Wir leben nicht nur, um zu bekommen, sondern auch, um zu verlieren.
Wir leben nicht nur, um zu verlieren, sondern auch, um zu bekommen.







Was sind das für Sachen?

Brunnen, die nicht fließen,
Blumen, die nicht sprießen,
Kinder, die nicht lachen
- was sind das für Sachen?



Es war kalt am Morgen, und Constri und ich mußten furchtbar kratzige Strumpfhosen anziehen. Wir gingen einen breiten Kiesweg hinunter, an einem Berghang. Der Nebel war so dicht, daß man kaum ins Tal sehen konnte. Lange Reihen von Pfählen waren in die bereifte Erde gesteckt, mit Drähten verbunden. Auf den Grundstücken standen kleine Gebäude, weiß verputzte Schalthäuschen und halbverfallene Gartenhütten. Die Kiesel schimmerten blaßrosa. Uns kamen ab und zu Spaziergänger entgegen. Ein Mädchen war dabei, das war ein wenig älter als ich, ungefähr acht. Es hatte eine Tüte mit blauen Anoraks und gab jedem von uns einen, den Eltern, Constri und mir.
Der Kiesweg führte in eine Gegend, die noch verlassener war. Wir sahen dort keinen Menschen mehr. Nach rechts ging es steil abwärts in einen hochstämmigen Kiefernwald. In der Ferne zogen sich Hügelketten am Horizont entlang. Die Berge hatten eine bläuliche, regennasse Farbe. Das Tageslicht war fahl und gedämpft, ein Licht, das eigentlich Dunkelheit war. Unten sah ich zwischen den Baumstämmen ein blaugrünes Schwimmbecken aus dem Tiefschwarz des Waldes hervorleuchten.
"Mama, kann man da baden?" fragte ich.
"Nein, das ist zu gefährlich."
Ein Stück weiter stand ein großer Brunnen am Weg, aus dem kein Wasser kam. Er war in einem etwas helleren Blaugrün gestrichen als das Schwimmbecken. Eiserne Rohre ragten aus dem Becken, gebogen wie der Wasserstrahl eines Springbrunnens.
"Geht nicht zu langsam unter den Rohren hindurch", warnte meine Mutter. "Manchmal wird der Brunnen angestellt, und dann wird man naß."
Aus dem Brunnen kam ein Geräusch wie von einer Pumpe, die leer pumpt, ein dumpfes, saugendes Kratzen. Wir waren eben unter den Rohren hindurchgelaufen, da ergoß sich ein Schwall von Wasser aus dem Brunnen und durchnäßte alles um das Becken herum. Das dauerte aber nur wenige Augenblicke.
Constri wurde müde. Sie ist erst vier und kann noch nicht so lange laufen. Sie griff meine Eltern bei den Händen und ließ sich ziehen.
Ich entdeckte, daß ich meinen Anorak verloren hatte. Ich kehrte um und suchte ihn. Nach einem Stück Wegs traf ich das Mädchen wieder, von dem wir die Anoraks bekommen hatten. Es konnte mir aber keinen anderen geben, denn es hatte keine mehr.
Meine Eltern waren mit Constri schon weit vorausgegangen. Ich suchte lange nach ihnen. In dem Brunnen saugte und kratzte es immer noch. Außer diesem Pumpgeräusch war in der Stille nichts zu hören.
Der Weg endete auf einer unübersehbar großen Schrotthalde. Altmetall lag lose herum, Gestelle von Gartenstühlen, Autoteile und Fahrradrahmen, alles bedeckt mit rostbraunem Staub. Ich kam zu einer löchrigen Hütte aus Eisenplatten, die vielleicht als Unterstand für Arbeiter dienen sollte. In der Hütte war mein Vater. Er hielt Constri auf dem Arm und steckte ihr Aprikosen aus einer Büchse in den Mund.
"Wo ist Mama?" wollte ich wissen.
"Die ist da drüben 'runtergegangen", antwortete mein Vater.
Sie alle hatten ihren Anorak noch, aber ich hatte meinen verloren und würde keinen mehr bekommen.






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