Bekannte gibt.
Während Viviens Mann Alban das Abendessen zubereitete, saß der dreijährige Jay in der Küche bei seinem Kinder-Abendbrot, und Corell erzählte von seinem Skiunfall. Bei dem Unfall zog er sich eine tiefe Wunde zu. Jay nahm die Schilderungen sehr sachlich auf und erkundigte sich nach technischen Details. Er hat seine Lieblings-Modellautos immer dabei, auch auf dem Küchentisch stand eines.
In der Samstagnacht war ich im "Doomsday", dem ehemaligen "Maximum Volume". Es wurde umfangreich renoviert und wirkt nun wesentlich offener und weitläufiger. Eine der beiden Rundtheken wurde entfernt, so daß nun die Tanzfläche mehr als doppelt so groß ist. Das Dekor ist dunker gehalten. An den Wänden hängen Poster mit Motiven von H. R. Giger. Heute legte Cyra auf, gemeinsam mit einem DJ-Kollegen. Cyra erzählte, daß sie nach wie vor ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern hat. Ihr Verhältnis zu ihrer Schwester Gracienne sei jedoch brüchig geworden. Zu Geburtstagen und Jubiläen in der näheren Verwandtschaft sei Gracienne nicht erschienen, was für die Geburtstagskinder und Jubilare verletzend gewesen sei.
Cyra bestärkte mich in meiner Haltung, mit niemandem mehr zu diskutieren. Den Anstoß dafür gab mein Vater, der mich neulich wieder einmal zu sinnlosen Diskussionen nötigen wollte. Ich betonte ihm gegenüber, mit niemandem mehr zu diskutieren, über kein Thema mehr. Ich erklärte, Geschenke und Nettigkeiten würden immer gern angenommen, aber Diskussionen, Vorhaltungen, Nötigung und Erpressung würde ich endgültig einen Riegel vorschieben. Rückblickend fiel mir auf, daß ich schon lange in meinem engeren und ferneren Kreis keine Diskussionen mehr führe.
"Dadurch hat sich mein Leben entspannt", erzählte ich Cyra.
Das konnte sie gut nachvollziehen.
Mein Vater beginnt meistens dann mit sinnlosen Diskussionen und realitätsfernen Vorhaltungen, wenn er Geldsorgen hat. Er attackiert die eigenen Angehörigen, ohne erkennbares Ziel. Ich vermute, daß Bellatrix dahintersteckt. Sie verkörpert den Typus des parasitären "Superweibchens" mit hilflos-schmeichelnder Attitüde, die sie einsetzt, um Männern Geld aus der Tasche zu ziehen. Sie arbeitet sich mit Immobilien durch eine Reihe von Pleitefirmen und hat in ihre betrügerischen Machenschaften auch meinen allzu gutgläubigen Vater hineingezogen. Sie vermochte ihn sogar davon zu überzeugen, daß sie zum Überleben ein Einfamilienhaus benötige. Man kann meinen Vater mit einem Spieler vergleichen, der seinen Kindern vorwirft, zu viel zu essen, während er das Haushaltsgeld in Spielautomaten versenkt.
Im "Doomsday" traf ich auch Regan. Er erzählte, er gehöre zu den Leuten, die noch das Glück gehabt hätten, verbeamtet worden zu sein. So ist es auch meinen Eltern ergangen: Sie gehörten zu einer Lehrer-Generation, die verbeamtet wurde, ehe die nächste Generation auf den Plan trat und in die Arbeitslosigkeit rutschte. Regan kam viele Jahre später als sie ins Lehramt und traf wieder auf günstige Verhältnisse. Für Constri würde ich mir wünschen, daß sie eines Tages auch den Weg in eine stabile berufliche Situation schafft. Bisher sieht es nicht danach aus, daß ihr das mit einer selbständigen Tätigkeit als Designerin gelingen kann.
Regan hat keine Kinder, aber ein Patenkind. Ich erzählte von meinen Patenkindern.
Jendris rief an und wollte mit mir ins "Cinnamon". Außerdem erkundigte er sich, ob ich Rafa endlich zu den Akten gelegt hätte.
"Meine Gefühle für ihn haben sich nicht geändert", erwiderte ich, "aber mir ist klar, daß er für eine Beziehung vollkommen ungeeignet ist."
Gegen meine Halsentzündung empfahl Jendris mir, Eis zu essen. Ich holte mir vom Eissalon an der Ecke ein Waldmeistershake. Das schmeckte hervorragend.
Am Sonntag gab ich das diesjährige Frühjahrs-Damenkränzchen. Insgesamt waren fünfzehn Leute da.
Clarice erzählte von ihrer schauerlichen Lehrzeit im Café am "CITICEN". Dort sollen regelrechte Scientology-Methoden herrschen. Den Mitarbeitern wird bei der Einstellung gesagt, sie würden jetzt zur "Familie" gehören. Ein Kollege riet Clarice allen Ernstes, sich von ihrem Lebensgefährten zu trennen und sich unter den Kollegen einen Partner zu suchen, dann sei die Freizeit besser planbar.
Unsere Schulfreundin Asra erzählte, daß sie eine Stelle als Betriebs-Sozialarbeiterin beginnen wird. Sie freue sich auf diese Aufgabe.
Layana erzählte, ihr Job als Landschaftsarchitektin verzehre nach wie vor ihre Freizeit, doch das Betriebsklima sei gut.
Lillien hatte ihren Dienstplan so einrichten können, daß sie heute dabei sein konnte. Sie betonte, sie arbeite gerne nachts und an den Wochenenden, weil das Arbeiten dann weniger hektisch sei.
Lillien erzählte von ihrem Lebensgefährten Emile. Sein Vater sei Syrer, seine Mutter sei Deutsche. Die Mutter habe nie vorgehabt, mit den Kindern nach Syrien zu ziehen. Das sei ein Grund dafür gewesen, daß sie ihren Kindern keine syrischen Vornamen geben wollte.
Lillien hat ihre Tochter Ada auf der Privatschule angemeldet, die sich in der Nähe ihres Hauses befindet. Nur so kann sie Ada weite Pendelstrecken ersparen.
Am Kaffeetisch unterhielten wir uns über Hochzeitsbräuche. Clarice hat mit Quincy schon Heiratspläne gemacht. Ihr schwarzes Brautkleid ist ihr inzwischen zu weit; sie muß es enger machen lassen. Als sie heiratete, paßte es ihr nur, wenn sie sich schnürte. Später paßte es auch ohne Schnürung, und seit sie Kleidergröße 36 hat, paßt es ihr gar nicht mehr. Ihr Brautkleid hat schon auf einigen Festivals gute Dienste geleistet. Ein klassisches Brautkleid will Clarice auf keinen Fall anziehen.
Helen erzählte, daß sie bei ihrer Hochzeit vergessen hat, ihr Bukett zu werfen. Ich habe bereits zwei Buketts gefangen und bin immer noch nicht verheiratet, Rikka hat eines gefangen und ist auch noch nicht verheiratet.
Ginger berichtete am Telefon, wie es mit ihrem Mann Tyce weitergegangen ist. Tyce habe Gründe für eine Selbstwertstörung, die in seiner Kindheit zu finden seien. Der Vater habe sich nicht um ihn gekümmert, die Mutter zwar schon, dennoch habe sie sich wenig für ihr Kind interessiert. Tyce sei zudem vorbelastet durch die depressive Erkrankung seiner Mutter. Dreimal habe sie sich beinahe umgebracht: Zweimal habe sie auf dem Fensterbrett gestanden, einmal habe sie die Tabletten aus der Hausapotheke zusammengesucht. Eine ihrer Freundinnen habe durch eine Ohrfeige verhindern können, daß sie sie einnahm.
Als Tyce im vergangenen Jahr begonnen habe, sich seltsam zu verhalten, sei dies in die Zeit gefallen, als seine Eltern sich scheiden ließen. Vielleicht seien durch die Scheidung der Eltern traumatisierende Erinnerungen aus seiner Kindheit wieder aufgeweckt worden.
Um zu verhindern, daß Tyce seine Suizid-Andeutungen in die Tat umsetzte, nahm Ginger Kontakt zum Sozialpsychiatrischen Dienst und zur Polizei auf. Dort sah man jedoch keinen Handlungsbedarf und glaubte ihr nicht einmal.
Zu Pfingsten will Tyce seinen Vater in Bayern besuchen. Wie sich dieses Wiedersehen auf sein Verhalten und seine Stimmung auswirkt, ist unklar.
Ginger erzählte, ihr vierjähriger Sohn Channy sei für sein Alter schon sehr weit und trage die Trennung vom Vater mit Fassung. Dennoch wolle sie Hilfe bei einer Beratungsstelle suchen.
Channy verhalte sich sehr sozial. In einer Kindergruppe sei ihm aufgefallen, daß ein Mädchen weinte, und er habe das der Mutter des Kindes mitgeteilt, die es selbst noch nicht bemerkt hatte.
Die Kindergärtnerinnen hätten Channy bereits gelobt. Er sei endlich mal ein Kind, das nicht herumraufe. Im Kindergarten herrschten rauhe Sitten. Dennoch steche Dyans Sohn Cohen hier noch hervor. Er treibe es wilder als alle anderen und habe auch schon Channy geschlagen. Der vierjährige Cohen sei vom Säuglingsalter an auffällig gewesen. Während sein IQ über dem Durchschnitt liege, sei sein Sozialverhalten katastrophal. Als er mit einem Neunjährigen aneinandergeraten sei, habe er den größeren Jungen gemustert, für überlegen befunden und seine Mutter Dyan gebeten:
"Schlag' den mal."
Ich empfahl für Cohen eine ausführliche kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik. Vielleicht sei noch etwas an ihm zu retten.
An einem sonnigen Morgen ging mein Radiowecker, und ich hörte ein Stück, dessen Titel ich so schnell wie möglich herausfinden wollte. Das gelang mir auch. Es handelt sich um "Built to last" von Mêlée, eine Band, von der ich noch nie gehört habe. Es scheint sie auch noch nicht lange zu geben. Die Harmonien der Ballade "Built to last" erinnerten mich zuerst an Kirchenglocken, ehe mir auffiel, daß es sich um einen Popsong handelt. Doch auch weiterhin hat das Stück für mich etwas Überirdisches.



Am Freitagabend war ich mit Constri bei Minette und Malvin. Constri und ich probierten Kleider an, die Minette bei Ebay ersteigert hat und die ihr nicht passen. Wir fanden beide etwas, das wir ihr abkauften.
Minette lud für mich einige Titel aus dem Internet herunter, darunter auch "Built to last" von Mêlée.
Kurz nach Mitternacht fuhr Constri heim, und ich fuhr zum "Keller", wo ich gleichzeitig mit Minette und Malvin eintraf. Im "Keller" fanden wir nur zwei Leute: Roxy hinter der Theke und einen netten, ruhigen Alkoholiker vor der Theke. Roxy hatte schon schließen wollen, da erschienen Minette, Malvin und ich. Hinten in der Gaststube spielten wir Karten. Roxy setzte gleich Wasser auf. Sie weiß, daß ich gerne Gebrannte-Mandel-Cappuccino trinke.
Minette, Malvin und ich spielten die Kartenspiele, die wir beim letzten Mal schon gespielt hatten, und dieses Mal verlor ich nicht ganz so oft; ab und zu gewann ich sogar.
Gegen ein Uhr nachts wurde es laut im Schankraum. Minette horchte auf. Dann sah sie, wie Rafa kurz seinen Kopf in die Gaststube steckte, mich erblickte und sofort wieder verschwand. Er blieb mit seinen Begleitern vorne im Schankraum und hielt die gewohnten Volksreden, in denen er alles weiß und allen Leuten alles beibringt.
"Ou, Rafa ist da, dann wird's heute später", wußte Roxy.
Zu Rafas Gefolge gehörte Ivco, der gerade aus dem Zug von M. gestiegen war, wo er arbeitet. Mit Rafa und einem Kumpel - Veljan - war Ivco zuerst im "Keller" gewesen, dann in einer anderen Kneipe, bis diese geschlossen hatte, und jetzt waren sie wieder im "Keller".
Ivco setzte sich zu Minette, Malvin und mir und spielte mit uns Karten. Er erzählte von seinem Schneider, dem Uniformschneider Gunther, der mit seinen 74 Jahren immer noch seinen Betrieb führt. Gunther hat so viel Zubehör und Uniformen aus vergangenen Zeiten, das es für ein Museum reicht. Er hat allerdings noch nicht versucht, die Sammlung an einen Nachfolger zu vermitteln. Das beschäftigt Ivco sehr. Er wünscht sich, daß die einmalige Sammlung erhalten bleibt, immerhin Gunthers Lebenswerk.
Gunther nimmt nicht viel für das, was er verkauft, es ist aber alles echt und von guter Qualität. Es gibt auch Plagiat-Händler, die lediglich behaupten, originalgetreue Uniformen herzustellen, ohne daß dieses zutrifft. Russische Uniform-Freaks sollen darauf ohne Weiteres hereinfallen, und an denen soll viel Geld zu verdienen sein, Geld mit Nepp. Ivco regt das auf.
"Es gibt immer zwei Märkte", meinte ich, "einen für die, die auf Qualität Wert legen, und einen für die, denen der schöne Schein genügt. Sonst würde der Handel mit Plagiaten doch nicht so boomen."
Ivco nahm Darienne neulich mit zu Gunther, weil sie auch eine Uniform haben will. Darienne scheint es allerdings nicht um die historische Bedeutung der Uniformen zu gehen, sondern darum, möglichst "schneidig" zu wirken. Eine solche Sprache sprechen jedenfalls die Fotos, auf denen sie sich selbst zur Schau stellt.
Ivco hat sich über die Frage, ob Darienne über zweifelhafte ethisch-moralische Werte verfügt, noch keine Gedanken gemacht. Aus seiner Sicht ist sie eine attraktive Frau, die Rafa gekriegt hat, er aber nicht.
Ivco erzählte, er habe Darienne durchaus vor Rafa gewarnt. Er habe ihr mitgeteilt, wie untreu Rafa ist, als sie ein Verhältnis mit Rafa begann. Darienne sei jedoch überzeugt gewesen:
"Bei mir ist das anders."
Daß es bei ihr genauso war wie bei allen anderen, mußte sie spätestens erfahren, als Tyra sie davon in Kenntnis setzte, daß Rafa ihr niemals treu gewesen ist.
Ivco erzählte von der Auflösung eines Militärmuseums in Frankreich. Die Erben hätten alle Ausstellungsstücke verkauft, doch vorher habe er die Sammlung noch bestaunen können, vom Orden bis zum Panzer.
Als ich vom Bad zurückkam, hatte Rafa sich in die Gaststube gewagt. Mit Veljan saß er bei Minette, Malvin und Ivco am Tisch. Ich ging auf Rafa zu, der auf der Bank saß; ich kam dicht an ihn heran, um meine Sachen wieder auf ihren Platz zu legen. Da schien ihm schon heiß und kalt zu werden. Er zog an seiner Zigarette. Minette klagte, sie könne den Qualm nicht vertragen. Rafa setzte sich ein Stück weiter weg, hielt es da aber nur wenige Sekunden aus; er ging mit Veljan nach draußen, um weiterzurauchen.
Wenn er nicht gerade rauchte, saß Rafa mit Veljan und Roxy an dem Tisch im Schankraum. Ich sah Rafa nur im Vorübergehen, wie er redete und gestikulierte. Er hatte keine Brille auf und trug das langärmelige Shirt mit dem bläulichen Batik-Muster und darüber eine schwarze Weste.
"Irgendwie hat er immer dasselbe an ... oder fast dasselbe", ging mir durch den Kopf. "Früher gab es mehr Abwechslung."
Rafa betätigte sich an Bibians Computer und wählte schrille MP3's aus, die durch den "Keller" schallten und die Anwesenden quälten. Meistens handelte es sich um seichte und verstaubte Schlager oder NDW. Zwischendurch erklang "25 years" von The Catch, und ich freute mich:
"Endlich mal ein geiles Stück!"
- da regelte Rafa es gleich wieder heraus und spielte einen seiner Lieblingstitel, "Zauberstab" von Zaza. Rafa weiß, daß ich dieses Stück abscheulich finde.
Von "Pack' die Badehose ein" spielte Rafa eine textlich veränderte Version aus der damaligen DDR, die sich gegen Schießübungen der amerikanischen Besatzer wendete:

Packt die Panzerwagen ein
Legt paar Steine noch mit rein
Und dann rin damit in'n Wannsee!

Gegen Morgen, als Malvin und Minette bereits fort waren und Roxy auch langsam nach Hause wollte, setzte Veljan sich zu Ivco und mir an den Tisch in der Gaststube. Veljan musterte Ivco und mich und verkündete lallend, er habe Aggressionen. Das merke man sicherlich.
"Du kommst mir einfach wie jemand vor, der ein bißchen was getrunken hat", sagte ich. "Gegen wen hast du denn Aggressionen?"
"Gegen Ivco."
"Warum gegen Ivco?"
"Na ja, wie das so ist, wenn ein Kerl einen Kerl trifft."
"Ach so, Rivalentum."
"Du regst mich aber auch auf", erklärte Veljan.
"Warum denn?" erkundigte ich mich.
"Ivco ist verheiratet, du aber nicht."
"Und warum regt dich das auf?"
"Was meinst du, warum regt es einen Mann auf, wenn er mit einer Frau am Tisch sitzt, die nicht verheiratet ist?"
Veljan berichtete auf Ivcos Nachfrage, daß es Anwar gut gehe; der werde demnächst seine langjährige Lebensgefährtin Oriana heiraten.
Roxy scheuchte uns alle nach vorne in den Schankraum. Sie wollte schließen. Rafa wirkte etwas aufgedreht und erzählte Ivco von einer "kleinen privaten Feier" am morgigen Tag, "nur geladene Gäste". Rafa gibt sich gern elitär, vielleicht um sich wichtiger zu fühlen.
Erst jetzt bewegte Rafa sich so langsam und so dicht an mir vorbei, daß ich ihn an der Schulter kraulen konnte. Vielleicht wollte er sich vergewissern, daß es immer noch funktioniert.
In der Tür verabschiedete Rafa sich mehrmals laut von den Anwesenden:
"Tschau ... tschau!"
Er gab erst Ruhe, als ich auch "Tschau!" gesagt hatte.
Als wir anderen hinaufkamen auf den Parkplatz, stand Rafa am oberen Ende der Treppe, wo der Motorroller parkte, den Berenice ihm hinterlassen hat. Er redete weiter mit Veljan und Roxy. Ich schloß mein Auto auf, Ivco setzte sich auf den Beifahrersitz. Rafa setzte sich einen Helm auf. Ich setzte mich ans Steuer. Rafa fuhr mit dem Roller weg.
Bei Ivco gab es Kaffee, mitgebracht aus Brasilien. Ivco ist vor Kurzem endlich mit seiner Familie im Urlaub gewesen, in Brasilien, das der kleine Lucian als "Sil" bezeichnet. Carole habe unbedingt Ennica kennenlernen wollen, mit der Ivco zusammen war, bevor er mit Carole zusammenkam. Ivco erzählte, er habe als Teenager immer darunter gelitten, nicht so viele Mädchen abschleppen zu können wie einige Altersgenossen. Er habe geglaubt, es in Brasilien leichter zu haben, als blonder, blauäugiger Exot. Mit Bestürzung habe er festgestellt, daß die Frauen ihm dort nicht in solchen Scharen nachgelaufen seien, wie er gehofft habe. Es sei keineswegs einfach gewesen, Ennica für sich zu gewinnen. Schließlich sei es ihm aber doch geglückt, und sie seien zusammen gewesen. Zu Hause in Deutschland hätten die Kommilitonen immer ihre Freundinnen vorgezeigt, nur er habe lediglich von seiner Freundin erzählen können, und die Kommilitonen hätten die Beziehung gar nicht ernst genommen. "Brasilianerin" habe für sie dasselbe bedeutet wie "gekaufte Braut". Er habe vergeblich dagegen angeredet. Um alle Zweifel aus der Welt zu schaffen, habe er Ennica zu sich eingeladen, die er in den drei Jahren ihrer Beziehung immer nur im Urlaub gesehen hatte. Ennica habe zugesagt, sie werde ihn besuchen, für drei Monate, mit Touristenvisum. Als es aber ans Organisieren ging, habe sie gedruckst, gebremst und geblockt. Da sei ihm klar geworden, daß sie gar nicht wünschte, ihn in Deutschland zu besuchen. Er sei wütend gewesen, zumal er seinen Kommilitonen immer noch keine Freundin vorführen konnte. Er habe die Beziehung mit Ennica beendet und sich um Carole bemüht, die er schon länger kannte. Als diese Bemühungen erfolgreich waren, hatte sich das Problem mit den Kommilitonen endlich erledigt.
Ivco brachte ein Fotoalbum herbei, voller Bilder von seinen Brasilien-Urlauben Anfang der neunziger Jahre. Auch Ennica war zu sehen, ein hübsches, schlankes junges Mädchen mit langen schwarzen Lockenhaaren.
"Meine Freunde haben mir damals gesagt, daß Ennica nicht zu mir paßt", erzählte Ivco. "Sie fanden, daß Ennica zu einfach gestrickt ist für mich, nicht intellektuell genug. Und man sollte mit seiner Partnerin schon anspruchsvollere Gespräche führen können. Im Grunde stimmt das ja, aber das war für mich damals nicht so ein wichtiges Kriterium."
Ennica sehe noch fast so aus wie früher, nur sei sie um die Leibesmitte ein wenig voller geworden. Sie habe eine vierjährige Tochter aus der Beziehung mit einem Drogenabhängigen. Der Mann arbeite nicht, weder beruflich noch im Haushalt, und sei so wenig vertrauenswürdig, daß sie das Kind nie mit ihm allein lasse. Finanzielle Sorgen habe Ennica nicht, da ihre Eltern vermögend seien. Was sie daran hindere, den Vater ihres Kindes hinauszuwerfen, sei nicht bekannt. Jedenfalls habe es Ennica nicht unbedingt Glück gebracht, Ivco zu verschmähen. Er wolle aber nicht daran denken, was wäre, wenn er doch noch mit ihr zusammenkommen könnte. Solche Gedanken seien sinnlos und verboten und gehörten eliminiert.
Ivco leidet immer noch darunter, daß ihm in der Jugendzeit nicht die Mädchen nachgelaufen sind.
"Sei froh, daß du nie so gewesen bist wie Rafa", betonte ich. "Rafa ist genau das, was ich als Versager bezeichne."
"Aber er hat doch Erfolg."
"Oberflächlich betrachtet. Aber wenn man genau hinguckt, ist das höchst flüchtig. Mit seiner Musik kann er seine Existenz nicht absichern, zumindest nicht auf Dauer."
"Aber er hat doch voll den Erfolg bei Mädchen."
"Er kann sie ins Bett ziehen, das ja. Aber er ist unfähig, eine Beziehung zu führen, weil er unfähig ist, treu zu sein."
"Aber er kann doch immer wieder bei den Frauen landen."
"Das klappt keineswegs bei allen", gab ich zu bedenken. "Ich kenne viele Frauen aus verschiedenen Altersgruppen, bei denen Rafa hoffnungslos abgeblitzt ist. Aber dann legt er das unter 'Eigentlich ist ja nichts gewesen.' ab und versucht es gleich bei der nächsten."
"Aber er schafft es immer wieder."
"Ja, aber es wird nie eine Beziehung daraus, die diese Bezeichnung verdient, weil Rafa nicht in der Lage ist, eine Beziehung zu führen. Rafa übernimmt keinerlei Verantwortung, weder für andere noch für sich selbst. Zum Beispiel ruiniert er seine Gesundheit durch seine Raucherei."
"Ja, das stimmt."
"Und ihm ist völlig egal, was er seiner Mutter antut, wenn er vor ihr stirbt."
"Warum, ist das denn so schlimm?"
"Für eine Mutter gibt es nichts Schlimmeres, als wenn das Kind vor ihr stirbt."
"Ja, wirklich?"
"Ja", betonte ich. "Und das ist Rafa völlig egal. Der handelt völlig verantwortungslos. Der ist kein ganzer Kerl, sondern ein Windhund. Ein ganzer Kerl ist für mich jemand, der Verantwortung trägt für sich und für seine Familie."
"Und wenn man keine Familie hat?"
"Dann kann man trotzdem Verantwortung tragen, für den Bekanntenkreis zum Beispiel", meinte ich. "Wer sich um sich selbst kümmert, seine Existenz absichert und auch für seine Freunde und Bekannten da ist, der handelt auch verantwortungsbewußt."

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