.

Im Internet gibt es viele Bilder vom Sommerfestival im "Read Only Memory". Die Bilder, die Isis und ich gemacht haben, hat mir Isis per E-Mail geschickt. Nun habe ich endlich das erste Bild, auf dem sowohl Rafa als auch ich zu sehen sind. Und ich habe Fotos von Rafa auf der Tanzfläche, darunter eines, auf dem man sieht, wie sein Rockschlitz aufspringt und ein Stück Bein hervorschaut.
Shara kommentierte in einer E-Mail das Foto, auf dem Rafa und ich zu sehen sind:

Das ist Rafa? Sieht extrem normal aus ;-) Was nicht abwertend gemeint ist ... Du siehst (m. E.) sehr traurig angehaucht aus, kann aber auch Interpretation sein.

Isis hat sich daran erinnert, wie sie 1998 Berenice im "Maximum Volume" mit einem Veilchen gesehen hat; Berenice soll die ganze Nacht eine Sonnenbrille getragen haben, um das Veilchen zu verbergen. Rafa und Berenice sollen beide furchtbar schlechte Laune gehabt haben. Rafa sei am DJ-Pult zu Isis unfreundlich gewesen. Isis habe ihn dafür gerügt. Auf das, was er mit Berenice gemacht hatte, sprach sie ihn allerdings nicht an.
Für Das P. gibt es wohlwollende Online-Konzertreviews. Über "Tanz' mit Deinem Gefühl!" heißt es:

Leicht klischeebehaftet und für meinen Geschmack zu glatt, geht der Song direkt in den Gehörgang und hat denselben Effekt wie einst Isecs "Einheitsschritt". Ich weiß nicht genau, ob das nun Absicht oder Naivität ist, aber das Ergebnis kann sich trotzdem sehen lassen: Ein potentieller Tanzflächenfüller, der ebenso viele Freunde wie Feinde finden wird.

Am Samstag waren Constri und ich in Ht. bei Ted und trafen dort Sylvain, den Sohn von Teds Cousine. Auch Blanca und ihr Freund Andres waren da. Ted zeigte uns einen Ordner mit Ausdrucken seiner Internet-Kontakte zu seinem neuen Schwarm Cary. Auf den Fotos im Ordner posiert Cary in ehemaligen Fabrikgebäuden. Er sieht wie ein Adonis aus, ein Dressman-Typ. Cary hat auch Fotos von Mädchen in Lack und Latex in die Galerie seines Online-Profils gestellt. Ted weiß noch nicht, ob Cary hetero-, homo- oder bisexuell ist. Jedenfalls eint die beiden ihre Leidenschaft für Karate.
Mit Cary tauscht Ted fast täglich Messages aus. Er sieht Cary häufig in Discotheken, hat sich aber noch nicht getraut, ihn anzusprechen.
Im Zentrum von Ht. stehen neuerdings abstrakte Stahlskulpturen unbekleideter Männer. Es dauerte nicht lange, bis unbekannte Scherzbolde einige dieser Herren ihrer "wichtigsten Teile" beraubten. Ich finde es erstaunlich, welche Anziehungskraft solche Formen bildender Kunst ausüben.
In der Nähe der alten Bahnhofs von Ht. gibt es eine Industrieruine, die sich über ein gewaltiges Areal erstreckt, so groß wie ein ganzer Stadtteil. Die Hütte, die dort bis vor einigen Jahren betrieben wurde, ist stillgelegt, ein Teil ist als Museum hergerichtet, der Rest wird nach und nach abgerissen. Die Flächen werden anderweitig genutzt, einige moderne gewerbliche Gebäude stehen dort schon. Ted hat in der Hütte seine beiden Ausbildungen gemacht, zum Industriekaufmann und zum Elektroniker. Zwischendurch wollte er studieren, das sei ihm jedoch zu trocken gewesen. In der Hütte war schon Teds Vater beschäftigt; viele Erinnerungen hängen daran.
Sylvain zeigte uns das Loch im Zaun, durch das wir das Abbruchgelände betreten konnten. Wir gingen über die Ruinenlandschaft, lauter dunkle Gestalten, jeder wie automatisch in die Richtung, wo er die aufregendsten Perspektiven und die meisten Fotomotive vermutete. Es wurde betrachtet und fotografiert, alle waren versunken in die stille, melancholische, unwirkliche Atmosphäre.








Sylvain entdeckte ein hohes Treppenhaus mit Stufen und Absätzen nur aus Gitterrosten. Drinnen gelangte man in verschieden große, leere Räume, einige Außenwände fehlten bereits. Alles war verfallen und umringt von Schutt. Rechts und links von diesem Gebäudetrakt standen lange Reihen von Pfeilern, einst zu einer Halle gehörig. Deren Dach hatte einen großen Teil des Geländes überdeckt, das jetzt als eine Wüstenei dalag. Die Schuhe waren bei dem Weg über die Schutthalde schnell eingestaubt.
Ted und ich wagten uns hinauf ins Treppenhaus und staunten über einen kleinen niedrigen Raum im obersten Stockwerk, der nur in der Decke ein winziges Fenster besaß. Durch dieses Fenster fiel ein Lichtstrahl auf einen großen schwarzen Aufzugmotor, der gedrungen wie ein seltsames Insekt auf einem Sockel lag. Außer diesem Motor und dem Sockel befand sich nicht viel mehr in dem Raum als ein alter Besen, der in Türnähe an einer Wand lehnte.
Unter den noch übriggebliebenen Gebäudeteilen war ein Bereich der ehemaligen Halle, in dem sich der höchste Turm der Hütte und die Thomasbirne befanden. Constri gefiel das Gelände so gut, daß sie beschloß, bald wiederzukommen und zu filmen.








Nach unserer Fotosession kehrten wir im ehemaligen Bahnhofsgebäude ein, wo sich ein amerikanisches Diner befindet, urig, mit Holzdielen und historischen Reklameschildern an den Wänden. Unser fröhliches Geplauder, die tiefe Zufriedenheit und Unbefangenheit, die Constri auf ein Foto bannte, gehören zu jenen vergänglichen Augenblicken, die für die Ewigkeit in Erinnerung bleiben.
Am Sonntag war ich mit Constri, Denise und Saara im Harz in einer traditionellen Gaststätte, wo wir Erwachsenen Windbeutel aßen und Denise währenddessen unseren Tisch in ein Schlachtfeld verwandelte - wobei sie artig im Hochstühlchen sitzenblieb.
Weil ich vor sechsundzwanzig Jahren schon einmal einen Windbeutel aus der Backstube dieser Gaststätte gegessen habe, wußte ich, worauf man achten muß: die Sahne darf nur zu einem kleinen Teil gegessen werden. Saara versuchte, mehr davon zu essen, und ihr wurde schlecht.
Constri erzählte, daß Denise sich schon aktiv um Kindersicherung bemüht. Wenn sie auf dem Couchtisch von Derek etwas findet, was gefährlich ist und deshalb gewöhnlich auf dem Fensterbrett aufbewahrt wird - ein Feuerzeug etwa -, nimmt sie es, macht sich durch Kontaktrufe bemerkbar und zeigt Derek das Feuerzeug und dann aufs Fensterbrett und sagt dazu:
"Da! Da!"
- so lange, bis er es wieder dorthin legt.
Denise spielt gerne mit der Shelley-Puppe, die ich Constri kurz vor Denises Geburt zu Weihnachten geschenkt habe - als wüßte sie, daß die Puppe für Denise steht. Constri bringt die kleinen Puppenschuhe in Sicherheit, bevor sie Denise die Puppe gibt, weil sie befürchtet, daß die Schuhe sonst verlorengehen. Denise ist das gar nicht recht.
Revil hat von einem Festival erzählt, bei dem Rafa am letzten Wochenende aufgetreten ist, mit W.E. Rafa ließ Berenice und Lucy in den gewohnten rosa Kleidern auf die Bühne gehen, nicht - wie beim Fanclubtreffen - in rosa Unterwäsche. Revil meinte, die Kostümierung der Damen habe ihn sehr an meine Garderobe erinnert. Etwas Ähnlichkeit haben die Kostüme damit, zumindest insofern, als die Kleider schmale Oberteile und weite Röcke haben und dazu lange Abendhandschuhe gehören. Und ich trage ausschließlich Sonnenbrillen im Stil der fünfziger Jahre. Jedenfalls finde ich, die Kostüme passen weder zu Berenice noch zu Lucy.
Rafa soll sich auf dem Festival kaum oder gar nicht unterm Publikum bewegt haben, also müßte er entweder überwiegend im Backstage geblieben sein oder nur für den Auftritt erschienen und dann rasch wieder verschwunden sein.
Am Freitag legte Saverio im "Verlies" auf. Evelyn erzählte mir, daß Saverio sie auch schon gefragt hat, ob sie ihn heiraten will. Sie antwortete mit einem freundlichen und bestimmten "nein". Sie findet Saverio nett und durchgeknallt, aber auch launisch, impulsiv und inkonsequent. Ebenso geht es mir.
"Ein Irrlicht", meinte ich. "Ein bißchen wie ein großes Kind."
Das bestätigte Evelyn.
Saverio beschrieb mir die Ausstattung seines Plüsch-Schafs. Außer der selbstgebastelten Schutzbrille mit Rafas Autogramm und der Atemschutzmaske hat das Schaf auch Stulpen im Freddy-Krueger-Ringelmuster, eine Kravatte und ein Eisernes Kreuz. Saverio möchte dem Schaf gerne Doc Martens basteln. Das Eiserne Kreuz habe ein Bekannter dem Schaf geschenkt.
Am Samstag war ich in der "Neuen Sachlichkeit". An einem Haken hingen an einem Hanfstrick zwei Autoreifen, in die eine unbekleidete Schaufensterpuppe hineingewoben war. Auf der Bühne standen zwei Autoreifen, durch die eine unbekleidete Schaufensterpuppe hindurchgewunden war, eine weitere Puppe beugte sich über diese Installation. In einer Blechtonne lehnte die Schaufensterpuppe, die schon vor längerer Zeit mit einer Heckenschere erstochen wurde. Am Boden der Tonne befand sich die Nebelmaschine, und so stieg immer wieder Nebel aus der Tonne auf und umhüllte die Puppe.
"Das ist auch eine Art, sexuelle Frustration umzusetzen", sagte ich zu Berit.
Puppen-Theo wirkte recht ausgeglichen. Er marschierte durch den Saal, half hinter der Theke, schwatzte hier und plauderte da.
Auf der Leinwand lief "Nosferatu" in der Verfilmung von Herzog. Der Film ist mir weit lieber als die Pornovideos, die Puppen-Theo sonst gezeigt hat.
Am Sonntag waren Constri und ich wieder in Ht. Wir nahmen dieses Mal Len mit, der auch gerne fotografiert. Victoire holten wir unterwegs von der S-Bahn-Haltestelle ab, Sylvain und Ted erwarteten uns in Teds Wohnung, Blanca und Andres kamen ebenfalls dazu. So besuchten wir das Gelände der ehemaligen Hütte mit acht Leuten. Ted betonte, wie sehr es ihn fasziniert, wenn jeder in dieser bizarren Welt für sich auf die Suche geht nach Entdeckungen und Fotomotiven, fast wie in einer Meditation.
































Ted erkletterte in dem übriggebliebenen Gebäudeteil, wo sich die Thomasbirne befindet, den höchsten Turm auf dem Gelände. Auf diesen Turm habe er immer steigen wollen, als die Stahlhütte noch in Betrieb gewesen sei, doch sei das nicht möglich gewesen wegen der Hitze dort oben.
Constri machte Probeaufnahmen für ihr Diplom, zu dem ein Film über die Vergänglichkeit gehören soll. Er befaßt sich mit der Angst, das eigene Kind könnte am Plötzlichen Kindstod sterben. Constri schrieb mit Kreide Wiegenlieder an die Mauern der ehemaligen Stahlformgießerei und wurde dabei aus verschiedenen Perspektiven gefilmt und fotografiert.
Über das steile Treppenhaus aus Gitterrosten kommt man auf einen Balkon, früher unterm Hallendach, jetzt nach dem Teilabriß im Freien. Von diesem Balkon aus verstreute ich Federn aus einem alten Kopfkissen. Sie rieselten wie Schneeflocken in die staubgrauen Abgründe der Schlucht zwischen Stahlpfeilern und stahlgestützten Mauern. Constri stellte sich in dieses "Schneetreiben" und ließ sich filmen und fotografieren. Die märchenhafte "Frau Holle"-Szene erzeugte eine ähnlich unwirkliche und melancholische Atmosphäre wie die Wiegenlieder an den Abbruchmauern.
Constri und ich suchen immer nach dem Verlassenen und Verwaisten. Wir suchen das Haus, dem die Vorderwand fehlt, die Vorhänge an den Fenstern von Büros, die seit dreißig Jahren keiner mehr betreten hat, die Glaswände in Durchgängen ehemaliger Amtsgebäude, eingeschlagene Fenster in Fabrikhallen, verrostete Ventilatoren, leere Hallen, in deren Weite man einander kaum noch findet, hauchdünne Stahltreppen, die in schwindelerregende Höhen führen, überwucherte Bahnschienen und Autobahnstrecken im Dornröschenschlaf.








Auch Sylvain sucht das Melancholische, das Faßbare in der Trauer. Er setzt dies auf seine Art spielerisch um. Er baute aus Schutt ein Kreuz und fotografierte es. Er suchte und fand in dem Gebäude mit dem Treppenhaus gekachelte Sanitärräume, so finster und unheimlich, wie er sie vor Kurzem in einem Traum gesehen hat. Solche gekachelten Räume jagen auch mir Schauer über den Rücken. Sie erinnern an Schlachthäuser und Leichenhallen.
Sylvain ist als Teenager während der Scheidung seiner Eltern aus deren Blickfeld geraten. Er konnte sich kaum noch zu etwas aufraffen und verschlechterte sich in seinen Schulleistungen. In der Elektro- und Gothic-Szene fühlt er sich aufgehoben und verstanden. Das geht fast allen so, denen ich in der Szene begegne. Dort wird Trauer nicht tabuisiert, man kann über die seltsamsten Dinge reden, die man erlebt hat, und man kann sein, wie man ist.
Victoire hat ab Oktober eine neue Doktorandenstelle, in WÜ. Dort kann ich sie besuchen, wenn ich das nächste Mal nach S. fahre.
Im W.E-Forum unterhielten sich die Fans über die Frage:

Einerseits ist retro angesagt (C64, Super 8, etc.), und andererseits kommt der Spruch "Wer nicht mit der Zeit geht, muss eben mit der Zeit gehen". Wie kann man denn beides miteinander vereinbaren?

Der Satz "Wer nicht mit der Zeit geht, muss eben mit der Zeit gehen." ist mehrfach in Rafas Interviews und Texten zu finden. Nun überlegten die Fans, was Rafa damit sagen will. Sie diskutierten außerdem über den Wert historischer Technik, die Gefahren moderner Technik und die Bedeutung des Begriffs "perfekt". Rafa verwendet das Wort "perfekt" inflationär, gerade als wollte er sich daran festklammern und etwas beschwören, das er glaubt, erreichen zu müssen, aber nicht erreichen kann.
Rafa meldete sich als "Honey" zu Wort:

"Wer nicht mit der Zeit geht, muß mit der Zeit gehen!"
Das heißt NICHT...
"Wer sich jeden neuen Sch... kauft, geht mit der Zeit!"
Neues ist nicht unbedingt perfekt, wenn es "neu" ist.
Perfektes muß nicht, aber kann neu sein.
Aber Perfektes ist für die Ewigkeit pefekt ...
VW-Käfer, COMMODORE C=64, KORG SM-20, Super 8, Zeppelin, Wasserstoffmotoren ...
Vielleicht auch irgendwann der Mensch.
Honey

Die Forummitglieder diskutierten über die Evolution und schienen das Erreichen von Perfektion für vereinbar mit der Wirklichkeit zu halten. Wave bremste:

Zitat:
Original von Honey
Vielleicht auch irgendwann der Mensch.

Damit ist doch hoffentlich nicht gemeint, dass der Mensch ein perfektes Produkt ist.
Mit all seinen Fehlern, aus denen er noch nicht einmal selber lernt.

Als "fractal" schrieb ich:

Der VW Käfer ist ein Kultauto, aber perfekt ist er nicht. Man denke an die Schwächen der Heizung und an den Spritverbrauch etc. etc. Man kann auch etwas mögen, das nicht perfekt ist, vielleicht auch gerade deshalb.

Die Forummitglieder diskutierten weiter über die Frage, wie ein perfekter Mensch sein müßte und wie er geschaffen werden könnte.
Als "fractal" schrieb ich:

Im Grunde gibt es nichts Perfektes. "Perfekt" heißt seiner Bedeutung nach "vollkommen", "abgeschlossen", "sich nicht mehr verändernd". Alles aber, was ist, das verändert sich auch, den physikalischen Gesetzmäßigkeiten folgend. Nichts, was existiert, ist abgeschlossen und unveränderlich. Unveränderlich ist allein das Nichts. Vollkommen ist nichts.
Demzufolge müßte es um andere Ziele gehen als Perfektion. Es müßte um erreichbare, konkrete Ziele gehen.
Ohnehin bleibt fraglich, wie das Wünschenswerte, "Perfekte" überhaupt definiert werden soll bzw. wer es definieren soll.

Im weiteren Verlauf des Threads wurde darauf nicht Bezug genommen. Rafa meldete sich hierüber auch nicht zu Wort.

In einem Traum sah ich einen Computermonitor mit einer neuen Internetpräsenz von Rafa. Er hatte die Titelseite wie ein modernes Gemälde gestaltet, mit lebhaften Farben, unter anderem Resedagrün. Hochkant gestellt war "HONEY" in Blockschrift über die ganze Höhe des Bildschirms geschrieben. Es gab auch Textblöcke in dem Gemälde.
"Welche Phantasie", dachte ich. "So locker und ausgelassen sollte er weitermachen."

In Kingston gab es eine Lehrveranstaltung zum Thema "Kannibalismus", wo unter anderem eine Tat besprochen wurde, die unlängst viel durch die Medien ging. Verstörend wirkt auf mich vor allem das fehlende Unrechtsbewußtsein des Kannibalen.
Durch das große Interesse an der Veranstaltung konnte ich Kollegen wiedertreffen, die ich lange nicht gesehen hatte. Kollege Alain erzählte, daß er sich von seiner Frau getrennt hat. Er hat den Eindruck gewonnen, es ihr nicht recht machen zu können. Ihre Vorhaltungen seien ihm zuviel geworden. Es gebe einen Scheidungskrieg, und sie wünsche keine Kontakte ihrer Kinder zu ihm.
Alain hat sich vor einiger Zeit in Kingston abwerben lassen, um in einer weit abseits der Autobahnen liegenden psychiatrischen Klinik zu arbeiten. Sein unmittelbarer Vorgesetzter habe sich jedoch als aggressiver, eigensüchtiger Mensch herausgestellt, mit dem der friedliebende, idealistische Alain nicht zusammenarbeiten will und kann. Alain hat sich daher in eine andere Abteilung versetzen lassen und fühlt sich dort wohler.
Kollege Gaspard soll eine Lebenskrise durchgemacht haben, und er soll sogar einen Selbstmordversuch unternommen haben. Alain hatte eine Lebenskrise im Jahr 2000 und unternahm damals ebenfalls einen Selbstmordversuch. Gaspard hat Kingston vor Jahren verlassen, um in BS. in der Neurologie zu arbeiten, was er noch immer tut.
Am ersten Samstag im Juli fuhr ich nach KI. zu einem einwöchigen Kurs namens "Selbsterfahrung", der für meine Facharztweiterbildung erforderlich ist. Am Abend fuhr ich von KI. aus nach HH. zu "Stahlwerk". Dort traten Derek - als Missratener Sohn -, Xotox und Soman auf. Constri filmte die Auftritte von Derek und Xotox, die Herren von Xotox filmten den Auftritt von Derek. Alle Konzerte wurden vom Publikum begeistert aufgenommen. Wie immer bei den "Stahlwerk"-Festivals fand ich die Musik durchgehend sehr tanzbar, doch gab es in dem engen Konzertsaal zum Tanzen nicht genügend Platz. Oben auf dem Dachboden, wo anschließend die "Stahlwerk"-Party stattfand, sah es schon besser aus.
In dem Kurs in KI. wurden Inhalte vermittelt, die ich als Merksätze aufschrieb, weil sie in vielen Zusammenhängen angewendet werden können. Dazu gehört:
"Selbstwertgefühl entsteht durch Handeln."
Das bedeutet, daß man Selbstwertgefühl erarbeiten kann. Umgekehrt könnte es bedeuten, daß das Selbstwertgefühl sinkt, wenn man nichts Sinnvolles tut. So könnte es Rafa gehen, der keine geregelte Tätigkeit ausübt und zum Spielball seiner eigenen Launen geworden ist.
Ein weiterer Merksatz lautet:
"Wo die Angst ist, ist der Weg."
Das bedeutet, daß Angst als Hinweisgeber auf Konflikte eingesetzt werden kann, die bearbeitet werden können, wenn man sie erkannt hat.
Für Rafa, der immer wieder betont, er habe Angst vor mir, könnte das bedeuten, daß ich für ihn der Weg bin und ihm ermögliche, unbewußte Konflikte zu erkennen und zu bearbeiten.
Ein weiterer Satz lautet:
"Man entwickelt sich immer, auch wenn man das nicht beabsichtigt; es passiert von selbst."
Eine persönliche Weiterentwicklung findet also immer statt - nur nicht unbedingt in zuträglicher Weise und nicht unbedingt so, wie man es sich wünscht oder wie es von anderen erhofft wird.
Ein weiterer Satz lautet:
"Wenn sich einer der Partner entwickelt, vielleicht entwickelt sich der andere mit."
Das macht Hoffnung, wenngleich nur eine begrenzte.
Ein weiterer Satz lautet:
"Liebe ist bedingungslos."
Das habe ich nur zu deutlich am eigenen Leib erfahren. Daß ich einen verantwortungslosen, zerstörungssüchtigen Menschen liebe, habe ich mir nicht ausgesucht. Ich kann mich nur entscheiden, ob ich meine Gefühle und damit mich selbst verleugne oder ob ich zu mir und damit auch zu meinen Gefühlen stehe.
Ein Begriff, den ich als Konstrukt sehr hilfreich finde, um bestimmte Zusammenhänge zu deuten, lautet "Verwechslung". Wenn jemand beispielsweise besonders aggressiv gegen einen Menschen wird, kann es sein, daß er diesen Menschen mit jemand anderem verwechselt, der sich früher einmal ähnlich verhalten hat. Ein solcher Vorgang läuft in der Regel unbewußt ab. Ein Beispiel dafür wäre ein Mann, der sich in der Kindheit von seiner Mutter enttäuscht gefühlt hat, weil sie ihm die versprochene Zuwendung versagt hat. Als Erwachsener verwechselt er seine Frau mit seiner Mutter und wirft ihr vor, daß sie ihm keine so umfassende Zuwendung schenkt, wie eine Mutter ihrem Kinde schenkt, daß sie also nicht rund um die Uhr zu seiner Verfügung steht, nicht alle Mahlzeiten für ihn zubereitet und dergleichen mehr. Ein solches Phänomen könnte bei Rafa vorliegen.
Ein weiterer Merksatz lautet:
"Diskutieren ist neurotisch."
Das bedeutet, wenn man festgestellt hat, daß das Gegenüber nichts verändern will, sollte man selbst etwas verändern, anstatt Energie damit zu verschwenden, den anderen verändern zu wollen.
Ein weiterer Merksatz lautet:
"Ärger ist neurotisch."
Das bedeutet, wenn man sich über etwas aufregt, zeigt das die Bereiche an, wo man besonders angreifbar ist, was man sich aber nicht in ausreichender Weise bewußt macht. Wenn man es sich bewußt macht, kann man lernen, damit umzugehen, und Aufregung ist nicht mehr erforderlich. In der Fachsprache heißt das:
"Wütend wird man meistens über das, was man nicht integriert hat."
Ein weiterer Merksatz lautet:
"Wenn du Tee trinkst, trinke Tee."
Das bedeutet, daß man bewußt tun und erleben soll, was man gerade tut, und daß man bei der Bewältigung komplexer Aufgaben im Einzelnen bei der Sache bleiben soll, um sich nicht zu verzetteln und Ruhe und Überblick zu bewahren.
Ein weiterer Merksatz lautet:
"Ich kann mich den anderen aussetzen, ohne mich zu veräußern."
Das bedeutet, daß man sich anderen Menschen anvertrauen kann, ohne sich aufzugeben. Man kann sich offenbaren, ohne sich zu verlieren.
Rafa scheint überzeugt zu sein, daß er sich aufgibt und verliert, wenn er sich jemandem anvertraut. Er scheint den Menschen nur Schlechtes zuzutrauen.
Ein weiterer Merksatz lautet:
"Jeder zahlt einen Preis."
Für alles, was man erkämpft, gibt man etwas her. Umsonst gibt es nichts. Wann immer man sich für etwas entscheidet, muß man sich gegen etwas anderes entscheiden. Immer wieder gilt es abzuwägen, welche Werte einem wichtiger sind als andere.
Ein weiterer Merksatz lautet:
"Wenn man die gesellschaftlichen Hausaufgaben gemacht hat, hat man mehr Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten."
Das bedeutet, daß der Erwerb von Zertifikaten und Qualifikationen einem ermöglicht, selbstbestimmter zu leben und sich weniger von anderen vorschreiben zu lassen.
Ein weiterer Merksatz lautet:
"Es tut gut, mit guter Arbeit gutes Geld zu verdienen."
Dieser Satz ergänzt den vorherigen.
In den Kaffeepausen im Kurs gab es Kekse und Waffeln. Besonders beliebt waren die Vanillewaffeln. Kollege Finn wurde dadurch zu einer Schöpfungsgeschichte inspiriert, die er später per E-Mail an die anderen Kursteilnehmer verschickte:

der innere weg oder die erschaffung der vanillewaffel ...
... am anfang schuf gott die vanillewaffel. und gott legte viel mühsal und sorgfalt in seine arbeit, und er schuf die waffel von grund herauf in ebenmässiger form und abmessung. mit ecken und kanten schuf er sie, mit zwei leichten, aber knusprigen waffeln und mit einer wunderbaren creme aus zucker und gelatine und einer spur vanillegeschmack. und nachdem gott die arbeit beendet hatte, fand er gefallen an der waffel und sah, dass sie gut war. und er setzte sich zurück und er wartete, doch da war niemand, der kam, um die waffel zu nehmen. da war gott traurig, und er dachte bei sich, es müsse wohl an etwas mangeln, dass niemand komme, um die waffel zu nehmen.
so dachte gott, und also schuf gott die verheißung und die zuversicht, und er spürte ihre kraft, und er gab sie der waffel, und tief legte er verheißung und zuversicht in die waffel hinein. und abermals setzte er sich zurück, strich sich das haar aus der stirn und wartete. aber wiederum lag die waffel einsam, und niemand näherte sich, und es war stille ringsherum trotz der verheißung. da kamen zweifel auf in gott, und kleine sorgenfalten befielen seine stirn, und er war unsicher, ob es die waffel war und ob er alles getan hatte, was getan werden mußte. lange überlegte gott daran, und schließlich kam gott auf mut und freude. und so erschuf er die beiden als ein kraftvolles paar, und von beidem gab er reichlich in die waffel, dass sie nur so davon strotzte, und prächtig war die waffel anzusehen. gott ging eine kleine runde, und er ließ sich zeit, doch als er wiederkehrte, war da immer noch nur die waffel und keiner, der die waffel brauchte, die er geschaffen hatte. so wurde gott wütend, und er grollte ein wenig, und tiefer und dunkler wurden die falten auf seiner stirn. und machtvoll, wie er war, schuf gott die liebe, die so strahlend war wie die morgensonne über dem meer und so anmutig wie der abendwind über den feldern. und all diese liebe legte gott in die waffel, und was für eine wundervolle macht erfüllte sie. und dennoch, obwohl die waffel verheißung hatte und zuversicht, obwohl sie strotzte von mut und freude und obwohl sie erfüllt war von der liebe, lag sie einsam da, ohne gebraucht zu werden oder zu brauchen.
da wurde gott ängstlich, denn er hatte viel geschaffen mit der waffel und allem, was darinnen war, und lange dachte er und dachte, und doch fand er keinen makel an der waffel. und als er gerade kurz davor war, es zu beenden, kam ihm eine letzter, ganz leiser gedanke, und etwas später wuchs der gedanke und wurde zu einer gewissheit - und gott schuf den menschen.
er schuf ihn aus dem lehm, und mit seinen eigenen händen schuf er ihn als sein abbild, und mit großer sorgfalt legte er denken, fühlen und handeln in ihn hinein. so schuf er den menschen mit großer anstrengung, und am ende legte er sich nieder und legte den kopf auf die brust und schlief ein.
der mensch aber, so wie er geschaffen war, irrte umher und fühlte wohl, was in ihm war, aber er konnte es nicht verstehen. er fühlte die sehnsucht und verzweiflung, die wut und die trauer und auch die angst, die ihn mit macht überfiel. und lange irrte er umher in einer dunkelheit, und wohin er auch ging, rangen ihn die gefühle nieder, und fast wußte er weder ein noch aus. doch ganz am ende, vielleicht im letzten stück des weges und in der dunkelheit, da stieß der mensch an gott, wie der so lag und schlief, und bei gott fand der mensch die vanillewaffel. und wie gott gerade eben erwachte von dem leichten stoß, den er erhalten hatte, da sah er den menschen, wie er die waffel zu sich nahm und wie sie sich zum ersten mal begegneten. und plötzlich erfüllte die waffel den menschen, und in ihm fanden sich sehnsucht und verheißung, verzweiflung und mut, angst und zuversicht, trauer und freude und die liebe, und hell strahlte der mensch, und ihn erfüllte ein großes inneres glück - und endlich, endlich lächelte gott ...

Der Mittwochnachmittag war frei. Kollege Mero und ich spazierten bei strahlendem Sommerwetter über den Südfriedhof von KI., wo es Mausoleen und historische Grabmale gibt. Wir machten viele Fotos.
Mero erzählte, daß er vor einigen Jahren die Schwarze Szene für sich entdeckt hat und gerne an Fantasy-Rollenspielen teilnimmt, wo die Spieler im Rahmen von Wochenend-Camps die Handlungen in Kostümen und mit Holzwaffen inszenieren. Er spielt meist bei keltischen Rollenspielen mit. Einmal erschien er dort als "Bader Hendrik". Er hatte einen hölzernen Nähkasten beschriftet mit seinen Angeboten: "Massagen, Wundbehandlung, Amputationen, Kastrationen".
Dies rief er als Werbespruch, während er durchs Camp zog. Von einem Mitspieler wurde "Bader Hendrik" gebeten, einen anderen Mitspieler zu kastrieren.
"Nein, nur am eigenen Leib oder am Leibeigenen", erwiderte "Bader Hendrik".
Mero erinnerte sich an einen Schulkameraden, der später unter dem Namen Sopor Aeternus eine musikalische Szene-Karriere machte. Er, heute als Frau verkleidet, soll damals noch eindeutig männlich gewesen sein. Er war mit Mero im Kunstunterricht. Gemeinsam interpretierten sie das "Picknick im Grünen" von Monet neu, indem sie die braven Sommerfrischler durch Monstergestalten ersetzten.

In KI. hatte ich einen Traum, der handelte von einem Bett, das stand auf einem geschotterten Hinterhofparkplatz. Ich wußte nicht, wem es gehörte. Rafa und ich lagen in dem Bett. Immer wieder sprang Rafa auf, redete mit Leuten, die vorbeikamen, und legte sich dann wieder zu mir. Rafa trug einen sandfarbenen Pullover und eine sandfarbene Baumwollhose. Ich legte mich auf Rafa und streichelte ihn, wir hielten uns in den Armen. Ich sagte zu ihm:
"Daß ich dich hier in den Armen halten kann, ist für mich das Schönste, was es auf der Welt gibt."
Er nahm das schweigend zur Kenntnis.
Der unpersönliche, öffentlich zugängliche Parkplatz verwandelte sich durch die Beziehung zwischen Rafa und mir in einen Ort der Geborgenheit, ein Paradies auf Erden. Zwischen uns herrschte innige Nähe und bruchloses Vertrauen.
Als ich den Wecker klingeln hörte, kuschelte ich mich eng an Rafa und legte meine Wange an seine.

In einem Traum am Montag nach dem Kurs erlebte ich Folgendes:

In einer Discothek entdeckte ich Rafa. Er hatte das an, was er auch beim Sommerfestival im "Read Only Memory" trug, ein Batik-Oberteil und einen langen schwarzen Rock. Berenice hatte er nicht dabei. Er redete mit verschiedenen Leuten, darunter ein Mädchen mit langen orange-braun gefärbten Haaren, das Ismaela hieß. Als Rafa in meine Nähe kam, ging ich auf ihn zu und schloß ihn in die Arme. Er schien sich zu wundern, wehrte sich aber in keiner Weise. Ich war darüber sehr erstaunt; ich wußte ja nicht, daß es nur ein Traum war. Ich wollte das zu Rafa sagen, was ich in dem Traum kürzlich zu ihm gesagt hatte:
"Dich in den Armen zu halten, ist für mich das Schönste, was es auf der Welt gibt."
Ich dachte aber, daß er vielleicht nicht in der Stimmung für einen so romantischen Satz war. Er nahm mich bei den Händen und führte mich zum Ausgang. Dabei umschlang er mich, als wollte er eine Eroberung demonstrieren.
Draußen war es hell, warm und sonnig. Rafa sprach über seine bisherigen Beziehungen, auch über "das, was ich da hatte", womit wohl Berenice gemeint war.
"Und jetzt bist du mit Ismaela zusammen", argwöhnte ich.
"Ich bin nicht mit Ismaela zusammen", behauptete Rafa.
Im Hof hinter der Discothek setzte Rafa sich mit zwei anderen Herren auf den sandigen, staubigen Boden und redete mit ihnen. Kurz danach verschwand er, versprach aber, gleich zurückzukehren.

Am Dienstag bekam ich Besuch von meiner Kollegin Dodo. Wir aßen in einem Bistro zu Abend. Dodo hat mittlerweile zusätzlich zu ihren beiden Hunden zwei Katzen. Sie brachte ihre Hunde mit; sie war überzeugt, sie nicht für einige Stunden allein zu Hause lassen zu können. Das nimmt mich wunder, hat sie doch vor, wieder arbeiten zu gehen, und dann käme sie nicht darum herum, ihre Tiere allein zu Hause zu lassen.
Während wir aßen, beugte Dodo sich in Abständen von wenigen Augenblicken hinunter zu den Hunden, die aus einem Napf tranken und sich friedlich verhielten. Dodo konnte ihr Verhalten auch nicht ändern, als ich einwandte, daß unser Gespräch hierdurch gestört wurde, denn ich bekam den Eindruck, daß sie nicht bei der Sache war.
Dodo schilderte, wie sie zur Hundehalterin wurde. Als ihr letzter Freund sich von ihr trennte - ein Mann, der vom Alter her ihr Vater hätte sein können -, habe er ihr geraten, sich einen Hund anzuschaffen. Dodo schaffte daraufhin gleich zwei Hunde an. Ich meinte dazu:
"Also, wenn ein Mann mit mir Schluß machen würde und zu mir sagen würde:
'Schaff' dir doch einen Hund an.'
- dann würde ich zu ihm sagen:
'Da ist die Tür, du kannst aber auch das Fenster nehmen.'
Das ist ja wohl die absolute Beleidigung."
"Ich habe das gar nicht als Beleidigung aufgefaßt."
Dodo erzählte, sie habe geträumt, sie sei einen Steilhang hinaufgeklettert, und ich hätte sie dabei an der Hand genommen und geführt. Ich meinte, am besten wäre es ja, wenn es ihr gelingen würde, ohne Hilfe den Steilhang hinaufzuklettern.
Dodo hatte nach ihrer Kündigung in Kingston vorgehabt, in der Nähe von HM. in einer Arztpraxis zu arbeiten; das hatte sich jedoch zerschlagen. Eine andere Stelle hat sie noch nicht gefunden. Sie führt nun mit ihren Hunden und Katzen das Leben einer Rentnerin, und das, obwohl sie jünger ist als ich. Ich fragte sie, ob sie nicht einmal mitkommen wollte in die Disco. Sie versteckte ihr Gesicht in der Halsbeuge wie ein Schulmädchen und antwortete:
"Ich trau' mich nicht."
Dann setzte sie das Argument hinzu:
"Außerdem kann ich meine Tiere nicht alleine lassen."
Sie scheint die Tiere wie eine Mauer um sich herumzubauen, wie sie auch ihr Übergewicht um sich herumgebaut hat.
Nachdem Dodo bereits das gesamte Kollegium in Kingston argwöhnisch betrachtete und paranoid besetzte, schien sie in der folgenden Zeit dasselbe auch mit mir zu tun; jedenfalls nahm sie weder Telefon noch Handy ab und reagierte weder auf Anrufbeantworter-Nachrichten noch auf SMS-Nachrichten. Nach einigen Versuchen, Dodo zu erreichen, beließ ich es dabei.
Daß Dodo selbstmordgefährdet ist, halte ich für sicher, doch ich halte Dodo für geschickt genug, ihre Umwelt stets im Unklaren darüber zu lassen, wie sehr oder wie wenig selbstmordgefährdet sie gerade ist. Sie könnte ihrer Umwelt wahrscheinlich jede Stimmung vorspielen, ohne daß eine davon echt wäre.
Dodo ist seit Jahren in Therapie, doch die Therapeutin scheint sich darauf zu beschränken, eine allzeit liebende Mutter zu spielen und Dodo unentwegt zu bedauern ("Ei, du armes Kind!"). Für Therapeuten kann so etwas recht einträglich sein, solange die Kasse zahlt. Und für den Patienten bietet es den Vorteil unaufhörlicher Bestätigung ohne die Notwendigkeit, sich auf einen therapeutischen Prozeß einzulassen. Es handelt sich um eine Symbiose, eine Zementierung psychischer Invalidität. Für manchen Menschen ermöglicht ein solches "jugendliches Rentnerdasein" durchaus eine gewisse Lebenszufriedenheit, eine "Stabilisierung auf niedrigem Niveau".



Am Freitag war ich im "Mute". Im Foyer sah ich Rafa in der Nähe der Garderobe stehen, in der Nische, wo ein Merchandize-Stand aufgebaut war. Rafa trug das langärmelige Batik-Oberteil und darüber eine antaillierte schwarze Weste mit Silberknöpfen, die am Hals mit einer Spitzenborte geschmückt ist. Dazu trug er eine schwarze Baumwollhose, vorne mit Metallringen verziert. Rafas Frisur gefällt mir schon lange nicht mehr, ich finde den Stufenschnitt einfallslos und nicht passend zu ihm - zu brav, nicht individuell genug. Rafa trug seine Sonnenbrille mit den runden Gläsern, die mir auch nicht gefällt.
Ich begrüßte Ivco und Sten. Rafa stellte sich zu uns, und ich streichelte über seinen Arm. Rafa unterhielt sich kurz mit Ivco und Sten, und ich streichelte noch einmal über Rafas Arm. Rafa schleuderte meine Hand weg und sagte zu mir in einem wütenden Tonfall:
"Und übrigens - vor vier Wochen hatte ich dir gesagt, ich will, daß sämtliche privaten Details aus dem Internet verschwinden, und ich habe die Leute gefragt, die mir das vorher erzählt hatten, ob das denn auch so sei, und die haben mir gesagt, das sei nicht so."
"Das stimmt nicht", entgegne ich.
"Das stimmt nicht?" ruft er aufgebracht.
"Ich habe das sofort herausgenommen", erzähle ich, "unmittelbar nach unserem Gespräch habe ich einen wichtigen Dialogteil herausgenommen."
"Ich habe gesagt:
'Du nimmst alles über meinen Vater 'raus.'
Fakten über mein Privatleben haben da nichts zu suchen! Und das verschwindet!"
"Ich habe einen Dialogteil herausgenommen, von dem ich den Eindruck hatte, daß der für dich besonders wichtig war. Aber ich kann nicht alles herausnehmen, denn das ist ein tragendes Element in der Geschichte, das ist unverzichtbar. Man kann nicht alles herausnehmen, das geht nicht, das kann nicht verschwinden, das ist für die Geschichte zu wichtig."
"Das will ich überhaupt nicht wissen!" tobt Rafa. "Das interessiert mich auch nicht. Du nimmst alle privaten Sachen aus dem Internet."
"Ich denke, dir ging es vor allem um einen bestimmten Dialogteil, einen, in dem besondere Details über den Tod deines Vaters zu lesen sind. Und den habe ich 'rausgenommen."
"Details! Details! Wenn ich dieses Wort schon höre! Du hast Glück! Wenn du ein Kerl wärst, dann hätte ich dir jetzt eine 'runtergehauen."
Mir fällt dazu ein, daß Rafa auch Frauen schlägt.
"Ich würde dir das wirklich sehr, sehr gerne mal in Ruhe erklären", sage ich bestimmt.
"Ich will das gar nicht erklärt haben!" wehrt Rafa ab. "Das interessiert mich nicht!"
"Ich möchte gerne, daß du auch die andere Seite kennst, um das wirklich beurteilen zu können."
"O.k., mein Vater ist tot, o.k., er war mein Held, o.k., ich habe das mal irgendwem erzählt. Und dann kommt das an die Öffentlichkeit, und was Öffentlicheres als das Internet gibt's ja nicht. Und jeder weiß jetzt alles. Ich bin doch derjenige, der von allen möglichen Leuten darauf angesprochen wird:
'Ey, dein Vater ist tot, aha.'
Ja, gut, mein Vater ist tot, o.k. Und wenn ich das irgendwem erzähle und das dann nachher im Internet steht, das finde ich unglaublich. Wenn das jetzt von irgendwem gekommen wäre, wenn das jetzt irgendwer ins Internet gestellt hätte - Schwamm drüber, dann wäre das nicht so wichtig. Aber wenn das auch noch jemand ist, den man irgendwie irgendwo auf irgendeine Art schätzt, davon bin ich absolut nur geschockt!"
"Als Künstlerin schreibe ich über das, was mir im Leben am wichtigsten ist."
"Das will ich gar nicht wissen, was dir am wichtigsten ist!" fällt Rafa mir ins Wort.
"Ich will dir aber gerne sagen, was mir am wichtigsten ist."
Rafa begrüßt einen Jungen, der vorbeikommt. Rafa gibt ihm die Hand, bleibt aber stehen, wo er ist. Ich wiederhole:
"Ich will dir sagen, was für mich am wichtigsten ist."
"Ich will das überhaupt nicht wissen!" fällt Rafa mir ins Wort. "Das interessiert mich nicht! Schluß, Ende, aus!"
"Ich möchte dir gerne die zweite Hälfte des Satzes sagen."
"Ende der Diskussion! " fällt Rafa mir ins Wort. "Ich habe gesagt, du tust das Zeug da 'raus, und das ist alles, und der Rest interessiert mich nicht!"
"Rafa, ich möchte den Satz gerne zuendesprechen."
"Ende der Diskussion! Ende der Diskussion!"
"Also ... Rafa ..."
"Was?"
Er schweigt für wenige Atemzüge, und ich vervollständige:
"Als Künstlerin schreibe ich über das, was mir besonders wichtig ist, und das, was für mich am allerwichtigsten ist, bist du."
"Ja, und ich bin derjenige, der geschädigt wird!" beschwert sich Rafa. "Du hast mich geschädigt! Und ich bin derjenige, der darunter zu leiden hat, daß du das machst, was dir wichtig ist!"
"Ich schade dir nicht damit."
"Doch, natürlich! Du hast mir schon geschadet! Aber nur!"
"Ich schade dir nicht damit."
"Du schadest mir damit! Ich bin doch derjenige, der von allen möglichen Leuten darauf angesprochen wird:
'He, da in Hettys Internetseite, das mit dem Tod deines Vaters und so, das ist ja interessant, was man da alles liest über dich und so ...'
Und die erzählen mir das, und ich bin derjenige, der hier geschädigt wird."
"Ich schade dir nicht."
"Natürlich schadest du mir! Und nur mir! Und das, wo ich doch einiges Gutes für dich getan habe, als ich dich zum Beispiel von Jochen Sockenschuß befreit habe! Ich hab' dir viel Gutes getan! Ja, vielleicht nicht nur Gutes, aber ist ja auch egal."
Magenta kommt des Wegs. Ich begrüße sie und wende mich wieder Rafa zu.
"Danke fürs Zuhören!" ruft er gekränkt. "Also - laß mein Privatleben aus dem Spiel! Ich sag' dir das jetzt ... ich sag' dir das nochmal ... und wenn das dann nicht verschwindet, dann lese ich das selber nach, und dann kriegst du mein Echo ... dann kriegst du mein Echo! Und dann geht eine Bombe hoch! Und dann kannst du mich mal am A... lecken!"
Rafa marschiert wütend von dannen.
"Vielleicht liest er es jetzt wenigstens endlich", dachte ich. "Das Echo will ich sehen und die Bombe, die dann hochgeht."
Ich gab Sten meine Visitenkarte, auf der sich die URL meiner Domain befindet.
"Aber bedenke, für Rafa ist meine Internetseite ein absolutes Reizthema, weil er das Gefühl hat, daß er damit fertiggemacht werden soll", erklärte ich. "Wenn man das ihm gegenüber anspricht, kann er ziemlich wütend werden."
"Ach, das ist mir völlig egal."
Zu Ivco sagte ich:
"Rafa und ich haben uns ja im Juni beim Sommerfestival im 'Read Only Memory' getroffen. Und da hat er sich darüber beschwert, daß ich auf meiner Internetseite über den Tod seines Vaters berichte. Und er hat sehr geschimpft. Und ich habe jetzt einige Details, von denen ich den Eindruck hatte, daß sie ihm besonders wichtig sind, tatsächlich aus der Geschichte 'rausgenommen. Und jetzt kommt er an und behauptet, das sei nicht der Fall gewesen, weil er die Geschichte noch gar nicht gelesen hat und infolgedessen auch die Veränderung nicht bemerken konnte."
"Ach so - daß er sich nur auf das verläßt, was er von anderen hört."
"Ja, genau."
"Mit Rafa ist es immer schwierig, wenn er einmal eine Meinung hat."
"Sobald sich eine Meinung bei ihm festgesetzt hat, die in irgendeiner Weise noch zu verändern."
"Ja", bestätigte Ivco. "Aber wenn etwas Zeit vergeht und sein Zorn etwas abgeflaut ist ..."
"Ja, das war im Juni auch so ähnlich. Da war er noch wütender und hat noch mehr geschimpft als jetzt. Das war jetzt ja noch die weichgespülte Variante."
"Damit mußtest du rechnen, daß sowas passiert."
"Natürlich mußte ich damit rechnen", bestätigte ich. "Und ich habe mich in gewisser Weise schon darauf eingestellt. Ich habe ehrlich darüber nachgedacht, warum es mir wichtig ist, 'Im Netz' zu schreiben und online zu stellen und warum ich unbedingt dahinterstehe. Ich habe mich gedanklich sehr viel damit beschäftigt, warum ich so etwas mache. Es gibt mehrere Gründe dafür. Erstens - ich identifiziere mich mit meinem Dasein als Künstlerin sehr, sehr stark. Und als Künstlerin habe ich immer den Wunsch, kreativ zu sein und das, was ich herstelle, einem Publikum zugänglich zu machen. Das Publikum ist für mich als Künstlerin äußerst wichtig."
"Natürlich ist das Publikum für jeden Künstler wichtig", meinte Ivco.
"Bauhaus haben das ja so schön formuliert", fiel mir ein. "Sie singen in einem Lied:
'We love our audience.'
Dieses eben ist für mich äußerst wichtig, daß ich kreativ arbeiten kann und daß es ein Publikum gibt dafür, das möglichst groß ist.
Und zweitens ist es ja so: Was man künstlerisch schafft, soll man mit dem Herzen schaffen. Und ich bringe das zu Papier, was mir wirklich wichtig ist, was mich wirklich beschäftigt. Und das, natürlich, ist die Geschichte von Rafa und mir, die mir besonders wichtig ist. Und deshalb ist sie auch Inhalt der Geschichte. Und deshalb beschäftige ich mich so intensiv mit Rafa. Daß ich über den Tod seines Vaters schreibe, ist von essentieller Bedeutung. Das war eines der bedeutsamsten Erlebnisse in seinem Leben, das sein Verhalten nachher maßgeblich beeinflußt hat."
"Ach, du meinst, vieles in seiner späteren Entwicklung war dadurch bedingt."
"Mit Sicherheit hat ihn das ganz wesentlich beeinflußt und beeinträchtigt. Damals ist sein Leben eingebrochen. Und mit Mühe hat er sich dann wieder aufgerappelt. Dann aber hat er das, was fehlte, zu kompensieren versucht durch die Inszenierungen, die wir alle so gut kennen. Man kann sein Verhalten im Grunde nur verstehen und auch die Geschichte nur verstehen, wenn man das miteinbezieht. Deswegen ist es ein unverzichtbares Element in der Geschichte.
Rafas Vater war der Mensch, den Rafa in seinem Leben am meisten geliebt hat, mehr als alle anderen Menschen auf der Welt. Der Dialog über den Tod seines Vaters war eine Schlüsselerfahrung. Da fing unsere Beziehung eigentlich an, als er begonnen hat, davon zu erzählen."
Ich schilderte, wie Rafa sich im "Read Only Memory" nach seinem Wutausbruch allmählich beruhigte und sich schließlich neben mir auf einen CD-Koffer setzte und mit mir diskutierte.
"Rafa hat mir nun 'angedroht', die Geschichte wirklich zu lesen", erzählte ich. "Dann soll ich sein Echo kriegen. An sich hätte ich nichts dagegen, das Echo auch ins Internet zu stellen."
"Na ja, wahrscheinlich wird das Echo ziemlich unsachlich ... nein, eigentlich kann ich mir das von ihm fast vorstellen, daß er sich dazu sachlich äußert."
"Manchmal werden Menschen besonders wütend, wenn man sie auf etwas anspricht, worüber sie mit sich selbst nicht im Reinen sind. Und ich denke, daß Rafa über vieles, was er getan hat, mit sich uneins ist."
"Ich habe eher den Eindruck, daß Rafa mit sich ganz zufrieden ist oder zumindest die Meinung hat, daß er mit sich zufrieden ist."
"Ich glaube, daß er mit dem, was er schon getan hat, nicht unbedingt im Reinen ist. Rafa weiß, daß er einige Untaten begangen hat, das ist ihm sicher klar."
"Ich bin mir nicht so sicher, ob Rafa es wirklich als Untaten betrachtet und ob er im Nachhinein nicht damit sehr einig ist und meint, das wäre alles gut und richtig, was er getan hat."
"Vordergründig, denke ich schon", vermutete ich. "Wenn man ihn fragen würde, ob er glaubt, daß alles richtig war, daß er dann schon sagt:
'Natürlich! Ich stehe hinter allem, was ich getan habe, das war alles richtig so.'
Aber ob er das dann wirklich denkt, ob er das fühlt, ob er das wirklich meint, das, denke ich, wird man nicht 'rauskriegen.
Rafa erlebt mich wohl als sehr feindselig, und er hat auch das Gefühl, daß andere in erster Linie wirklich auf ihn gucken in der Geschichte, dabei ist es ja so, daß da viele andere Geschichten auch noch eine Rolle spielen."
"Deine Geschichte ist für mich vor allem eine Geschichte über die Szene von H."
"Im Großen und Ganzen ist sie das ja auch. Im Übrigen habe ich die Geschichte schon entschärft."
"Entschärft?"
"Ja, ich neige nämlich zum Zynismus."
"Du? Zynismus?"
"Ja, ich ziehe gerne über die Leute her. Und ich habe mich da schon gebremst und die Geschichte an vielen Stellen entschärft. Ich war nämlich noch wesentlich direkter - teilweise."
"Rafa kommt in deiner Geschichte ja auch nicht unbedingt gut weg, vor allem am Anfang nicht."
"Teilweise habe ich das wiedergegeben, was die Leute über ihn gesagt haben, das Etikett, das sie ihm umgehängt haben, egal ob das mit der Realität übereinstimmt oder nicht. Rafa hat sich halt bei vielen Menschen unbeliebt gemacht. Ich habe das wiedergegeben, was ich gehört habe und das, was wirklich passiert ist, etwa wie er sich damals verhalten hat, wo wir draußen am CITICEN auf einer Bank saßen. Wir hielten uns eng umschlungen, und er fragte mich, ob ich ihn liebe. Und direkt danach ist er mit einer anderen ins Bett gegangen, unmittelbar danach. Und so etwas vergißt man nicht. Man begreift es eigentlich noch nicht einmal."
"Das wundert mich auch etwas."
"Es ist halt so, Rafa hat doch ein erhebliches Selbstwertproblem, und es könnte sein, daß dieses Verhalten von ihm, sich sofort einer anderen Frau zuzuwenden und mit der ins Bett zu gehen, damit zu tun hat, daß er zum Beispiel, als wir uns eng umschlungen hielten, Angst hatte, daß ich ihn nicht erhöre und daß ich ihn enttäuschen könnte und daß er versucht hat, dieser Enttäuschung vorzubeugen, indem er mich weggeworfen hat und mit einer Frau ins Bett gegangen ist, von der er nicht enttäuscht werden konnte. Die hatte er in der Hand, die konnte ihm nicht wehtun."
"Ich weiß, daß er sich in dieser Beziehung schon entwickelt hat und daß er sich auch verändert hat", meinte Ivco.
"Ja, ich schreibe natürlich diese Veränderung auch. Ich schreibe immer das, was wirklich ist. Das, was Rafa gemacht hat, hat er ja wirklich getan. Ich habe versucht, das, was passiert ist zwischen uns, so genau und sachlich wie möglich zu beschreiben, um ein möglichst klares Bild davon zu vermitteln, wie das abgelaufen ist. Wenn du die Geschichte genau liest, fällt es dir auf. Immer wenn Gefühle hochkommen, blockt er ab."
"Und wie blockt er ab?"
"Indem er wegläuft. So hat er es ja eben auch gemacht. Das habe ich schon x-mal erlebt - immer dann, wenn er gemerkt hat, es wird emotional, ist er weggelaufen."
"Das ist ihm wohl unangenehm."
"Ich könnte mir auch vorstellen, daß es mit Angst zu tun hat. So ein Gespräch, wie wir es jetzt miteinander führen, könnte ich mit Rafa nicht führen, weil er es abblocken würde. Was ich dir hier alles erzähle, das kann ich ihm nicht erzählen. Du hörst dir das an, du hörst mir wirklich zu, du läßt es an dich heran. Und das, genau das tut Rafa nicht. Der wehrt es immer nur ab. Ich denke, er hat Angst, sich das anzuhören, weil er nicht weiß, was es in ihm auslösen würde. Und ich kann mir vorstellen, daß Rafa auch deshalb auf mich wütend ist, weil er den Wunsch hat, alle und alles um sich herum zu kontrollieren, und die Geschichte kann er nicht kontrollieren. Das kann auch Ängste auslösen."
"Vielleicht ist es ihm auch einfach nur unangenehm."
"'Unangenehm' ist ein relativ unscharfer Begriff. Vielleicht kann man das etwas genauer fassen."
"Du schreibst immer wieder, Rafa hätte Angst vor dir. Hast du das auch eventuell in ihn 'reininterpretiert, oder meinst du, das stimmt wirklich?"
"Na ja, das Wort kam ja von ihm. Das hat er ja 1993 in der 'Halle' zu mir gesagt, daß er Angst vor mir hat, und das hat er auch später immer wieder gesagt."
"Ja, aber das ist doch keine körperliche Angst, daß du ihn irgendwie bedrohst."
"Nein."
"Eher was Seelisches."
"Ja, auf jeden Fall."
Ich schilderte, wie schwer es für Rafa gewesen ist, mit mir nach Hause zu kommen, nachdem er den Wunsch geäußert hatte, mich zu begleiten.
"Könnte das nicht sein, daß Rafa seine Gefühle für dich nur gespielt hat?" überlegte Ivco.
"Meinst du etwa, alles an dem ist künstlich?" fragte ich.
"Vielleicht nicht alles", erwiderte Ivco, "aber er neigt ja dazu, sowas zu inszenieren."
"Das stimmt sicherlich, das kenne ich auch von ihm. Nur - wenn man es erlebt hat, vielleicht kann man dann auch ein Stück weit unterscheiden, ob es echt oder gespielt ist. Es ist die Art, wie man es aufnimmt, wie man es wahrnimmt und wie man es verarbeitet. Wenn einem jemand so viele Gefühle entgegenträgt, das spürt man einfach. Die Gefühle sind ja zwischen uns entstanden. Die Beziehung ist zwischen uns entstanden."
"Ich hatte eher den Eindruck, das ist einseitig gewesen."
"Natürlich wirkt das einseitig. Offiziell bin ich für Rafa nicht vorhanden. In seinem Leben komme ich nicht vor. Es gibt mich nicht."
Ich erzählte, daß in vielen Träumen Nähe und Vertrauen zwischen Rafa und mir herrschen.
"Du nimmst Träume wohl sehr wichtig", vermutete Ivco.
Ich erzählte von dem Traum im März 1993, der Details voraussah, die sich sechs Wochen später tatsächlich abspielten; dazu gehörte der türkisfarbene Schriftzug "Liebe", der über Rafa und mir leuchtete.
"Das war mehr als nur Zufall", meinte ich. "Das kann ich nicht mehr als Zufall werten."
"Du gehst ja davon aus, daß er wohl Gefühle für dich hat, die er vielleicht nicht unbedingt zeigt. Aber meinst du nicht, du kannst dich auch irren?"
"Natürlich kann ich mich irren, das ist doch selbstverständlich. Ich kann es nie genau wissen, aber ich bin mir schon recht sicher, weil ich mit ihm so viel erlebt habe. Das hat mich emotional sehr geprägt, das hat Spuren hinterlassen. Als Beispiel könnte man nennen: Wenn jemand von einem Folterer geschlagen wird und er sich nicht wehren kann, das vergißt er ja auch nie. Also wenn du zum Beispiel von einem Folterer geschlagen würdest und könntest dich nicht wehren, das würde sich auch in dein Gedächtnis einbrennen, das könntest du nie vergessen. Genauso ist es auch mit der Liebe: Wenn du so etwas erfahren hast, wenn du so etwas erlebt hast, das vergißt du auch niemals. Das prägt einen."
"Ja, so gesehen ... Eine Stelle in deiner Geschichte ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, da nämlich, wo jemand erzählt hat von einer Beziehung, die auseinandergegangen ist und wo ihm im Nachhinein klargeworden ist, daß er den Partner nur hatte, um nicht alleine zu sein. Und da hast du ihn gefragt, ob es denn im Nachhinein gut war, diese Partnerschaft zu führen. Und dann hat der- oder diejenige geantwortet:
'Nein.'
Das hat mir doch sehr zu denken gegeben, daß es vielleicht in dem Fall doch richtig gewesen wäre, so konsequent zu sein, wie du es bist."
"Jeder Gesprächskontakt nach dieser Geschichte, wo Rafa mich versetzt hat, ist von ihm ausgegangen", erzählte ich. " Darauf habe ich immer sehr geachtet. Jedes Gespräch ist von Rafa initiiert worden, ob es ein Telefonat war, ob es ein Besuch war, es ging immer von ihm aus. Das kannst du durch die gesamte Geschichte hindurch verfolgen. Ohne seine Initiative wäre keines dieser Gespräche zustandegekommen. Und ich halte es auch heute so, daß ich den Kontakt nicht aufnehme. Ich rufe ihn nicht an, ich schicke ihm keine E-Mail, obwohl ich seine E-Mail-Adresse habe, weil er sie mal selber ins Internet gestellt hat. Ich schicke ihm keine Briefe. Ich stehe nicht vor seiner Tür."
"Stimmt."
"Das würde ich auch niemals tun, es sei denn, er wünscht es sich. Aber von mir aus mache ich es grundsätzlich nicht. Deshalb muß ich eine andere Ebene der Kommunikation finden, und da sind die Möglichkeiten äußerst begrenzt. Dieses Berühren im Vorübergehen zum Beispiel, daß ich ihn im Vorübergehen streichle, das habe ich eigentlich auch von ihm. Das hat er erfunden. Damals im 'Elizium' hat er das schon gemacht. Da ist er an mir vorbeigegangen und mit der Hand an meinem Rücken entlanggefahren, oder er hat mir ins Genick gepustet und ist dann weitergegangen. Er hat selber damit angefangen, und ich habe das irgendwann übernommen. Im Grunde stammt dieses Verhalten also von ihm.
Die Kontaktebene, die Rafa und ich haben, ist äußerst dünn. Ich sehe ihn nur sehr, sehr selten, und dann können wir uns fast nicht unterhalten. Viermal haben wir uns im Chatroom unterhalten, da haben wir sehr gute Gespräche geführt, und ich hatte wirklich den Eindruck, daß er sich gerne unterhält und voll mitgeht im Gespräch und daß ihm das wichtig ist. Das hat er auch alles abgebrochen. Rafa hat doch auf seiner Internetseite einen Chatroom, und da hat er eine Zeitlang immer punktgenau jeden Monat regelmäßig angekündigt, wann er wieder im Chatroom ist, und als ich das erste Mal dort erschienen bin, haben wir ein sehr angeregtes Gespräch geführt, und er hat auch gleich wieder den nächsten Chat angekündigt, und da haben wir uns wieder sehr angeregt unterhalten. Und dann hat er das erste Mal einen Chat geschwänzt."
"Aha."
"Er hat hingeschrieben, wann er da ist, mit Uhrzeit, und war nicht da. Und dann hat er noch einmal einen Chat angekündigt und noch einmal den Chat geschwänzt."
"Ach so."
"Und dann hat er nach sechs Wochen wieder einen Chat angekündigt und war dann nur eine Stunde im Chatroom und ist ganz schnell wieder verschwunden, und dann hat er zweieinhalb Monate lang keinen Chat mehr gemacht, und dann kam er wieder in den Chatroom, und wir haben uns vier Stunden lang unterhalten, sehr angeregt. Und dann hat er irgendwann gemerkt, daß er mich schon kennt. Ich habe ihm gesagt, wenn es etwas gibt, das ich bei ihm nie akzpetieren werde, dann ist es, daß er raucht, und zwar aus genau dem einen Grund, daß es sein Leben verkürzt. Das läßt mich nicht los, und das wird mich auch nie loslassen, das beschäftigt mich immer, und ich kann im Moment ja leider überhaupt nichts daran machen. Und im Chatroom habe ich das Thema angesprochen, und ich habe mich mit Rafa eine Weile unterhalten. Da hat er schließlich gefragt, warum mir das wichtig ist, daß er nicht raucht, und warum es mich überhaupt beschäftigt. Da habe ich ihm gesagt, daß ich mir Sorgen um ihn mache. Und da war der ganz schnell aus dem Chatroom verschwunden und ist nie wieder zu einem regulären Chat in seinem Chatroom erschienen, nur noch mal kurz und inkognito, wo er sicher sein konnte, daß ich nicht da sein würde, aber ansonsten ist er nie wieder zu einem angemeldeten Chat erschienen in seinem Chatroom. Das hat er alles abgeblockt, so daß ich auch diese Möglichkeit nicht mehr habe, mit ihm zu sprechen. Aber mir ist es so wichtig, mit ihm in Kontakt zu treten, und ich bin ja nun kreativ und muß mir immer was einfallen lassen und schöpfe alle Möglichkeiten aus, die ich habe. Und dann fällt mir eben auch sowas ein wie 'Im Netz'. Wenn ich an der Geschichte arbeite, habe ich das Gefühl, Rafa sehr nahe zu sein, und das ist ja auch so, ich schreibe ja über ihn und befasse mich mit dem, was ich mit ihm erlebt habe.
Diese Geschichte muß irgendeinen Sinn haben. Ich weiß noch nicht, welchen. Aber irgendeinen Sinn, denke ich, muß sie haben, wenn ich so viel daran arbeite.
Es geht für mich auch darum, das Ganze gewissermaßen auf eine abstrakte Ebene zu heben, um es aus der Distanz betrachten zu können und gezielter damit arbeiten zu können und das Ganze berechenbarer zu machen.
Ich sehe Rafa sehr selten, und dann kann ich fast überhaupt nicht mit ihm reden, und das seit Jahren nicht. Deshalb muß ich irgendetwas unternehmen. Ich muß mich entscheiden, ob ich schweigen oder handeln will, und ich entscheide mich fürs Handeln."
"Stimmt, entsprechend deiner Konsequenz. Du bist da eben konsequent."
"Genau, ich bin konsequent. Eine Lebenserfahrung, die ich gemacht habe, war, daß es keinen Sinn hat, etwas in sich 'reinzufressen. Wenn ich diese Geschichte schreibe und verbreite, dann ist es für mich eine Art Selbstschutz, ein Schutz für meine Gesundheit. Ich kann das nicht einfach so für mich behalten. Ich muß das verteilen, ich muß das unter die Leute bringen. Ich muß dafür sorgen, daß es möglichst viele Leute erfahren. Nicht 'runterschlucken, sondern Lärm machen, das ist eine Lebenserfahrung von mir. Dadurch kommt man weiter, da hilft man sich eher, und wenn andere Leute davon auch wissen, können sie einem auch raten. Die Meinung der anderen ist mir unheimlich wichtig. Sie hilft mir, die Sache objektiver zu sehen."
"Obwohl das ja auch wertend ist", meinte Ivco.
"Natürlich, jeder bewertet auf seine Art. Aber summa summarum, je mehr Meinungen man hört, desto objektiver wird letztlich das Bild, das man sich macht, und das hilft einem, daß man die Sache für sich selbst besser ordnen kann.
Dieses ewige Getrenntsein von Rafa, das ist so ähnlich, wie es für dich wäre, wenn Carole am anderen Ende der Welt wohnen würde. Ich sehe Rafa ja so gut wie nie. Ich denke vierundzwanzig Stunden am Tag an ihn, und er ist für mich das Allerwichtigste, was es auf der Welt gibt."
"Sowas habe ich auch schon gehabt", erzählte Ivco. "Ich bin zwei Jahre lang mit einer Brasilianerin zusammengewesen und habe sie auch nur alle halbe Jahr gesehen."
"Dann kennst du das ja. Dann weißt du ja, wie das ist."
"Eigentlich hat dir doch das, was du bisher gemacht hast, im Grunde überhaupt nichts gebracht."
"Da hast du recht, doch andererseits ist es für mich wichtig, das zu machen - überhaupt etwas zu machen. Und im Grunde hat das, was ich schon gekriegt habe, für sich genommen einen Sinn. Wenn ich an der Geschichte arbeite, habe ich das Gefühl, Rafa sehr nahe zu sein, und das ist ja auch so, ich schreibe ja über ihn und befasse mich mit dem, was ich mit ihm erlebt habe."
"Reicht dir das denn alles so? Ich meine, wenn du deinen Gefühlen folgst und ihn nicht kriegst?"
"Natürlich würde mir das nicht reichen. Ich möchte mit Rafa ja eine Familie haben, ich möchte mit ihm Kinder haben, das ist mir unheimlich wichtig, das ist der größte Wunsch, den ich auf der Welt habe. Aber wenn ich das nicht schaffe, was wahrscheinlich der Fall ist, dann habe ich das letztlich nicht in der Hand. Das ist das Schicksal, das nicht will, daß wir zusammenkommen. Dagegen kann ich nichts machen. Ich tue, was ich kann, und ich werde auch immer tun, was ich kann, aber ich habe nicht alles in der Hand."
"Zerbrichst du denn nicht daran?"
"Das Einzige, woran ich wirklich zerbrechen würde, wäre, wenn ich mich selbst verleugne, wenn ich nicht hinter mir stehe. In einer Beziehung würde ich mich niemals verleugnen. Rafa ist für mich das Wichtigste, was es auf der Welt gibt, ich liebe ihn über alles, aber wenn er zu mir sagen würde:
'Hetty, du kannst mich gerne heiraten, aber du mußt dann unterwürfig sein und alles tun, was ich sage.'
- dann würde ich 'nein' sagen, weil ich mich selbst niemals verleugne."
"Das würde auch gar nicht zu dir passen", meinte Ivco. "Du bist doch sehr konsequent, so wie du bist."
"Eben. Und Rafa hätte ja auch gar nichts mehr von mir, wenn ich mich verleugnen würde. Das wäre ja dann gar nicht mehr ich selber. Er hat ja nur was von mir, wenn ich wirklich ich bin. Ich bin jemand, der ihm wirklich ein Gegenstück ist, der ihn hinterfragt, der sich wirklich über ihn Gedanken macht und sich wirklich mit ihm beschäftigt."
"Meinst du nicht, es ist irgendwann zuviel des Guten? Ist es denn gut, jemanden so total auseinanderzunehmen, oder kann das nicht auch falsch sein? Gibt es da nicht auch Grenzen?"
"Weil er mir so wichtig ist, will ich natürlich viel über ihn wissen. Man muß es sich so vorstellen, wie wenn man auf einem Planeten ausgesetzt ist, und man muß da überleben, unter allen Umständen. Dann wird man den Planeten auch genau betrachten und alles untersuchen. Und dann gibt es vorwiegend bestimmte Punkte, die mich beschäftigen, nämlich die, die mich belasten. Es gibt Dinge, die ich mit Rafa erlebt habe, die ich nicht vergessen kann und die mich immer und fortwährend beschäftigen, und dazu gehört seine Unzuverlässigkeit."
"Bei mir ist er immer hundertprozentig zuverlässig."
"Ja, das kann ich mir vorstellen. Dir vertraut er, aber mir mißtraut er, bei mir ist er überhaupt nicht zuverlässig und war es auch nie. Damals am Karfreitag hat er mich ja auch versetzt. Stell' es dir einfach folgendermaßen vor: Im März 1993 komme ich ins 'Elizium', und Rafa steht da mit ausgebreiteten Armen, und wir halten uns stundenlang in den Armen. Und dann meinte er, wir sollten uns verabreden. Da habe ich gesagt, klar, und dann haben wir uns auf Karfreitag verabredet. Und dann habe ich ihn wiedergesehen in der 'Halle', und da war er relativ abweisend und reserviert, hat aber bestätigt, daß er sich am Karfreitag einfinden wird am Bahnhof, wo wir verabredet waren. Ich habe schon so gezweifelt, ob er es wirklich tut, und dann habe ich von meinem Kumpel Carl gehört, daß Rafa am Mittwoch vor dem Karfreitag im 'Zone' gewesen sein soll mit einer Rothaarigen. Und da sind bei mir die Alarmglocken losgegangen. Da dachte ich mir schon, da ist was. Und das stimmte dann auch, und ich habe schon damit gerechnet, daß er an dem Freitag nicht da sein würde, und er war auch nicht da. Er war nicht am Bahnhof, wo wir uns verabredet hatten. Und dann habe ich ihn eine Woche später im 'Fall' getroffen, und dann hat er erstmal behauptet, er hätte keine Zeit gehabt angeblich, und dann hat er schließlich gesagt:
'Ob ich Zeit habe und ob ich Zeit haben will, entscheide ich.'"
"Also, so kenne ich ihn gar nicht", sagte Ivco. "Wenn ich daran denke, wie Rafa mir so fleißig beim Umzug geholfen hat, wie er sich da ins Zeug gelegt hat, wie er da gerackert hat, ou Mann ..."
"Das glaube ich dir gerne, aber wie gesagt, zu dir hat er Vertrauen. Er hält große Stücke auf dich."
"Dolf hat das auch schon mal zu mir gesagt", erzählte Ivco. "Ich kann das gar nicht so richtig glauben."
"Rafa erlebt dich als Stütze."
"Eigentlich sehe ich ihn gar nicht oft genug, um ihn wirklich eine Stütze sein zu können."
"Aber Rafa sucht dich doch, er sucht doch den Kontakt zu dir. Er ruft dich doch an und meldet sich bei dir."
"Das stimmt nicht, das ist umgekehrt."
"Ach, du bist derjenige, der bei Rafa anruft und den Kontakt zu ihm sucht."
"Ja. Rafa ist jemand, dem man immer ein bißchen in den Hintern treten muß."
"Von dir läßt er sich ja auch in den Hintern treten. Ihr habt eine freundschaftliche Ebene. Bei mir ist das ja eine völlig andere Ebene. Mir mißtraut er vollkommen. Rafa und du, ihr geht miteinander um, wie Freunde miteinander umgehen. Rafa läßt den Kontakt zu, sonst wäre er ja dir gegenüber nicht so zuverlässig."
"Na ja, ich kenne Rafa schon sehr lange, aber nicht besonders gut. Die Gespräche mit ihm bleiben eigentlich immer an der Oberfläche."
"Rate mal, warum."
Ivco nickte nachdenklich.
"Mit dir kann er einfach so ein bißchen plaudern und sich halt mit dir treffen, wie man das unter Freunden so macht", deutete ich. "Er kann dir vertrauen, weil er weiß, daß die Gespräche nicht weiter in die Tiefe gehen. Zu mir hat Rafa nicht das geringste Vertrauen. Ich habe keinerlei Kredit bei ihm. Rafa kann mir meine Liebe nicht glauben. Ich habe immer gehofft, daß er sie mir irgendwann vielleicht doch noch glaubt und daß diese Geschichte ihm vielleicht vermittelt, daß ich ihn wirklich liebe."
"Was?" fragte Ivco erstaunt. "Das glaubt der dir nicht?"
"Das hat der mir nie geglaubt, niemals. Der hat mir von Anfang an niemals geglaubt, daß ich ihn liebe. Ich habe es ihm so oft gesagt, seit Ende 1993 habe ich es ihm immer wieder gesagt, bestimmt zweihundertmal, und er hat es mir nicht einmal geglaubt und glaubt es mir noch heute nicht, das kann ich ihm so oft sagen, wie ich will."
"Was, das merkt der nicht? Das bleibt bei ihm nicht hängen?"
"Nein. Und ich kann es ihm auch nicht beweisen, denn Liebe kann man nicht beweisen. Man kann nur an die Liebe glauben. Liebe ist eine Glaubenssache. Liebe und Religiosität haben viel miteinander zu tun."
"Das stimmt ja", sagte Ivco etwas überrascht.
"Aber eigentlich müßte Rafa an der Art, wie ich über ihn schreibe, merken, wie sehr ich ihn liebe", meinte ich, "es sei denn, er verschließt sich dem und kann es nicht merken oder will es nicht merken.
Ich kann nicht beeinflussen, ob er sich auf mich zubewegt und ob er Kontakt zu mir hat und ob wir jemals zusammenkommen, das habe ich nicht in der Hand. Ich habe nur das in der Hand, was ich selbst beeinflussen kann, und meine kreative Arbeit kann ich selbst beeinflussen. Die Beziehung ist ein Teil von mir, die Geschichte ist ein Teil von mir, und das kann ich nicht verleugnen, ich kann mich selbst nicht verleugnen, ich würde das nie tun."
"Aber meinst du nicht, daß man auch mal Kompromisse machen muß?"
"Natürlich muß man das, in jeder Beziehung muß man Kompromisse machen, aber sie dürfen nicht zur Selbstverleugnung werden."
"Es würde auch nicht zu dir passen, inkonsequent zu sein."
"Für mich gehört es zu den Konstanten im Leben, nie umzuziehen. Arbeitsstellen wechseln, das Zuhause bleibt gleich."
"Wir haben ja auch unsere Konstanten im Leben, Rafa und ich, wir ziehen ja auch nie aus SHG. weg."
"Siehst du, und wenn Rafa und ich je zusammen wären, was ich nicht glaube, aber wenn Rafa und ich je zusammen wären, dann würde ich auch nicht darauf bestehen, daß er seine Wohnsituation verändert."
"Na ja, vielleicht will man ja doch etwas anderes als das, was da bisher ist."
"Ja, das sind Konflikte, die in der Beziehung auftreten und die dann auch in der Beziehung diskutiert werden können. Da kann man sich auf einen Kompromiß einigen."
Ivco erzählte von einer kleinen Location namens "Keller" in SHG., wo neulich der DJ fehlte, woraufhin Ivco die Gelegenheit bekam, sich als DJ zu versuchen. Auch Rafa habe im "Keller" schon aufgelegt. Ivco will einige der Stücke, die ich für ihn auf CD brenne, gern dort spielen. Es sind Raritäten aus Rafas Archiv, die kaum jemand besitzt.
Sten, Minette und Ivco redeten über die Dreharbeiten zu dem Video, das Sten für Das P. gemacht hat.
"Dabei ist Wasser an meine Uniformjacke gekommen", erzählte Ivco. "Inwendig ist die kaum naß geworden, obwohl da so viel Wasser drangekommen ist. Die Jacke ist erstaunlich gut verarbeitet."
Es war eine historische Uniformjacke, wie Ivco sie gern trägt und leidenschaftlich sammelt.
Rafa zog sich im weiteren Verlauf des Abends meistens hinters DJ-Pult zurück und legte mit Kappa und Gavin auf. Unter anderem liefen "Ihr redet und atmet" von Shnarph!, "Hang him higher" von :wumpscut: und "Firestarter" von Prodigy.
Sarolyn erzählte mir später Folgendes:
Gegenüber der Ecke, wo ich meistens tanzte, stand sie mit ihrem Mann Victor. Als "Ihr redet und atmet" lief, war Rafa gerade mit Hoffi unten vor der Theke und vollführte zu diesem Power-Elektro-Industrial-Stück tanzähnliche Bewegungen. Rafa schien den Rhythmus zu mögen, sich aber nicht auf die Tanzfläche zu trauen. Als Sarolyn ihm einen fragenden Blick zuwarf, der sagte:
'Huch, Rafa tanzt ja dazu!'
- da hielt Rafa etwas verschämt inne.
Vielleicht bedauert er es, sich nicht wie ich dem Rhythmus hingeben zu können. Er scheint sich selbst zu bremsen, vielleicht auch um sein Image zu fürchten.
Im Gegensatz zu Ivco hat Sarolyn nicht den Eindruck, daß Rafa sich weiterentwickelt hat. Sie glaubt auch nicht, daß Rafa sein Verhalten bezüglich der Frauen verändert hat. Ebensowenig hat sie den Eindruck, daß Dolf sich weiterentwickelt hat.
Ivco sagte zu Sarolyn, er schätze an mir besonders das Konsequente. Vielleicht hat Ivco selbst das Gefühl, Lebensentscheidungen nicht so konsequent getroffen zu haben, wie er es im Nachhinein gerne getan hätte.
Rafa stieg von der Bühne herunter und holte Bier an der Theke. Er umrundete die Tanzfläche, stellte sich in meine Nähe, rauchte und schaute auf die Tanzfläche. Als "Eisbär" von Grauzone lief, tanzte Rafa dazu, mit dem Rücken zu mir. Nach dem Stück kletterte Rafa wieder hinauf zum DJ-Pult.
Als ich zu "Heartland" von den Sisters of Mercy tanzte, stand Rafa am Rand der Tanzfläche, ein Stück entfernt von mir, und schaute in meine Richtung, ohne daß aber sicher war, ob er mich anschaute. Danach stieg er wieder hinauf.
Während ich mich mit Lucas unterhielt, stieg Rafa wieder herunter von der Bühne. Vier Schritte von mir entfernt tanzte er zu "Hello hello" von Lars Falk, das Gesicht zu mir gewandt. Ob er mich ansah, war wegen seiner Sonnenbrille nicht erkennbar.
Rafa kasperte hinterm DJ-Pult herum. Er tat, als würde er das Stück mitsingen, das gerade lief. Er fuchtelte mit den Armen herum und wirkte aufgekratzt.
"Man hat den Eindruck, daß er etwas abreagiert", meinte Cennet, "daß da Aggressionen drin sind."
Rafa rauchte ununterbrochen und trank sehr viel, das beobachtete auch Sarolyn.
Hoffi umarmte Rafa hinterm DJ-Pult, erst von hinten, dann drehte Rafa sich um, so daß Hoffi ihn von vorne umarmen konnte. Währenddessen hielt Rafa seine Bierflasche in der Linken. Kappa und Rafa lagen sich häufig in den Armen, knuddelten einander und alberten miteinander herum.
Wenn Rafa nicht am DJ-Pult war, verschwand er meistens im Backstage. Gegen Morgen redete er ab und zu mit einem Mädchen mit langen curryfarbenen Haaren, das ich vorhin meistens an der Seite von Sten gesehen hatte. Es schien sich um Rafas Fahrgelegenheit zu handeln, denn Ivco war längst fort.
Lyndon begrüßte mich, den ich aus dem "Read Only Memory" kenne. Lyndon betreibt einen Online-Radiosender, der vorwiegend Electronic Body Music und Artverwandtes spielt. Lyndon und ich haben Banner ausgetauscht und unsere Internet-Präsenzen verlinkt.
Als mich mich erkundigte, wie es ihm gehe, antwortete Lyndon:
"So lala."
Er fügte hinzu, daß er schon einige Male an Selbstmord gedacht hat. Und er fragte mich, ob er eine Therapie machen sollte.
"Du mußt nicht", antwortete ich, "du kannst auch einfach nur dich nicht umbringen. Therapie ist freiwillig, und wenn man das nicht will, sollte man es auch nicht tun."
Lyndon erzählte, daß er sich mit seiner Frau häufig streite und daß sie ihm dann häufig Vorhaltungen mache.
"In jeder Partnerschaft gibt es mal Streit", sagte ich, "aber das ist noch kein Grund, sich umbringen zu wollen. Die Ursachen dafür liegen tiefer. Die liegen in der Kindheit."
"Aha, danke für die Information."
"Du kannst ja mal eine Liste machen über das, was dich freut und das, was dich traurig macht, was dich wütend macht, was dir Angst macht ... alles untereinander schreiben, für jedes Gefühl alles, was dir dazu einfällt. Denn viele Menschen mit Selbstwertstörung verlieren teilweise den Kontakt zu ihren Gefühlen."
"Man schirmt sich dagegen ab", bestätigte Lyndon. "Man denkt sie sich weg."
"Genau. Das ist eigentlich auch ein Schutz."
"Vater Alkohol-Abusus, Mutter kümmert sich nicht ...", erzählte Lyndon. "Ich war immer allein zu Hause, ich war immer alleine."
"Siehst du, und es hat sich niemand um dich gekümmert. Und dann hast du geglaubt, du bist nichts wert, und hast die Selbstwertstörung entwickelt. Und jetzt kannst du daran arbeiten. Irgendwann ist man erwachsen und braucht seine Gefühle wieder, und so kann man wieder den Zugang zu ihnen bekommen ... damit man merkt, daß das Leben einen Sinn hat."
"Danke schön."
"Meinst du echt, daß dich das weitergebracht hat?"
"Ja, klar."
Lyndon war von den Katastrophen-Keksen begeistert, die er auf meiner Domain entdeckt hat.
"Weihnachten ist für mich eine Katastrophe", erklärte ich, "das ist zwar äußerlich schön, vielleicht auch mit verzuckerter Winternacht und Zusammensein mit der Familie, aber eines fehlt, nämlich meine eigene Familie, die ich immer noch nicht habe. Und ich habe mir gedacht, diese Katastrophe muß ich irgendwie verarbeiten. Und da habe ich überlegt, ich kann doch diese Katastrophe einfach backen. Dann kann man symbolisch die Katastrophe aufessen."
"Das ist ein gutes Bild, Katastrophen einfach aufzuessen."
Ein Bekannter von Lyndon kam des Wegs, den Lyndon mir vorstellte; er heißt Logan.
"Die Seite mußt du dir unbedingt angucken, 'netvel.de'", sagte Lyndon zu Logan. "Die Kekse, die da drauf sind, diese Katastrophen-Kekse, die mußt du dir unbedingt angucken, das ist so geil. Vor allem die Vorstellung, Katastrophen einfach aufzuessen, ist geil."
Als ich mit Lucas und seinen Freunden ins Foyer kam, sah ich dort Rafa mit dem Mädchen mit den curryfarbenen Haaren an der verlassenen Theke in der Mitte des Foyers sitzen, gegenüber von mir, so daß ich Rafa aus der Entfernung ins Gesicht schauen konnte. Freilich hatte er noch immer seine Sonnenbrille auf. Er redete und redete.
Daß Rafa mit diesem Mädchen ein Verhältnis hat, betrachte ich als sicher. Ich kenne Rafa zu gut, um zu glauben, er könnte von einem Mädchen die Finger lassen, mit dem er sich länger befaßt als eine halbe Stunde.
Ein zwielichtige Gestalt torkelte durchs Foyer und sagte zu mir:
"Hallo, junge Frau, alles klar, wartest du auf deinen Freund, oder was?"
"Ja", antwortete ich.
Mit Lucas und seinen Freunden ging ich hinaus; ich hatte sie gebeten, mich zum Parkplatz zu begleiten. Es war schon hell. Unter den Arkaden vorm "Mute" verabschiedeten sich die Jungs von mehreren Leuten. Darunter war einer, der hatte sich die Haare wegrasiert bis auf seinen Pferdeschwanz. Um seine Schultern lag ein breite Spitzenstola, die auch seine Hände bedeckte.
"Wie siehst du denn aus?" fragte Lucas.
"Ich sehe immer so aus", erwiderte der Angesprochene freundlich-charmant. "Das weißt du doch, daß ich so aussehe."
Lucas, seine Freunde und ich gingen über die Straße. Die zwielichtige Gestalt aus dem Foyer tauchte wieder auf und torkelte hinter uns her.
"He, junge Frau!" rief die Gestalt.
"Nicht zu sprechen", entgegnete ich.
Die zwielichtige Gestalt entfernte sich, aber wohl nur deshalb, weil ich drei große, kräftige Jungs als Begleitung hatte.
"Jetzt verstehe ich, warum Frauen um diese Zeit hier nicht alleine langlaufen können", erkannte Lucas.
"Morgens um sechs ist es gefährlicher als nachts um zwei", teilte ich meine Erfahrung mit.
Rafa kam mit dem curryblonden Mädchen unter den Arkaden hervor. Er blieb stehen und redete mit einigen Leuten. Das Mädchen ging voraus und setzte sich auf einen Betonpoller, wo es auf Rafa wartete.
"Oh, Raafa!" rief das Mädchen ungeduldig. "Koommst du endlich?"
Daß das Mädchen mit Rafa in einem so vertrauten Ton sprach, ließ mich vermuten, daß Rafa mit ihr bereits seit längerer Zeit Berenice betrügt. Ohnehin hatte ich mich gefragt, wie Rafa die Zeit ausfüllt, in der Berenice abwesend ist. Rafa kann sich schlecht allein beschäftigen und legt Wert darauf, rund um die Uhr eine Bettgespielin zur Verfügung zu haben.
Als ich im Auto an dem Poller und den Arkaden vorbeifuhr, waren sowohl Rafa als auch das Mädchen verschwunden.
Beim sonntäglichen Damenkränzchen sagte ich zu Clarice:
"Rafa soll mich ruhig hassen, Hauptsache, er bringt sich nicht um. Wenn er mich haßt, dann hat er etwas, womit er sich beschäftigen kann und das ihn in gewisser Weise vom Selbstmord abhält. Denn dann hat er ja schon mit dem Haß zu tun und kommt nicht auf diese Gedanken."
Ausgerechnet der Mensch, der mir am meisten bedeutet - Rafa - ist mir gegenüber weder vertrauenswürdig noch verläßlich, und er bildet hierdurch einen Kontrast zu den Menschen in meinem Umfeld.
"Mir ist aufgefallen, wie viele vertrauenswürdige Leute es in meinem Bekanntenkreis gibt, die einen hohen moralischen Anspruch an sich selbst haben", bemerkte ich.
"Das liegt aber wohl auch an dir", meinte Clarice.
Sie bezeichne mich zu Recht als eine ihrer besten Freundinnen, weil ich so tolerant sei und alle Menschen wertschätze. Die Leute fühlten sich von mir akzeptiert und ernstgenommen. Es könne sein, daß sich die Leute, die keinen hohen moralischen Anspruch an sich selbst haben, von selbst aus meinem Bekanntenkreis "wegsortierten".
Was Rafas Unzuverlässigkeit betrifft, so können anscheinend auch schon seine Fans ein Lied davon singen. In Rafas Forum schrieb Wave:

Ich warte immer noch auf die VHS und die CD (welche mir HONEY schicken wollte [Starfighter und VW Käfer Videos ] )

Pixel meint hierzu lapidar:

Dann warte mal weiter ... hehehe

Umso mehr wundert es mich, daß Ivco von Rafas Zuverlässigkeit überzeugt ist und bisher noch nichts anderes gehört haben will.
Sator meint übrigens, daß Rafa schon eine recht starke Bindung an mich haben muß, wenn er als einen der Hauptgründe für seine Wut wegen meiner Online-Geschichte angibt, daß er mich "irgendwie irgendwo auf irgendeine Art schätzt".
Zu Siddra hat Sator keinen Kontakt mehr, sie meldet sich nicht mehr bei ihm, und er kann sie nicht mehr erreichen. Vor einiger Zeit sammelte er sie an einer Haltestelle auf und nahm sie ein Stück im Auto mit, danach hat er nichts mehr von ihr gehört.

In einem Traum begegnete mir Sarolyn auf der weitläufigen, parkähnlich angelegten Grünfläche eines verkehrsreichen Kreisels, der sich in der Nähe der ehemaligen "Halle" befindet. In der Mitte des begrünten Platzes steht ein zylindrischer Hochbunker aus dem zweiten Weltkrieg.
Sarolyn und ich spazierten über die Wege durch die Grünfläche.
"Dolf hat erzählt, Rafa hätte voll von dir geschwärmt", berichtete Sarolyn.
"Wo soll das gewesen sein?" fragte ich. "Und bei wem und wie?"
"Das kann eigentlich nur in Schleswig-Holstein gewesen sein bei Bundy."
Bundy war ein Freund von Rafas Vater, den es aber nur in dem Traum gab. Nach dem Tod von Rafas Vater sollte Bundy für Rafa der letzte Vertraute gewesen sein.

Kurt und Cecile gaben in einer Rundmail die Geburt ihrer Tochter Dagni bekannt. Sie ist am 21. Juli zur Welt gekommen, ein gesundes Baby.
Am Freitag war ich abends in HB. bei Rufus und Geneviève. Geneviève verkaufte mir günstig einen recht neuen Computer, den sie günstig von einer Freundin bekommen hatte. Er war für Elaine gedacht. Geneviève gefällt es, daß Elaine so interessiert an Computern ist.
Im nebligen Licht der Abendsonne fotografierten wir auf dem nahen Industriehafengelände historische Gebäude, Industrieanlangen, die Weser und uns gegenseitig. In einer Gasse abseits der Hauptstraße entdeckten wir seltsam bunte Gestalten. Eine trug etwas Rotweißes und sah beinahe wie ein Leuchtturm aus. Eine andere trug irgendetwas Wehendes, Weißes. Alle Damen waren leichtgeschürzt und marschierten in offensichtlich eindeutiger Absicht auf dem Pflaster herum.
"Früher waren die woanders", erinnerte sich Rufus. "Vielleicht sind die jetzt hier, weil die Polizei hier nicht so oft langkommt."
Später am Abend waren wir mit Folter im Bistro des ehemaligen Schlachthofs. Der Schlachthof ist renoviert worden und zeigt den altmodischen Charme in neuem Glanz. Inzwischen sollen dort auch wieder Szene-Parties stattfinden, unten im "Crucifiction".
Nachts waren wir bei Folter, der uns Kaffee kochte. Ich wollte etwas schlafen, doch immer wenn ich eingenickt war, weckte Folter mich mit einem Spruch, etwa:
"He, schläfst du schon wieder?"
Folter wünschte sich Giulietta herbei; besonders gern habe er es, daß sie ihre "Flossies" mitbringt, wenn sie ihn besucht. Sie hat dann ungefähr sechs Plüsch-Fische dabei, die sie auf Folters Kopfkissen drapiert. Durch solche Ausflüge bekommen die "Flossies" etwas Abwechslung.
Folter spielte uns schräge Musik vor. Einige CD's hat er nur erworben, weil sie auf dem Index stehen. Dazu gehört auch eine Scheibe, über die Folter sagte, als er sie abspielte:
"Wenn ich das lauter mache, haben wir gleich die Bullen hier!"
Es handelt sich um Rechtsaußen-Primitivlyrik der untersten Kategorie, mit Versen wie:

Türke, Türke, was hast du getan?
Türke, Türke, machen du mich an?
Ich fahre in der Straßenbahn,
da sitzt ein Türke und guckt mich komisch an,
da hau' ich ihn zusammen, tralala ...

Ich äußerte die Vermutung, daß man so etwas nur zusammendichten kann, wenn der IQ unter 65 liegt und man mindestens fünf Liter Bier intus hat.
Während Folter diese CD's zum Amusement erwirbt, hat Sarolyns ehemaliger Freund Teddy diese Musik allen Ernstes gemocht. Teddy ist nicht übermäßig helle und neigt dazu, sich den Leuten anzuschließen, die am lautesten brüllen können. Die hält er wahrscheinlich für die stärksten.
Kulturgenuß einer ganz anderen Art erlebte ich am Samstag bei Philipps Geburtstagsfeier. Er spielte experimentelle Avantgarde, darunter ein Album, auf dessen weißem Cover sich in der Mitte nur der Buchstabe "i" befindet. Es stammt von einem spanischen Professor und enthält einen Live-Mitschnitt einer Lesung desselben. Der Professor liest aus seinem "Book of i's", das ist ein literarisches Werk, worin auf einigen Seiten in der Mitte der Buchstabe "i" gedruckt ist, einige Seiten sind aber auch leer. So kommt es, daß der Professor in unregelmäßigen Abständen "i" sagt, in jedoch stets dem gleichen, automatenhaften Tonfall. Das zieht sich über dreizehn Minuten hin.
"Was für eine Stimmung", bemerkten Rixa und ich. "So schwungvoll und tanzbar."
Nach diesem unterhaltsamen Stück folgte ein ähnliches, "Book of books", in dem gar kein Text mehr zu hören war, nur noch das Umblättern der Seiten.
Ich vermute, daß man so etwas nur zusammendichten kann, wenn der IQ über 150 liegt und man in einem Zustand elfenbeinturmhafter Abgehobenheit lebt.
Unter Philipps Gästen waren Cal und Connor, die im September in OS. gemeinsam auftreten als "MPD/Lolitakollektiv". Connor, das "Lolitakollektiv", erzählte, daß er live gewöhnlich nicht die Stücke spielt, die er veröffentlicht, sondern daß er fast nur improvisiert.
Philipp hat kürzlich ein Stück moderne Kunst hergestellt. Als er auf seine zweieinhalbjährige Tochter Celina aufpaßte und sie wieder einmal einen ihrer Tobsuchtsanfälle bekam und sich rückwärts auf den Boden warf, fotografierte er sie. Das Foto klebte er an die Tapete im Wohnzimmer, malte Fäden an ihre Hände und Füße und ließ diese Fäden oben zusammenlaufen in einer gemalten Hand. Das bedeutete, daß Celina auch in ihrer Trotzphase von väterlicher Hand gehalten und gelenkt wird. Celina hat sich auf dem Foto wiedererkannt, war aber nicht wütend darüber, daß Philipp sie bei einem Tobsuchtsanfall fotografiert hat.
Am Sonntag waren Constri, Len und ich wieder in Ht., wo wir Ted und Sylvain trafen. Ted besitzt nun auch zu Hause einen Computer, um jederzeit mit Cary in E-Mail-Kontakt treten zu können. Cary hat sich kürzlich getraut, Ted in einer Discothek anzusprechen, und seither treffen sich die beiden privat. Am Samstag sind sie in dem letzten und höchsten Gebäudeteil der im Abriß befindlichen Stahlhütte herumgeklettert, wo sich früher Thomasbirne und Konverter befanden. Ted weiß immer noch nicht, ob Cary sich für Frauen, für Männer oder für beides interessiert, er weiß aber, daß es eine Frau gibt, die Cary viel bedeutet, Evie. Cary und Evie sollen ein inniges, vertrautes Verhältnis zueinander haben, das aber nicht wie eine Liebesbeziehung wirkt, sondern freundschaftlich. Evie soll nett und geistvoll sein und ist, wie man auf der Homepage von Cary sehen konnte, ausgesprochen hübsch.
Weil es regnete, erwanderten wir dieses Mal nur das Abbruchgelände, anstatt gezielt Filmaufnahmen zu machen. Ted und Constri gingen untergehakt unter einem Schirm, Len und ich folgten ihnen über das Brachland, wo im hohen Gras Disteln und Johanniskraut blühten und viele andere Sommerblumen. Neben einem hochaufragenden Kesselhaus, dessen Eingänge mit eisernen Riegeln zugeschweißt waren, sahen wir ein viereckiges Loch mit Betonwänden, zwei Stockwerke tief. Eine Treppe war noch da, die vom Betonboden ein Stück weit heraufführte, aber an der steinernen Wand endete. Der obere Teil der Treppe war zugemauert.
Der inzwischen vereinsamt dastehende Gebäuderest, wo sich früher Thomasbirne und Konverter befanden, besteht ganz aus Stahl und Beton. Inmitten einer schlammigen Mondlandschaft empfing uns eine gut zwanzig Meter hohe, nach allen Seiten offene Halle. Der Inhalt bestand im Wesentlichen aus gewaltigen Industrieanlagen und Schutt. Dazwischen führte eine Treppe aus Gitterrosten himmelwärts. Man kam an einem Aufzugsschacht vorbei, einem gähnenden Abgrund. Rings um das Treppenhaus ging es ebenfalls in die Tiefe. Ted und ich stiegen auf ein Zwischendach in etwa dreißig oder vierzig Metern Höhe und dann noch höher, bis hinauf zum Turm. Ted und Len gingen über dünne Gitterroste zu einem Rondell, das um den stählernen Turm herumlief. Ted stieg auch noch eine Feuerleiter hinauf zu einer Plattform auf dem neben dem Turm befindlichen Dach, dem höchsten Punkt der ehemaligen Stahlhütte. Wir machten viele Fotos, auch von dem recht ungemütlichen ehemaligen Arbeitsplatz eines Kranführers, einem kleinen Häuschen in schwindelerregender Höhe, in dem ein alter Holzstuhl stand.
Unten in der Halle war der Boden bedeckt mit grauem Sand, in dem Steinbrocken und verbogene Stahlteile lagen. An grauen Betonwänden waren mit pinkfarbener Neon-Sprühfarbe geschriebene Zeichen zu sehen. Wir taten so, als seien das Mitteilungen fremder Lebensformen, und wir spielten eine Suche nach diesen Lebensformen. Davon machten wir Fotos. Wir fanden auch eine hohe, leicht schräg in der Halle stehende Stahlwand, die nach vorn ein Stück umgebogen war. Auf diesem umgebogenen Stück spielten wir "Applaus vor geschlossenem Vorhang".
Am Ende unserer Suche nach Lebensformen begegneten wir zwei männlichen Lebensformen, die wie wir mit Kameras unterwegs waren. Sie hatten den Keller des Gebäudes entdeckt und festgestellt, daß er teilweise unter Wasser stand und nicht sehr einladend wirkte. Len überlegte, ob man dort tauchen könnte, und ich riet dringend ab.
"Stell' dir vor, du gehst da verloren", sagte ich schaudernd, "dann bist du lebendig begraben, dann findet dich keiner mehr."
Als wir aufbrachen, erklärten wir, daß nun die automatische Selbstzerstörung einprogrammiert sei. Allerdings sei der Mechanismus durch eine Zeitschaltung blockiert, bis zur Sprengung Ende August.
Wie nach unseren vorherigen Drehtagen aßen wir im nahegelegenen S-Bahnhofs-Bistro zu Abend. Dort geht es etwas rustikaler zu, so daß wir uns mit unseren staubigen Kleidern hineinwagten.
Ted sagte über meine Internetseite, ich würde dort über mich selbst beinahe mehr offenbaren als über Rafa. Ihn - Ted - störe es nicht, daß vieles über ihn darin stehe; wer es nicht wisse, werde ohnehin schwerlich glauben, daß sich das alles wirklich zugetragen hat.
"Wen es stört, der ist vielleicht mit sich nicht im Reinen", vermutete Len.
In Kingston sagte Amelie zu mir, nach allem, was Dessie ihr erzählt habe, müsse Rafa ein Mensch sein, der so sehr um Aufmerksamkeit buhlt, daß er sich damit auf gewisse Art verkauft. Er habe wohl nicht viel Rückgrat, sei unsicher und beeinflußbar. Andererseits habe er gewiß auch große Stärken, die nur nicht auf den ersten Blick erkennbar seien.
Im Nachtdienst nahm ich einen Jugendlichen auf, dem es nicht geglückt war, sich umzubringen. Als er vor den Zug springen wollte, verpaßte er den Zug. Dann wollte er einen Hochspannungsmast erklettern, es gelang ihm aber nicht, dort hinaufzusteigen. Dann wollte er von einer Brücke springen, das schaffte er aber nicht, weil er an Höhenangst leidet. Dann bereitete er zu Hause in seinem Zimmer einen Strick vor, mit dem er sich aufknüpfen wollte, und wie er eben den Strick in der Hand hielt, kam sein Vater ins Zimmer und sorgte dafür, daß der Junge in der Psychiatrie aufgenommen wurde.
Am Mittwoch war ich in Mn. bei Marie-Julia, die mir das neu erworbene Haus zeigte. Nic und sie haben schon viel daran gearbeitet, und es ist sehr gemütlich geworden, mit sehr viel Holz und mit Kamin. Marie-Julia und ich wollen uns demnächst treffen, um in Mn. und Umgebung zu fotografieren. Marie-Julias große Sorge ist es, ob sie Kinder bekommen kann. Wenn sie nicht schwanger wird, möchte sie ein Kind adoptieren.
Mn. ist ein Wallfahrtsort hinter der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Viele Mitarbeiter Kingstons leben in der Region. Mieten und Baugrund sind im ehemaligen Osten günstiger, und die Löhne sind im ehemaligen Westen höher. In Mn. gibt es ein großes Neubaugebiet mit Häusern, die weniger als zehn Jahre alt sind. Dort haben Marie-Julia und Nic auch ihr Haus.
Ab August arbeite ich in der Neurologie, was für meine Facharztweiterbildung erforderlich ist. Von den Mitarbeitern der Station, auf der ich in den letzten Jahren in Kingston gearbeitet habe, bekam ich ein hinreißendes Abschiedsgeschenk: einen hübschen eisernen Kerzenleuchter, umwunden mit Efeu, und einen Baumwollsack mit der Aufschrift "Ein Sack für alle Fälle, egal wo Hetty ist". Er war gefüllt mit allem, was ich gebrauchen kann, also Espresso, "falls du mal wieder müde bist", Schokoladentaler, damit mir das Geld nie ausgeht, Weingummis, weil ich so gerne Süßigkeiten esse, und verschiedene Drogerieartikel, die auf mein ausgeprägtes Bedürfnis nach Sauberkeit anspielen und die ich wirklich gut gebrauchen kann; auch eine Packung Taschentücher war dabei, bedruckt in einem Raubkatzen-Design, das "Wild Thing" heißt. Am liebsten wäre ich schon am nächsten Morgen wieder nach Kingston zurückgekehrt. Mein Leben fühlt sich verdreht an, wenn ich nicht in Kingston arbeite; etwas ist nicht richtig, das Umfeld stimmt nicht und kann nicht stimmen.
Wenigstens bleibt mein Wohnort derselbe. Arbeitsplätze suche ich immer so aus, daß ich sie von meinem Wohnort aus erreichen und den Feierabend zu Hause verbringen kann.
Am Donnerstag war ich in HB. in einem Museum für moderne Kunst, das sich in einem historischen Gebäude auf einer Weserinsel befindet. Dort gab es mehrere Auftritte experimenteller Musiker, und die zahlreichen Gäste saßen feingemacht und artig auf Stühlchen, ein Gegensatz zu dem gewöhnlichen Industrial-Publikum. Nichtsdestotrotz fand der Auftritt von Rufus, Geneviève und Ciril als Stabat Mors viel Beifall, ebenso wie die vorangegangenen Konzerte. Stabat Mors stellte eine musikalische Ummalung philosophischer Texte von Derrida vor, die sowohl gesprochen als auch auf eine Leinwand projiziert wurden und durch Dias ergänzt wurden, die unter anderem Gemälde von Ciril zeigten. Ciril hat seinen düsteren, grobstrichigen, abstrakten Stil beibehalten. Immer wieder tauchen in seinen Bildern dieselben Motive auf: kleine weiße embryonale Gestalten, eine schöne Frau mit langen dunklen Haaren - Marianna - und als Hintergrund drohende schwarze Gewitterwolken und finsteres Chaos. Es kann sein, daß Ciril sich mit den kleinen weißen embryonalen Gestalten identifiziert und sich als einen Menschen erlebt, der nie erwachsen werden konnte und hilflos in einem finsteren Chaos umhertreibt, wobei Marianna den einzigen Lichtblick bildet, ähnlich einer Madonnenfigur.
Am Samstag war ich mit Cennet und Len im "Entropy" bei einer Industrial-Party mit vier DJ's und Liveauftritt von Morgenstern. Am DJ-Pult traf ich Salt vom Label Ant-Zen. Sein martialisches Outfit mit kahlgeschorenem Kopf und Tarnhose stand im Gegensatz zu seinem höflichen, artigen Verhalten. Er erinnerte sich, daß wir uns vor Jahren bei einem Industrial-Festival in BI. getroffen haben, in einem baufälligen Jugendheim.
Salt und seine DJ-Kollegen spielten Industrial-Raritäten von dem vergriffenen Album "Balearic Rhythms" von Esplendor Geometrico, "Hey you" von Ghost von dem Label Ghoststyle, "The lost souls" von Dynarec, "Drown Delay" von Roger Rotor von dem Sampler "Daruma" von Ant-Zen, "Tabat.wav" von Squaremeter und den Clubhit "Nullity v 2.3" von ORPHX. Vier Stunden lang war ich fast ununterbrochen auf der Tanzfläche, das Konzert von Morgenstern eingeschlossen, das sich nahtlos zwischen die rhythmische, technoide Elektronik fügte. Morgenstern stand gemeinsam mit Asche auf der Bühne.
Gegen halb eins, während des Konzerts, gingen die Thekenkräfte mit Rundtabletts durchs Publikum und verteilten kostenlos Freezies, Plastiktütchen, in denen sich Wassereis in verschiedenen Geschmacksrichtungen befand. Das war genau das, was jetzt gebraucht wurde. Die Leute lutschten ihre Freezies und tanzten dabei ohne Unterbrechung weiter. Ich erwischte einen Cola-Freezy.
Auf der Heimfahrt frühstückten wir in der Raststätte HF. Len wurde von Cennet und mir ein bißchen mit seiner Figur aufgezogen. Seine Mutter hat ihn wohl ziemlich überfüttert und ihn gezwungen, immer seinen Teller leerzuessen, "damit du groß und stark wirst". Das Ergebnis war, daß er groß und dick wurde.
Len ruft gerade seine neue Internetpräsenz ins Leben. Sein Alter Ego ist der "Zeitzeuge". Len hatte Ideen für Visitenkarten und bedauerte es, daß es auf der Raststätte keine Notizblöcke zu kaufen gab. Ich brachte ihm Servietten und einen Kugelschreiber, damit er seine Ideen erst einmal provisorisch notieren konnte.
Rafa hat auf Kappas Homepage seine Teilnahme an der nächsten New Wave Night im "Mute" angekündigt. Ich bin gespannt, ob er wirklich erscheint und ob er wieder ohne Berenice erscheint und ob er mich wieder ausschimpft oder durch mich hindurchguckt.
"Du machst ihm viel kaputt", sagte Len zu mir.
"Seine Illusionen", ergänzte Cennet.
"Die will ich ihm ja kaputtmachen", erklärte ich.
Am ersten Sonntag im August fuhren Constri, Len und ich in das Gebiet hinter der ehemaligen Grenze, nahe bei Mn. Auf der Suche nach geeigneten Ruinen für Constris nächsten Film verließen wir die besser ausgebauten Straßen und fuhren auf geschotterten Wegen durch die Feldmark. Eine verwilderte Eisenbahnbrücke fiel uns ins Auge; sie trug die Inschrift "1899". Wir stiegen auf die Brücke, die von Apfelbäumen umstanden und von hohem Gras überwuchert war. Wir aßen Äpfel und nahmen einige mit. Constri betrachtete die Umgebung der Brücke. Jenseits befand sich ein Dorf - Msl. -, diesseits gab es Felder und Wiesen und schräg gegenüber der Brücke eine Baumgruppe. Constri entdeckte Betonstufen, die zwischen den Bäumen hindurchschimmerten.
"Warum sind da Stufen?" fragte sie.
Wir kletterten neben der Brücke den steilen Hang hinunter und sahen nach. Wie sich herausstellte, befand sich, verborgen in dem Waldstück, ein leeres Freibad aus Beton. Die Stufen, die Constri entdeckt hatte, gehörten zu dem ehemaligen Kleinkinderbecken. Das Freibad war verwittert, Unkraut wuchs darin, Pflanzenreste und Unrat lagen herum. Die Becken des Freibades waren nicht gekachelt, auch nicht mit bläulicher Farbe gestrichen; es gab nur graue, nackte Betonwände. Das große Becken hatte einen Nichtschwimmerbereich, einen Schwimmerbereich und eine Sprungkuhle. Es gab einen Dreimeterturm, einen Sockel für ein Einmeterbrett und fünf Startblöcke. Die Sprungbretter waren nicht mehr da, die Leiter am Dreimeterturm war abgetrennt worden. Die Liegewiese war überwuchert von meterhohem Gras und Unkraut, auch junge Bäume wuchsen dort. Die Wipfel der alten Bäume, die das Gelände umrahmten, rauschten dumpf im Wind. Das Kassenhäuschen war verrammelt und verfallen. Das Freibad konnte seit etwa zwanzig Jahren außer Betrieb sein und war augenscheinlich sich selbst überlassen worden.
"Sowas wäre bei uns nicht vorgekommen", meinte Len. "Bei uns hätten sie das längst rückgebaut. Das passiert nur im Osten, daß sowas stehenbleibt."
Constri kletterte an einer eisernen Leiter hinab in die Sprungkuhle und untersuchte das Terrain auf seine Tauglichkeit für Dreharbeiten. Sie befand es für tauglich, vorausgesetzt, man entfernte den Müll aus dem Becken und überdeckte die eingeritzten Graffiti an den Betonwänden mit einer Zementmischung. Diese Aufgabe stand uns an den folgenden Terminen bevor.
Bei einem unserer gemeinsamen Abendessen erzählte mir Beatrice, daß sie die Sängerin Tessa schon 1991 kennengelernt hat. Damals habe die Sängerin noch dunkles Haar getragen. Beatrice fand die Sängerin immer nett.
Bei einem Konzert, das Rafa in HF. gab, soll die Sängerin hinter einer weißen Leinwand gestrippt haben. Ich finde das entwürdigend. Ebenso entwürdigend finde ich den Oben-ohne-Strip von Berenice beim Interview in L. vor einem Jahr. Umbra et Imago haben auch immer wieder Mädchen auf der Bühne, die sich ausziehen ... als würde ihnen sonst nichts einfallen, um sich interessant zu machen.
Beatrice hat vor einiger Zeit erlebt, daß Mozart - der Sänger von Umbra et Imago - sich an der Theke vorgedrängelt hat. Sie beschwerte sich. Mozart fragte:
"Weißt du nicht, wer ich bin?"
"Ich weiß, wer du bist", antwortete Beatrice, "aber das gibt dir noch lange nicht das Recht, dich vorzudrängeln, also mach' Platz."
Verdutzt machte Mozart ihr Platz. Er schien es gewohnt zu sein, daß die Leute ihn überall vorließen, als sei er mehr wert als andere.
Rafas Fanclubbetreiber Valerien schrieb in einer Rundmail, bislang stehe noch kein Termin fest für die seit einem Jahr angekündigte Vinylplatte, überhaupt sei das Jahr 2004 eher schwach, Rafa habe kaum Konzerte gegeben, wenn man mal absehe von den Auftritten von Das P. und dem Erfolg von dessen MCD, "auch wenn das nur 50 % betrifft". Es erstaunt mich, daß Rafa und Valerien Das P. als "50 % W.E" bezeichnen, obwohl W.E angeblich fünf Mitglieder hat und Rafa als Einizger bei Das P. beteiligt ist, vielleicht höchstens noch der C64, damit wären es aber auch erst zwei der fünf Mitglieder.
Rafa hat beim großen Sommerfestival in HI. - so war im Internet zu sehen und zu lesen - siebzehn blau angemalte Leute auf die Bühne gestellt und dazu die Bandfrauen in den immer wieder verwendeten rosa Kleidern. Die blauen Menschen wirkten dekorativ, jedoch hatten diese Idee schon andere, nämlich die Showformation "Blue Man Group". Und die Blue Man Group ist weltbekannt und existiert schon etliche Jahre.
Auch W.E-Forummitglied Pixel fiel die Analogie auf:

Hui!!! Da stand ja auf einmal die ganze Bühne voller blauer Menschen ... vielleicht die BLUE MAN GROUP??? Was habt Ihr davon gehalten? War das okay??? Ich meine nur die Sache mit den blauen Menschen ...

Rafa schaut öfters Ideen von anderen Künstlern ab. So etwa ließ er für ein Bandfoto im Booklet seines letzten Albums die Bandmitglieder auf einer Treppe hintereinander stehen und in die gleiche Richtung gucken, wie es Kraftwerk schon gemacht haben. Und sein Stück "Arbeit adelt!" ähnelt mehr als offensichtlich dem Klassiker "Wahre Arbeit, wahrer Lohn" von den Krupps.
Barnet erzählte, daß Rafa auf dem Sommerfestival in HI. in den Text von "Arbeit adelt!" Kritik an der aktuellen Arbeitsmarktpolitik hat einfließen lassen.
Wenn ich das höre, muß ich daran denken, daß Rafa seit zehn Jahren nicht mehr arbeiten geht und auch keine Umschulung gemacht hat.
Barnet und seine Bekannten wählten Dolf zum arrogantesten Musiker. Gleich danach wurde Rafa als der Zweitarroganteste gekürt.
Rafa zeigte sich während des Festivals kaum außerhalb der Bühne. Sarolyn hat ihn am Samstagmorgen übers Festivalgelände laufen sehen, mit eiligen Schritten, den Blick geradeaus gerichtet - als wenn er Sarolyn nicht sah oder nicht sehen wollte. Vielleicht wollte er überhaupt niemanden sehen. Er soll erhobenen Hauptes an den Verkaufsständen vorbeimarschiert sein, in Begleitung eines unscheinbar wirkenden Mädchens.
Constri erzählte, daß Rikka es nach ihrer Trennung von Odu wieder einmal nicht schaffte, ohne Freund zurechtzukommen. Sie wäre gerne eine Weile allein gewesen, fiel dann aber wieder in ein "Loch" und besorgte sich übers Internet einen neuen Freund. Kurz nachdem Rikka ihn kennengelernt hatte, erhielt sie über ihr Handy einen Anruf von einer Frau, die behauptete, mit ihm verheiratet zu sein. Als Rikka ihn zur Rede stellte, schwor er, nicht verheiratet zu sein. Er vertrage keinen Alkohol, trinke aber trotzdem welchen, und dann könne er sich nicht mehr kontrollieren. In einem solchen Zustand habe er jener Frau sein Handy gegeben, wo Rikkas Nummer schon einprogrammiert war. Er sei eben ein schwacher Mensch.
Anstatt die Beziehung zu beenden, freute sich Rikka und meinte, wenn er so schwach sei, passe er gut zu ihr, sie sei ebenfalls schwach.
Leider dauern solche desaströsen Beziehungen bei Rikka wesentlich länger, als sie es verdienen, eben weil es Rikka nicht gelingt, ohne Freund zu leben und in sich selbst Halt zu finden.
Henk erzählte, daß die rotblättrige Hängepflanze, die Deon und ich ihm zum Geburtstag geschenkt haben, gut gedeiht und sich schon aufs Doppelte vergrößert hat. Hingegen wird die Belegschaft an seinem Arbeitsplatz immer weiter reduziert, so daß er häufig für zwei arbeiten muß.
Mitte August waren Len und ich in BI. im "Entropy". Les führt dort das Programm des "Zone" weiter, dieses Mal mit "Physis" von MS Gentur, "Verschwende deine Jugend" von DAF, "Decay" von Twice a man und "Film 2" von Grauzone.
Im "Entropy" unterhielt ich mich mit einem Mädchen namens Dee. Sie bat mich, ihr Alter zu schätzen. Ich meinte, das sei nicht einfach, denn es gebe durchaus Fünfzehnjährige, die älter wirken und deshalb hier hineingelassen werden.
"Und eine von denen bin ich", sagte Dee.
Ihr Vater ist auf und davon. Ihre Mutter zieht mit ihr häufig um. Deshalb kann Dee nicht lange an einem Ort bleiben und ihren dortigen Bekanntenkreis pflegen. Und weil sie in ihrem Alter nur über ein Taschengeld verfügt, kann sie nicht ohne Weiteres reisen und ihre Freunde in anderen Städten besuchen. Schon bald will die Mutter mit ihr ins Ruhrgebiet ziehen.
Durch Dees Erzählung fühlte ich mich an meine Zeit als Fünfzehnjährige erinnert. Man konnte kein Geld verdienen, konnte sich keine Wohnung suchen, konnte kein selbstbestimmtes Leben führen. Bei allen Entscheidungen war man von der Willkür der Erwachsenen abhängig. Zu gerne wäre ich damals ausgewandert und hätte ohne Erwachsene in einer fremden Metropole in einem fremden Land gelebt.
Auf der Heimfahrt schwärmte Len von Rina. Sie habe so etwas Besonderes an sich. Ich erzählte, welche Erfahrungen ich und andere mit ihr gemacht haben und setzte hinzu, hinter der vielleicht interessant erscheinenden Fassade verberge sich möglicherweise gähnende Leere. Mir seien schon mehrere Menschen begegnet, die auf den ersten Blick eine interessante Ausstrahlung hätten, aber dahinter verberge sich nur Oberflächlichkeit.
"Dann ist das Interessante vielleicht das Nichts", vermutete Len. "Weil nichts dahinter ist, kann man sich alles darunter vorstellen, und das macht Leute geheimnisvoll, die hohl sind."
Auf der Autobahn unterhielten wir uns über Polizeikontrollen. Len erzählte, daß die Polizei in seiner Heimatregion "Narrenzunft Grünweiß" genannt wird. Er erzählte von einem Blitzer an einer Schnellstraße, der schon mehrmals erfolgreich abgesägt wurde. Die Polizei soll ein Sonderkommando damit beauftragt haben, den Blitzer zu belauern, um dem Täter auf die Spur zu kommen.
Einer soll mal mit einer Schrotflinte auf einen Blitzautomaten geschossen haben, der ihn geblitzt hatte. Er wußte wohl nicht, daß die Kamera im Blitzer von einer schußsicheren Kapsel umgeben ist.
In der Zeitung stand neulich, daß zwei Jugendliche, die geblitzt worden waren, den Blitzer absägen wollten und dabei erwischt wurden.
Am Samstag war ich im "Radiostern". Cyra erzählte, ihr schönstes Geburtstagsgeschenk sei gewesen, daß Dirk I. mit ihr auf dem Sommerfestival in HI. ihren Geburtstag feierte.
"Schön, daß du meinetwegen zu dem Festival gekommen bist", sagte Cyra zu ihm.
"Glaubst du, ich bin wegen der Bands hier?" fragte Dirk schelmisch.
Er schenkte ihr eine Art "magisches Gefäß" aus Bali; wenn man dieses neben sein Bett stellt und seine Sorgen hineinwünscht, sollen sie am nächsten Tag verschwunden sein.
Dirk stieß um Mitternacht mit Cyra auf ihren Geburtstag an, Hal erschien erst später am Tag auf dem Festival. Er hatte dieses Mal kein Geschenk für Cyra dabei, immerhin jedoch war er da, ohne selbst einen Auftritt zu haben.
Weder Cyra noch Timon sind Rafa außerhalb seiner Bühnenshow auf dem Sommerfestival in HI. begegnet. Timon hat Rafa aus der Ferne fotografiert. Er findet, Rafa sei "krank" und "völlig verückt", und sein Auftreten sei "einfach doof".
Reesli begegnete mir im Foyer des "Radiostern".
"Hetty, du siehst entzückend aus", sagte er.
"Das freut mich", erwiderte ich. "Ich höre gerne Komplimente."
"Nein, ich rede nicht einfach nur irgendein Zeug. Ich sage, wie es ist. Ich nenne Tatsachen."
"Das Kleid habe ich in KI. entdeckt", erzählte ich. "Da habe ich einen Kurs gemacht und bin durch die Stadt gebummelt."
"Auf das Kleid kommt es doch gar nicht an. Es kommt nur auf die Frau an, die drinsteckt."
"Na ja, stimmt, wenn man einen Besen in dieses Kleid steckt, sieht er auch nicht viel besser aus als vorher."
"Am liebsten würde ich dich sofort vernaschen. Aber ich glaube, ich kann bei dir sowieso nicht landen."
"Stimmt, ich will nur Rafa heiraten."
"In meinem verbalen Ausdrucksvermögen bin ich zur Zeit sehr begrenzt", entschuldigte sich Reesli. "Ich kann nur meine Augen gebrauchen und dich anschauen."
"Dann schau mich halt an."
"Aber ich darf dich nicht zu lange anschauen. Sonst kann es sein, daß ich handgreiflich werde."
"Du wollstest mich ja mal hauen."
"Da war ich gerade wütend auf irgendwas, ich weiß nicht mehr, was ..."
"Vielleicht hattest du Streß mit deiner Freundin. Das war doch so eine ganz junge, mit der du nicht mehr zusammen bist."
Reesli erzählte von seiner ehemaligen Freundin, die erst sechzehn ist.
"Sie kommt langsam wieder auf mich zu", freute er sich. "Wenn das aber eine offene Beziehung wird, wo jeder 'rumf...en kann, mit wem er will, mache ich das nicht mit. Dann sage ich ihr:
'Ich stehe lieber auf Hetty.'
Dann mußt du dich aber nicht wundern, wenn du nächstes Mal hier 'reinkommst, und eine Frau geht auf dich los und will dich umbringen."
"Das hat die Freundin von Rafa auch schon gemacht", erzählte ich. "Die wollte mir das Kleid zerreißen."
"Das wäre doch nicht schlimm gewesen", meinte Reesli. "Das, was darunter zum Vorschein gekommen wäre, hätte das doch mehr als ersetzt."
"Na ja, das muß ja nicht unbedingt im 'Exil' passieren."
"Ja, wenn ich nicht dabei wäre, würde es auch nicht so gut kommen."
Reesli fragte schließlich:
"Ist das o.k., wenn ich jetzt einfach weggehe, weil ich deinen weiblichen Reizen nicht widerstehen kann?"
"Du darfst gerne weggehen, wenn du das willst."
"Ich kann's nicht mehr, sorry, ich kann's nicht mehr."
Am Sonntag fuhren Constri, Len, Ray, Gesa und ich zur Freibadruine nach Msl. und hatten dort den ersten Drehtag für Constris neuen Film. Ihr Film über die Angst vor dem Plötzlichen Kindstod wird nun hier gedreht, denn die Ruine der Stahlhütte in Ht. wird zu schnell abgerissen und bildet damit keinen verläßlichen Drehort. Die nostalgische, melancholische Kulisse des ehemaligen Freibades in Msl. paßt gut zu dem ernsten Thema, fast noch besser als die Ruine der Stahlhütte.
Vorerst ging es um Probeaufnahmen und um die Beseitigung des Unrats im großen Becken. Die in die Betonwände gekratzten Graffiti wurden mit einer Zementmischung übermalt.
Ray erkletterte den Sprungturm und saß dort oben wie ein Buddha. Er ließ Federn herunterschweben wie Frau Holle. Das sah lustig aus, war jedoch von den Lichtverhältnissen her nicht gut umzusetzen. Wir ließen also die Federn von der ehemaligen Eisenbahnbrücke schweben, die einen Torbogen bildet. Das erinnert an das Märchen, worin die Goldmarie unter einem Tor mit Gold überschüttet wird und die Pechmarie mit Pech.
Die vom Torbogen herunterschwebenden Federn bilden in Constris Film das Jenseits-Motiv. Bettfedern werden zu Schnee, Schlaf wird zu Totenstarre.
In der folgenden Woche gab Sarolyn ein Damenkränzchen. Bei thailändischem Essen erzählte sie vom jüngsten Thailand-Urlaub. Die Leute dort seien überwiegend arm, und ihre Autos hätten keine Rücklichter, sondern nur CD's als Reflektoren. Mich erinnert das an das Kleid eines Travestie-Künstlers, den ich im Frühjahr im "Alcantara" gesehen habe. Das Kleid war lang und schmal geschnitten und über und über mit CD's benäht. Im Garten eines Nachbarn von Lisa hängen CD's in Sträuchern und Bäumen, die wohl die Vögel vom Obst fernhalten sollen. Ein Cartoon in meinem Cartoon-Kalender zeigt ein Sideboard, auf dem steht eine CD, gehalten von einem kleinen Sockel. Auf dem Sockel steht "KURT". Die Witwe von Kurt erzählt einer Freundin:
"Das neue Krematorium brennt jetzt alle auf CD."
Man kann auch mit Musikassetten seltsame Dinge machen. Im Christus-Pavillon auf der Expo war der Zwischenraum einiger Doppelfenster mit Kassetten ausgefüllt, zur Dekoration. In einem Computer-Gesellschaftsspiel, von dem Telgart mir vor Jahren erzählt hat, werden mehrere Computer miteinander vernetzt, und jeder übernimmt eine Spielfigur, die auf dem Bildschirm virtuell den anderen begegnet. Die Figuren können miteinander Handel treiben; begehrtes Objekt sind Ersatzköpfe für die Spielfigur. Diese Ersatzköpfe können auch die Form einer Musikassette haben, die Löcher sind dann die Augen. Wenn eine Figur Schulden hat und deshalb den Kopf verkaufen muß, läuft die Figur kopflos und seltsam traurig herum.
Sarolyn erzählte, daß die Ehe von Yodo unter keinem gutem Stern stand. Die Frau wollte ihn vor allem heiraten, um in Deutschland bleiben zu können, und als die Ehe geschlossen war, verließ sie ihn nach kurzer Zeit, um mit einem anderen Mann zusammen zu sein. Nur auf dem Papier ist Yodo immer noch mit ihr verheiratet.
"Warum läßt der sich nicht scheiden?" fragte ich Sarolyn.
"Ach, du weiß doch, Yodo fällt so etwas ziemlich schwer", meinte Sarolyn.
Der Sonntag gehörte wieder den Dreharbeiten in Msl. Constri und Gesa fuhren schon morgens hin. Mittags kam Marie-Julia aus dem nahegelegenen Mn. dazu und brachte den frierenden Filmerinnen heißen Kaffee in einer Thermoskanne. Erst am frühen Nachmittag wurde es in der Sonne warm. Marie-Julia mußte auf der von Unkraut überwucherten Eisenbahnbrücke sitzen und Federn herabschweben lassen. Am frühen Nachmittag kam ich auch zum Set und nahm Marie-Julias Platz ein, als sie fortmußte.
Neben dem ehemaligen Schwimmbecken rauschten alte Baumwipfel, der Augusthimmel leuchtete blau. Das war für mich ein Bild vom Tod, das düstere Rauschen in der Sonnenwärme. Für mich heißt das:
"Bald ist der Sommer vorbei, bald ist das Jahr vorbei, der Tod kommt näher und näher, und ich habe es wieder nicht geschafft."
Ich frage mich, ob ich es in einem kurzen Menschenleben überhaupt schaffen kann, eine Brücke zu bauen zwischen Rafa und mir.
Als ich Isis in einer E-Mail fragte, ob sie auf dem Sommerfestival in HI. mit Rafa einen getrunken habe, antwortete sie:

Nein, ich habe Rafa nur kurz vom Weiten bei der Autogrammstunde gesehen, aber war nicht so weit gekommen, dass ich hätte hallo sagen können, danach war er verschwunden ... d.h. ich habe ihn nicht mehr gesehn und klar auch keinen getrunken ... schade:-(

Len hat über ein Forum für Ruinenfreunde Kontakt geknüpft zu anderen Ruinenbegeisterten, die sich auch "Bunkerbekloppte" nennen. Len war auf Fotosafari weit draußen im Gebiet der ehemaligen DDR in einem unterirdischen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, zu dem weitläufige militärische Anlagen gehören, auch oberirdische. Die Betreiber des Forums für Ruinenbegeisterte haben dafür gesorgt, daß die "Bunkerbekloppten" die Bunkeranlage besichtigen und fotografieren durften.
Ende August war ich in der "Neuen Sachlichkeit" auf einem Festival. Isis berichtete in Ergänzung ihrer E-Mail, sie habe Rafa auf dem Sommerfestival in HI. gesehen, wie er an einem Stand Autogramme gab. Er habe unterschrieben und zwischendurch gelächelt, ganz geschäftig. Ein, zwei Meter hinter ihm soll Berenice gestanden haben. Isis gefiel ihr Gesichtsausdruck nicht. Verbittert habe Berenice gewirkt, mißgelaunt und unfreundlich.
Eine der Bands, die heute in der "Neuen Sachlichkeit" auftraten, waren Remain in Silence. Constri und ich kennen die Band seit 1986, sie gehören zu den Lokalbands von H. Es gab sie in wechselnder Besetzung; inzwischen ist der harte Kern übriggeblieben, N.D. und Dreas. Sie saßen auf Barhockern, der eine mit E-Gitarre, der andere sang.
Dreas stellte am Schluß des Konzertes durchs Mikrophon seinen Bandkollegen N.D. und sich selbst vor.
"Und da vorne ist Hetty, wenn ich richtig sehe", setzte er hinzu und zeigte auf mich. "Die weiß noch, daß wir die echten alten Gothics sind."
Ich winkte ihm zu und nickte.
Revil fand es interessant, daß ich ihm eben erst erzählt hatte, daß ich N.D. und Dreas seit achtzehn Jahren kenne, und daß nun einer der beiden mich durchs Mikrophon ansprach.
Nach dem Konzert berichtete Dreas, daß Remain in Silence ungefähr sechsmal im Jahr auftreten, meist unterstützt von anderen Musikern. Vor achtzehn Jahren, als Constri und ich sie öfters in ihrem Probenraum besucht haben, hatten sie einen Keyboarder, der sich damals gerade einen Sound Sampler gekauft hatte und uns zeigte, wie man damit Stimmen pitcht. Der Keyboarder gehörte schon damals zu der Band Scooter, die seit über zehn Jahren sehr bekannt ist und in dem Hit "Nessaja" mit gepitchten Stimmen arbeitet.
In der "Neuen Sachlichkeit" unterhielt ich mich mit einem Mädchen über die Gemeinsamkeiten der Leute in der Elektro- und Wave-Szene.
"Wir sind ein Haufen von Außenseitern", meinte sie.
"Ja, diejenigen, die in der Turnstunde immer als Letzte in die Riegen gewählt wurden", ergänzte ich.
"Und das tat verdammt weh", erinnerte sie sich. "Aber heute halten wir zusammen, wir Außenseiter ... und ich bin gewissermaßen stolz darauf, nicht so ein alberner Teenager gewesen zu sein wie die anderen."
Lego kam auf mich zu und erzählte, die Promo von Derek, die ich ihm beim Sommerfestival im "Read Only Memory" gegeben habe, gefalle ihm sehr gut. Die Musik sei leichter und weicher, als er angenommen habe, doch das sei genau die beschwingte, tanzbare Musik, die jetzt trendy sei.
Für Derek alias Missratener Sohn gibt es in einer großen Szenezeitschrift und auf einer Musikseite lobende Rezensionen. Im Gegensatz zu Rafa, der am Beginn seiner Musikerkarriere vor allem Verrisse erntete, bekommt Derek von Anfang an Beifall.
In der "Neuen Sachlichkeit" folgte nach Remain in Silence ein Konzert von Namnambulu. Am Schluß war Edaín an der Reihe. Sie trat mit offenen, weißblond gebleichten Haaren auf, sie trug nur ein Klemmchen darin und hatte schlichte schwarze Kleidung an. Sie ließ sich von der Band Prayers for Rain begleiten. Die Stücke hatte sie selbst verfaßt, mit Ausnahme ihrer Coverversion von "Tango 2000".
Dreas meinte, Edaín habe ihren eigenen Stil noch nicht gefunden, sie kopiere noch von Nina Hagen und Rosenstolz.
N.D. und Dreas machen mit der gleichen Freude Musik wie damals.
"Wir wollen auf der Bühne wir selber sein", betonten sie.
Ich erzählte Dreas von Rafa, auch daß Rafa mir nicht glaubt, daß ich ihn liebe. Dreas überlegte, wie man beweisen kann, daß man jemanden liebt.
"Liebe kann man nicht beweisen", meinte ich, "man kann sie nur fühlen und an sie glauben, das ist wie mit der Religion. Es gibt keinen objektiven Beweis für die Liebe, und es gibt keinen objektiven Beweis für die Existenz eines Gottes."
Dreas meinte, er fühle sich an den Film "Contact" erinnert. In diesem Film wird Jodie Foster gebeten, zu beweisen, daß sie ihren Vater geliebt hat. Sie entgegnet, daß man Liebe nicht beweisen könne. Sie wisse es für sich selbst, aber anderen könne sie es nicht beweisen.
Dreas hat aus seiner ersten Ehe eine inzwischen fast volljährige Tochter und mit seiner zweiten Ehefrau zwei Kinder.
"Und mit der dritten Frau habe ich vielleicht drei Kinder", vermutete Dreas.
Er ist nicht sicher, ob seine zweite Ehe halten wird.
N.D. und Dreas wußten vor achtzehn Jahren nichts von der schwierigen Lage, in der Constri und ich uns damals befanden, als wir sie häufig in ihrem Probenraum besuchten. Ich erzählte ihnen, daß unsere Treffen im Probenraum für mich mit melancholischen Erinnerungen verknüpft sind:
"Damals habe ich im Probenraum Constri bei den Mathe-Hausaufgaben geholfen, und Constri hat mir frische Wäsche und Brote von zu Hause mitgebracht. Mama hatte mich doch hinausgeworfen, ich war in einer WG in BS. untergekommen und habe Constri im Probenraum getroffen."
"Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich mich eher scheiden lassen und euch bei mir aufgenommen", sagte N.D.
"Das Angebot hätten wir angenommen", meinte ich. "Allerdings wirkte eure Ehe ziemlich perfekt. Ich hatte nicht den Eindruck, daß die Beziehung dabei war, kaputtzugehen."
"Nach außen hin hat es vielleicht nicht so ausgesehen."
"Schein-perfekt", vermutete N.D.'s jetzige Lebensgefährtin Susan.
N.D. betonte seine eigene Schuld am Scheitern seiner Ehe mit Corinne. Er habe sich damals als Rockstar von morgen gefühlt und sei doch in Wahrheit nur ein kleiner Spießer gewesen. Er habe getan, was ihm gerade einfiel, und sich um seine Beziehung kaum gekümmert. Im Grunde sei er nicht richtig er selbst gewesen. Als er im Alter von achtundzwanzig Jahren mit Susan zusammengekommen sei, sei er schon gereifter gewesen und bereit, mehr in die Beziehung einzubringen.
"Du siehst unheimlich jung aus", meinte N.D., als ich auf seine Frage mein Alter nannte. "Ich hatte immer gedacht, du und deine Schwester, ihr wärt wesentlich jünger als ich."
Ich entgegnete, das erleichtere mich, gebe es mir doch einen Hinweis darauf, daß mein Leben langsamer vorbeigeht, als es nach dem Kalender der Fall sei.
N.D. ist vierzig, fühlt sich aber nicht so. Ich sagte ihm, daß er auch nicht so aussieht. N.D. findet es anstrengend, erwachsen sein zu müssen. Im Grunde sei er doch nicht so viel anders als Rafa, er lebe wie ein Teenager in den Tag hinein und bringe nichts zustande.
"Dem muß ich widersprechen", entgegnete Susan. "Das stimmt ganz sicher nicht. Du gehst arbeiten und führst ein geregeltes Leben."
"Und eben das kann man von Rafa nicht behaupten", erzählte ich. "Er schafft den Schritt zum Erwachsensein nicht. Er bleibt in depressiver Lethargie vor dem Fernseher kleben."
"Und du willst immer seine Therapeutin sein?" fragte Susan. "Ist das nicht auch wichtig, sich in einer Beziehung auf Augenhöhe gegenüberzustehen?"
"Das gab es auch schon, und zwar, als Rafa mich von dem Sockenschuß befreit hat."
Ich schilderte die Ereignisse um den Sockenschuß und auch die Geschichte von dem rechtsradikalen, mittlerweile vorbestraften Türsteher des "Nachtlicht".
"Als ich Rafa gelobt habe, weil er mir geholfen hat, war er sehr verlegen und ist dann weggelaufen", erzählte ich.
Susan meinte, vielleicht hätte ich ihn nicht so sehr loben sollen, weil er damit nicht umgehen könne.
"Doch, grade!" entgegnete ich. "Der muß gelobt werden. Der kann nicht genug gelobt werden. Lob bekommt er von mir immer direkt und ganz, ob er damit nun umgehen kann oder nicht."
"Auf jeden Fall hat er eine Klatsche", meinte Susan.
"Ich habe auch eine Klatsche", meinte ich.
"Aber eine liebenswerte Klatsche", meinte N.D.
"Seit ich ihn kenne, hat sich auch das verändert, was nicht unmittelbar mit der Beziehung zu tun hat", erzählte ich. "Ich bin kreativer als je zuvor, ich habe mehr Ideen, als ich umsetzen kann, und das wird auch nicht weniger. Und seit ich Rafa kenne, hat sich mein Bekanntenkreis immer weiter vergrößert."
"Du kannst aber auch auf Menschen zugehen", meinte Susan. "Du bist völlig offen. Du hast so eine positive Ausstrahlung ..."
N.D. und Dreas schenkten mir ihr aktuelles Album mit einer Widmung. Ich sollte Constri lieb grüßen. Inzwischen sind die beiden im Internet mit einer Homepage vertreten.
Zum sonntäglichen Kaffeetrinken mit Hefeschnecken waren "Flosse" Giulietta, "Schnecke" Constri und Klein Denise bei mir zu Besuch. Giulietta berichtete, sie sei zur Zeit verliebt in einen Mann, bei dem sie nicht sicher sei, ob er wirklich ein Mann ist. Er sei ziemlich flatterhaft und komme im Leben allgemein nicht klar. Ich vermutete, daß er drogenabhängig und kriminell ist, und Giulietta bestätigte, daß er Drogen nimmt und regelmäßig Diebstähle begeht.
"Sage mir, was für Freunde du hast, und ich sage dir, was du bist", kommentierte Constri. "Echt, wir kennen doch fast nur Flaschen! Ich komme mir bald selbst vor wie ein ewiger Versager!"
Ich meinte, es gebe doch einen himmelweiten Unterschied zwischen Giulietta und einem drogensüchtigen Kriminellen.
Denise trotzte ein bißchen herum und warf ihre angeknabberte Hefeschnecke auf den Fußboden, als Constri ihr nicht ins hintere Zimmer nachgehen, sondern auf ihrem Stuhl sitzenbleiben wollte. Wir ließen Denise in Ruhe trotzen, und da hob sie ihre Hefeschnecke wieder auf und aß sie weiter.
Auch sonst hält Denise Ordnung. Als eine ihrer Freundinnen auf mütterliches Geheiß den Schnuller aus dem Mund nahm, steckte Denise ihr den Schnuller wieder in den Mund.
Derek stellt seine Bierflasche gewöhnlich auf der Fernsehzeitung ab. Denise stellt ihre Nuckelflasche neben der Bierflasche auf der Fernsehzeitung ab.
Constri hat mir eine Videokassette gegeben, auf der sie für mich Filme aus dem Fernsehen aufgenommen hat. Die Papphülle war arg ramponiert. Constri erklärte, das sei Handarbeit von Denise. Sie führte vor, wie Denise die Hülle hingebungsvoll zerknickte und faltete und damit zu Derek lief und sagte:
"Bee! Bee!"
"Bee" heißt in Denises Sprache "Bäh" und soviel wie "eklig, muß weg". Denise betrachtete die zusammengefaltete Kassettenhülle als Abfall und wollte mit Derek nach draußen, um den vermeintlichen Müll zum Container zu bringen. Denise geht gerne mit Derek den Müll wegbringen. Sie findet das sehr spannend.



Am Freitag war ich im "Mute". Während Terminal Choice spielten, war Rafa noch nicht anwesend. Ich traf Ivco, Carole und Darius. Darius erzählte, daß bislang noch kein weiteres Konzert von Das P. in Planung ist. Ivco gab mir eine CD von einem brasilianischen Industrial-Techno-Musiker namens "Loop B". Es sei nicht sein Stil, er habe die CD jedoch gekauft, um den Musiker zu unterstützen. Carole erzählte, daß die kleine Dina ein sehr fürsorgliches Kind ist. In ihrer Spielgruppe gibt es ein behindertes Kind, um das Dina sich ganz besonders kümmert.
Ivco ist nicht in die Firma seines Bruders eingestiegen. Aus Gründen der sozialen Sicherheit hat er seinem Angestelltenverhältnis den Vorzug gegeben. Er lebt mit Carole und Dina in einem Haus, das an sein Elternhaus angebaut ist. Sie haben sich einen Kaminofen angeschafft.
Ivco und ich hatten in den vergangenen Tagen in E-Mails über meine Arbeit im Krankenhaus geredet. Ivco meinte, er freue sich über die Anregung, den mutmaßlichen Willen der Patienten in Entscheidungen einzubeziehen. Ich hatte ihm erzählt, daß der mutmaßliche Wille des Patienten zugrundgelegt werden soll, wenn darüber entschieden wird, wie ein Patient behandelt wird, der nicht mehr mit freiem Willen entscheiden kann, etwa weil er dement ist. Ivco erzählte, ihn habe zwar die ethische Sichtweise von Entscheidungen im Krankenhaus beschäftigt, doch er wäre wohl von sich aus erst sehr spät darauf gekommen, den mutmaßlichen Willen der Patienten einzubeziehen.
Rafa zeigte sich gegen ein Uhr im Publikum. Er marschierte um die kleine Empore herum, wo Saide, Magenta, Sarolyn und ich saßen, dann ging er ins Foyer.
Rafa trug seine "Schutzbrille". Er hatte das langärmelige Batik-Oberteil an, die schwarze Weste und die schwarze Baumwollhose, wie beim letzten Mal im "Mute". Am linken Handgelenk trug er die schwarze "BOY"-Uhr und am rechten ein schwarzes Nietenarmband. Seine Freundin hatte er nicht mitgebracht.
Später wurde auf der Bühne, wo die Band gespielt hatte, das DJ-Pult aufgebaut. Ich war gerade im Foyer, da begann ein Stück, zu dem ich tanzen wollte. Ich lief zwischen den Leuten hindurch nach vorne zur Tanzfläche. An meinem Weg entdeckte ich Rafa, der zufällig gerade dort stand. Ich streichelte ihm über die Schulter und lief weiter. Während ich tanzte, stieg Rafa auf die Bühne und blieb längere Zeit am DJ-Pult. Er flachste mit den anderen DJ's herum. Meistens hatte er eine Zigarette in der Hand. Die Musik gefiel mir recht gut, Rafa spielte unter anderem "Honour" von VNV Nation.
Louis, der von Laetitia verlassen wurde, inszenierte mit mir eine Art Standard-Tanz, war allerdings so unbeholfen und betrunken, daß ich aufpassen mußte, wo er seine Hände hatte und wo er hintrat. Louis' Bekannter Thorsten Pattek - genannt "Pattex" - warf ein Auge auf mich und sagte zu mir, ich sei "voll süß". Über sein eigenes Schicksal log er, erzählte etwa, er sei mit einer Frau zusammengewesen, die verheiratet sei, und als ich meinte, in Dreiecksbeziehungen würde ich mich nicht begeben wollen, erwiderte er, so etwas tue auch er nicht. Als ich ihn darauf hinwies, er habe doch eben erzählt, er sei mit einer verheirateten Frau zusammengewesen, entgegnete er, das sei nur eine Bekannte von ihm. Als er kurz darauf von zwei Mädchen gefragt wurde, ob ich seine Freundin sei, bejahte er dies und erzählte mir anschließend davon. Pattex neigt anscheinend dazu, die Unwahrheit zu sagen, wenn ihm die Wahrheit nicht gefällt.
Komplimente bekam ich noch von einigen anderen Leuten, vor allem bezogen sich diese auf mein Outfit. Ich hatte das Abendkleid an, das ich in KI. gekauft habe, dazu passend ein Collier aus onyxähnlichen Steinen und die langen schwarzen Handschuhe. Die Haare hatte ich zusammengebunden und mit einem Kunstfell-Stoffgummi verziert, und an den Zöpfchen hatte ich schwarzen Biegeplüsch befestigt mit silbernen Haarperlen an den Enden.
Rafa war zwischendurch für längere Zeit verschwunden; er könnte mit Edaín und den Herren vom Terminal Choice im Backstage-Raum gewesen sein. Als er wieder auftauchte, lief er einige Male an dem Podest vorbei, wo ich mit Magenta, Sarolyn und Saide saß. Einmal stand Rafa dicht an dem Podest und redete mit einem Bekannten, er nahm aber nie Kontakt zu mir auf, auch nicht mit Blicken, und wenn er an mir vorbeikam, hielt er Abstand. Als "Hello hello" von Lars Falk lief, tanzte Rafa nur zu dem halben Stück und eilte dann wieder hinauf zum DJ-Pult.
Beim Tanzen bewegte Rafa sich längst nicht so wild wie im März im "Read Only Memory", wo es genügte, neben ihm zu tanzen, um mit ihm in Berührung zu kommen. Ich ging dieses Mal nicht mit auf die Tanzfläche.
Gegen Morgen lief Rafa noch einige Male geschäftig zwischen dem Foyer und dem DJ-Pult hin und her. Er hatte schließlich seine Brille nicht mehr auf. Mit einer Chipstüte in der Hand sah ich ihn nach draußen gehen, und er blieb verschwunden. Die von ihm angekündigte Resonanz auf meinen Online-Roman "Im Netz" blieb aus. Besonders überraschen konnte mich das nicht, ist Rafa doch bekannt dafür, daß er sich nur selten an seine Ankündigungen und Versprechungen hält.
Am Samstag kamen Constri und ich kurz vor zehn Uhr abends zu "Stahlwerk", wo eben die Dekoration fertig geworden war. Wir machten heute Dreharbeiten für einen Videoclip. Ich besprach mit Rega und Delan, welche meiner Wunschtitel schon zu Anfang der Veranstaltung laufen konnten. Es wurden "Another world" von Leæther Strip, "Sub-System" von Monolith, "Chrome injected car crash rhythm boxx (Original)" von Sona Eact, "Humid dreams" von Dulce Liquido, "Maniacal" von Frontline Assembly, "Lethal Industry" von DJ Tiësto und "Skyscraper" von Underworld. Rega spielte alle Titel hintereinander und durfte sich die Reihenfolge aussuchen. Es waren noch fast keine Gäste da. Ich tanzte auf der leeren Tanzfläche, und Constri filmte mich. Einige Male tanzte ich auch hinter der halbdurchsichtigen Leinwand, und Constri filmte meinen Schatten, der sich auf dem Stoff abzeichnete. Das schien Rega zu inspirieren. Nach den von mir gewünschten Titeln spielte er das ruhige, abstrakte und gleichzeitig melancholisch-getragene "Horny being" von Morgenstern und anschließend ähnlich ruhige, abstrakte Titel, und als ich mich vor der Leinwand dazu bewegte, machte Rega mit einer Videokamera Rückkopplungsaufnahmen. Die Kamera war mit der Leinwand verschaltet, und so kam es, daß mein Schattenbild auf der Leinwand mehrfach erschien, hintereinander und auf dem Kopf. Ich war begeistert und nahm mir vor, bei der nächsten Session dieser Art noch mehr Rückkopplungsaufnahmen von Rega machen zu lassen. Constri filmte, was auf der Leinwand zu sehen war, Rega hatte jedoch keine Kassette in seiner Kamera. Nächstes Mal soll er auch selbst aufnehmen, was er filmt. VJ Ethereal bekam von Constri eine Kassette und filmte mit. Er fragte Constri später, ob er einige dieser Aufnahmen für eine Collage verwenden könnte, und Constri meinte, das sei durchaus möglich.
Diddo meinte, die gesamte Performance sei etwas fürs Auge gewesen, nicht nur die Rückkopplungseffekte. Diddo wurde von Constri und mir auch gefilmt. Sie trug ein Etui-Minikleid. Es bestand aus weißem Plastik und war beklebt mit neonrotem Warn-Klebeband. Passend dazu trug Diddo eine lange Rasta-Zöpfchen-Mähne in Neonpink und Neonrot und hatte weiß schimmernden Lidschatten aufgelegt.
Darien war mit Dera bei "Stahlwerk". Dera freute sich sehr, wieder dabei zu sein. Darien und Dera haben ihre gemeinsamen Fotoarbeiten schon in mehreren Städten ausgestellt. Verkaufbar seien Kunstwerke nur in Städten, wo die Menschen ausreichend Geld zur Verfügung haben, um sich so etwas leisten zu können.
Clarice hat erzählt, daß zwischen Gart und Ismene schon wieder Schluß ist. Ismene soll, ähnlich wie Garts Noch-Ehefrau Chiara, übertrieben eifersüchtig sein. Wenn Gart bei Clarice und Leander zu Besuch war, rief Ismene in halbstündigen Abständen Gart an und warf ihm vor, sie mit Clarice zu betrügen:
"Gib's zu, du bist mit ihr allein."
Dabei hat Clarice es noch nie auf Gart abgesehen.
Gart beendete schließlich die Beziehung mit Ismene - nun schon das zweite Mal. Clarice befürchtete, daß er daraus nicht allzu viel gelernt hat.
"Solange er keine Zähne hat, ist er nicht wirklich erwachsen", meinte ich und spielte damit auf sein Gebiß an, das dringend Zahnersatz benötigt.
Gart kümmert sich nur höchst unzureichend um sein Gebiß, und die vielen fehlenden und die wenigen verbliebenen, in äußerst schlechtem Zustand befindlichen Zähne scheinen ihn nicht übermäßig zu stören; er scheint diesbezüglich nicht einmal Wert auf seine äußere Erscheinung zu legen.
"Ohne Zähne kann er sich nicht durchbeißen", erklärte ich. "Er kann nicht die Zähne zeigen. Er kann nicht die Zähne zusammenbeißen. Er geht immer gleich auf dem Zahnfleisch."
In Sdt. haben Clarice und ich Dina-Laura in ihrem Spa Bay besucht. Bei ihr ist der Kunde König, und das zahlt sich aus. Sie erzählte von ihren wöchentlichen Sonderaktionen wie der "Rosenwoche", bei denen sie die jeweils passenden Teesorten und Duftessenzen anbietet. Es gibt Thalasso-Therapie und einen Ayurveda-Raum.
Am Samstag war ich im "Read Only Memory". Clara hatte Seward mitgebracht, den sie vor vier Monaten übers Internet kennengelernt hat. Seward wirkte ruhig und freundlich. Er ist mollig, passend zu Clara. Sie kann sich vorstellen, mit ihm zusammenzuziehen. Bisher hat sie mit ihm noch keine jener Enttäuschungen erlebt, die ihre früheren Beziehungen zu Fall gebracht haben.
Clara studiert noch einmal von Anfang an Sonderschulpädagogik und arbeitet nebenher in einer Bäckerei. An der Seite von Seward glaubt sie, daß sie ihr Studium schaffen wird und daß die Beziehung ihrem beruflichen Werdegang förderlich ist.
Louis schimpfte über seine Verflossene Laetitia, die heute nicht anwesend war. Er habe alles für Laetitia getan, einfach alles, und dann habe sie ihn verlassen.
"Das war der Fehler", meinte ich. "Es ist nicht sinnvoll, alles für den Partner zu tun. Auf Ausgewogenheit kommt es an."
Louis und seine Bekannten meinten übereinstimmend, Laetitia sei falsch.
"Man sollte von jemandem nicht mehr fordern, als er bieten kann", meinte ich. "Laetitia hat eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung. Von Laetitia kann man keine Vertrauenswürdigkeit erwarten, also erwarte ich sie nicht von ihr. Sie ist ganz nett, wenn sie nüchtern ist."
"Wenn sie nüchtern ist", seufzte Louis.
"Meistens ist sie vollkommen betrunken", ergänzte ich, "und distanzlos. Aber sonst ganz nett."
Mit Len war ich zu vorgerückter Stunde im "Radiostern". Len erkundigte sich, wie die Liebesgeschichte von Ted und Cary weitergegangen ist. Ich erzählte, daß sich die beiden zwar treffen und miteinander unterhalten, daß die Frage nach Zweisamkeit aber noch nicht zur Sprache kam. Len vermutet, daß Cary heterosexuell ist und an Ted kein körperliches Interesse hat. Cary fotografiert gerne Frauen in industriellen Kulissen. Die Frauen tragen Lackgarderobe, und ich finde sie recht attraktiv. Len hat einige dieser Fotos im Internet angeschaut, und er findet die Frauen deshalb nicht attraktiv, weil ihm ihr Gesichtsausdruck nicht gefällt. Er meinte, sie tun so, als seien sie etwas anderes, als sie sind. Sie wirken auf ihn nicht natürlich, sondern verkleidet.
Kollege Dero berichtete am Telefon, daß er mit einem zwölf Jahre jüngeren Mädchen namens Amira zusammengekommen ist. Er habe in ihr seine große Liebe gefunden und könne sich vorstellen, sie zu heiraten. Amira hat er übers Internet kennengelernt. Wegen ihres Studiums mußte sie kürzlich nach H. ziehen und ist mit Dero zusammengezogen. Deros Sohn Connian ist nach wie vor häufig zu Besuch. Nanette soll etwas unglücklich gewirkt haben, als sie von Deros neuer Liebe hörte.
Am Sonntagnachmittag war ich mit Marie-Julia in Kingston im Domcafé - da, wo angeblich ein Mitglied der Band Oomph! wohnen soll -, und wir haben die schwarzgraue rückwärtige Mauer des ehemaligen Klostergeländes fotografiert, deren Fenster blind, verstaubt und verrostet sind, als gebe es dahinter nur Ruinen. Das ist aber nicht so; die Mauer ist nur der Straße zu verrammelt worden, im Innenhof zeigen sich bewohnte Häuser.
Südwestlich von BS. erwanderten wir die Trasse der A39. Allmählich geht es voran mit den Arbeiten an dem Verbindungsstück zwischen BS. und dem Autobahnkreuz im Norden. An einer der zukünftigen Ausfahrten des noch nicht fertiggestellten Teilstücks sahen wir ein freies Straßenende mit Sandschütte. Dort stand ein Paar im Sonnenschein, und davor knieten zwei Kleinkinder im Sand und spielten hingebungsvoll damit; sie machten die Autobahnbaustelle zu einer großen Sandkiste.
Marie-Julia und ich gingen auf der Trasse spazieren. In losen Abständen wuchs Unkraut im Sand, ähnlich wie in einer Steppe. Über zwei frisch fertiggestellte Brücken gingen wir, mit abrupt endenden Betonkanten. An den Brücken fehlte nichts mehr außer der Fahrbahnmarkierung. Sie hatten einen sehr griffigen Belag und als Teilung zwischen den Fahrbahnen grüne Gitter, die im Sonnenlicht ihre Schatten auf den weißen Beton warfen, in dem sie verankert waren. Die Fotomotive, die wir fanden, ähnelten zum Teil den Bildern von Edward Hopper und zum Teil den Impressionisten.
Mitte September schrieb Rafa im W.E-Forum zu einem Thread über Verschwörungstheorien:

Und was ist das ...

- er nannte eine URL, unter der über Abwasser und damit verbundene Verschwörungen berichtet wird -

HIER?
Was ist richtig und was falsch?

Dazu schrieb ich:

... ich denke, wer sich mit diesem Abwasserkram so intensiv beschäftigt und es zum Mittelpunkt des Weltgeschehens erhebt, hat schon durchaus eine verzerrte Sichtweise. Der Autor der Seite ist möglicherweise querulatorisch und paranoid. Was Verschwörungstheorien betrifft, so denke ich, Verschwörungen im großen Stil fliegen eh alle irgendwann auf, denn je komplexer und verzweigter ein System ist, desto mehr undichte Stellen hat es. Ich denke, man braucht nicht zu befürchten, daß dunkle Mächte ein dichtes, unsichtbares Netz geflochten haben, denn sowas würde nicht lange unsichtbar bleiben.

Am Mittwoch war ich im "Reentry", wo De/Vision auftraten. Dort traf ich Marie-Julia und Nic. Sie erzählten, daß Patrice jetzt mit Maizie zusammen ist. Maizie hat sich von ihrem Mann getrennt und ihr Töchterchen zu ihren eigenen Eltern gegeben, die zu dem Kind ein sehr enges, vertrautes Verhältnis haben. Das Kind hat ein Down-Syndrom, kommt aber in der Regelschule mit.
Cyra erzählte, daß sie kürzlich zum ersten Mal nach zwei Jahren wieder allein bei Hal war. In der Zwischenzeit hatten sie und Hal sich nur auf Parties und Veranstaltungen getroffen, im Backstage oder auch beim gemeinsamen Auflegen.
Hal hat noch immer seine Freundin in N., die Musik scheint in seinem Leben jedoch den meisten Raum einzunehmen.
"Er ist mit Leib und Seele Musiker", meinte Cyra.
Rafa und Berenice gaben im W.E-Forum bekannt, daß sie ein neues Computerspiel für den C64 namens "Gehirn-Analyse" fertiggestellt hatten. Sie nannten eine URL zum Download.
Rafa und Berenice berichten auf ihren Homepages, daß sie Ende August mit dem Computerspiel den ersten Preis bei einer C64-Party gewonnen haben.
Berenice beschreibt in einem Foto-Bericht ihre Reise nach Dänemark, wo sie gemeinsam mit Fanclub-Betreiber Valerien bei einer Elektro-Party aufgelegt hat. Sie war ohne Rafa dort.
In einer Szene-Zeitschrift beschreibt Rafa seinen Auftritt beim großen Sommerfestival in HI. in Form einer Zeittafel. Er baut einen Spannungsbogen auf, über "Nervosität 100%" bis hin zu "Müdigkeit 100%". Er beschreibt, wie er mit dem Fahrrad zum Autoverleiher fuhr, um den Miettransporter abzuholen, wie für die Bühnenshow die Leute blau angemalt wurden, die er als "Schaufensterpuppen" bezeichnet, wie die Fans sein Konzert begeistert aufnahmen, wie er nach dem Konzert mit Berenice übers Festivalgelände ging und schließlich mit ihr nach Hause fuhr. Er schildert sich als zufriedenen Menschen in einer zufriedenen Welt. Es wird ungetrübte Harmonie demonstriert.
Ende September gab ich eine Grillparty, wo auch Zwiebelkuchen und Federweißer gereicht wurden. Als Denise von Constri vor die offene Wohnungstür gestellt wurde, begrüßte sie mich, indem sie mir ihre Puppe reichte und sagte:
"Püppi."
Denise trug eine rote Zipfelmütze und schaute aus ihren blauen Augen sehr skeptisch. Sie wirkte erst zufrieden, als sie auf Constris Schoß sitzen durfte.
Rikka erschien mit ihrer neuen Internet-Bekanntschaft Ethan. Er beschäftigte sich damit, den Nennwert der Schokoladenmünzen auszuzählen, die ich als Abschiedsgeschenk in Kingston bekommen habe.
Unser nächstes Damenkränzchen soll am ersten Advent stattfinden. Weil Constri und ich Rikka immer zu unseren Damenkränzchen einladen und sie niemals dabei ist, bezeichnete ich unsere Grillparty einfach als "Grillkränzchen" und meinte, heute sei sie doch einmal bei einem Kränzchen dabei. Da schrieb Rikka ein flammendes Pamphlet ins Gästebuch, in dem sie ihre Abneigung gegen alles erklärte, was "Kränzchen" genannt wurde:

Anti-Kränzchen-Manifest!
Der heutige Anlaß ist ein Grillkränzchen.
Obwohl ich ursprünglich zu einer Grillparty eingeladen wurde. Aber das neue Modewort, welches jetzt in hippen Kreisen verwendet wird, in welchen sich die angesagten Leute treffen, ist
K-R-Ä-N-Z-C-H-E-N
Ich würde niemals zu einer "Kränzchen"-Veranstaltung erscheinen, wurde jedoch unter einem falschen Vorwand hierhergelockt. Und nun bin ich hier. Aber eines ist klar. Zu dem angesetzten
D-A-M-E-N-K-R-Ä-N-Z-C-H-E-N
werde ich, schon allein aus Protest gegen alles, was zur Zeit hip und angesagt ist,
V-E-R-W-E-I-G-E-R-N
: ) Rikka

Constri schrieb:

Ich bin ein Kränzchen-Befürworter!
Constri

Rikka schrieb:

Der 28. November -
Ein schwarzer Tag
An diesem Tag habe ich schon einen sehr wichtigen Termin, der es mir nicht erlaubt, an einer Veranstaltung im Rahmen eines KRÄNZCHENS zu erscheinen. Es tut mir sehr leid, aber ich bin leider verhindert, unabkömmlich, habe zu tun, bin beschäftigt ...
Wehrt euch
wider die KRÄNZCHEN
Rikka-Power

Constri erfand das "Kränzchen-Gesetzbuch", abgekürzt "KrGB":

Wenn Rikka unabkömmlich ist, benötigt sie eine schriftliche Entschuldigung mit ärztlichem oder behördlichem Attest! Sonst ist das Fernbleiben widerrechtlich und wird strafrechtlich verfolgt gem. 24, 25 Abs. 3, 4, 31, 210 ff KrGB
Richterin Constri
(Kränzchen-Befürworterin)

Das Attest wurde erstellt durch Ethan:

Hiermit bestätige ich die Abwesenheit von "Frau Rikka" am 28.11.2004 vom Kränzchen. Folgende Gründe für eine Abwesenheit liegen, gemessen und bewiesen vor:
1. Allgemeine "Kränzchen-Allergie"
2. Volle Symptome des "Kränzischen Fiebers"
Deshalb wird dieser Tag in voller Quarantäne verbracht.
gez. Dr. med. Alzheimer

Endera schrieb ein Gedicht:

Im Frühtau die Zwerge, sie ziehn, fallera,
sie trinken, sie wanken und sind dumm, fallera.
Was soll man dazu sagen, sie könn'n halt nichts vertragen,
so sieht man sie torkeln durchs Feld, lalala!
Alle Zwerge sind Vampirzwerge, weil ... warum war Schneewittchen wohl weiß wie Schnee? Weil sieben kleine knittrige Vampirzwerge sie einmal pro Woche zur Ader gelassen haben.

Rikka und ich tranken zwei Tequila, ich trank außerdem Sambuca und zwei Gläser Federrosé. Mehr vertrage ich sowieso nicht.
Die letzten Partygäste überredeten mich, trotz meiner Müdigkeit mit in die "Neue Sachlichkeit" zu kommen. Ich mußte nicht fahren, das war die Voraussetzung. Wir hatten drei Autos und drei Fahrtüchtige, das genügte. Aufgrund der späten Stunde kamen wir sogar kostenlos hinein. Puppen-Theo hat den Eintritt erhöht, was viele Leute abschreckt. Puppen-Theo erklärte dazu, wenn er weniger nehme, gehe er sicher ohne jeden oder doch nennenswerten Gewinn nach Hause, und das sei ihm zu wenig für die viele Mühe, die er sich mache, zumal er auch noch einen "richtigen" Beruf habe und jedes Mal drei bis vier Tage opfere für die aufwendige Deko.
"Die Deko ist allerdings mal wieder supergeil", lobte ich ihn. "Das sind richtige Gesamtkunstwerke, die du ablieferst. Allein diese ganzen Rosenblätter ..."
Ich wühlte in den Rosenblättern auf der Theke herum.
"Das sind hundert rote Rosen", erzählte Puppen-Theo. "Jedesmal."
Dieses Mal hatte Puppen-Theo in allen vier Ecken der Tanzfläche eine Schaukel an die Decke gehängt, auf der je ein Gips-Totenschädel saß. In der Mitte des Saales hing ein großes Sägeblatt von einer Kreissäge. Auf dem mit schwarzen Schnörkeln bemalten Sarg, der vorm DJ-Pult auf der Bühne stand, kuschelten sich zwei Gips-Totenschädel aneinander. Im Saal standen mehrere hohe eiserne Leuchter, auf denen echte Kerzen flackerten.
Zerline saß an der Theke. Sie trug ein ähnliches Domina-Halsband wie ich, nur daß an dem Ring vorne mit einem Karabinerhaken eine Kette befestigt war. Am freien Ende der Kette befand sich ebenfalls ein Karabinerhaken, den Zerline an mein Domina-Halsband hakte. Das finde ich ganz lustig, im Gegensatz zu Handschellen, weil man den Karabinerhaken, wenn man will, wieder loshaken kann.
Ein Bekannter von Siro und Brandon erzählte mir, er habe vor wenigen Tagen erfahren, daß er entgegen seiner Befürchtung doch keinen Lungenkrebs hat. Die Sorge hatte ihn dazu gebracht, seinen Zigarettenkonsum von vierzig Zigaretten täglich auf fünf Zigaretten täglich herunterzufahren, jedoch hatte die Schreckensvorstellung einer tödlichen Krankheit nicht ausgereicht, um ihn das Rauchen ganz aufgeben zu lassen.
"Man sollte nicht glauben, daß es erst zur Katastrophe kommen muß, damit ein Süchtiger von seinem Suchtmittel läßt", meinte ich. "Meistens hören die Süchtigen nicht einmal dann mit ihrem Suchtmittel auf, wenn es zur Katastrophe gekommen ist."
Am Sonntag war ich bei Henk zu Besuch. Es gab die von mir so geliebte Hühnersuppe.
Henk hat einen Plüsch-Hund, wenn man den ruft, gibt er "Wauwau"-Laute von sich; diese können, je nach der Frequenz, mit der man ihn ruft, quietschig-hoch oder dunkler und rauher sein. Passend dazu wedelt er mal mit dem Schwanz, mal läuft er. Immer wieder ließ ich den Plüsch-Hund kläffen.
Für Feline hat Henk auf dem Flohmarkt ein "Katzensofa" erstanden, das sieht aus wie ein gewöhnliches Sofa, nur viel kleiner und niedriger. Allerdings ruht die sechzehnjährige Katzendame Feline lieber auf Henks Bett.
Ted erzählte am Telefon, daß er Ende Oktober nach H. kommen will, um sich mit Cyan auszusprechen. Schließlich sei man lange Jahre befreundet gewesen.
Victoire und Ted haben sich in den Discotheken des Ruhrgebiets häufig getroffen und können sich sehr gut leiden. Victoire zieht dieser Tage nach WÜ., weil sie dort ihre neue Stelle hat.
Was Cary betrifft, so begegnet Ted ihm öfter und verabredet sich auch mit ihm, jedoch hat er Cary bisher nicht gefragt, ob er hetero- oder homosexuell ist. Ted hat inzwischen in sein Online-Profil geschrieben, daß er homosexuell ist, damit wenigstens Cary über ihn bescheid weiß.
Ted hört im Auto häufig einen Sampler, auf dem sich Rafas Stück "Schweben, Fliegen und Fallen" befindet. Beim Hören hat er jedesmal den Eindruck, daß Rafa das Stück auf mich gemünzt hat. Ich erzählte Ted, wie Rafa vor sieben Jahren im "Zone" auf mich zulief, während das Stück gespielt wurde, und die Textzeile mitsang, die sich wahrscheinlich auf mich bezog. Eben war "Du sagst zu mir, ich liebe dich ..." aus dem Lautsprecher geschallt, da sang Rafa mir die nächste Zeile ins Ohr:
"Doch diesem Frieden trau' ich nicht!"
Ted liest die Interviews, die Rafa in Zeitschriften gibt, und ihm ist aufgefallen, daß Rafa immer dann, wenn er nach dem Sinn seiner Texte gefragt wird, sehr undeutlich, teilweise am nachgefragten Thema vorbeigehend oder widersprüchlich antwortet.
Lustig und gleichzeitig vielsagend finde ich den Text vom "Elizium-Lied", das sich auf einer der Kassetten befindet, die Ivco mir ausgeliehen hat. Rafa hat dieses Stück 1992 oder spätestens im März 1993 gemacht, weil er mir im März 1993 eine Zeile aus diesem Stück sagte:
"Intrigen, Lügen, Liebe und Haß ..."
Das "Elizium-Lied" ist schwungvoll und tanzbar; ihm fehlt die kitschige Betulichkeit, die mich an Rafas späteren W.E-Stücken so sehr stört. Rafas Gesang ist leider nur ein Kreischen und deshalb schwer zu verstehen. Er beschreibt in dem Liedtext jenes Verhalten, das ihm - und nicht nur ihm - im "Elizium" einen schlechten Ruf einbrachte:

Haare hoch, weißes Gesicht,
Alternativen gibt es nicht.
Intrigen, Lügen, Liebe und Haß,
das ist unser Samstagabend-Spaß!

Nach und nach brenne ich die Stücke auf den Kassetten auf CD's, für Ivco und für mich. Auf der Kassette mit dem "Elizium-Lied" befinden sich noch mehr Stücke von Rafa, alle rauh und wild, Garagen-Punk. Weil Rafa schreit, anstatt zu singen, ist kaum zu erkennen, daß es sich um seine Stimme handelt. Ein ganz anderer Teil von Rafas Wesen scheint damals, vor über zehn Jahren, sichtbar geworden zu sein. Leider mangelte es ihm damals wie heute an Moral und Verantwortungsgefühl; ob als Garagen-Punker oder als NDW-Epigone, seine charakterlichen Schwächen blieben dieselben.
In einer E-Mail erzählte ich Ivco von den ethisch-moralischen Absonderlichkeiten an meinem jetzigen Arbeitsplatz. Der Ehemann einer Patientin beschwerte sich darüber, daß seine Frau, die nach einem Schlaganfall nicht mehr sprechen konnte und halbseitig gelähmt war, im Krankenhaus behandelt wurde. Das sei doch überflüssig. Seine Frau sei ein Wrack, und Autowracks entsorge man doch auch.
Was den Chef betrifft, so bewegt sich dessen ethisch-moralische Grundhaltung ungefähr in diesem Bereich, getreu dem Motto "Haben statt Sein". Dem Vermögen eines Firmeninhabers wird mehr Aufmerksamkeit zuteil als dessen Erkrankung, Privatpatientinnen mit Hexenschuß wird mehr Aufmerksamkeit zuteil als Kassenpatientinnen mit neu entdeckter Multipler Sklerose, Pharmareferenten wird mehr Aufmerksamkeit zuteil als der Weiterbildung der Assistenten. Dem Konkurrenten wird mehr Aufmerksamkeit zuteil als dem Vermögen des Firmeninhabers, den Privatpatientinnen mit Hexenschuß und den Pharmareferenten zusammen. Den Assistenten wird vor allem Eines vermittelt: am Wichtigsten sind die Einnahmen des Chefs. Entscheidend ist deshalb nicht, wie es einem Patienten geht, sondern was er kostet. Diese Haltung wird keineswegs von den anderen Chefs im Krankenhaus mitgetragen. Das Ergebnis ist, daß mein Chef als einziger große schwarze Zahlen schreibt und das tagtäglich betont. Als Manager eines Autokonzerns könnte er damit prahlen, ohne moralisch zweifelhaft zu wirken. Solche Kreaturen bekommen freilich durch die heutige Gesundheitspolitik immer mehr Oberwasser. Daß die Patienten sich wie Autos behandelt fühlen, schlägt sich mittlerweile mehr als deutlich in der öffentlichen Meinung nieder.
Krankhafte Geltungssucht beruht auf der Selbstwahrnehmung, niemals genug zu sein, niemals genug darzustellen. Ein Versuch, dieses Selbstwertdefizit auszugleichen, kann darin bestehen, daß man danach strebt, möglichst viel zu besitzen und möglichst viele Menschen unter sich zu haben.
Wer nach der Devise "Haben statt Sein" lebt, rafft mehr und immer mehr, ohne wirklich etwas zu besitzen. Diesen Menschen geht es nicht um das Besitztum an sich, sondern darum, möglichst viel zu besitzen. So ist das mit den Maßlosen und Raffgierigen - was sie besitzen, gehört ihnen nur scheinbar. Wenn man sich mit einem riesigen Berg Schokoladenriegel überkippen läßt, gehören einem die nur scheinbar, weil man sie gar nicht alle essen kann. Nur was man wahrnehmen und erleben kann, gehört einem wirklich. Wenn einer daherkommt und erzählt:
"Ich habe da einen Planeten ..."
- dann kann ihm der Planet gar nicht wirklich gehören, weil er ihn niemals ganz kennenlernen und erfassen kann. Nur auf dem Papier, nur symbolisch ist er im Besitz des Planeten. Überdimensionierte Besitztümer kann man lediglich dann vollständig unter sich bringen, wenn man sie zerstört ... und dann handelt es sich nicht mehr um Besitztümer, sondern nur noch um Schutt. Wer Menschen vollständig kontrollieren und beherrschen will, kann das letztlich nur, indem er sie umbringt. Dies entspricht der paranoiden Logik Stalins, der alle Menschen ermordete, über die er keine Kontrolle zu haben glaubte. Letztlich hätte er alle Menschen auf der Welt ermorden müssen, um seinem Macht- und Kontrollanspruch gerecht werden zu können.
Am 30.09. habe ich Folgendes geträumt:

Auf der Arbeit saß ich einer Kollegin gegenüber und las ihr einen Brief vor, den eine andere Kollegin geschrieben hatte. In dem Brief ging es um eine Büste aus grauweißem Marmor, die seit Langem im Hause stand, mal auf diesem Sideboard, mal auf jenem Sims, eine Zeitlang auch beim Chef im Vorzimmer. Gegenwärtig stand die Büste links neben mir auf einem halbhohen Schrank. Es war das Abbild eines hübschen jungen Mannes, eines Adonis. In dem Brief stand, die Büste habe ein mysteriöses Eigenleben und könne, wenn sie wolle, den Kopf drehen.
"Das ist ein Mechanismus", sagte ich zu der Kollegin, der ich den Brief vorlas. "Da muß man irgendeinen Schalter umlegen, dann dreht die Büste den Kopf. Da ist nichts Mystisches dran. Ganz genau herausgefunden habe ich noch nicht, wie der Mechanismus funktioniert. Ab und zu dreht er jedenfalls den Kopf. Na, mal abwarten, wann er mal wieder aus sich 'rauskommt."
Ich schaute zu der Büste hinüber, und als hätte der Adonis meine Worte verstanden, wandte er mir den Kopf zu. Dann drehte er ihn gleich wieder weg. Ich schaute auch weg und wieder hin, und erneut wandte mir der marmorne Adonis den Kopf zu. Ich lächelte ihn an, und er lächelte ebenfalls. Eigentlich hatte die Büste keine Arme, doch auf einmal hatte der Adonis einen rechten Arm aus grauweißem Marmor, den streckte er mir hin und tat, als wollte er mit mir anstoßen. Ich erwiderte die Geste. Er schien mir mit seiner Mimik und den Bewegungen seines Arms etwas erklären oder zeigen zu wollen. Ich entdeckte, daß um seinen Hals ein Kopfhörer lag. Ich hörte sehr leise Worte, die aus dem Kopfhörer zu kommen schienen. Ich stand auf und folgte der Hand des Adonis, die tastete sich zu seiner linken Schulter und verschob dort einen Regler.
"Ich hab' die Lautstärke mal etwas höher gedreht", sagte der Adonis nun vernehmlich.
Ich konnte mich mit ihm unterhalten und verlieh meinem Erstaunen Ausdruck, daß er tatsächlich ein Eigenleben hatte.
"Und eben sagst du noch: 'Mal abwarten, wann er mal wieder aus sich 'rauskommt.'", bemerkte der Adonis amüsiert. "Und jetzt reden wir so viel miteinander, wie wir noch nie miteinander gesprochen haben."

Leider wachte ich dann auf und konnte das Gespräch mit dem Adonis nicht fortsetzen. So geht es mir auch mit Rafa. Wenn er aus sich herauskommt, schlägt er die Tür rasch wieder zu und läuft fort, ehe ich ihm alles sagen konnte, was ich ihm sagen wollte.
Am Freitag war ich im "Mute". Rafa kam, entgegen der Ankündigung auf den Flyern, nicht dorthin. Im "Maximum Volume" gefiel mir die Musik am besten, unter anderem lief "Der schwarze Mann" von Terminal Choice.
Gegen Morgen brachte Melvin mich zum Parkplatz. Als ich mich mehrmals für diesen Gefallen bedankte, sagte er:
"Hetty, du bist süß, echt."
Was das bedeutete, war mir nicht so ganz klar. Entweder meinte er, was er sagte, oder er meinte:
"Du spinnst."
Am Samstag und am Sonntag war ich beim "Maschinenraum"-Festival in KR. Zum ersten Mal fand es in einer Location statt, die für diese Veranstaltung ausreichend Platz und Komfort zu bieten hatte. Es war das "Schlachthaus", eine ehemalige Schlachterei, die zum Veranstaltungszentrum umgebaut und erst vor Kurzem sorgsam renoviert wurde.
Die Musiker boten neben der schwungvollen Musik einfallsreiche Bühnenshows. Polarlicht 4.1 trat im weißen Strahlenschutzanzug auf und trug eine Gasmaske mit Lämpchen im Bereich der Augen. In dieser Montur hüpfte er an seinem Keyboard wie ein aufgezogener Teddybär herum. Ich fand ihn einfach niedlich.
Mlada Fronta unterschieden sich insofern von den übrigen Bands, als ihre Musik hypnotisch-meditativ klang, eine Art atonaler Ambient. Dazu liefen stimmungsvolle abstrakte Videos mit verfremdeten Aufnahmen von Strommasten und Industrieanlagen.
Die illustren Gäste waren, wie immer bei "Maschinenraum", Teil der Show. Viele trugen Sachen der Firma Cyberdog - durchsichtige Armbänder mit metallenem Cyberdog-Emblem, neonpink-farbene Westen, T-Shirts mit eingebauten Lämpchen, Metallklauen, die über die Hände gezogen wurden und am Ende jedes Fingers flackernde blaue Lichter trugen ... ein Junge hatte eine Jacke, an deren Ärmeln und Rücken es gewaltige Reißverschlüsse gab, um ein Mehrfaches so groß wie gewöhnliche Reißverschlüsse. Ich stellte mir vor, Rafa hätte so etwas Hinreißendes an, und ich könnte die Reißverschlüsse auf- und zuziehen.
"Das wäre ein Adventskalender nach meinen Wünschen", überlegte ich, "Rafa zieht sich an jedem der vierundzwanzig Tage vor Weihnachten was anderes Geiles an, und ich darf ihm das ausziehen."
Ein Junge trug ein matt durchscheinendes Hemd aus Plastikfolie, mit Stehkragen. So etwas könnte ich mir bei Rafa auch sehr gut vorstellen.
Ein Junge trug ein schwarzes T-Shirt mit einem weißen Aufdruck in Gestalt einer EKG-Kurve.
Viele Herren trugen hinreißende Röcke - schwarze Kilts, Röcke mit Nadelstreifen, weit fließende Röcke mit hohen Schlitzen ...
Unter der Mädchen gab es eines im durchsichtigen orangefarbenen Schlauchkleid, darüber hatte es ein orangefarbenes Korsett aus Filz an, das war verziert mit Stacheln aus orangefarbenem Filz und hatte an den Seiten schwarze Schnürungen. Viele Leute, vor allem die Mädchen, hatten sich hoch angesetzte Zöpfe gebunden und Kunsthaar und Plastikschnüre eingeflochten, so daß wasserfallartige Frisuren entstanden. Die Kunsthaare und Plastikschnüre schimmerten in verschiedenen Farben - einige trugen Rosa und Orange gemischt, andere verschiedene Grüntöne. Einige hatten auch Stränge aus Zauberwatte in die Zöpfe gebunden. Ein Mädchen hatte sich zwei Zöpfe geflochten, in die Spitzenbänder und Plastikschnüre eingeflochten waren, alles in strahlenden Grüntönen. Die Zöpfe waren zusammengedrahtet mit jenem schwarz ummantelten Draht, den man auch für das Zusammenhalten aufgerollter Kabel verwendet. Mehrere Mädchen trugen kurze, teilweise mit Petticoats verstärkte Tutus. Und es gab eine im Nonnenkostüm, die eine Gasmaske trug. Ein Mädchen hatte sich einen Infusionsschlauch als Gürtel umgebunden. Ein Junge trug eine kunstvoll gebastelte Fantasy-Rüstung, die sein Gesicht vollständig verbarg. Ein Mädchen trug ein transparentes Schlauchkleid, an dessen unterem Ende drei übereinanderliegende Reifen eingearbeitet waren. Viele hatten Schmuck, der im Dunkeln leuchtete oder blinkte. Ein Mädchen trug ein Korsett in Tarnfarben und einen Rock, der aus einem Tarnnetz gemacht war. Zwei Mädchen trugen Korsetts aus einem Stoff, der aus einer "Hello Kitty"-Bettwäsche stammen konnte. Sie trugen rosa Wattehaare. Chantal trug ein rückenfreies Etuikleid mit Kapuze, das aus NVA-Zeltplane angefertigt war. Vorn waren übereinander mehrere Querriegel an dem Kleid befestigt, rechts und links je mit einer Niete. Das Kleid hat ein Designer in B. genäht, der seine Mode ausschließlich aus DDR-Armeebeständen fertigt. Auf Chantals Wunsch bastelte er aus der NVA-Plane auch noch zwei bis übers Knie reichende Gamaschen, verschlossen mit vielen Schnallenriegeln. Vorne oben hatte er sein Motiv aufgebügelt, eine Gasmaske. Auch auf dem Kleid befand sich ein aufgebügeltes Motiv, links unten, ein großes weißes Rechteck mit Gasmasken darauf.
Seraf war da mit einem Mädchen, das augenscheinlich seine Freundin war; die beiden umarmten und küßten sich häufig. Chantal erzählte mir, daß sie mit Seraf für die nächsten zehn Jahre nicht mehr reden will. Übrigens soll sich Seraf gefreut haben, als er erfuhr, daß Berenice nach Süddeutschland ziehen würde. Chantal hat mitbekommen, daß Berenice und Seraf sich vor einem Jahr im "Lost Sounds" getroffen haben; Chantal war ja selber auch da. Sie ist sicher, daß Seraf mit Berenice schon im Bett gewesen ist.
Cyra übernachtete von Samstag auf Sonntag im "Dixi"-Hotel, wo auch Dirk I., Peter und Rafael Martinez Espinosa logierten. Rafael wohnt in Barcelona und macht das Industrial-Projekt Geistform. Er freute sich, weil sein erstes Album so rasch ausverkauft war. Ich bat ihn, das Album ein zweites Mal auflegen zu lassen, damit ich es auch im Original bekommen kann; bisher habe ich nur eine gebrannte Kopie von Derek.
Mit Rafael und Cyra war ich am Sonntagnachmittag in der nahezu ausgestorbenen Innenstadt von KR. in einem Bistro. Kaffeehausmusik schallte von der angrenzenden Ladenpassage herüber. Rentner saßen an Tischen und hörten zu. Rafael erzählte von der Volksfest-Atmosphäre auf einem Trachtenfest in Österreich, auf das er zufällig geraten war. Die Leute hätten auf den Plätzen zu Blasmusik getanzt und seien guter Dinge gewesen.
Rafael und Cyra finden das "Dixi"-Hotel nicht besonders einladend. In den Zimmern gibt es nicht einmal ein Bad, nur eine Toilettenkabine und eine Duschkabine. Eine Handbrause gibt es in der Dusche nicht, nur Löcher in der Decke.
Wir unterhielten uns über unsere Berufe. Rafael ist von Beruf Steinmetz und verarbeitet Marmor. Das macht ihm viel Spaß. Als ich von meinem Beruf erzählte, sagte Cyra zu Rafael, ich sei gut darin.
"Meinst du?" fragte ich.
"Ja, klar", war sie überzeugt. "Du hast doch immer einen guten Tip parat. Und wie du dich damals um Cielle gekümmert hast ..."
"Ja, sicher, ich erinnere mich ... ich habe ihr gesagt, sie kann sich selbst helfen, und das hat sie auch."
Sehr amüsiert war Rafael, als ich ihm von den Katastrophenkeksen erzählte. Er schlug vor, auch das Zugattentat von Madrid als Keks zu verewigen. Diese Idee will ich in der nächsten Keks-Kollektion umsetzen.
Die hauptsächlichen Katastrophen in meinem Leben lassen sich schwer "in Kekse fassen", weil sie nicht so anschaulich sind wie ein Tunnelbrand, ein Attentat oder eine Ölpest.
Rafael hat lange gegenüber von Montserrat gewohnt. Ich erzählte ihm, daß ich schon in dem Kloster Montserrat war und daß mir die Bauwerke von Gaudi gefallen, die man in Barcelona bewundern kann.
Rafael und ich hatten gerade unsere Hühnersuppe aufgegessen, als ein junger Farbiger in das Bistro kam, jedem Anwesenden die Hand gab und sagte:
"Danke ... Danke ..."
Als er mir die Hand geben wollte und "Danke" sagte, winkte ich ab und fragte:
"Wofür denn?"
"Für die Zusammenarbeit", erwiderte der Farbige.
"Nein, nein", sagte ich und schüttelte den Kopf.
Da ging er hinaus und gab auf dem Weg durch die Ladenpassage vorbeikommenden Personen die Hand.
"Der leidet an Schizophrenie", erklärte ich Rafael, Cyra und dem Wirt. "Der ist völlig wahnhaft, völlig verwirrt und distanzlos. Solche Patienten behandle ich in der Psychiatrie. Eigentlich müßte der sofort in psychiatrische Behandlung."
"Ich kann mir vorstellen, daß der gefährlich sein könnte", befürchtete Rafael. "Der ist doch ziemlich groß und kräftig. Von dem möchte ich keine übergezogen kriegen."
Ich betrachtete die Situation eher mit Gelassenheit. Personen mit einem derart auffälligen Verhalten, wie es dieser junge Mann zeigte, werden über kurz oder lang der Polizei und darauffolgend einer psychiatrischen Behandlung zugeführt.
In der Öffentlichkeit kann man häufiger Menschen mit Schizophrenie beobachten. Constri hat einmal einen in der Straßenbahn gesehen, der lachte und rief immer wieder:
"Gelobt sei Jesus Christus!"
In H. am Hauptbahnhof habe ich vor etwa zehn Jahren einen Zettel hängen sehen mit der ungelenken Aufschrift:

Jesus Christus in H.
Der Abgesandte des Satans und Kohl kämpfen gegen ihn zusammen
Die Gerichte und Staatsanwälte schweigen noch
Amen

Der Zettel ist wahrscheinlich das Ergebnis religiösen Wahns im Rahmen einer Schizophrenie.
Eine Bewohnerin in dem Studentenheim, wo Terry Ende der Neunziger Jahre lebte, litt auch mit hoher Wahrscheinlichkeit an Schizophrenie. Sie hieß Giselle und verhielt sich reichlich bizarr. Aus Hühnerknochen bastelte sie ein Mobile, und als einmal der größte Kochtopf der Etagenküche verschwunden war, stellte sich heraus, daß Giselle ihn für ein Fußbad verwendete. Mit ihrem Studium der Religionspädagogik kam Giselle nicht zurecht. Sie wurde schließlich stationär psychiatrisch behandelt.
Cyra würde die englische Sprache gern besser beherrschen, dann könnte sie mehr mit Rafael und auch mit Dirk I. und Peter plaudern. Rafael möchte gern ein wenig deutsch lernen. Viele Industrial-Fans seien Deutsche. Seine geplante "Geistform"-Homepage soll es auf spanisch, englisch und deutsch geben.
Peter begrüßte mich auf dem "Maschinenraum"-Festival mit den drei Küßchen, an denen ich ihn immer erkennen kann, weil er mir erklärt hat, in Belgien sei das so Sitte. Am Merchandize-Tisch hielt ich Smalltalk mit Peter und Dirk I.. Dirk hat manchmal einen Blick, der mich ein wenig an gezähmte Übeltäter erinnert. So läßt er sich auch gern fotografieren, martialisch-verwegen und doch artig.
Irvin stört es übrigens nicht, daß es im "Dixi"-Hotel statt einer Dusche nur Löcher in der Decke gibt. Er hat seine Haare vollständig abrasiert. Umso mehr stört die fehlende "richtige" Dusche seine beste Freundin Dagda, die sich nicht jeden Tag die Haare waschen will.
Claire war mit Nino bei "Maschinenraum", sie sind neuerdings zusammen. Auch Cal war da und Connor. Claire und Cal verstehen sich nach wie vor gut.
In der Lounge des "Schlachthaus" gab es vielerlei Getränke und Essen für nicht allzu viel Geld, und man konnte sich dort ein wenig zurückziehen und plaudern. Einer kam an meinen Tisch, der erzählte mir, daß er froh sei, nicht getauft zu sein, da ihm hierdurch selbst die Entscheidung über seinen Glauben überlassen worden sei. Als es um die Frage ging, ob er Konfirmandenunterricht nehmen wollte, war er dort zum "Schnuppern" und fragte den Pastor, worin eigentlich der Unterschied liege zwischen der Kirche und den Sekten. Der Pastor entrüstete sich über diese Frage und wollte die Kirche nicht mit Sekten verglichen wissen. Der Pastor konnte ihm den christlichen Glauben nicht überzeugend vermitteln, der Junge entschied sich also gegen den Konfirmandenunterricht. Sein Vater nahm diese Entscheidung hin, die restliche Familie jedoch fand es unerhört, daß der Sohn nicht der Kirche angehören wollte. Allein, sie konnten für den Beitritt zum christlichen Glauben kein anderes Argument vorbringen, als daß man der Kirche eben angehören müsse. Das wirkte auf den Jungen erst recht nicht überzeugend.
"Der Unterschied zwischen dem christlichen Glauben und den Sekten ist die Nötigung", erklärte ich. "In jeder Sekte werden die Mitglieder zu irgendetwas genötigt. Man verlangt ihnen ab, mit aufgeschlagenen Heftchen im Hauptbahnhof zu stehen, man verlangt ihnen ab, ihr Vermögen für irgendwelche Kurse auszugeben, manche Sekten verlangen von ihren Mitgliedern den Selbstmord - und so weiter. Der christliche Glaube ist ein Angebot, keine Nötigung. Die zehn Gebote sind kein 'Muß', sondern ein 'Soll'."
"Das mit der Nötigung könnte hinkommen. So hat mir der Pastor das aber nicht erklärt."
"Ich denke, es ist kein Wunder, daß er dich nicht vom christlichen Glauben überzeugen konnte."
Mein Gegenüber erzählte, Wissenschaftler hätten festgestellt, daß die Menschen in der Frühgeschichte Stimmen hörten, die ihnen sagten, was sie tun sollten. Als sie irgendwann in ihrer Entwicklung so weit gewesen seien, daß die Stimmen verstummten, hätten sie nach leitenden Stimmen gesucht und die Religionen erfunden.
"Tiere haben ihren Instinkt, dem sie folgen können", meinte ich. "Menschen haben viel mehr Möglichkeiten, eigenständig zu handeln, deshalb ist es für sie schwerer, Leitlinien für ihr Handeln zu finden. Da sind die Religionen in der Tat hilfreich. Ich denke, auch daß die Menschen sich ihrer Sterblichkeit bewußt sind, ließ sie auf die Suche gehen nach höheren Mächten, die noch mächtiger sind als der Tod. Ein Mensch wiegt zwischen fünfzig und vielleicht hundertfünfzig Kilo, ist vielleicht zwischen einem Meter fünfzig und zwei Metern groß, das ist nicht viel, und er ist in seinem Innern unendlich kompliziert gebaut. Ein Mensch ist angreifbar, er hat viel zu verteidigen und muß sich gegen vieles verteidigen, sein Leben lang. Da ist es hilfreich, wenn man an etwas glauben kann, das einem einen Teil der Last abnimmt."
Mit einigen Leuten sprach ich über die Tatsache, daß Musik fast nur von Männern gemacht wird. Eine der Ausnahmen bildet Morgenstern, die zudem musikalisch so manchem Herrn etwas vormachen kann. Einer aus dem Publikum soll sie mal recht lässig von oben herab betrachtet haben, als wenn sie als Frau im Industrial-Bereich sowieso nur eine schwache Figur machen könnte. Er soll aber nicht schlecht geguckt haben, als Morgenstern sich mit Ruß schwarze Streifen ins Gesicht zog und ihren Morgenstern über dem Kopf schwang, als wollte sie sagen:
"Kommt nur her."
Lysander, der mich aus dem "Radiostern" kennt, fragte mich, ob ich wüßte, wie er verhindern könne, daß er sich und seinem Eigentum durch Wutausbrüche Schaden zufüge. Er befürchte, verrückt zu sein.
Wie sich herausstellte, hatten sich zwischen ihm und seiner Freundin Konflikte in zermürbender Weise aufgestaut, Lysander hatte jedoch nicht mit anderen darüber gesprochen und es nicht geschafft, sich Luft zu machen. Als die Beziehung zerbrach, machte er in sinnloser Wut eigene Sachen kaputt.
"Du bist auf keinen Fall verrückt", meinte ich, "du bist völlig normal. Du hast für die innere Anspannung kein Ventil gefunden, der Streß hat sich immer mehr aufgestaut und mußte sich irgendwie entladen, so kam es zu den Wutausbrüchen. Das ist alles durch und durch nachvollziehbar. Du kannst dir selbst helfen, indem du, wenn du in Streß gerätst, mit anderen darüber redest und aufschreibst, was dich belastet. Dadurch kannst du das Geschehen aus einer hilfreichen Distanz betrachten und kommst zum Luftholen."
"Das mit dem Aufschreiben haben mir auch schon mehrere andere Leute geraten, das kann also nicht falsch sein."
Ich empfahl Lysander, sich keine Vorwürfe und Schuldgefühle zu machen, wenn eine Beziehung zerbrach:
"Ich denke, es ist wichtig, daß man sich selber sagt:
'So, wie ich bin, bin ich schon ganz in Ordnung. Wenn eine Beziehung scheitert, auch wenn ich mir noch so viel Mühe gebe, kann es auch daran liegen, daß es einfach nur noch nicht die Richtige war.'"
Am Dienstag war Rikka war bei mir zu Besuch und erzählte von ihrer Beziehung mit Ethan, die inzwischen beendet ist. Ethan soll Rikka zunächst sehr umworben haben, sie dann allerdings immer mehr entwertet haben. Rikka schrieb dazu in ihrem Online-Tagebuch:

Ansonsten fühle ich mich erstaunlich gut. Irgendwie befreit.
Klar, ein wenig bin ich traurig über die verpassten Möglichkeiten und darüber, dass nur meine Gefühle dabei echt waren. Im Grunde alles Erlebte, also das Positive, für den knallroten Sack. Quasi eine Illusion. So ein wenig wie eine geträumte Fantasie, die dann wie eine Seifenblase zerplatzt.

Ich schrieb in ihr Online-Tagebuch einen Text über Entwertung und Haß:

Haß ist in der Regel nach außen gelenkter Selbsthaß. Haß ist irrational und rein destruktiv. Man kann Haß den psychopathologischen Phänomenen zurechnen. Haß entspringt in aller Regel einer Selbstwertproblematik. Ein Selbstwertproblem kann sehr verschiedene Auswirkungen haben. Es gibt Menschen, die ihre Unzufriedenheit mit sich selbst aggressiv umsetzen, durch aggressives Verhalten gegen sich bzw. andere. Manche werden eher ruhig, depressiv, zurückgezogen. Manche werden unterwürfig und glauben, sich jedermann unterordnen zu müssen. Manche zeigen mehrere dieser Verhaltensweisen. Haß macht einsam! Wer haßt, macht sich Feinde. Wie man den Menschen entgegentritt, hat entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung von Beziehungen. Wenn man anderen Gutes zutraut (ihnen "Kredit" gibt, kommt von "credere" - "glauben"), ist die Wahrscheinlichkeit hoch, daß sie einem freundlich begegnen. Wer gehaßt wird, wird nicht um seiner selbst willen gehaßt, sondern weil der, der ihn haßt, sich selbst haßt. Haß sollte nicht mit Wut verwechselt werden. Wut dient der Verteidigung und ist damit konstruktiv. Haß ist rein destruktiv.
Ethan ist wahrscheinlich mit sich selbst unzufrieden und steht nicht hinter sich. Solange Rikka nicht "zu ihm gehörte", konnte er sie verehren. Sobald sie seine Freundin war und "zu ihm gehörte", konnte sie nichts mehr wert sein, weil er sich selbst auch nicht als wertvoll betrachtet. Was er ihr vorwirft, ist in Wahrheit das, was er sich selbst vorwirft. Was er vorgibt, an ihr nicht leiden zu können, ist in Wahrheit das, was er an sich selbst unzureichend findet.

Rikka schrieb in ihrem Online-Tagebuch ihre Meinung über Damenkränzchen nieder, indem sie die Ereignisse auf meiner Grillparty schilderte:

Es waren viele Leute dort, die ich nicht kannte, aber Constri war mit ihrer Tochter Denise da, und noch einige, die ich von Hettys Parties so kenne.
Später kam dann auch noch Missratener Sohn, und ich weiss nicht, hab wohl Alzheimer, aber er brachte mir 3 CD's mit, die er für mich gebrannt hatte, alles von Blank & Jones, und ich war jetzt der Meinung, die kenne ich so richtig erst durch Ethan ... Komisch, aber ich hab mich ja sehr gefreut.
Ach, und Talis, mein 7-Jahres-Ex, mein erster Freund, war auch da, war mal wieder schön, ihn wiederzusehen, aber weil er eben noch voll in der Szene drin ist, trifft man sich eben mal. Wir verstehen uns aber zum Glück sehr gut.
Und es war überhaupt im Laufe des Abends ein Kommen und Gehen.
Als Erstes trank ich mit Hetty einen Tequila. Die Gute hatte schon einen im Tee, hatte grad mal 2 Gläser Federweisser getrunken, aber sie verträgt ja nichts, kann sich mal mit Ethan zum untern Tisch trinken treffen ... hihi.
Und sie hatte sich diesmal so ein schickes Haarteil hinten dran gesteckt, das sah sehr süss aus.
Constri hatte die ganze Zeit Klein Denise auf dem Schoss, wir haben leider nicht viel gesprochen, aber sie will mich am Montagabend anrufen, und dann wollen wir uns wieder für ein Treffen verabreden.
Wir haben dann unsere Würstchen gegrillt, und ich war sehr ausgelassen und hab es doch genossen.
Ethan kannte ja niemanden, und für ihn war es zudem noch eine neue Erfahrung, weil zwar schon eine kleine bunte Mischung an Leuten zusammentraf, aber eben doch überwiegend die schwarze Fraktion.
Was sagte er heute morgen?
Für ihn sei es überraschend und auch schön gewesen, mich mal ganz anders zu erleben, wie ich so locker mit den Leuten umging, und weil viele mich kannten. Das hat ihn erstaunt, weil er echt dachte, ich hätte keine Kontakte, sondern sässe nur zu Hause rum ...
Na gut, war in letzter Zeit auch so, aber ich will das ja wieder ändern und mehr meine Kontakte pflegen.
So, warum heisst das heute bloss Kränzchen?
Also, es ist eine Tradition, dass auf Hettys Parties jedesmal ein Gästebuch herumgereicht wird und quasi jedem die Pistole auf die Brust gedrückt wird, damit er was reinschreibt. Na, es ist also so, dass fast jeder sich irgendwie versucht davor zu drücken.
"Ich kann jetzt nicht mehr schreiben" - Es reicht auch, wenn Du drei Kreuze machst ...
"Ich kann jetzt schriftlich keinen Satz mehr formulieren"
"Ich habe schon reingeschrieben" - ja, auf einer der vorigen Parties ...
Tja, und als ich dann "dran" war, kam Hetty gerade auf mich zu und rief:
"Rikka, dann und dann ist wieder DAMENKRÄNZCHEN!"
Damenkränzchen - - - - - - Hiiiiiiillllllffffeeeeeeeeeeeeee!
Also, halten wir mal fest:
es ist Tradition in dieses Buch reinzuschreiben,
es ist Tradition, dass Hetty und einige andere DAMEN Kränzchen veranstalten,
es ist Tradition, dass Rikka niiiiiieeeemals an einem Damenkränzchen teilnimmt.
Echt, wenn ich das Wort schon höre ... turnt mich total ab.
Jedenfalls habe ich dann in das Gästebuch ein Anti-Kränzchen- Manifest geschrieben.
Constri hat im Gegenzug eine richterliche Anweisung geschrieben, dass ich die Pflicht hätte, zu erscheinen, laut Paragraph soundso, es sei denn, ich könne ein behördlich beglaubigtes Attest vorbringen.
Da bin ich einfach zu Doc Ethan Alzheimer gegangen, und der hat mir dann ein schönes Attest geschrieben.
Da hat Constri dann kapituliert.
Puh, hab ich noch mal Glück gehabt und kann den 28. November beruhigt auf mich zukommen lassen ...

Bei Beatrice und Tagor war ich zum Raclette-Essen. Beatrice und Andras haben wieder Kontakt zueinander. Andras' Groll scheint langsam zu schwinden.
Aimée soll seit der Geburt ihres zweiten Kindes sehr übergewichtig sein. Sie lebt mit dem Vater ihres zweiten Kindes zusammen.
Von Violet hat Beatrice schon lange nichts mehr gehört. Vor Jahren, als Violet gemeinsam mit Lessa und Aimée bei der Domina Eliette arbeitete, hat Beatrice sich erkundigt, was Violet dort eigentlich macht. Violet soll geantwortet haben, es sei "doch geil, sich ansch...en zu lassen". Es soll sogar ehrlich geklungen haben.
Am Freitag war ich mit Len in BI. im "Roundhouse". Der ehemalige Ringlokschuppen - ein gewaltiger Backsteinbau - wurde elegant und minimalistisch renoviert, die industrielle Atmosphäre ist erhalten geblieben, und das Gebäude erinnert eher an ein Museum für moderne Kunst als an eine Discothek. Die Backsteinmauern werden außen wie innen von Strahlern angeleuchtet, so daß auf dem groben Mauerwerk ein eindrucksvolles Schattenspiel entsteht. Das Halbrund ist in drei "Tortenstücke" unterteilt, das größte - rechte - gehört dem "Chartvolk", in der Mitte gibt es einen kleines für die "Headbanger", und das linke, recht geräumige, ist gedacht für die Wave- und Elektro-Szene. Dort ist die Luft am frischesten, das Licht am schwächsten, die Stimmung ruhig und getragen. Vor den hohen Fenstern hängen schwarze Gardinen, ähnlich wie in einem Ballsaal. Unter der Decke verlaufen sichtbar die Rohre und Kabelstränge. Für den Elektro-Bereich gibt es eigene Toiletten, modern und gepflegt, sogar mit Klofrau. Der Durchgang zu den benachbarten Areas ist offen und führt an der äußeren Fensterwand entlang. Man kommt durch einen geräumigen Imbiß an der "Headbanger"-Area vorbei in die "Charts"-Area. Die Gäste wandern häufig zwischen den Areas hin und her, und so kommt es, daß "Mainstream"-Teenager in Leibchen und Schlaghosen sich im Elektro-Raum zu Musik von This Morn' Omina auf der Tanzfläche vergnügen. Auf diese Weise finden auch Leute den Zugang zu Industrial und Elektro, denen er sonst vielleicht versperrt geblieben wäre.
Das "Roundhouse" ist die Nachfolge-Location des mittlerweile abgerissenen "Volvox". Die Tradition freitäglicher Elektro-Abende wird weitergeführt. Der DJ spielte unter anderem "One eyed man" und ein Stück von dem Album "Son of the sun" von This morn' omina, "04.08" von Störfunk, "Tension" von Covenant, "Battlefield" von der Panzer AG und "Der Trieb zu fressen" von BOOB.
Im "Roundhouse" traf ich Nancy, sie ist dort fast regelmäßig. Nancy hat von einer Studie erfahren, in der Tiere mit Chorea Huntington länger gesund blieben, wenn sie von dem Zucker fraßen, der in Tiernahrung häufig enthalten ist. Dieses Ergebnis gilt bisher nicht als übertragbar auf den Menschen, doch Nancy greift nach dem Strohhalm und ißt regelmäßig diesen Zucker.
Len erzählte von einem Mädchen, das auf seiner Homepage Fotos von Len zeigt, ohne ihn als Urheber zu nennen. Das Mädchen hat die Fotos nicht vom eigenen Rechner aus auf die Homepage gestellt, sondern im html-Quelltext einen Link installiert, über den das Foto von Lens Homepage herangezogen und auf der Homepage des Mädchens abgebildet wird.
"Das macht mich besonders wütend", erzählte Len, "so entsteht auf meiner Homepage Traffic, für den ich bezahlen muß, von dem ich aber nichts habe."
Zugleich konnte er diese Tatsache aber nutzen, um dem Mädchen eins auszuwischen. Er veränderte die Fotos, zu denen sie die Links gesetzt hatte, dergestalt, daß auf jedem Foto der Schriftzug erschien:
"Dieses Foto habe ich geklaut!"
Len erzählte, daß die beiden männlichen Lebensformen, die wir in der Ruine des Stahlwerks in Ht. getroffen haben, in dem Forum für Ruinenbegeisterte angekündigt haben, demnächst die Katakomben des Stahlwerks erkunden zu wollen. Die Jungen wollen mit Tauchausrüstung dort hinein.
"Die sind doch bescheuert", meinte ich. "Wenn denen da unten was passiert, findet die keiner!"
Ein anderer "Bunkerbekloppter" will in jüngster Zeit an die zehnmal auf dem Gelände einer ehemaligen Reifenfabrik gewesen sein, wo Constri, Sándor und ich vor zwei Jahren fotografiert haben. Damals brauchte man dafür nur eine niedrige Mauer zu überklettern und mußte kein Sicherheitspersonal fürchten. Mittlerweile ist das Gelände abgeriegelt und bewacht, auch wird dort wieder gearbeitet, deshalb gehen wir nicht mehr dorthin. Der Ruinenbegeisterte aus dem Forum jedoch verkleidete sich als einer der Arbeiter, die mit dem Rückbau der ehemaligen Fabrikgebäude beschäftigt sind. Er will im Blaumann mit Schutzhelm während der Kernarbeitszeit durch die Werkspforte marschiert sein, den Fotoapparat am Gürtel. So habe er ungestört fotografieren können.
Als ich Mauro von Constris und meinem geplanten Dreh auf den gerade fertiggestellten Brücken auf der Baustelle der A39 erzählte, meinte er, er finde leere Autobahnen faszinierend. Sie seien sonst immer voller Verkehr, und wenn kein Auto dort fahre, entstehe eine fremdartige Atmosphäre. So etwas habe er eines Nachts auf der A27 erlebt, da schien der Vollmond, über den Feldern lag Bodennebel, im Radio liefen mittelalterliche Mönchsgesänge, und außer ihm war sonst niemand unterwegs.
Am Samstag war ich mit Gesa in dem Bunker, wo Lucas sein Elternhaus hat. Obwohl die Kinder schon ausgezogen sind, feiern sie ihre Parties gern im Bunker, weil es dort genügend Platz gibt. Lucas feierte gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder seinen vierundzwanzigsten Geburtstag. Es gab noch ein drittes Geburtstagskind. Nachts um halb eins fand draußen im Garten eine Performance statt. Auf einem Grillplatz waren aus Holzspänen die Namen der drei Geburtstagskinder in großen Lettern hingestreut worden, und ringsherum waren Strahlen aus Holzspänen gestreut. Alles war in Spiritus getränkt und wurde angezündet mit langen eisernen Anzündern, an deren Ende eine kleine Flamme brannte. Nun konnte man die Namen brennen sehen.
Lucas' Bekannter Colvin erzählte von einer interaktiven Domain, auf der man mental mißbrauchte Plüschtiere therapieren kann. Es geht zunächst darum, herauszufinden, wie sie traumatisiert wurden. Einige Geschichten hat Colvin bereits herausbekommen, darunter die von dem Plüschkrokodil, das von einer Putzfrau als Wischmop verwendet wurde. Außerdem gab es die Geschichte von einem Schaf zu erfahren, in dessen Plüschpelz in Wahrheit ein Wolf steckt. Es winselt und bellt, und keiner versteht, warum.
Nachts war ich mit Gesa im "Radiostern". Dorthin hatte Cyra auch Niko mit hingenommen, der einen in der Szene sehr beliebten Musikvertrieb führt. Ich erkannte ihn wieder, weil ich ihn wenige Tage zuvor auf dem "Maschinenraum"-Festival getroffen hatte, wo er regelmäßig einen Verkaufsstand hat. Niko lebt in der Pfalz. Er kennt die rote Burg, die ich vor drei Jahren in der Pfalz gesehen habe, hoch oben auf einem Felsen, und die ich mir gerne mal aus der Nähe anschauen möchte. Die Burg - ganz aus rotem Sandstein gebaut - heißt "Trifels" und ist touristisch erschlossen.
Im "Radiostern" wurden dieses Mal Videos im Hintergrund der Tanzfläche an die Wand gebeamt. Eines war das verstörende Zeichentrick-Video zu "Butcher Boy" von Warren Suicide. Es ist minimalistisch in ungelenk-kindlichen Krakelbildern gehalten, und die einzige Farbe in dem Schwarzweiß-Trickfilm ist Rot. Es handelt von einem Fleischerladen, in dem geschlachtet wird. Auf einem Tisch köpft ein unbeteiligt blickender Mann ein Schwein nach dem anderen, das den Betrachter mit traurig-anklagenden Menschenaugen anschaut. Um jeden Kopf, der auf den Boden fällt, bildet sich eine rote Fläche. Allmählich türmt sich ein immer größer werdender Haufen von Köpfen mit seltsam traurigen Menschenaugen. In einer parallelen Szene begegnet man einem Mädchen, das immer wieder die Frage stellt:
"What's the way to get rid of me?"
Viele Menschen tragen Transparente durch die Straßen mit der Aufschrift:
"What's the way to get rid of me?"
Das Mädchen mischt sich schließlich unter die Schweine und wird wie sie geköpft. Der Schlachter versieht die Würste, die er aus dem Mädchen hergestellt hat, mit ihrem Konterfei.
Die gesamte Internet-Präsenz von Warren Suicide ist in dem krakeligen Design gehalten, ein Corporate Design in Stil des genialen Dilettantismus.
Anfang Oktober fand der letzte Drehtag in der Freibadruine statt. Insgesamt waren für den Film fünf Drehtage erforderlich. Der Film heißt "Schlafe, schlaf mein Kindelein" und ist in Schwarzweiß umgesetzt. Im Rohschnitt konnte ich sehen, wie Constri mit Märchenmotiven und symbolischen Bildern in anrührender Weise die Tragödie eines Plötzlichen Kindstods darstellt. An die Wände der Freibadruine schreibt sie den Text eines Wiegenliedes, das sie gleichzeitig singt:

SCHLAFE, SCHLAF MEIN KINDLEIN
MÜDE SIND DIE BÄUMELEIN
WIEGEN HIN UND HER
DAS SIND DEINE TRÄUMELEIN
SITZEN IN DEN KRÖNELEIN
WIEGEN HIN UND HER

UND EIN LIEBES ENGELEIN
SITZT AN DEINEM BETTELEIN
ALL DIE GANZE NACHT
LACHET MEINEM KINDELEIN
MORGENS IN DIE ÄUGELEIN
WENN ES IST ERWACHT

Den Schluß des Liedes hat sie verändert, indem sie zwei Zeilen hinzugefügt hat:

ES NICHT MEHR ERWACHT
NIEMALS MEHR ERWACHT

Constri tritt sowohl als Baby auf als auch als dessen Mutter. Für ihre Rolle als Baby hat meine Mutter ihr ein "Taufkleid für Erwachsene" genäht, mit einem Mützchen und einem überlangen Rock. Constri als das Baby spielt mit ihrem Teddy und befindet sich in einer Traumwelt. Federn sinken auf sie herab. Neben ihr steht ihre Taufkerze; in Lila stehen die Buchstaben "Alpha" und "Omega" darauf, und sie ist mit einer weißen Schleife geschmückt und steht auf einem weißen Spitzendeckchen.
Constri als die Mutter sieht diese Kerze auch, während sie das Wiegenlied an die Betonwand schreibt. Als die letzten beiden Zeilen wie von selbst erscheinen, verlöscht die Kerze, Schleife und Deckchen färben sich schwarz. Das Baby tritt unter einen Torbogen, von dem Federn herunterschweben, aufleuchtend im hellen Licht.
Constri ist als trauernde Mutter ganz in Schwarz gekleidet, mit einem Spitzenband im Haar und einem schmal geschnittenen Rock. Sie steht mit einem Lilienstrauß aus Seide vor der Kerze, hält den Lilienstrauß umklammert und weint bitterlich. Constri spielt diese Rolle so lebensnah, daß Len am Set zu ihr sagte:
"Wenn du mir jemals etwas vorheulst, glaube ich dir kein Stück."
Während die Mutter trauert, steht das Baby mit verklärtem Blick in herniederschwebenden weißen Federn und blickt himmelwärts. Dieses Bild erinnert ebenso an das Märchen von Frau Holle wie an das Schneegestöber in einer Traumkugel.
Der Film wird untermalt von Constris Gesang und vom Rauschen der Baumwipfel. Constris Gesang verfließt beim Tod des Kindes, er wird mehrspurig übereinandergelegt und dadurch zu einer melancholisch-entrückten Klangkulisse.








Constris Darstellung der Tragödie von nie mehr erwachenden Kind weckt in mir die eigene Trauer immer wieder auf. Obwohl niemals etwas Derartiges in meinem Leben passiert ist, habe ich ein Gefühl, als wären mir Mann und Kinder gestorben.
Besonders beeindruckt mich, daß Constri es in nur fünf Minuten schafft, die Tragödie so nah an den Betrachter heranzurücken, als wäre er selbst davon betroffen.

Mitte Oktober habe ich geträumt, ich hätte nur noch sieben Monate zu leben. Auf der Empore einer Kirche begegnete ich einem meiner Kollegen in Kingston, dem erzählte ich das, und er meinte, nun würde ich doch sicher eine Reserve nutzen können.
"Das stimmt", nickte ich. "Ich denke, es wird weitergehen, auch nach dem Tod wird es irgendwie weitergehen."
Ich entwarf eine E-Mail, die ich an Rafa schreiben wollte:
"Hallo Rafa,
ich habe noch sieben Monate zu leben und möchte in der wenigen Zeit, die mir noch bleibt, wenigstens ein bißchen davon mit dir verbringen.
Hetty"

Mein größter Wunsch, nämlich mit Rafa eine Familie zu haben, würde für immer unerfüllt bleiben.

Als ich aufwachte, wurde mir bewußt, daß alles nur ein Traum gewesen war. Ich fühlte Dankbarkeit für jeden Tag, den ich auf der Welt sein kann:
"Das Wichtigste ist, daß ich lebe, alles Weitere findet sich von selbst."
Trauer, die mein Leben kennzeichnet und mich immer begleitet, bin ich gewohnt, ich kann damit umgehen. Ein Leben in unaufhörlicher Traurigkeit ist mir tausendmal lieber als der Tod. Ich nehme es gerne in Kauf, jeden Tag zu weinen, dafür bin ich ich selbst und fühle, daß ich am Leben bin.
Nachts war ich im "Lost Sounds" und traf dort Magenta, die demnächst ein Kosmetikstudio eröffnet. Sie würde lieber als Beraterin für Jugendliche arbeiten, doch für solche Stellen gibt es kein Geld, so nötig sie auch gebraucht werden.
Afra hat sich im Frühsommer endgültig von Simon getrennt. Man sei einfach nicht auf einen Nenner gekommen. Simon soll rachedurstig sein. Afra geht ihm aus dem Weg.
Andras trug die Haare hoch ausrasiert und sehr kurz; über der Stirn hatte er sich ein spitzes Horn geformt, ähnlich wie bei einem Einhorn. Neben ihm saß seine erst siebzehnjährige Freundin Rhea, mit der ich ihn schon im Frühsommer im "Mute" gesehen habe. Die beiden haben sich inzwischen verlobt.
Andras' fünfjähriger Sohn Allister wurde bereits eingeschult; bei ihm sei eine Frühbegabung festgestellt worden. Andras besucht seinen Sohn alle zwei Wochen.
In einem Traum erlebte ich Folgendes:

Auf einer Party, die in einer Altbauvilla stattfand, begegnete ich Rafa. Er stand dicht neben mir und tat so, als würde er mich nicht kennen. Uns gegenüber stand Berenice. Während der Party kam es mehrmals vor, daß Rafa Berenice umarmte und küßte. Schließlich schickte er sie nach draußen, dort sollte sie irgendetwas holen. Rafa umarmte und küßte nun Edaín, mit der gleichen routinierten Lässigkeit, mit der er zuvor Berenice umarmt und geküßt hatte. Edaín tat ebenfalls so, als würde sie mich nicht kennen.

Hendrik hat vor einigen Monaten in HH. durch Bekannte eine junge Russin namens Aglaia kennengelernt und ist mit ihr zusammengekommen. Sie kann sich allerdings noch nicht recht entschließen, nach Deutschland zu ziehen. Hendrik hat den Eindruck, daß sie in ihre Beziehung mit ihm recht wenig Engagement einbringt. So etwa kümmert sie sich kaum darum, Deutsch zu lernen.
Sator ist zur Zeit krankgeschrieben. Vor Kurzem ist seine Mutter gestorben, und damit ist er der Einzige, der von seiner Herkunftsfamilie noch am Leben ist. Sein Vater ist 1984 gestorben, sein Bruder 2001 - er wurde nur sechsundvierzig Jahre alt. Die engste Angehörige ist für Sator jetzt die Witwe seines Bruders. Sie hat sich gemeinsam mit ihm um seine kranke Mutter gekümmert und kümmert sich auch gemeinsam mit ihm um die Trauerfeierlichkeiten. Für Sator waren die Ereignisse der letzten Monate so belastend, daß sein Hausarzt ihn krankschrieb, damit er sich ein wenig erholen konnte.
Nachdem Carls früherer Mitbewohner Soran mit seinem Freund Ghismo zusammengezogen war, hatte Carl zunächst einen anderen Mitbewohner. Der allerdings sorgte für viel Ärger; im Haushalt war er schlampig, er hörte sehr laute Musik, und mit den Mietzahlungen war er unzuverlässig. Schließlich warf Carl den Mitbewohner hinaus und zog allein in eine andere Wohnung, unweit seiner bisherigen. Kurz nach Carls Einzug stand eine Nachbarin mit einem rotgetigerten Kater vor seiner Tür und erklärte, dieser habe kein Zuhause. Er habe bei Alkoholikern gelebt, die ihn nicht ausreichend hätten versorgen können. Carl schmolz dahin, zumal das Tier sich sogleich vertrauensvoll auf sein Sofa legte. Der Kater ist nun sein Mitbewohner. Er ist ein halbes Jahr alt und heißt Neen.
Sorans Kater Nathaniel ist nach seinem Autounfall wieder gut auf die Beine gekommen. Er hinkt nur leicht. Soran und Ghismo lassen ihn nur noch an der Katzenleine nach draußen gehen.
Rafa hat im Internet das baldige Erscheinen seiner Vinyl-Edition angekündigt. Sie findet bei den Fans viel Lob. Im Werbetext gibt es Rechtschreibfehler, und ich frage mich, ob Rafa bewußt ist, daß er häufig Rechtschreibfehler macht. Ich frage mich außerdem, ob Berenice, die die Rechtschreibung weit besser beherrscht als er, ihn schon auf seine Rechtschreibfehler aufmerksam gemacht hat.
Zu dem Stück "Grüße von der Orion" gibt es eine Hörprobe zum Herunterladen. Es ist eine Hommage an die Serie "Raumpatrouille Orion". Leider gibt es auch in diesem Stück wieder die altbekannten, vorhersagbaren Sound- und Melodiebausteine, und im Text begegnet mir das von Rafa immer wieder und wieder verwendete "fliege ... durch Raum und Zeit", was sich auf "Unendlichkeit" und "Ewigkeit" reimt.
Ein Stück ist durchtränkt von Haß:

ERSCHIESS DICH!
Hat sich Dein Traum für Dich erfüllt? Wurde die Lebenslust in Dir gestillt? Was ist der Grund, der Dich noch hält? Bist Du nicht viel zu lang schon nur Ballast für die Welt?
Jetzt ist die Zeit zum Handeln da, nimm Deine letzte Chance wahr. Fasse Dir ein Herz und hör' auf mich ... Erschiess' Dich!
Vermisst Dich jemand, wenn Du gehst? Was nützt das Leben, wenn Du's nicht verstehst? Dein wahres "Ich" erkennst Du nicht? Glaubt eigentlich irgendwer auf dieser Welt an Dich?
Wurdest Du nicht zum "Star" gewählt? Hast Du Dein Ziel denn nicht total verfehlt? Siehst Du denn nicht, Dein Spiel ist aus? Meinst Du, Dein Spatzenhirn holt Dich denn da noch 'raus? Mache endlich Platz für neues Blut, erschiesse Dich, dann geht's uns (Dir) gut.

Da Rafa von einem "Star" spricht, ist es vorstellbar, daß Rafa das Stück an die Retorten-"Superstars" im Fernsehen richtet. Es nimmt mich allerdings wunder, was für heftige Wellen seine Emotionen schlagen im Hinblick auf Leute, die er nie persönlich kennengelernt hat und die in seinem Leben nie eine Rolle gespielt haben.
Ende Oktober besuchte ich Kurt, Cecile und die inwischen drei Monate alte Dagni. Für die Kleine wurde eines der beiden im Hause vorhandenen Kinderzimmer eingerichtet. Das andere ist noch leer. Es wartet darauf, auch mit Leben gefüllt zu werden.
Cecile war nach Dagnis Geburt schwer krank, hat sich inzwischen aber erholt. Kurt betonte immer wieder seine Dankbarkeit gegenüber Cecile, die ihm ein Geschenk gemacht hat, das man nicht bezahlen kann. Als "kleine Anerkennung" schenkte er ihr einen Ring mit einem Brillanten, einen Kinder-Ring; mit jedem weiteren Kind soll ein Brillant hinzukommen.
Kurt hatte sich insgeheim einen Sohn gewünscht, weil er das Gefühl hat, mit einem Sohn mehr teilen zu können und ihm innerlich näher zu sein. Seit die Tochter da ist, freut er sich vor allem darüber, ein gesundes Kind in den Armen halten zu können. Und er freut sich, weil Dagni ihm ähnlich sieht.
Die Ahnen von Kurt und Cecile stammen mehrheitlich aus Schlesien, so daß Dagni eine Dreiviertel-Schlesierin ist. "Schlesien" hört sich für mich so weit weg an, doch seit der Öffnung nach Osten fahren immer mehr Menschen dorthin, auch um ihre Wurzeln zu erkunden.
Dagni schläft nachts in einem Stubenwagen neben dem Himmelbett der Eltern. Das soll so bleiben, bis sie aus dem Alter herausgekommen ist, in dem Babies vom Plötzlichen Kindstod bedroht sind.
Kurt macht sich Sorgen wegen seiner beruflichen Zukunft. In seiner Firma gibt es einen mobbenden Vorgesetzten. Kurt möchte bei einer anderen Firma unterkommen und hofft, daß es klappt.
Als ich erzählte, daß Rafa gedroht hat, "Im Netz" zu lesen und mir eine Resonanz zu geben, daß er aber wohl die Geschichte noch immer nicht gelesen und mir auch keine Resonanz gegeben hat, meinte Kurt:
"Der hat Angst vor der Geschichte."
Vivien und Alban erwarten im Februar Nachwuchs. Es wird ein Junge. Constri gibt mir Babysachen mit, wenn ich Anfang November nach S. fahre, ich bringe sie zu Viviens Eltern.
Am Samstag waren Constri, Denise, Gesa, Ted, Sylvain, Blanca und ihr Freund Andres bei mir zum Kaffee. Ted erzählte, daß er Cary immer noch nicht gesagt hat, daß er mit ihm gerne eine Beziehung hätte. Er möchte sich so bald wie möglich mit ihm verabreden.
Ted hat mit Cyan Mails ausgetauscht. Die beiden haben verabredet, auf der Halloween-Party in der "Neuen Sachlichkeit" ihre Versöhnung zu begießen.
Als wir "Das lustige Flunderspiel" spielten, bei dem Papp-Flundern zusammengewürfelt werden, erinnerten Constri und ich uns an "Schwarzer Peter". Unser "Schwarzer Peter", eine kunstvoll gestaltete Ausgabe mit Kinderbildern in warmen, leuchtenden Farben, ist heute gar nicht mehr erhältlich. Zum Glück hat meine Mutter rechtzeitig ein zweites Exemplar gekauft. Das erste hatten wir Kinder ziemlich ramponiert. Vor allem den "Schwarzen Peter" richteten wir schlimm zu. Auf die Rückseite der Spielkarte malten wir ein Gekrickel mit brauner Wachskreide. Damit es nicht mehr so einfach war, die Karte zu erkennen, verzierten wir auch andere Karten auf der Rückseite mit braunem Gekrickel. Weil wir dann aber doch wieder zweifelsfrei den "Schwarzen Peter" erkennen wollten, zerknickten wir die Karte. Dennoch ließ sich das jüngere Nachbarsmädchen Nica hereinlegen. Wenn Constri den "Schwarzen Peter" etwas hochschob, nahm Nica diese Karte trotz ihres auffälligen Aussehens.
Denise formuliert schon ganze Sätze, wenn auch mit seltsamen Vokabeln. Wenn sie zu meiner Mutter fahren will, sagt sie:
"Müme, Haha, ibrumm Emi bülle."
"Müme" heißt "Mütze", "Haha" heißt "Jacke", "ibrumm" heißt "mit Musik Auto fahren", "Emi" ist der Name, den meine Mutter ihr für sie als Oma beigebracht hat, "bülle" heißt "bitte". Der Satz bedeutet im Zusammenhang soviel wie:
"Zieh' mir die Mütze und die Jacke an, ich will mit Musik im Auto zu Emi fahren."
Wenn Constri ihre Haare föhnt, bringt Denise ihre Spielsachen, und Constri soll die Spielsachen föhnen.
Abends waren Gesa und ich im Bunker von Lucas' Eltern zur Halloween-Party. Lucas' Schwester Doro hatte sich als Waldfee verkleidet, mit einem hellgrünen Kleidchen und einem Blätterkranz im Haar. Gesa hatte ich den grauen Mantel aus der Mongolei geliehen, den ich auf der Expo gekauft habe; also ging sie als Mongolin. Ich ging als "H&M", meine Kleider hatte ich fast alle bei H&M gekauft. Ich trug einen grauschwarz gemusterten Blazer und ein weites schwarzes Miniröckchen.
Das wohl phantasievollste Kostüm trug ein Junge, der als "Halle" ging. Er hatte ein Kästchen gebastelt in Form einer Bühne, darin war die Band Die Ärzte als Papierfiguren zu sehen, wie sie live auftraten. Umrahmt waren sie von einer blinkenden bunten Lichterkette. Der Junge hatte sich das Kästchen vor die Brust gegurtet und trug die Elektronik in seinen Hosentaschen, auch die Stromzufuhr für die Lautsprecher unten am Kästchen und einen Walkman, in dem Musik von Die Ärzte lief.
An den Wänden des Bunkers, der noch immer den Geist der Hippie-Ära atmet, hängen Familienfotos, auch ein Hochzeitsfoto von Lucas' Eltern. Die Braut trug ein weißes Kleid, einen Blütenkranz auf dem Kopf, eine Brille und im Mund eine Zigarette. Der Bräutigam trug einen Bart und spielte auf einer Blockflöte.
Lucas stand oben in der großen Wohnstube gemeinsam mit einem Kumpel am DJ-Pult, bevorzugt liefen Techno-Rhythmen, und mit einigen Leuten tanzte ich dazu.
Gegen Mitternacht wurde draußen auf dem Brennplatz vor der Eingangstür des Bunkers ein großes Pentagramm abgebrannt, das dort mit Kleintierstreu hingestreut und mit Spiritus getränkt war.
Doro erzählte, sie sei am Freitag voriger Woche in SHG. gewesen, wo ein Mittelalterliches Spectaculum stattfand. Doro begegnete ein Mädchen namens Megan, das einen Groll gegen Rafa hegt. Megan gab Doro einen Live-Mitschnitt von Rafas Auftritt beim Sommerfestival in HI. 1994. Megan meinte, diesen Tonträger brauche sie nicht mehr. Mit W.E wolle sich nichts mehr zu tun haben. Megan soll entweder mit Rafa oder einem Herrn aus dessen engerem Umfeld zusammengewesen sein. Von Megan und ihrer Geschichte wußte ich bisher nichts.
Megans Wut deutet darauf hin, daß sie erlebt hat, was viele andere Mädchen auch mit Rafa erlebt haben. Sie entwickeln eine Mischung aus Verbitterung, Enttäuschung, Rachedurst und dem Wunsch, Rafa zu vergessen. Diese Gefühle verblassen mit den Jahren, die Mädchen suchen sich andere Freunde und lenken ihr Leben in andere Richtungen. Rafa wird von den Mädchen nach und nach in die Bedeutungslosigkeit gedrängt. Daria, Meta, Lara, Harriet, Sanna, Viktoria, Lisette, Manon, Daphne, Tara, Velvet, Nadine, Greta, Inya, auch Tessa, sie alle haben sich von Rafa abgewendet; die meisten von ihnen sind auf Nimmerwiedersehen aus der Clubszene verschwunden. Zu Luisa hat Rafa nach dem Ende seiner Beziehung mit ihr einen losen Kontakt aufrechterhalten; inwiefern dieser noch besteht, weiß ich nicht.
Spätnachts fuhren Gesa und ich zur "Neuen Sachlichkeit" auf die dortige Halloween-Party. Ted stand mit Cyan an der Theke, beide waren angeheitert. Cyan zeigte eine geradezu überschwengliche Fröhlichkeit. Während Cyan auf der Tanzfläche war, erzählte mir Ted, daß Cyan ihm schon begehrlich den Rücken gestreichelt hatte.
"Ich hab' einen geilen Rücken, nicht wahr?" neckte Ted. "Das kannst du ruhig sagen, das haben mir andere auch schon gesagt."
Cyan betonte nach wie vor, er sei heterosexuell. Er hat seiner Frau immer noch nicht gesagt, daß er mit Ted über Jahre hinweg regelmäßig Sex hatte. Ted bekam den Eindruck, daß Cyan an "Entzugserscheinungen" litt, weil Ted und er sich so lange nicht mehr getroffen hatten.
"Der hätte mir am liebsten gleich wieder einen geblasen", berichtete Ted.
Als hinter der Theke zwei Gogo-Girls miteinander knutschten, bat Ted eines der beiden um einen Eiswürfel. Das Gogo-Girl reichte ihm den Eiswürfel mit den Lippen. Ted gab den Eiswürfel weiter an Cyan. Als Sylvain auch einen Eiswürfel von dem Gogo-Girl gereicht haben wollte, lehnte dieses ab mit der Begründung, Sylvain sei noch zu klein dafür. Ted vermutet, daß das Gogo-Girl Ärger mit der Justiz vermeiden wollte. Sylvain sieht man nicht an, wieviele Jahre er jünger ist als zwanzig, man sieht ihm nur an, daß er jünger ist als zwanzig.
Lysander begrüßte mich und erzählte, er habe schon mit vielen Leuten über seine Sorgen geredet, und das habe ihn sehr erleichtert. Wenn ihn etwas beschäftige, schreibe er es auf, und das helfe ihm. Er habe einen Termin zur Psychotherapie bei einem Nervenarzt. Er sei siebenundzwanzig Jahre alt und fange jetzt erst an, über sich nachzudenken und sich selbst kennenzulernen.
"Es gibt Leute, die werden siebenundfünfzig, ohne über sich nachzudenken", sagte ich. "Und das sind viele. Verglichen mit denen, fängst du früh an."
Lysander meinte, mit dem Kopf wisse er schon, wie er sich verhalten wolle und was er erreichen wolle, doch "das da unten im Bauch" störe ihn dabei, es umzusetzen.
"Es hilft nicht, das wegzuschieben", meinte ich, "immerhin gehört es zu dir. Sinnvoll wäre es, die Gefühle zu akzeptieren, die du hast, und sie zu integrieren, dadurch machst du sie kontrollierbar."
Lysander erzählte von seinen rechtsradikalen Tendenzen. Wenn man rechtsradikal aussehen würde, würde man auf andere unnahbar und furchterregend wirken, und man könne sich selbstsicher und stark fühlen.
"Das ist eine scheinbare Selbstsicherheit und eine scheinbare Stärke", meinte ich. "Im Grunde geht es doch darum, daß du echte Selbstsicherheit erwirbst, damit du unbefangen auf andere Menschen zugehen und zu ihnen in Beziehung treten kannst."
Lysander teilte die Menschheit in Klassen ein und wollte nicht allen Menschen gegenüber Offenheit zeigen.
"Jeder ist zuerst einmal ein Mensch", sagte ich zu ihm, "alles Weitere ist zweitrangig. Ich denke, man sollte in jedem zuerst den Menschen sehen und dann den Rest."
"Kürzlich habe ich mich mit einem Linken ganz toll unterhalten", erzählte Lysander stolz. "Er hat mir sein T-Shirt mit dem Anti-Nazi-Aufdruck gezeigt, und wir haben uns trotzdem super verstanden, von Mensch zu Mensch eben."
"Noch günstiger wäre es, wenn du nicht mehr sagst 'ein Linker', sondern 'ein Mensch mit linksgerichteten politischen Ansichten'. Dann redest du wirklich zuerst von dem Menschen und dann von dessen Einstellung, die ist nämlich zweitrangig."
"Stimmt ja", staunte Lysander.
"Es geht nicht darum, zu Menschen aufzublicken oder auf sie herabzusehen. Es geht darum, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen", meinte ich. "Wir sehen sie, können sie vielleicht ein Stück weit einschätzen, wissen deshalb aber noch lange nicht, was alles dahintersteckt."
Lysanders Selbstunsicherheit und Selbstzweifel weichen nur, wenn er auf der Tanzfläche ist.
"Im Tanzen kann man aufgehen", freute er sich. "Da kann man die Gedanken abstellen."
Ich konnte das nur bestätigen:
"Es ist wie eine Meditation, man ist eins mit der Gruppe und dem Universum, man muß nicht nachdenken, man wird vom Rhythmus bestimmt, man fühlt das Leben in sich und um sich herum."
Die Musik in der "Neuen Sachlichkeit" gefiel mir; unter anderem liefen "Stukas im Visier" von Feindflug, "04.08" von Störfunk und "Tekno Buddha" von Monolith.
Das kostenlose Frühstück war dieses Mal als Buffet im Vorraum aufgebaut. Vorm Buffet traf ich Nando, das erste Mal in Verkleidung. Er trug ein Spitzenröckchen, Pumps mit Absätzen, Ohrringe und ein Handtäschchen, alles in Schwarz. Ich lobte sein Kostüm. Nando erklärte, er habe sich nur für Halloween verkleidet und werde sich so bald nicht mehr verkleiden, auch wenn schon andere sein Kostüm gelobt hätten. "Schwarze Prinzessin" sei der Name seines Kostüms.
"Warum hast du dann eine Zorro-Maske auf?" erkundigte ich mich.
"Weil ich keine Lust hatte, mich zu schminken", war die Antwort.
Nando fragte, wie es mir ginge. Er schien nicht zu merken, daß er keinen Gesprächsabstand einhielt. Als ich zurückwich, klebte er an mir wie ein Fäden ziehendes Kaugummi. Ich wich nun so weit zurück, daß die imaginären Kaugummifäden abrissen. Nando fragte mich, ob ich verliebt sei, da ich so merkwürdig sei. Ich empfahl ihm, die Geschichte "Im Netz" zu lesen, darin stehe alles zu diesem Thema.
Auf der Bühne stand Frankensteins Monster, in einer Hand ein Schlachtermesser, in der anderen eine Kette, an der er eine armlose Schaufensterpuppe hielt. Daneben stand ein großer Weidenkorb, aus dem Stricke, ein Beil und ein Puppenarm herausschauten. Umgeben war diese Dekoration mit Grablichten. Nando wollte wissen, mit wem ich mich identifizierte, mit dem Monster oder der Puppe.
"Mit keinem von beidem", gab ich zur Antwort, was Nando jedoch nicht akzeptieren wollte.
"Das Leben besteht aus drei Bausteinen", philosophierte er. "Der erste ist der Beruf, der zweite ist das Privatleben, der dritte ist die Beziehung. In einer Beziehung ist immer einer der Dominante, er trägt aber auch die Verantwortung. Er hat die Kontovollmacht, er trifft die Entscheidungen."
"Das mag für dich so gelten", meinte ich, "das heißt aber noch lange nicht, daß das auch für andere gilt. Anstatt zu sagen:
'Das Leben besteht aus drei Bausteinen.'
... müßtest du eigentlich sagen:
'Mein Leben besteht aus drei Bausteinen.'
Denn das Leben anderer Leute besteht vielleicht aus ganz anderen Bausteinen."
"Es gibt sechs Milliarden Menschen auf der Welt", entgegnete Nando, "und alle haben ein Leben, das aus diesen Bausteinen besteht, deshalb fasse ich das so allgemein."
"Nicht jeder hat einen Beruf, nicht jeder hat ein Privatleben, und nicht jeder hat eine Beziehung", sagte ich. "Und es gibt auch Beziehungen, in denen keiner dominant ist. Deshalb lassen sich die Bausteine deines Lebens nicht auf alle anderen übertragen."
Es bleibt anzumerken, daß Nando keine Beziehung hat.
Ob Puppen-Theo eine Beziehung hat, überlasse ich der Spekulation, den erkennbar war es nicht. Hinterm Tresen knutschte Puppen-Theo mit einem der Gogo-Girls, verschwand mit ihr kurz hinter einer Tür, kam dann ohne sie wieder zum Vorschein und gab mir Sambuca aus. Puppen-Theo und ich stießen mit Sambuca an, er schüttete ihn hinunter, ich versuchte das auch und mußte niesen von dem brennenden Schnaps.
"Ich war ungeduldig", erklärte ich ihm. "Ich trinke Sambuca sonst immer ganz langsam, das mache ich nächstes Mal auch wieder."
Berit ärgerte sich über Puppen-Theo, weil er verbreitet haben soll, sie wolle etwas von ihm. Dabei habe sie nur angemerkt, er sei ein hübscher Kerl.
Ein Gogo-Girl stieg auf den Tresen und knutschte mit dem Gogo-Girl, das zuvor mit Puppen-Theo geknutscht hatte. Puppen-Theo goß dem Gogo-Girl, das auf dem Tresen saß, Sambuca auf den bloßen Rücken und leckte ihn ab.
Als ich heimfuhr, schloß Puppen-Theo mich in angeheiterter Laune in die Arme.
"Entweder hat er seine Depressionen heruntergespült", dachte ich, "oder er will sich selbst vorführen, wie er's kann mit den Frauen."
Nando hingegen sieht man das Pech bei den Frauen schon aus großer Entfernung an. Dieses Mal versuchte er, bei Berit zu landen ... ohne Erfolg.
"Was war das bloß für ein komischer Typ mit der Maske?" fragte Gesa mich auf der Heimfahrt. "Der war so komisch ... ich habe schon gedacht, ob der vielleicht wirklich schwul ist?"
"Das war Nando", erklärte ich. "Der ist heterosexuell. Schwule sind gerne tuckig, bei Nando ist das aber keine Tuckigkeit, sondern Manieriertheit. Tuckigkeit ist erlernt, sie folgt vorhersehbaren Regeln und hat vorhersehbare Grenzen, sie ist ein gruppentypisches Phänomen. Manieriertheit ist ein Krankheitssymptom. Menschen mit Manierismen verhalten sich gestelzt, umständlich, bizarr, ohne das jedoch steuern zu können. Ihr Verhalten entsteht durch eine Fehlfunktion des Gehirns, nicht durch eine bewußte Entscheidung. Es entspricht nicht dem Verhalten einer Gruppe und hat keinen logisch nachvollziehbaren Zusammenhang. Menschen mit Manierismen sind in aller Regel auf sich beschränkt und haben kaum Beziehungen zu anderen. Meistens leiden sie an einer schizophrenen Psychose. Was Nando wahrscheinlich hat, ist eine schizoide Persönlichkeitsstörung. Es gelingt ihm nicht, seine Mitmenschen als Individuen wahrzunehmen, er nimmt sie wie Gegenstände wahr. Er kann zu anderen Menschen keine tragfähigen Beziehungen aufbauen. Er ist im Kontakt distanzlos, weil er nicht merkt, daß andere Menschen ihre eigene Sphäre haben und einen Gesprächsabstand brauchen."
"Stimmt, daß er distanzlos ist, habe ich auch gemerkt", erzählte Gesa.
Inzwischen hat Rafa einen neuen Avatar in sein Profil im W.E-Forum gestellt, auf dem er ohne Brille zu sehen ist; er wendet sich dem Betrachter zu, und man blickt in ein offenes Gesicht. Auf dem bisherigen Foto trug er eine undurchsichtige Brille und schaute erhobenen Hauptes am Betrachter vorbei. Ich finde das jetzige Foto nicht nur viel netter, sondern auch viel schmeichelhafter.
Im W.E-Forum gibt es einen Thread über Handies und ihre vermutete Gefährlichkeit. Es geht um Strahlung, um Datenschutz und um die Frage, ob man Handies wirklich braucht. Rafa diskutiert lebhaft mit. Er staunt:

Huch, hier wird aber viel geschrieben! Nicht schlecht ...
Ich habe zwar nicht viel Zeit, aber ein paar Sachen möchte ich doch zum Thema loswerden ...

  • Die größte und somit auch gefährlichste Strahlungsintensität hat ein Mobiltelephon in der Zeit des Verbindungsaufbaus (die Dinger dann immer soweit wie möglich von Körper und vor allen Dingen von Kopf entfernt halten). Am schlimmsten ist es natürlich direkt an der Antenne. Was? Neue "Handys" haben gar keine Antenne mehr? Ach ja! Dann kann ja auch nichts mehr passieren, da die Antenne intern natürlich auch noch mehr "Power" braucht, um erstmal das Gehäuse zu überwinden.

  • Die Mikrowellen-Strahlen der "Handys" sind definitiv (z. B. in Deutschland) verboten (gewesen). Dann wurden sie einfach umbenannt ... und schon waren sie wieder unschädlich. Wie schnell sowas doch geht. ; )

  • Je mehr Mobiltelephone benutzt werden, desto mehr werden gebraucht. (Wenn ich der einzige Mensch auf der Welt mit einem "Handy" wäre, bräuchte ich es wohl kaum.)

  • Nochmal zur Antenne: Viele denken immer, daß die Strahlungsrichtung in der Verlängerung der Antenne verläuft. Das ist falsch! Die Strahlen verlaufen ringförmig um die Antenne. Bei normaler Benutzung absolut und genau durch Dein Gehirn. Das ist Balsam für Deinen Gehirntumor.

  • Was war denn eigentlich mit dem guten alten Preis-Leistungs-Verhältnis? Mein erstes Telephonat hat mal 20 Pf. gekostet. Das "Handy" war sogar gelb und hatte eine Tür.

  • Die "zivilisierte" Menschheit hat lange ohne "Handys" überlebt. Mal schauen, wie lange sie es mit den Dingern noch macht.

Gut! Was sind die Alternativen? Was ist zu tun?
Honey

Hierzu fällt mir ein, daß ein Handy auch dann noch Sinn hat, wenn man der Einzige mit einem Handy ist, denn damit kann man Telefonate ins Festnetz führen, etwa wenn man in einsamer Landschaft mit dem Auto liegengeblieben ist. Daß ein Handy Leben retten kann, scheint Rafa nicht zu bedenken. Und daß eine krebserregende Wirkung der Handy-Strahlung bisher nicht erwiesen ist, scheint Rafa nicht zu wissen. Außerdem müßte er sich die Frage gefallen lassen, weshalb er selbst eines der von ihm so geschmähten Handies besitzt und auch benutzt.
Nach mehreren Beiträgen anderer Forummitglieder meldete Rafa sich noch einmal und kennzeichnete seinen Beitrag als "sarkastisch"; wahrscheinlich möchte er verhindern, allzu provokant zu wirken:

⟨w.e-sarkas.⟩
Ich höre immer Gesundheit ...
"Was ich rede, kann doch jeder hören ..."
"Mein kleiner Banktransfer kann doch niemanden interessieren ..."
"Wen juckt es, wo ich mich gerade auf dieser Welt befinde ...?"
"Was kann jemand schon damit anfangen, wenn er weiß, was ich kaufe ...?"
Komischerweise hört man diese Stammtischargumente nur zu oft.
Ja, sülzt mich alle mal richtig voll. Ich kotze gleich ...
Fakt ist erstmal, daß wenn Dein Mobiltelephon angestellt ist, Dich jeder Normalsterbliche auf zirka 100 m finden kann, egal wo Du Dich befindest.
Es weiß, wo Du bist!
Und wenn Du im Supermarkt mit Deiner Karte bezahlst, ist das Ganze doch auch recht transparent.
Es weiß, wann und wo Du einkaufst, was Du einkaufst und was Du dafür bezahlst!
(Was Du ißt und trinkst ...)
Und wenn Du per "Homebanking" Deine paar kleinen, bei Ebay erstandenen Schallplatten bezahlst, ist das doch auch nicht sehr privat.
Es kennt Deine Hobbies und weiß, was Du dafür ausgibst!
Gut, diese Liste können wir unendlich fortführen, bis wir beim Punkt ...
"Es weiß, was Du denkst!" bzw. "Es weiß alles über Dich!"
... angelangt sind.
Wenn Dir das Lachen noch immer nicht im Halse steckengeblieben ist, kommt jetzt wieder was in der Richtung:
"Ja und? Auch wenn schon ... Was kann mir denn passieren?"
Erstmal hat Es diese Informationen nicht nur über Dich, sondern irgendwann von allen Menschen dieser Welt. Jeder, der mit einem Kalkulationsprogramm umgehen kann, sollte jetzt schon ahnen, was man mit diesen Informationen anstellen kann ...
Ja ... Ihm gehört die ganze Welt!
Das wäre ja alles auch gar nicht so schlimm, wenn Es diese Informationen auf einer Internetzseite (z.B. http://www.werhatmeinetochtervergewaltigt.com) veröffentlichen würde bzw. jeder Normalsterbliche auf diese Informationen zugreifen könnte. Doch wir kennen Es ja. Es ist Es nicht erst seit gestern, und Es ist auch nicht Jesus oder der barmherzige Samariter ...
Klar stört es mich auf den ersten Blick nicht, doch spätestens beim zweiten wird jedem klar, daß wir solche Informationen niemals einem Es geben dürfen. Niemand auf dieser Welt, außer vielleicht Gott, darf das alles wissen.
Denn dann ist Es nämlich Gott!!!
Dann doch nochmal etwas zur Gesundheit ...
"Handys" sind gesundheitsschädlich? Nun gut, dann mußt Du aber auch mit dem Rauchen aufhören ... oder mit dem Alkoholtrinken ... oder mit dem "ich saufe aus der krebserzeugenden Phenylalanin-Quelle" ...
Da sind wir doch auch gleich wieder am Stammtisch und vergleichen Äpfel mit Birnen oder sind mal wieder so stark gehirnüberlastet, daß wir vor Angst pfeifen, lachen oder durch Quantensprünge in der Thematik und Argumentation hoffen, daß unserem Gegenüber nicht auffällt, daß wir das Thema von "Handys" mal so nebenbei auf das gute, alte "Rauchen"-Thema umgeleitet haben. (Von welchem wir ja auch mehr Ahnung haben.)
Oh, da fühlt sich auch gleich wieder jemand auf den Schlips getreten.
Hey, (*klopfinDeinGehirn*) wir sprechen mal hier ausnahmsweise mal nicht über Dich, sondern über die ganze Menschheit ... "Ach so, na dann ..."
Es geht auch nicht darum, einen "Dann ist sowieso alles sch...egal"-Status zu erreichen. Auch nicht darum, daß jeder seinen Senf dazu geben muß ...
Man sollte schon zwischen Stammtischgesülze (wo vielleicht auch dieser, mein Beitrag hingehört), Information, eigener Meinung und klaren Fakten unterscheiden können.
So, worum geht es denn nun? ; )
⟨/w.e-sarkas.⟩

Rafa fügt die Anmerkung hinzu:

naja, immer auf dem teppich bleiben!

Mir fällt dazu ein, daß die unzähligen Informationen, die täglich gesammelt werden können oder gesammelt werden, wahrscheinlich bei Weitem nicht alle ausgewertet oder verwertet werden können, einfach wegen ihrer schieren Masse. Man könnte auch sagen, man müßte Gott sein, um die Gesamtheit der digitalen Informationsflut lesen, auswerten und nutzen zu können. Man könnte dem hinzufügen:
"Überlassen wir das doch gleich Gott, für uns Menschen ist das eh viel zu viel."
Es entstehen Datenfluten, die im Nirgendwo landen, Unmengen von Daten, die niemals gesichtet werden können. In diesem Wirrwarr bleibt eine Anonymität, wie sie in einem Dorf oder einer Kleinstadt undenkbar wäre, wo jeder jeden kennt und jeder jeden kontrolliert, auch ohne Computer und Handies. Bleibt anzumerken, daß Rafa in einer Kleinstadt lebt, dort kennt ihn jeder, er ist berüchtigt und verschrien, und dazu braucht es keine moderne Technik. Der Klatsch in der Kneipe oder in der Warteschlange an der Kasse leisten etwas, zu dem Internet oder Mautbrücken nicht fähig sind.
Mir fällt außerdem dazu ein, daß Rafa energisch seinen exzessiven Suchtmittelkonsum verteidigt und eine Sammlung von Argumenten parat hält, mit der Süchtige ihre Abhängigkeit zu rechtfertigen pflegen. Rafa wettert gegen "Es", womit das von ihm immer wieder genannte "Monster" gemeint sein könnte. Er will die "totale Kontrolle" verhindern, läßt sich aber von seiner Nikotinabhängigkeit kontrollieren. Er predigt Unabhängigkeit und lebt in Abhängigkeit.
Im Thread macht ein Forummitglied den Vorschlag eines Threads über das Rauchen. Diese Idee griff ich auf und eröffnete einen Thread zum Thema "Welche Gründe ...":

Über Handies wird in der Umfrage "Handies??" kreativ diskutiert, auch das Thema "Rauchen" wird erwähnt und die Idee eines Threads dazu. Was für Gründe bewegen einen Menschen dazu, das Rauchen aufzugeben (und nicht nur den Wunsch zu haben, sondern es wirklich zu tun)?

Hellhound schrieb dazu:

... Das sin' alles Landesverräter, die nich' unsere Sicherheit und Gesundheit mitfinanzieren wollen ...
In diesem Sinne
... stand by your ground this is what we are fighting for ...

Wave schrieb:

Also ich hab damals geraucht vor allem wegen Stress und wegen Stress in meiner damaligen Beziehung ...
Aber seitdem ich meine Süße hab, is alles vorbei. Hab mir einen Punkt gesetzt mit Aufhören und hab einfach aufgehört. Das ist nun gut 4 Monate her ...
Hin und wieder PAFFE ich mit dem Herrn Camouflage eine Zigarre, das wars aber auch schon.
Ich selber bin sehr stolz auf mich. Das hat mein Leben in ein sehr Positiveres verändert!

Ich schrieb:

Glückwunsch. Es ist schön, sowas Positives zu hören.
Zwar hab ich selbst nie geraucht, aber das Thema berührt mich doch. Hab gehört von einer 46-jährigen, die hat erst aufgehört, nachdem sie die Diagnose "Bronchialcarcinom" erfahren hat. Da wars zu spät. Einem meiner Bekannten ist der Vater am Bronchialcarcinom gestorben, er - der Sohn - hat aber nicht mit dem Rauchen aufgehört. Ein Bekannter hatte kürzlich die Verdachtsdiagnose "Bronchialcarcinom", die sich zum Glück nicht bestätigt hat. Er hat nicht mit dem Rauchen aufgehört.

Bad Boy schrieb:

ich bin auch ein positives Beispiel ich rauche seit 2 Wochen nicht mehr ich hab aber aufgehört weil mein Dad daran gestorben ist das war mein einziger Grund angefangen hab ich weil ich ma probieren wollte na ja beim Probieren isses nich geblieben ...

Ich schrieb:

Es ist immer eine Gratwanderung, man weiß nie, ob man sich freuen soll oder traurig sein soll, wenn schreckliche Ereignisse auch positive Folgen haben (vielleicht beides).

Platinum schrieb:

immer gesundheitliche gründe.

Cent schrieb:

hellhound rechtgeb...
un gleich ma a bissel für den regenwald trinken ... (saufen?!) ...

Cent spielt auf eine fragwürdige Bierreklame an. Eine Biermarke wirbt damit, daß mit jedem Kauf einer Kiste Bier ein kleiner Teil des Kaufbetrags zum Schutz des Regenwaldes gespendet wird. Auf diese Weise werden die Förderung der Alkoholkrankheit und der Schutz des Regenwaldes miteinander verkoppelt.
BeeBee schrieb:

@ wave
... doch die Sucht schläft in dir weiter, und irgendwann erwacht sie aus ihrem Koma, und du wirst wieder anfangen, denn einmal Raucher - immer Raucher, auch wenn man es nicht wahr haben will.
Wenn du es aber schaffst, 30 Jahre lang keine Zigarette zu rauchen, so fällt die Sucht, die in dir lebt, in die tiefen Abgründe des Daseins und kommt nie mehr wieder.
Medizinisch bewiesen oder so.
Aber he, wer es schafft, aufzuhören RESPEKT und dann nicht mehr anzufangen, bis sein Lebensende naht NOCH MEHR RESPEKT.
Ich für meinen Teil rauche weiter, zumindest so lange, bis ich kein Geld mehr hab *g*

Wave schrieb:

Zitat:
Original von BeeBee
... doch die Sucht schläft in dir weiter, und irgendwann erwacht sie aus ihrem Koma, und du wirst wieder anfangen, denn einmal Raucher - immer Raucher, auch wenn man es nicht wahr haben will.

Ich finde nun schon teilweise ekelhafte Verhaltensmuster von Rauchern und fühl mich dreckig, weil ich selber einer war und dies nicht abstreiten kann.
Mag sein, dass die Sucht schläft. Bin ich auch froh drüber, die soll ja keiner wecken.

Angeldust schrieb:

Zitat:
Original von Bad Boy
... angefangen hab ich weil ich ma probieren wollte na ja beim Probieren isses nich geblieben ...

ja genau ... warum fangen leute an mit rauchen (also nach dem obligatorischen "probieren" - hm ... oder doch davor)? weils cool is oder sie nicht wissen, was sie tun solln, wenn sie langeweile haben?
oder oder oder

Wave schrieb:

Was ich feststellen muss(te):
Als Raucher ist man einfach kommunikativer und bindet sich schneller in Gruppen ein.
Denken wir nur mal an die "Raucherecken", wo man sich bei ner Kippe dann halt über dies und jenes unterhält.

Barbwire schrieb:

Die richtige Frage lautet doch: Was veranlasst einen Menschen dazu, zu rauchen?
Geistreiche Überlegungen können wohl nicht der Grund sein. Bleibt noch die Fremdbeeinflussung (durch Werbung, Eltern, Freunde etc.).
Die Tabakindustrie und ihre Schergen haben es doch tatsächlich geschafft, dass ansonsten völlig normale Menschen freiwillig einen tödlichen Chemikaliencocktail inhalieren. Und das regelmässig, mehrmals am Tag!
"Sinn" macht das nur für die daran Verdienenden, also die Tabak-Lobby, aber auch Pharma-Industrie, Ärzte, Krankenhäuser etc. Und natürlich die "Herrscher", denn kranke Menschen lassen sich bekanntlich leichter Schubsen, und das Rauchen fördert die "durchschnittliche Krankheitsrate" wunderbar.

Unser traditioneller Friedhofsspaziergang fand dieses Jahr zu Allerseelen statt. Denise war mit auf dem Friedhof. Constri trug sie, weil sie nicht in der Karre gefahren werden wollte.
Auf einem Grab standen vier Grableuchten, und es war mit frischen Blumen geschmückt. Ich las die Inschrift, und da war es das Grab von Miros Vater, der Raucher war und vor fünf Jahren an Lungenkrebs gestorben ist. Miro hat immer noch nicht mit dem Rauchen aufgehört.
Nach unserem Spaziergang machten wir Fotos in der beleuchteten Auslage vom Grabsteinmetz nebenan. Denise machte es Spaß, sich immer wieder auf die Grabplatten zu setzen.
Im griechischen Restaurant kam Elaine uns entgegen und erzählte, sie wäre gern mit auf den Friedhof gegangen, aber ihre Mutter wollte nicht hingehen. Sator war auch nicht mit auf dem Friedhof gewesen. Er erzählte vom Tod seiner Mutter, die erst kürzlich gestorben ist. Seit er sich habe krankschreiben lassen, könne er sich ein wenig erholen.
Mit Elaine und Merle war ich am Donnerstag in der Stadt, wo ich Elaine als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk einkleidete, in Schwarz und Silber, im Manga-Stil. Elaine bekam außerdem ein Haarteil, wie ich es neuerdings trage, mit langen Kordelzöpfchen. In der Kakaostube knotete ich ihr Haar zusammen und befestigte das Haarteil daran. Elaine drehte sich vor einem Spiegel und wisperte uns zu, daß die Jungs sie anguckten.
Am Freitag traf ich Brandon in der Stadt, der erzählte von seinem Studium der Sozialwissenschaften, das sich von dem wesentlich praxisorientierteren Studium der Sozialpädagogik sehr unterscheiden soll. Seit Kurzem hat Brandon einen Job als Sonderwache in der Psychiatrie, eine pflegerische Tätigkeit, wie auch ich sie während meines Studiums ausgeübt habe. Brandon gefällt der Job. Während wir uns unterhielten, rief seine Mutter auf sein Handy an. Nach dem Gespräch sagte Brandon, seine Mutter leide an Depressionen, und er kümmere sich durchaus um sie, ihr Therapeut sei er aber nicht, auch wenn sie das wohl gerne so hätte.



Abends war ich im "Mute", wo es ein Konzert von Neuroticfish gab. Ivco war mit Carole da. Ich gab Ivco die erste CD, die ich gebrannt habe von den Tapes, die er mir gegeben hat. Auch das "Elizium-Lied" von Rafa befindet sich darauf.
Ivco erzählte, daß er sich auf meiner Domain die Kinderfotos von Constri und mir angeschaut hat. Niedlich fand er es, wie ich einen Roller schob und die dreijährige Constri mir fachmännische Tips gab. Lustig fand er den Untertext zu dem Foto, auf dem Constri und ich als Kindergartenkinder die "Splitterwand" bewundern, auf der bunte Keramikspiltter als Mosaik in den Putz gesetzt waren:
"Die Zusammenarbeit von Lichtwind und Hetty Lerag hat sich seit Jahrzehnten bewährt. Sie lassen sich von experimenteller Kunst begeistern."
Zum Thema "Wände" fiel Ivco eine Szene aus "Im Netz" ein, in der Cyra im "Fractal" vor einer Wand tanzt. In Brasilien hat Ivco festgestellt, daß in den Discotheken dort die Leute fast alle vor Wänden tanzen, nur selten in der Mitte der Tanzfläche. Daher sind in Brasilien die Tanzflächen so angelegt, daß sie von möglichst vielen oder langen Wänden begrenzt werden.
Über meine endlose Geduld mit Rafa bemerkte Ivco:
"Ich bin Geschäftsmann, da zählt es, ob eine Investition sich lohnt."
"Mir ist aufgefallen, daß die klassischen Tragödien fast alle nur deshalb tragisch enden, weil den Hauptakteuren im rechten Moment ein kleines bißchen Geduld und Optimismus gefehlt haben", erzählte ich. "Romeo hat nicht abgewartet, ob Julia vielleicht doch wieder aufwacht. Antigone hat nicht abgewartet, ob ihr Vater sie vielleicht doch wieder herausläßt aus ihrem steinernen Gefängnis. Othello hatte nicht die Geduld, genauer hinzusehen, und nicht genug Vertrauen in sich und andere, um abzuwarten, ob sich die Anschuldigungen gegen Desdemona als Intrige herausstellen. Auch Geschäftsleute sind nicht immer vernünftig. Othello war auch Geschäftsmann ... der Kaufmann von Venedig ... und der hat sich alles andere als rational verhalten."
"Ich habe meine Entscheidungen immer nach rationalen Erwägungen getroffen", war Ivco sicher. "Ich frage mich manchmal, was aus meiner Beziehung zu dem Mädchen geworden wäre, mit dem ich in Brasilien lange zusammen war, wenn ich mich nach meinen Gefühlen gerichtet hätte."
"Ich glaube, die meisten Entscheidungen werden letztlich emotional getroffen", meinte ich. "So rational die Erwägungen auch sein mögen, ich vermute, den Ausschlag geben Emotionen."
"Nein, bei mir war die Entscheidung damals rein vernunftorientiert."
"Ich kann mir vorstellen, daß du damals, als du dich für Carole entschieden hast, auch gute emotionale Gründe gehabt hast."
"Nein, das war eine reine Vernunftentscheidung."
Ivco meinte, wenn man mit der Vernunft entscheide, bedeute dies, daß man seine Gefühle beiseite schiebt. Ich hielt dagegen, in meinen Augen sei es vernünftig, zum rechten Zeitpunkt auf seine Gefühle zu hören. Ivco erzählte:
"Ein Bekannter von mir hat gesagt:
'Man heiratet dann, wenn man das Gefühl hat, daß sich das Weitersuchen nicht mehr lohnt.'"
"Ich habe immer den Wunsch gehabt, den Mann zu heiraten, wo ich das Gefühl habe, angekommen zu sein", sagte ich, "und genau dieses Gefühl habe ich bei Rafa."
Ich erzählte von meiner Vermutung, daß Pheromone dabei eine wesentliche Rolle spielen.
"Ach - wie im Tierreich", sagte Ivco.
"Ja, genau so", bestätigte ich. "Ich denke, es ist einfach die Chemie. Bei ihm hatte ich das Gefühl:
'Hier bin ich, hier bleibe ich, und hier gehe ich nie mehr weg.'
Und das ist so geblieben, daran hat sich nichts geändert."
"Meinst du nicht doch, daß sich Gefühle irgendwann verändern können?"
"Ja, meine Gefühle für Rafa können wohl noch tiefer werden, noch inniger."
Ivco erzählte, daß Rafa sich für heute abend im "Mute" angesagt hatte.
"Wer weiß, ob der kommt", zweifelte ich.
"Er soll doch heute auflegen."
"Das sollte er Anfang Oktober auch", wandte ich ein, "und er war auch nicht da."
"Ah, so. Na, jedenfalls hat er vorhin zu mir gesagt, daß er kommen will."
Edaín erzählte mir, daß Kappas Großmutter vor wenigen Tagen in hohem Alter gestorben ist. Man habe damit rechnen müssen, doch vor allem für Kappa sei das ein großer Verlust, er habe sehr an ihr gehangen. Letzte Woche sei sie beerdigt worden.
Claudius war mit Danielle im "Mute". Danielle berichtete, ihr Mann Mike trinke inzwischen weniger und benehme sich besser.
In der Nähe des Foyers unterhielt ich mich mit Avelina. Ihr gefallen Neuroticfish sehr gut, vor allem die Stimme des Sängers mag sie.
"Er ist so dick und hat so viel Charisma", meinte ich anerkennend.
Der Sänger trug bei seinem Auftritt ein T-Shirt mit den Worten "Big, fat and ugly". Das beschrieb ungefähr sein Äußeres.
Nun war das Konzert vorbei, und ich entdeckte Rafa, der eilig durch den Saal zum Foyer schritt. Er trug seine schwarze Lokomotivführermütze, die ich an ihm so gern mag, und dazu die schwarze Jacke mit den vielen Schnallen auf den Ärmeln. Er hatte keine Brille auf, so daß sein Gesicht unverstellt zu sehen war. Er war in Begleitung eines großen, schlanken Herrn mit einer ausrasierten, rosa-schwarz gefärbten Zebra-Irokesen-Frisur, der ein schwarzes Sakko mit vielen W.E-Fan-Badges trug und freundlich guckte. Mit diesem Herrn nahm Rafa an der Bar in der Mitte des Foyers Platz. Als ich in reichlich Abstand vorbeiging, wandte Rafa eher zufällig den Kopf in meine Richtung. Seine Augen schienen aufzublinken wie eine Lichthupe, dann verschloß sich seine Miene sogleich wieder, und er tat, als würde er mich nicht kennen. Auch für den Rest des Abends tat Rafa so, als würde er mich nicht kennen. Mit dem rosa-schwarzen Zebra-Mann unterhielt Rafa sich angeregt. Rafa lächelte viel und redete viel, trank viel Bier und rauchte andauernd.
Am Merchandize-Stand bediente Lilly. Während ich mich mit ihr unterhielt, betrachtete ich Rafas lebhafte Mimik. In seinem Gesicht finde ich so viel Vertrautes, und er ist doch so unerreichbar, als befände er sich hinter Panzerglas.
Im Foyer unterhielt ich mich mit Siro und einer seiner Bekannten. Rafa lief hin und her; einmal ging er schräg hinter mir vorbei, so dicht, daß ich seinen Arm streicheln konnte.
Als ich kurz darauf im Saal auf die Nische rechts der Bühne zuging, kam Rafa daraus hervor und ging geradewegs auf mich zu und dann sehr dicht an mir vorbei, so daß ich wieder seinen Arm streicheln konnte, diesmal noch etwas länger. Rafa schien mir vermitteln zu wollen, daß er mich nicht einmal dann kennen wollte, wenn man ihn mit mir zusammenband.
"Rafa tut wieder einmal so, als würde er mich nicht kennen", sagte ich im Saal zu Ivco, als Rafa zu Kappa auf die Bühne geklettert war, wo sich das DJ-Pult befand. "Rafa hat meine Geschichte anscheinend immer noch nicht gelesen. Solange er sich nicht mit sich selber befaßt, wird sich in ihm wahrscheinlich nichts entwickeln. Es besteht keine äußere Veranlassung für Rafa, sich weiterzuentwickeln. Bei seiner Mutter kann er für immer wohnen bleiben; wenn sie in zwanzig Jahren mal nicht mehr da ist, erbt er sowieso die Wohnung. Er lebt von Gelegenheitsjobs, das kann er auch weiterhin, bis er eines Tages im Rentenalter auf Stütze gehen muß. Rafa braucht also an seinem Lebensstil nichts zu verändern."
"Das stimmt, er kann so weitermachen."
"Es gibt auch keine inneren Auslöser für Veränderungen", fuhr ich fort. "Rafa kann sehr gut Konflikte verdrängen und eine oberflächliche Zufriedenheit herstellen, und er ist dann insgesamt durchaus zufrieden, er entbehrt nichts. Zu denken gibt mir nur, daß in seinen Liedtexten immer wieder Fluchtwünsche geäußert werden, immer will er durchs All fliegen und in eine andere Welt, und am liebsten will er in die Vergangenheit, die er unkritisch idealisiert, weil er in der Gegenwart nicht zurechtkommt."
"Den Eindruck habe ich nicht, daß Rafa in der Gegenwart nicht zurechtkommt", meinte Ivco. "Ich denke, der kommt ganz gut zurecht. Er findet nur eben die Produkte aus der Vergangenheit besser als die von heute. Er findet, daß moderne Produkte kurzlebiger Plunder sind, der nur dazu da ist, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen."
"Das trifft bestimmt für einige Sachen zu", meinte ich, "aber was mir bei Rafa auffällt, ist die kritikfreie Idealisierung von Produkten aus der Vergangenheit. Er redet immer von 'perfekten Produkten'. Der VW Käfer ist ein Kult-Auto, aber perfekt ist er nicht, das kann man drehen, wie man will. Rafa stellt ihn aber als perfekt dar, obwohl er es eigentlich besser wissen müßte. Das meine ich mit 'Idealisierung'. Ich denke, Rafa hat einen Grund, die Vergangenheit zu idealisieren. Ich denke, er möchte vor der Gegenwart davonlaufen. Er wirkt auf mich hektisch und aufgedreht, als würde er unter einer dauernden inneren Anspannung stehen."
"Da würde ich gern mal Zuschauer sein, wenn ihr euch unterhaltet, du und Rafa."
"Da wärst du herzlich eingeladen, aber leider, leider können Rafa und ich ja nicht miteinander reden, weil er vor mir davonläuft und seine Freundin zwischen uns stellt. Das ist es ja, was ich so schade finde; Rafa und ich können uns so kreativ austauschen und uns gegenseitig so viele Anregungen geben und einander inspirieren, und das alles entgeht uns, weil er mauert. Wir haben uns aber auch schon sehr angeregt unterhalten, und die Gespräche kannst du alle Wort für Wort in meiner Online-Geschichte nachlesen."
Ivco hat "Im Netz" bisher nur "quergelesen".
Als Ivco mich fragte, wie ich die MCD von Das P. finde, antwortete ich, daß mir das Titelstück etwas zu brav sei, zu gezähmt. Ivco mag sowohl das Titelstück als auch das dazugehörige Video sehr. Ich meinte, das Video gefalle mir vor allem deshalb, weil es gut gefilmt sei und außerdem eine schöne Erinnerung an das "Zone" sei. Ivco und ich vermissen das "Zone" beide sehr.
Rafa war heute die meiste Zeit hinterm DJ-Pult, legte aber nur gelegentlich selbst auf. Er kündigte durchs Mikrophon ein Winterfestival im "Plaste & Elaste" an, wo er mit Warren Suicide und [:S.I.T.D:] auftreten will.
Gelegentlich setzte Rafa eine Brille auf, die aus Fensterglas zu bestehen schien.
Während Edaín auflegte, war Rafa im Foyer. Mit Kappa saß er an der Bar. Während ich auf der Tanzfläche war, kam Rafa in den Saal und stellte sich an den Rand der Tanzfläche, das Gesicht mir zugewandt. Er blieb kurz dort stehen und kam dann noch näher an mich heran und blieb wieder stehen, nur noch eine Schrittlänge entfernt. Ich blickte einige Male in sein Gesicht. Auch er schien mich anzublicken. Schließlich war es, als würde er sich einen Ruck geben und sich losreißen; er hatte es eilig, auf die Bühne zum DJ-Pult zu kommen.
Vor der Bühne redete ich mit Lysander, der mir drei Bekannte vorstellte, darunter ein Mädchen mit langen blonden Haaren, das er verehrt. Als ein Lied kam, das von Zweisamkeit handelte, sagte Lysander seufzend, es wäre so schön, wenn das Wirklichkeit wäre.
Ivco bemerkte, ich würde so strahlen; ob es sich um echte gute Laune handle oder nur um Zweckoptimismus?
"In gewisser Weise stimmt beides", erklärte ich. "Einerseits kann ich mich auch noch freuen, wenn ich traurig bin, andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, daß eine optimistische Grundhaltung sinnvoll ist. Ich fühle mich, als wenn mir Mann und Kinder gestorben wären, aber wenn jemand einen guten Witz erzählt, lache ich, und das Amusement ist echt. Bei mir ist immer beides gleichzeitig da."
"Bei mir ist das eher ein allgemeines Auf und Ab."
"Bei mir ist es sehr gleichmäßig. Was den Optimismus angeht, so möchte ich den Dingen und den Menschen immer eine Chance geben, einen Kredit, und ihnen offen entgegentreten. Ich habe gelernt, wenn jemand mir wirklich böse will, merke ich es auch so. Ich überdecke mit dem Optimismus ja nichts, ich verdränge nichts."
Gegen Morgen wurde es leerer. Rafa stand längere Zeit im Foyer an einer Bar und redete mit mehreren Leuten, unter anderem Edaín und Kappa. Ich wagte nicht, mich dazuzugesellen; ich wollte mich nicht aufdrängen, außerdem rechnete ich damit, daß Rafa davonlaufen würde, wenn ich mich näherte.
Ein Stück entfernt von Rafa unterhielt ich mich mit Lilly. Sie erzählte, daß sie früher zu den Außenseitern in ihrer Klasse gehörte, doch auf andere Art als ich. Während ich das "unmögliche" Kind war, das ausgegrenzt wurde, weil es auffiel, war sie das "graue Mäuschen", das nicht auffiel und deshalb an den Rand geriet. Ich rettete schließlich meine Selbstachtung, indem ich das Auffallen kultivierte und nichts mehr unternahm, um mich bei anderen beliebt zu machen. Lilly beendete ihr "Mäuschen"-Dasein, indem sie sich mit zwei anderen Mädchen zusammentat und gemeinsam mit ihnen auf den Gothic-Stil umstieg. Fortan galten sie als "die drei Grufti-Girls", auch als sie längst wieder ihren Stil verändert hatten. Der Gothic-Szene ist Lilly ansonsten treu geblieben, in einem gemäßigten Outfit.
Während ich mit Lilly redete, konnte ich Rafa aus geringer Entfernung betrachten, mehr allerdings auch nicht. Schließlich ging Rafa auf die Tanzfläche. Ich schaute ihm vom Foyer aus zu, wo ich mich mit Edaín, Danielle und Claudius unterhielt. Edaín und Danielle tauschten sich über ihre Töchter aus. Edaín erzählte, daß Maya im Supermarkt die Sachen, die als "Lockartikel" für die Kleinen in den unteren Regalfächern liegen, zwar anfassen darf, aber nichts davon bekommt. Danielle läßt Gwyneth im Supermarkt nichts anfassen und kauft ihr die "Lockartikel" auch nicht. Gwyneth sei damit zufrieden. Edaín meinte, Maya sei neugierig und lege großen Wert darauf, die Sachen wenigstens zu berühren, wenn sie sie schon nicht bekommt.
Edaín erzählte, daß sie dazu neigt, mehr Gewicht abzunehmen, als ihr lieb ist. Um nicht zu mager zu werden, ißt sie abends vor dem Fernseher Schokolade und geht dann ganz langsam zu Bett. Als Kappa sie deswegen belächelte, erklärte sie ihm, sie wolle die 150 Gramm behalten, die sie eben zu sich genommen habe, also bewege sie sich so wenig wie möglich.
Rafa tanzte noch ein zweites Mal, zu "Hello hello" von Lars Falk. Ich sah ihm zu, während ich mich am Saaleingang mit Edaín unterhielt.
Edaín erzählte, daß sie vorerst keine weiteren Kinder will, "vielleicht wieder mit siebenunddreißig, wenn ich mich langweile". Sie ist viel unterwegs; demnächst ist sie zu Besuch in den Staaten und legt dort mehrmals auf, unter anderem in Los Angeles. Dort soll es einer Sensation gleichkommen, wenn ein DJ auflegt, der weiblich ist und noch dazu bereits dreimal beim Pfingstfestival in L. aufgelegt hat. In Amerika soll die Musikwelt ziemlich rückständig sein. Edaín möchte in Los Angeles ein Elektro-Programm bieten, in dem VNV Nation nicht fehlen dürfen, auch möchte sie ihr Lieblingslied von Dive spielen, "There's no hope".
Als das sehr melancholische "Funeral Party" von The Cure lief, ging ich auf die Tanzfläche. Kappa tanzte auch, er mag das Stück ebenso sehr wie ich. Rafa kletterte auf die Bühne und wieder herunter und ging sehr langsam und mit Unterbrechungen an der Tanzfläche vorbei. Ich lächelte ihm ins Gesicht. Im Gegenlicht konnte ich nicht erkennen, ob und wie Rafa mich ebenfalls anblickte. Rafa verließ den Saal und blieb verschwunden.
Edaín erzählte mir, daß sie und Kappa im "Read Only Memory" vorerst nichts mehr veranstalten, weil sie das Gefühl haben, daß eine neue Phase beginnt und daß andere Locations für ihre nächsten Vorhaben besser geeignet sind, darunter auch das "Mute". Sie habe sehr viele Termine, deshalb habe sie sich überlegt, sie könne mir eine SMS zu schicken, wenn sie zwischendurch Zeit habe, um sich mit mir zu verabreden. Es tue ihr immer so leid, daß sie keinen Termin für uns finden könne. Ich gab ihr meine Visitenkarte.
Als das letzte Stück verklungen war, stieg Edaín auf ein Podest vor der Bühne und sang, zur Bühne gewandt, auf Kappas Bitte a capella "Tango 3000", ihre Coverversion von "Tango 2000" von Nichts. Kappa ging auf mich zu und drückte mich, weil wir uns doch noch gar nicht begrüßt hätten.
Darien mailte, daß er dieses Mal nicht zu "Stahlwerk" kommen konnte, weil Dera krank war und er sich um sie und die Kinder kümmerte. Er schickte mir per E-Mail ein stimmungsvolles Foto von einem Abendhimmel mit einer wattigen Wolkendecke, die vom Licht der untergehenden Sonne in feurigen Orange- und Rottönen angestrahlt wird.
"Traurig schaue ich in den Abendhimmel", schrieb er dazu.
Ich mailte ihm Bilder von der Freibadruine in Msl., ähnlich melancholische Motive wie der Abendhimmel.
Am Samstag war ich mit Constri bei "Stahlwerk". VJ Ethereal hatte seine Videokamera wie beim letzten Mal mit dem Beam verkabelt. Während Constri mich beim Tanzen filmte, machte er Rückkopplungs-Aufnahmen. Hierfür hatte ich ihm eine MiniDV-Kassette gegeben. Wir wollen ihm einige Ausschnitte dieser Filmaufnahmen zusenden, da er diese in sein VJ-Programm einbauen möchte.
Rega legte für mich "Remote assault" von Sonar, "Lichtlos" von Xotox und "American madness" von Chris Liebing auf. Als die Tanzfläche sich füllte, filmte Constri DJ Rega und VJ Ethereal, die sich hierfür umschichtig eine Chemiker-Schutzbrille und einen weißen Mundschutz aufsetzten. Ethereal arbeitet als Informatiker in einem Chemielabor und hat dort die Arbeitssicherheits-Artikel her. Er schlug vor, ich könnte mich mal in Schutzkleidung auf der Tanzfläche filmen lassen. Ich meinte, das würde den Herren besser stehen; für mich sei etwas Figurbetonendes eher geeignet.
VJ Ethereal arbeitet mit einem Programm, in das er mehrere Motive zur Auswahl eingibt, die er im Internet sammelt - Schaltkreise, Bedienungsanleitungen in Skizzenform, historische Fernseh-Pausenzeichen, Sternenbanner ... Das Programm kann die Motive auf verschiedene Art in Bewegung versetzen, so daß etwas Ähnliches wie Clips daraus entstehen.
Constri wurde von mir auch beim Tanzen gefilmt. Sie hatte ein schwarzes Samtkleidchen an und ein Spitzentop darunter. Ich trug ebenfalls schwarze Spitze, wie schon am Vortag im "Mute".
Diddo war wieder einmal ein besonderer Blickfang. Sie hatte sich unzählige weiße und durchsichtige Plastikbänder in die blondierten Haare eingeflochten, so daß sich eine Prachtmähne ergab. Passend dazu hatte sie ihre Augen weiß geschminkt. Sie trug ein schimmerndes weißes Kleid.
Ein Mädchen hatte sich in Pink gestylt, mit pinkfarbener Corsage, pinkfarbenem Lackmini und pinkfarbenen Plateauschuhen. Das paßt zu dem angesagten "Hello Kitty"-Stil der Firma Sanrio, ursprünglich in den achtziger Jahren als Schreibausstattung für japanische Schulmädchen entstanden und heute Kult vor allem für Erwachsene. Die Gebrauchsgegenstände - vom Federmäppchen bis zur Bettwäsche - sind verziert mit japanischen Comicfigürchen in übersteigertem Kindchenschema. Ich mochte die Sachen schon als Teenager, auch weil ich ihr Styling so konsequent finde. Leider sind sie allesamt überteuert, man bezahlt die Marke mit.
Marie-Julia hat am 03. November Nic geheiratet, im Standesamt in CE. Vor vier Jahren sind die beiden in CE. zusammengekommen. Die Hochzeit haben sie im Familienkreis gefeiert und nur wenigen Bekannten davon erzählt.
Als ich in S. meine Verwandten besuchte, war ich auch bei meiner Tante Britta und ihrem Mann Wilko. Britta erzählte, daß sie Wilko durch ihren Bruder Gustav kennengelernt hat. Gustav studierte in FR. und sang in einem Chor, der in OS. gastierte. Es fehlten Soprane, und Gustav bat Britta, die damals in OS. wohnte, einzuspringen. Auf diese Weise lernte sie Gustavs Kommilitonen Wilko kennen. Sie hielt über drei Jahre einen freundschaftlichen Kontakt zu ihm, vor allem durch Briefe. 1967 machte ihr Thorvald den Hof, Pastor in ihrer Heimatstand Lw. Er verlobte sich nach wenigen Wochen mit Britta. In den folgenden Monaten erfuhr sie nach und nach, daß er außer ihr auch anderen Frauen den Hof machte, und zwar gleichzeitig, und daß er auch ein Auge auf junge Konfirmandinnen zu werfen pflegte. Von Thorvalds Lebensstil hatten ihr die Leute, die das schon wußten, nichts erzählt, weil sie hofften, daß Thorvald durch seine Beziehung mit Britta geläutert würde. Geläutert wurde er allerdings nicht, und als sie sich von ihm trennte, war er wütend und gekränkt. Sein Blick fiel auf einen Brief, den Britta von Wilko bekommen hatte, und er sagte wegwerfend:
"Dann nimm doch den Wilko."
Britta erzählte ihrer Mutter Emmy in deren Schlafzimmer von der Entlobung. Emmys erste Reaktion war, Britta mit einem Bügeleisen oder der Schnur desselben zu bewerfen und zu schimpfen, was denn jetzt die Leute denken sollten. Der geworfene Gegenstand traf Britta nicht, Emmys mangelndes Verständnis für ihre Entscheidung traf sie jedoch sehr. Emmy fuhr sogleich zu ihrer älteren Tochter - meiner Mutter - nach S. - Constri und ich waren schon auf der Welt -, und Britta blieb in Lw. zurück und fühlte sich im Stich gelassen. Emmy soll immer sehr darauf geachtet haben, was "die Leute" denken, wobei sie "die Leute" als anonyme, strafende, kontrollierende Instanz zu erleben schien, ähnlich ihrer strengen, gefühlskalten Stiefmutter.
Daß Britta tatsächlich Wilko heiratete, ergab sich innerhalb des Jahres 1968. Sie kamen sich immer näher und waren froh darüber, daß die Verbindung von Britta und Thorvald zerbrochen war.
Als ich abends nach dem Besuch bei Britta und Wilko wieder zu Lisa kam, schliefen die Kinder schon. Chandra, Lisa und ich leerten am Kaminfeuer eine Flasche Wein aus Eugens Ernte. Lisa erzählte, daß sie sich von der zweijährigen Amaryllis einen Bären hatte aufbinden lassen. Sie wollte heute zu einem Hindi-Kurs, und Amaryllis machte ein so lautes Gezeter, daß Lisa nicht hinging, weil sie glaubte, Amaryllis müsse unter ihrer Abwesenheit zu sehr leiden. Als Amaryllis merkte, daß Lisa daheim blieb, waren die Tränen sofort weg, und Amaryllis tobte frohgemut mit Ida durchs Zimmer, als wäre nichts gewesen.
"Das macht mich wütend", sagte Lisa.
"Die Wut solltest du nutzen, wenn du das nächste Mal zum Hindi-Kurs gehst", riet ich. "Dann fällt es dir leichter, Amaryllis zetern zu lassen und ihr klarzumachen, daß sie nicht die Einzige ist, deren Bedürfnisse etwas zählen. Sie ist im Trotzalter, und was sie jetzt vor allem braucht, sind verläßliche Grenzen."
"Ich mache mir nur Sorgen, daß ich damit ihren Willen breche."
"Nein, auf keinen Fall!" war ich sicher. "Amaryllis darf ja Wünsche anmelden. Sie darf anziehen, was sie will, solange es warm genug ist. Sie darf essen, was sie will, wenn es gesund genug ist. Sie darf ja auswählen, nur halt bis zu einer bestimmten Grenze. Sie wäre doch überfordert, wenn sie alles allein entscheiden müßte. Dafür hat sie doch noch gar nicht das Wissen und den Überblick. Außerdem muß sie lernen, daß andere Menschen auch Bedürfnisse haben und daß die genauso viel wert sind wie ihre eigenen."
Am nächsten Tag wollte Amaryllis nicht mit zum Einkaufen, konnte aber nicht zu Hause bleiben, weil dort niemand auf sie hätte aufpassen können. Lisa meinte, sie schaffe es nicht, Amaryllis in den Autositz zu stecken, Amaryllis sei zu kräftig. Also steckte ich Amaryllis in den Autositz. Auf der Fahrt schrie Amaryllis Zeter und Mordio. Beim Safthändler beruhigte sie sich allmählich. Die Safthändlerin machte Lisa Mut:
"Tobsuchtsanfälle haben alle Kinder, da müssen sie durch. Man muß die jungen Bäumle anbinden, damit sie gerade wachsen. Wenn sie krumm werden, hilft das keinem."
Am Mittwoch fuhr ich nach WÜ., wo ich mit Victoire verabredet war. Ehe wir uns trafen, fuhr ich in der abendlichen Dunkelheit hinauf zur Festung, die über der Stadt leuchtete. Sie wird von gelben Natriumdampflampen angestrahlt. Im ersten Schnee wirkte das Bild noch prächtiger. Ich lief in dem Gemäuer herum und machte Fotos mit einem hoch lichtempfindlichen Film. Mir begegneten einige wenige Touristen, die dort herumspazierten; Museum und Restaurant hatten längst geschlossen.
Mit Victoire ging ich durch die Altstadt. Victoire kaufte Granatäpfel. Die gibt es zur Zeit im Supermarkt günstig zu kaufen. Ich erinnerte mich an das Märchen "Der Maharadscha und die Granatapfelblüte" aus einer Märchensammlung, die Constri vor vielen Jahren geschenkt bekommen hat. Ich erinnerte mich auch daran, wie Rafa mich einst gebeten hat, etwas über Granatäpfel zu erzählen, und wie ich ihm dieses Märchen erzählt habe.
Victoire und ich fanden neben einer historischen Mainbrücke am gemauerten Ufer ein Bistro, in dem wir mit Blick aufs Wasser zu Abend aßen. Am Mauerwerk der Brücke befanden sich zwei nebeneinander angebrachte Lampen, eine rot, eine grün, die abwechselnd leuchteten. Wir gehen davon aus, daß es sich um eine Ampel für die Schiffahrt handelt.
Victoire erzählte, daß Shara sie kürzlich um Mitternacht aus dem Schlaf geklingelt und zwei Stunden lang mit ihr telefoniert hat, ohne sich zu erkundigen, ob ihr sein Anruf zu so später Stunde recht sei. Er habe gemeint, man hätte der Beziehung noch eine Chance geben sollen. Victoire erwiderte, sie sei ganz froh, die Beziehung beendet zu haben. Vor einiger Zeit hat sie Shara besucht. Als sie zum verabredeten Zeitpunkt in seine Wohnung kam, saß ein spärlich bekleidetes Mädchen in seinem Bett. Diesem Mädchen soll die Situation sehr peinlich gewesen sein. Victoire fragt sich, wie es geschehen konnte, daß Shara ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als er Victoire erwartete, ein Stelldichein mit einem anderen Mädchen hatte.
Victoire erzählte von ihrem Verlöbnis vor ihrer Beziehung mit Shara. Sie war damals zweiundzwanzig Jahre alt und hatte einen etwas jüngeren Freund, der aus WOB. stammte. Er verlobte sich nach wenigen Wochen mit Victoire und zog zu ihr nach FR., wo er sein Abitur nachholte. Die Beziehung wurde durch seine Eifersucht überschattet und letztlich zerstört. Er warf ihr untentwegt vor, ihm untreu zu sein, und kontrollierte sie auf Schritt und Tritt, bis sie einen Schlußstrich zog und sich von ihm trennte. Er soll nach dem Abitur zurückgekehrt sein nach WOB. Victoire kennt aus der damaligen Zeit das "Elizium".
In Victoires Wohnung gibt es ein Gästebett, und sie lud mich ein, zu übernachten, was ich sehr gern tat. Am Morgen fuhr ich nach Gwh. und machte auf dem Weg dorthin Rast im Spessart, um den verschneiten Wald zu fotografieren. Durch die Bäume konnte man tief hinunter auf die A3 schauen, wo die Autos mit Licht fuhren, weil es den ganzen Tag über kaum hell wurde.








Im Spessart gibt es eine Autobahnraststätte, die sich in der Tradition des Wirtshauses aus dem Märchen von Wilhelm Hauff sieht und entsprechend auf Tourismus eingestellt ist. Man kann dort Teddybären kaufen, die Ludwig II. von Bayern und andere historische Persönlichkeiten verkörpern. Streng blickende Teddybären stehen im königlichen Ornat in kerzengerader Haltung im Schaukasten, finster blickende Teddybären stehen in Räubergarderobe daneben.
Im Ortskern von Gwh. sah noch fast alles so aus wie vor über dreißig Jahren, als wir dort gewohnt haben, auch das Haus, in dessen Erdgeschoßwohnung wir damals lebten, wirkt kaum verändert. Es wurde in den fünfziger oder sechziger Jahren gebaut, wie die meisten Häuser in Gwh., und hat den für diese Zeit typischen "Wir sind wieder wer"-Stil, mit Glasbausteinen, Marmor-Treppenhaus und avantgardistisch gestaltetem Zaungitter. In der Nähe unserer ehemaligen Wohnung hingen immer noch "Kramskrams-Automaten", zwar nicht mehr dieselben wie damals, aber in demselben Sträßchen. Constri und ich haben 1971 heimlich in einer Camembert-Schachtel auf zehn Pfennige gespart und versucht, mit unserer Pfennigsammlung Kaugummis zu ziehen. Wir mußten feststellen, daß das nur mit ganzen Groschen ging. Heutzutage kann man dort mit 50-Cent-Stücken wahlweise Kaugummis oder Spielzeug ziehen. Ich zog für Constris Adventskalender Kaugummis und ein Plastikhündchen und für mich ein blaues Keylace mit der Aufschrift "Keep smiling". Damit kann ich das Plüschhündchen "an die Leine legen", das sich an meinem Schlüsselbund für die Arbeit befindet.
Das Dorf Gwh. liegt am Main, der schon in den siebziger Jahren so verschmutzt gewesen sein soll, daß man das Wasser nicht berühren durfte. Romantisch sieht er trotzdem aus, gesäumt von Pappeln und Kieswegen.
In der Dorfbäckerei kaufte ich Kekse aus eigener Herstellung als Mitbringsel für die Lieben daheim. Die Kirche fand ich rasch wieder; es ist eine katholische Kirche. Eine evangelische gibt es nicht in Gwh., nur im Nachbarort. Die katholische Kirche war offen. Drinnen stand unter der Treppe, wo sich früher der Opferstock mit der Maria am Brunnen befunden hatte, ein Regal mit Prospekten über die Kirche und ihre Geschichte, die man durch eine Spende erwerben konnte. Der Opferstock mit der Maria fand in den Prospekten nirgends Erwähnung. Er konnte aus den zwanziger Jahren stammen, als die Kirche renoviert worden war. Wo er sich jetzt befindet und ob es ihn überhaupt noch gibt, habe ich noch nicht herausgefunden.
Von dem Opferstock habe ich Rafa vor zwei Jahren im Chat erzählt. Auf diesem Opferstock befand sich eine zierlich gearbeitete hölzerne Landschaft mit einem Kirchlein und einem Brunnen. Wenn man einen Groschen ins Geldkästchen steckte, erklang Musik aus einer verborgenen Spieluhr, in dem hölzernen Kirchlein ging ein warmes, goldenes Licht an, die Flügeltüren öffneten sich, eine hölzerne Madonnenfigur kam auf einer gekrümmten Schiene herausgefahren, wandte sich nach links und blieb vor dem Brunnen stehen. In der Kirche sah man einen Engel die Glocke läuten. Der Wasserstrahl des Brunnens bestand aus einem verdrilltem Glasstab. Er drehte sich, und das sah so aus, als würde aus dem Brunnen Wasser fließen. Für wenige Augenblicke konnte man die Madonnenfigur betrachten, dann fuhr sie rückwärts wieder in das Kirchlein, die Flügeltüren schlossen sich, der Wasserstrahl hörte auf, sich zu drehen, das Licht erlosch, die Musik verstummte.
1987 war ich noch einmal hier, mit Constri und unserem Vater. Wir entdeckten einen Schalter, mit dem man die Madonna unentwegt aus dem Kirchlein heraus- und wieder hineinfahren lassen konnte. Wir wollten sie nicht überlasten und stellten den Mechanismus ab.
Inzwischen gibt es keine Groschen mehr, nur noch Cent. Vielleicht ist der Opferstock auch deswegen verschwunden; man hätte ihn umrüsten müssen.
Eine Katze traf ich auf meinem Spaziergang durch Gwh., die ließ sich streicheln. Am Kindergarten kam ich vorbei und an dem Neubaugebiet, das jetzt auch schon nicht mehr so neu ist. Es entstand Anfang der siebziger Jahre, als wir aus Gwh. wegzogen.
Auf dem Friedhof in dem Kiefernwald, durch den wir früher manchmal bis zum Nachbarort gegangen sind, fand ich ein Grab, das unserer damaligen Vermieterin gehören konnte. Wenn sie es war, ist sie über achtzig Jahre alt geworden. Ein anderes Grab konnte einem unserer damaligen Nachbarn gehören; wenn es sich dabei wirklich um den Vater des Nachbarsmädchens handelte, ist er nur wenig über vierzig Jahre alt geworden.
Auf einem Grabstein stand:
"Die da säen, die werden ernten."
- eingerahmt von Kornähren und einem Brot.
Das Bibelzitat macht mich nachdenklich, weil ich nicht weiß, ob ich daran glauben soll.
Im Kiefernwald waren kaum Spazierwege zu erkennen, es ging hinaus in eine Wildnis, da lagen Baumstämme aufgestapelt, und auf dem Herbstlaub lag dünner Schnee. Durch hohe Kiefernstämme hindurch sah ich ein Bild, das ich von früher kannte, eine Schule aus Beton, die es damals schon gegeben hat. So nüchtern das wirkt, es sind auch solche Eindrücke, aus denen phantastische Bilder und Geschichten entstehen und entstanden sind.
Zurück in H., habe ich mit Constri und Denise einen Spaziergang im Herbstlaub gemacht und die beiden fotografiert. Denise rannte so schnell herum, daß ich sie nur aus größerer Entfernung fotografieren konnte. Auf einem Spielplatz war sie vor allem von der Rutschbahn begeistert. Wenn sie heruntergerutscht war, ließ Constri jedesmal eine von ihren "Püppis" hinterherrutschen, die von Denise unten freudig in Empfang genommen wurde. Als Constri schließlich meinte, nun sei es genug, war Denise gar nicht einverstanden und rief immer wieder:
"Baby hui! Baby hui!"
Das sollte heißen:
"Denise will rutschen!"
Constri sagte:
"Hui heia. Die Rutsche geht jetzt schlafen."
"Baby hui!" lärmte Denise, als Constri sie wegschleppte.
Nach und nach ließ sich das Kind von anderen Eindrücken beschäftigen. Als Denise müde wurde, wollte sie nicht in die Karre. Constri steckte sie hinein und sang dreizehn Strophen "Schlaf, Kindlein, schlaf", auch in der Variante "Schlaf, Hui, schlaf", bis Denise endlich einschlief.
Zu Hause angekommen, zeigte Denise mir ein Spielzeugauto, das sich in zwei Teilen aufgelöst hatte.
"Pu!" klagte Denise.
Das hieß:
"Das ist kaputt!"
"Geh zu Papa", sagte ich. "Papa heilemach."
Sie verschwand. Derek machte das Auto wieder ganz.
Man soll ja nicht in der Kindersprache mit Kindern reden, aber mir macht das Spaß.
Denise verursacht gerne Krach mit ihrem Bobbycar. Sie reißt das Vorderteil am Lenkrad hoch und läßt es auf den Boden zurückknallen. Constri freut es, daß sich die Wohnung im Erdgeschoß befindet.
Am Freitag trat Dive in HI. im "Industrial Palace" auf. Cyra und Peter kümmerten sich um den Merchandize-Stand. Peter erzählte, daß er mit Dirk morgen nach Süddeutschland fahren wollte. Ich erzählte, daß ich eben erst in Süddeutschland war und daß dort Schnee liegt.
Es waren nicht viele Leute im "Industrial Palace", aber diejenigen, die da waren, gehörten zu den besonders tanzfreudigen. Dirk I. konnte über einen Mangel an Begeisterung nicht klagen. Ich tanzte nach seinem Auftritt gleich weiter, denn die DJ's Spheric und Cyra brachten einen Elektro-Industrial-Clubhit nach dem anderen. Zwischendurch erklärte ich Peter und Dirk, ich könne nicht anders, ich müsse tanzen, die Musik sei so gut.
"Yes", wußte Peter, "I saw you dancing."
Ich war erstaunt darüber, daß ich kaum müde wurde, obwohl ich mehr als drei Stunden auf dem Estrich herumsprang.
Peter war öfters auf der Tanzfläche. Dirk stand meistens am Rand und kam nur zu "Electric lover" auf die Tanzfläche, als Peter ihn mit einladenden Gesten herwinkte.
Am Samstag eröffnete Magenta ihr Kosmetik-Studio. Ich kam dorthin und traf auch Crimson und Sarolyn. Magenta hatte für uns Alkoholisches, Nichtalkoholisches, Kaffee, Tee und Knabbereien.
Magenta, Crimson und Sarolyn haben alle schon mit dem stotternden "Szene-Fossil" Hoffi seltsame Dinge erlebt und Seltsames von ihm gehört. Hoffi soll gelegentlich für einige Monate von der Bildfläche verschwinden, und wenn er wieder auftaucht und man ihn fragt, wo er war, pflegt er zu antworten:
"Im Urlaub."
Wenn hieran Zweifel angemeldet werden, setzt er hinzu:
"Auf Staatskosten."
Die Delikte, die Hoffi in die Haftanstalt führen, sollen sich irgendwo zwischen nicht bezahlten Schulden und Kleinkriminalität bewegen. Einmal soll Hoffi in einer Discothek auf Crimson zugegangen sein und mit lauter Stimme eine Sensation vermeldet haben - oder das, was er dafür hielt:
"Crimson! Weißt du, wer wieder draußen ist?"
"Ähh ... ich kenne nicht einmal jemanden, der drin ist", antwortete Crimson.
Kürzlich soll Hoffi nicht schnell genug weggelaufen sein, als in seiner Nähe eine Schießerei aufbrandete. So soll es gekommen sein, daß er angeschossen wurde. Eine gefährliche Verletzung soll es aber nicht sein.
"Er ist mal hingefallen, weil er besoffen über seine Absätze gestolpert ist", erinnerten sich Crimson, Magenta und Sarolyn. "Dabei hat er sich den Arm gebrochen und lief dann mit Gips herum."
"1987 hat er sich auch den Arm gebrochen und lief mit Gips herum", wußte ich.
"Und jetzt ist er angeschossen", sagte Sarolyn trocken.
Es gilt als unschicklich, sich über das Pech anderer Leute zu belustigen, doch Hoffis Erlebnisse ließen in unserer Damenrunde die Heiterkeit hohe Wellen schlagen und trieben uns die Tränen in die Augen, getreu dem Motto:
"Wer dumm wie Brot ist, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Leute seinetwegen das Maul nicht mehr zukriegen."
Ich machte Sprüche wie:
"Hoffi hat jede Menge Schulden, die muß er erstmal abstottern."
Es ist schon unschicklich, sich über das Pech anderer Leute zu belustigen. Noch unschicklicher ist es aber, sich über die Sprachfehler anderer Leute zu belustigen.
Dabei kann ich Hoffi durchaus leiden, er sorgt für gute Laune und ist unterhaltsam, und wenn er bei Depeche Mode Parties sein berühmtes "Dave Dancing" vorführt, klatsche auch ich begeistert Beifall.
Ich erzählte Sarolyn von den neuesten Aufnahmen, die Constri und VJ Ethereal bei "Stahlwerk" gemacht haben. Sarolyn meinte, ihr gefalle mein Tanzstil, weil er so leicht wirke und vor allem auch, weil ich darauf achte, niemanden anzurempeln.
"Ganz besonders lieben wir doch diese Tanzboden-Desperados, die mit vollen Biergläsern und Kippe in der Hand herumtorkeln, Leute überschütten und ansengen und nicht mehr wissen, wo sie hintreten", seufzte ich.
Am Abend fuhr ich mit Constri und Derek zu Rufus, der seinen Geburtstag feierte. Sareth war auch da; ich hatte ihn herbestellt, weil das eine Gelegenheit war, ihn mal wieder zu sehen. Sareth erzählte, daß seine Beziehung mit Iolantha mehr und mehr im Sande verlaufen sei; man sei schließlich nicht mehr auf einen gemeinsamen Nenner gekommen und habe sich mehr gestritten als unterhalten. Als die Beziehung endgültig zerbrach, zog Sareth aus und lebt seither allein. Er studiert Informatik.
Sareth erzählte von Dag. Wie früher soll Dag vor sich hinleben, ohne festen Anker, ohne feste Pläne, taumelnd von einer Form des Suchtverhaltens zur anderen. Abwechselnd stehen Drogen, Alkohol und Glücksspiel im Vordergrund. Seine sechsjährige Beziehung zu der drogenkranken Phyllis, die anscheinend ebenso wie Dag an einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung leidet, ist kürzlich zerbrochen. Phyllis soll sich mit Dag dramatische Streitereien geliefert haben, in denen auch Suiziddrohungen eine Rolle spielten.
Marianna meinte, sie genieße es, Single zu sein. Sie könne tun und lassen, was sie wolle. Marianna ist Erzieherin. In dem Kindergarten, wo sie arbeitet, darf sie anziehen, was sie will. Also geht sie mit Lackmini und blauen Stiefeln zur Arbeit.
Für den heutigen Abend hatte Marianna etwas besonders Verruchtes angezogen. Es war ein knielanger schwarzer Rock, dessen oberer Saum die Hüftknochen umschloß. Dieser obere Saum bestand aus bäuerlicher Lochstickerei. Die Löcher reichten bis zu den Oberschenkeln herunter und wiesen darauf hin, daß Marianna, wenn überhaupt etwas, nur einen String "drunter" anhaben konnte und daß ihre Netzstrümpfe halterlos sein mußten.
Giulietta ist beschäftigt mit ihrer Beziehung zu dem Drogensüchtigen, von dem sie uns neulich erzählt hat. Die Beziehung ist unglücklich, wie man es von Giulietta gewohnt ist. Sie verliebt sich ungefähr jedes halbe Jahr neu. Sie klagt fortwährend, nie bekomme sie einen Mann.
Sareth berichtete, daß er seine frühere Freundin Siri kürzlich wiedergetroffen hat. Sie soll annähernd die schlanke Figur zurückgewonnen haben, die ich von ihr kenne; zwischenzeitlich soll sie übergewichtig gewesen sein.
Sareth hofft, nach der Trennung von Iolantha bald eine neue Freundin zu finden, "bevor ich so alt bin, daß ich keine mehr abkriege".
"Du bist doch jünger als ich, und ich mache mir das auch nicht zum Thema", meinte ich. "Du bist noch weit entfernt davon, alt zu sein, und selbst wenn, es kommt auf die Altersgruppe an, in der man sucht. Jedenfalls wird Rafa auch nicht jünger, und da es mir ohnehin nur um ihn geht, kann mir das Alter zumindest in diesem Zusammenhang egal sein."
Als ich Sareth von Rafa erzählte, sagte Sareth:
"Ach, unser Rafilein. Mit W.E läuft doch auch nichts mehr, oder?"
"Doch, es gibt Konzerte und jetzt bald sogar eine Vinylplatte", berichtete ich. "Aber leben kann Rafa davon nicht. Der wohnt in seinem Kinderzimmer bei seiner Mutter, mit dreiunddreißig Jahren. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, daß er mit mir nichts zu tun haben will. Ich lebe ihm etwas vor, das er noch nicht erreicht hat - ich kann mich selbst über Wasser halten. Ich scheine ziemlich abschreckend auf ihn zu wirken. Ich schminke mich auch abschreckend, die Lippen silberweiß, die Augen silberweiß. Das ist echt abschreckend."
Sareth bekam jene runden Augen, die Männer zu bekommen pflegen, wenn sie anfangen, ein reizvolles Objekt zu taxieren. Wenn die Herren mir später erzählen, sie hätten sich in mich verliebt, sind sie erstaunt, wenn ich entgegne, daß mir dies längst klar sei.
Clarice hat von Leander ein Geständnis erhalten. Er hat sich deshalb nicht um einen Praktikumsplatz gekümmert, weil er sein Studium schon vor Jahren so vernachlässigt hat, daß er exmatrikuliert wurde. Jahrelang hat er Clarice vorgelogen, sein Studium mache Fortschritte, und schließlich behauptete er, nur der Praktikumsplatz fehle noch, den könne er auch in H. antreten und von dort aus sein Studium abschließen. Leander hat sich also jahrelang von Clarice aushalten lassen und nicht das Geringste in seine berufliche Zukunft investiert. Clarice überlegt, ob sie ihn hinauswirft.
Rikka hat sich kurz nach dem Aus ihrer Beziehung mit Ethan auf eine Fortsetzung eingelassen, die ebenso enttäuschend verlief wie die Beziehung vorher. Inzwischen hat sie einen Zweiundzwanzigjährigen kennengelernt und um seinetwillen endgültig mit Ethan Schluß gemacht.
Bertine ist mit ihrem Hakon sehr zufrieden. Er geht arbeiten und bringt Geld nach Hause. Das Haus, das die beiden erwerben und das sich im Bau befindet, wird bald bezugfertig sein. Bertine hofft auf eine Anstellung, die auch ihr mehr Sicherheit verschafft, damit sie Hakon besser unterstützen kann.
Taidi und ich machten eine Fotosafari auf einem Gelände der Bahn, wo Bahnschwellen instandgesetzt werden. Wir fotografierten in der Eiseskälte hohe Wände aus übereinandergestapelten Bahnschwellen, neue aus weißem Beton und alte, die schon verwittert waren. Taidi bekam Zutritt zum Gelände, weil er dort arbeitet, und ich trat als seine Fahrerin in Erscheinung.
In der Nähe des Geländes befindet sich ein traditionsreicher Gasthof, ursprünglich ein Jagdhaus für die Entenjagd. Dort kehrten wir ein, als es dunkel wurde; wir waren schon ganz durchgefroren und wärmten uns bei heißer Schokolade auf. Wir hatten die Idee, ein Entenessen zu veranstalten, wie es schon im letzten Winter stattgefunden hat. In der kalten Jahreszeit bietet der Gasthof montags "Ente satt" an, und das ist so beliebt, daß man zeitig vorbestellen muß.
Sator erkundigte sich, wo ich für die Weihnachtszeit meine Lebkuchen bestelle. Er bestellte nun auch in N. ein Paket Lebkuchen, und er fand sie so lecker, daß sie alle waren, ehe er mich zum Lebkuchen-Essen einladen konnte.
Im Supermarkt kaufte ich Granatäpfel und zerlegte sie in der Küche. Dabei wurde ich traurig, weil ich immerzu an das Märchen von dem Maharadscha denken mußte, das ich Rafa erzählt habe. Und ich mußte daran denken, wie wenig Zeit Rafa und ich gemeinsam verbracht haben.

In einem Traum begegnete mir jemand, der stellte sich vor als "Moris" und fragte:
"Kann ich weitergeben? Rafa möchte dich gern sprechen."
"Ja", sagte ich. "Ja."
Er reichte mir ein Telefon.
Wie es weitergegangen wäre, erfuhr ich nicht, denn ich wachte auf.

Am Freitag feierte Ray seinen Geburtstag. Constri erzählte Saide von Sadias Bruder Ismet. Als Sadia im Alter von siebzehn Jahren mit Constri in unsere Stammdiscothek ging, bestand der damals erst dreizehnjährige, in der Türkei erzogene Ismet darauf, Sadia als männlicher Aufpasser zu begleiten. Die Türsteher schickten das Kind weg, und Sadia ging mit Constri in die Discothek.
Als Constri und ich die Geschichte vom Sockenschuß zum Besten gaben, erzählten wir auch, wie Rafa mich vor dem Sockenschuß rettete, indem er ihn in der "Halle" verdrosch.
"Den Rafa habe ich ja nun kürzlich das erste Mal gesehen", sagte Saide, "im 'Mute'. Der hat geraucht wie eine Lokomotive - unaufhörlich, eine nach der anderen, völlig mechanisch."
"Ja, der ist schwer nikotinabhängig", bestätigte ich.
"Es kommt mir auch vor, als wenn der ein bißchen unsicher ist", meinte Saide.
"Das kannst du wohl sagen", bestätigte ich.
Am Samstag spielte Spheric in der "Neuen Sachlichkeit" eine Verballhornung des Nummer-Eins-Hits "Lebt denn der alte Holzmichel noch?" von De Randfichten, hergestellt von einer Band namens "Randgruppe". Das launige Stück im Dreivierteltakt nennt sich "Holzmichel (Die Antwort)", kommt im Düster-Rock-Gewand à la Rammstein daher und hat folgenden Text:

Es gibt in Sachsen einen Wald
aus Fichten, dunkel, feucht und kalt.
Von dort aus ist ein Lied entsprungen,
das wird seit Jahr und Tag gesungen.

Man quält uns jetzt schon lange Zeit
mit einer Frage deutschlandweit.
Sie singen dort von einem Mann,
der weder leben noch gut sterben kann.

Es ist der Holzmichel, um den es hier geht,
und keiner weiß, wie es um ihn steht.
Es gibt auch keinen, der ihn kennt,
trotzdem fragen alle permanent:

Lebt denn der alte Holzmichel noch,
Holzmichel noch, Holzmichel noch?
Lebt denn der alte Holzmichel noch,
Holz-mi-chel noch?

Mir doch scheißegal,
scheißegal, scheißegal,
mir doch scheißegal,
mir scheiß-e-gal.

Jaaa ... es ist Tortur und quält mich sehr,
der Mordgedanke fällt nicht schwer.
Warum gibt es keinen, der ihn anfleht,
daß er endlich mal zum Doktor geht?

Das Erzgebirge ist sein Reich.
Wo er herkommt, ist mir gleich.
Denn hier ist keiner, der ihn kennt.
Warum fragen alle permanent:

Lebt denn der alte Holzmichel noch,
Holzmichel noch, Holzmichel noch?
Lebt denn der alte Holzmichel noch,
Holz-mi-chel noch?

Mir doch scheißegal,
scheißegal, scheißegal,
mir doch scheißegal,
mir scheiß-e-gal.

Jaaa ...

Spheric erzählte, daß er eine Noise-Variante vom "Holzmichel" kreiert hat; atonaler Krach umwallt die immer wieder gestellte Frage, ob jener mysteriöse Mann aus dem Erzgebirge noch lebt.
Puppen-Theo begrüßte mich auf der Treppe neben dem DJ-Pult und holte mir etwas zu trinken. Er meinte, dadurch, daß neuerdings er von den Frauen weniger Eintritt nimmt als von den Männern, erreiche er einen Frauenüberschuß, und das locke die Männer an, die dann auch bereit wären, mehr zu zahlen, denn Männer würden vor allem wegen der Frauen ausgehen. Ich meinte, ähnlich würden es die Szenemagazine halten; sie würden Käufer durch zahlreiche professionell gemachte Pinup-Fotos anlocken.
Puppen-Theo, der jahrelang im Rotlichtmilieu unterwegs war und dort auch gearbeitet hat, möchte die Parties in der "Neuen Sachlichkeit" mit Halbwelt-Anleihen ausstatten. Ihm schwebt vor, daß hierfür engagierte Pornodarsteller so tun, als seien sie Leute aus dem Publikum, und sie sollen nicht jugendfreie Inszenierungen darbieten, vorzugsweise im SM-Stil.
"Das kann ja nur schiefgehen", dachte ich insgeheim. "Szene und Rotlichtmilieu passen nicht zusammen. In der Elektro- und Wave-Szene spielt jeder nur sich selbst, im Rotlichtmilieu werden Menschen verkauft. In der Szene ist das Privatleben besonders wichtig, im Rotlichtmilieu gibt es kein Privatleben."
Puppen-Theo ärgerte sich, weil die Inszenierungen, die er neulich bei der Halloween-Party vorführen ließ, sofort als solche entlarvt wurden.
"Kein Wunder", dachte ich. "Die Leute hier merken schnell, wenn jemand so tut, als sei er etwas anderes, als er ist."
Puppen-Theo fragte mich nach meinem Namen. Er erkenne mich immer wieder, nur den Namen habe er vergessen. Ich sagte ihm, daß ich Hetty heiße, und er gab mir die Hand und sagte:
"Theo."
Ich erzählte ihm, das wüßte ich, und ich sagte ihm auch, daß ich ihn für mich "Puppen-Theo" nenne, wegen seiner Vorliebe für Schaufensterpuppen.
"Ich stehe auf Schaufensterpuppen", setzte ich hinzu.
"Ja, die sind so geheimnisvoll", sagte Puppen-Theo begeistert.
"Und schrill und bizarr", ergänzte ich. "Etwas Verrücktes. Es hat auch etwas damit zu tun, daß ich in den Achtzigern erwachsen geworden bin."
Er fragte nach meinem Jahrgang und erzählte, er sei Jahrgang 1965; damit wäre er ein Jahr älter als ich. Zerline, die ihn näher kennt, hat hingegen erzählt, daß er bereits zweiundvierzig Jahre alt sei; demnach müßte er im Jahre 1962 geboren sein.
An der Theke unterhielten wir uns weiter. Puppen-Theo erzählte, er sei in H. geboren, habe sich jedoch früher nicht in der hiesigen Elektro- und Wave-Szene bewegt. Er sei jahrelang in der Weltgeschichte herumgereist, immer mit Fotoapparat. Als professioneller Fotograf betrachte er sich aber nicht. Ich meinte, die Fotos, die er in der "Neuen Sachlichkeit" zeige, seien durchaus professionell und könnten sich wirklich sehen lassen.
Über sein Liebesleben sagte Puppen-Theo, er habe drei Frauen hier. Die würden ihm alle gehören. Und eine werde er jetzt herholen. Er kam gleich darauf mit einem Mädchen wieder und zeigte es mir.
Das Mädchen fand ich nett, ich fand es auch hübsch, doch es wirkte kunstseiden auf mich, käuflich - wie eine, die Erotik nur spielt, anstatt wirklich erotische Gefühle zu haben.
Besonders unnatürlich fand ich, daß das Mädchen Puppen-Theo abschmuste, ohne daß die geringsten Zeichen von Eifersucht auf die anderen beiden Mädchen erkennbar waren. Das Verhalten des Mädchens erinnert mich an die drei Prostituierten, mit denen Playboy-Inhaber Hefner sich umgibt und die er regelmäßig austauscht. Für diese Frauen ist das ein Job, der ihnen viel Geld einbringt. Sie suchen und finden keine gefühlsmäßige Bindung, keine Geborgenheit, keine Familie.
Puppen-Theo möchte im Januar seinen Geburtstag in der Halbwelt von H. feiern; er habe schon einen Raum im Rotlicht-Bezirk gemietet.
Seltsamerweise wirkt Puppen-Theo auf mich ganz und gar nicht wie ein Zuhälter oder ein sonstiges Mitglied der Halbwelt. Vielleicht liegt es daran, daß Klischees nur selten mit der Wirklichkeit übereinstimmen.
Am ersten Advent gab ich mein Adventskränzchen. Ich reichte wie immer Katastrophen-Kekse, dieses Mal auch den "Bahnanschläge-von-Madrid-mit-191-Toten-Keks", den ich auf Anregung von Rafael Martinez Espinosa erfunden habe. Er hat die Form eines Brautstraußes und ist mit Zuckerblüten verziert, weil Prinzessin Letizia ihren Brautstrauß im Gedenken an die Opfer der Bahnanschläge vom 11. März auf dem Altar der Atocha-Basilika niedergelegt hat.
Cyra erzählte, daß Sándor sie interviewt hat für seine ungarische Homepage über elektronische Musik. Cyra erzählte außerdem, daß Maurice sie verlassen hat, angeblich weil es ihm nicht recht ist, daß sie in Schichten arbeitet. Das würde nicht mit seinem alltäglichen Lebensrhythmus harmonieren.
"Da kann die Liebe nicht groß gewesen sein", meinte Cyra.
"Die Liebe war gar nicht vorhanden", meinte ich.
Cyra trägt es mit Fassung. Sie ist zur Tagesordnung übergegangen und hat in der Nähe von WOB. eine Wohnung gemietet, die sie nun wieder mit Cielle teilen wird.
"Cielle und ich haben uns in den Jahren, die wir schon zusammen gewohnt haben, so selten gestritten, daß es ungewöhnlich wäre, wenn wir uns jetzt streiten würden", war Cyra zuversichtlich.
Mit ihrem früheren Freund Denny versteht sie sich nach wie vor gut; er hat ihr auch geholfen, die neue Wohnung einzurichten.
Dina-Laura hat in ihrem Spa Bay viele Kunden gewinnen können, doch wurde die Inhaberin des Hotels, die zugleich ihre Chefin ist, darüber immer unleidlicher, so daß das Arbeitsverhältnis zerbrach.
"Die Chefin ist wahrscheinlich neidisch", vermutete ich, "weil Dina-Laura viel mehr Charme hat als sie."
Über drei Ecken hat Cyra erfahren, daß die Chefin sich auch anderswo schon einen schlechten Namen gemacht hat durch ihr unleidliches Wesen. Es sei verwunderlich, wenn überhaupt jemand mit ihr auskäme.
Sándor mailte mir den Link, über den ich mir sein Interview mit Cyra anschauen konnte. Auch zwei Fotos von ihr sind dort abgebildet. Das Interview ist auf Ungarisch; ich frage Sándor, ob er mir die deutsche Fassung mailt.
Wie Sándor berichtete, ist seine Ehe mit Marena endgültig abgeschlossen. Er betrachtet die Trennung von seiner Frau mit Gelassenheit und Erleichterung. Jedoch setzte er hinzu:

Etwas bitter bin ich trotzdem, weil ich das nicht ganz so geplant habe und immer an Gute geglaubt, musste ich aber einsehen, dass es so weiter nicht laufen kann. Im Endeffekt war ich davon ganz überzeugt, dass es schon Zwang wäre, weiter zusammen zu bleiben. Auf der andere Seite sieht das meine Ex auch so. Sie ist z. Zt. in Belgien, hat einen Job bekommen, will da bleiben und weiter arbeiten, neues Leben beginnen. Amen. So muss das sein.

Sándor erstellt Internetpräsenzen als Auftragsarbeit und hofft, daraus ein zweites berufliches Standbein machen zu können. Seine Arbeit als Lehrer betrachtet er als zu unsicher und als zu schlecht bezahlt.
Sándor zeigt auf seinen eigenen Homepages außergewöhnliche Fotos; es gibt auch die Bilder von dem verfallenen Gelände der Reifenfabrik zu sehen, wo Constri, er und ich vor zwei Jahren fotografiert haben. Ihm gefällt das Bild, das ich auf meiner Domain für den Link auf seine Homepages verwende:

Danke, dass du mich verlinkt hast, das Foto kannte ich nicht, ihr habt das irgendwie unsichtbar und geheim geknipst! Toll!

Auf dem Bild ist Sándor zu sehen, wie er in einer der Fabrikhallen steht und durch ein Fenster fotografiert.
Am Dienstag waren Constri, Denise und ich abends bei Merle und Elaine. Wir hängten den Adventskalender für Elaine auf. Merle servierte ein Mehr-Gänge-Menu mit Penne und Glasnudeln, die richtige warme Mahlzeit für jemanden nach einem viel zu langen Arbeitstag. Merle und Constri finden, daß ich schlecht aussehe.
Denise sagt noch nicht "ich", sondern redet von sich in der dritten Person. Als ich zu ihr sagte:
"Bist du eine große Maus!"
- da schleppte sie eine große Plüsch-Maus herbei und sagte:
"Mau!"
Merle hat, nun ein Computer im Hause ist, das Wunder möglich gemacht und einen neuen Festnetzanschluß freischalten lassen. Jahrelang schien das unerreichbar. Merle hat nämlich 1999 einen Hellseher unter einer 0190-Nummer angerufen, und der hätte, wäre es nicht ein Scharlatan gewesen, ihr weissagen müssen, daß Schulden auf sie zukommen. Die Telekom sperrte ihr den Anschluß, weil sie die durch das 0190er-Gespräch entstandenen Schulden nicht bezahlen konnte, und als sie die Schulden endlich abgezahlt hatte, verlangte die Telekom von ihr, eine Sicherheit von 350,- Euro zu hinterlegen, was sie aber niemals aufbringen könnte. Unter dem Druck, endlich ins Internet zu wollen oder wollen gemußt zu werden - was wohl jeder Mutter beschieden ist, deren Kind ins Internet will -, beantragte Merle nach langer Zeit wieder einen Festnetzanschluß, und auf einmal wollte niemand mehr eine Sicherheit von ihr.
Elaine zeigte uns eines der kindgerechten Computerspiele, die Merle für sie besorgt hat. Es ist das Spiel zu dem Zeichentrickfilm "Mulan". Man kann Mulan Kleider anziehen und sie auf einer Wanderung durch viele Abenteuer begleiten.
Elaine versteht sich gut mit den Kindern in ihrem multikulturellen Stadtteil. Sie zählte die frechen Sprüche und Schimpfwörter auf, die sie schon auf Türkisch beherrscht. Wenn ein Kind sie auf Türkisch neckt, sagt Elaine einfach auf Türkisch "Du bist doof", und das Kind läßt sie vor Staunen in Ruhe.
Constri und Denise bekamen ebenfalls Päckchenketten als Adventskalender. Denises Kalender, der aus blau gefärbten Baumwolltaschen besteht, läßt sich nahezu unbegrenzt verwenden, weil in den Taschen ausreichend Platz für Geschenke verschiedener Größen ist. Denise bekommt in diesem Jahr ein zusammensteckbares Holzhäuschen, Bilderbücher und Kasperpuppen. In Constris Kalender kamen unter anderem Kaugummi und das Plastikhündchen aus dem Kramskrams-Automaten in Gwh. Als Constri einen plüschumhüllten PEZ-Spender in Form eines rosa Schweinchens auspackte, beschlagnahmte Denise dieses "Rr-rr" sofort als ihr Eigentum, und damit Constri das Schweinchen auch nicht, wie geplant, als Schlüsselanhänger verwenden konnte, montierte Denise den Karabinerhaken ab.
Constri hat mir einen Adventskalender in Form einer DVD geschenkt, auf der sich wie im letzten Jahr hinter jeder Zahl kleine Filmchen mit Denise verbergen. Da sieht man Denise, wie sie mit ihrem Schutzengel aus Plüsch "Hoppe hoppe Reiter" spielt und wie sie versucht, mit der Gegensprechanlage an der Wohnungstür zu telefonieren. Als sie den Hörer auflegen will, sagt sie:
"Ludldu heia."
Das soll heißen:
"Das Telefon geht zu Bett."
Sie singt das Telefon in den Schlaf:
"Schlaf, Ludldu, schlaf."
Weil sie so ordentlich ist, stellt sie ihr leeres Nuckelfläschchen in die Pfandkiste mit den leeren Wasserflaschen.
In einem der Filme singt Derek sein Töchterchen in den Schlaf. Als Denise nicht einschlafen will und ihre Beinchen unter der Bettdecke hervorschiebt, sagt Derek sein gerührtes:
"Jajaja."
Inzwischen hat sich überall Adventsstimmung ausgebreitet. Auch der Schornstein der Müllverbrennungsanlage, an der ich auf dem Weg zur Arbeit vorbeifahre, ist mit Lichterketten verziert.
In den vergangenen Jahren hat Rafa auf der W.E-Homepage einen Adventsgruß der Startseite vorangestellt. In diesem Jahr gibt es das nicht, stattdessen ist die W.E-Homepage vollständig aus dem Internet verschwunden. Lediglich das Forum besteht noch, und es wird rege besucht. Kommentare zu dem rätselhaften Verschwinden der Homepage gibt es durchaus, doch nach einem offiziellen Statement der Homepage-Betreiber sucht man vergebens.
Zum Schreiben von E-Mails habe ich inzwischen kaum noch Zeit, doch wenigstens verteilte ich E-Mails mit Adventsgrüßen und der URL des diesjährigen Online-Adventskalenders. Das Titelbild zeigt die A3, wie sie tief unten am Hang zwischen verschneiten Bäumen hindurchschimmert.
Anfang Dezember habe ich Folgendes geträumt:

In einem unterirdischen Firmengebäude, wo ich arbeitete, begegnete ich einem Mann, den ich begehrenswert fand. Ich war Teil einer Filmhandlung, und dementsprechend war auch der Mann vom Aussehen her einer Filmfigur nachempfunden, jungenhaft und mit blonder Haartolle. Entsprechend der von mir dargestellten Figur fiel es mir schwer, mich geradlinig nach meinen Wünschen zu richten, und ich ließ mich zunächst auf das Werben eines Kollegen ein, der mich zur Frau haben wollte. Mit dem Blonden hatte ich bis dahin kaum ein Wort gewechselt.
Der mich umwerbende Kollege versuchte in einem Büro, mich zu verführen. Seine Zärtlichkeiten wirkten auf mich leblos und schal. Durch eine geöffnete Tür sah ich den Blonden vorbeigehen, den Flur entlang zu der Treppe, die nach oben auf die Straße führte. Der Blonde gehörte nicht zur Firma, ich würde ihn also aus den Augen verlieren, wenn ich ihm nicht folgte. Ich löste mich aus der Umarmung des Kollegen, entschuldigte mich und lief in Strümpfen durch den Flur, denn meine Schuhe hatte ich in der Eile nicht gefunden. Als ich draußen in der abendlichen Dunkelheit auf dem geplasterten Gehweg stand, konnte ich den Blonden nirgends mehr entdecken. Die umliegenden Geschäfte hatten bereits geschlossen, nur wenige Menschen waren noch unterwegs. Da kam ein rotes Kätzchen und zog mich mit seinen Zähnen vorne am Strumpf. Ich folgte der Richtung, in die es mich zog, und es führte mich vor eines der geschlossenen Ladenlokale. Drinnen war alles dunkel, doch es war noch jemand da, denn eben öffnete sich die Glastür, und zwei junge Männer kamen heraus, der eine schloß danach wieder die Tür ab. Der andere war der blonde junge Mann, nach dem ich gesucht hatte. Die beiden kamen auf mich zu.

Wenn der Wecker nicht geklingelt hätte, wer weiß, was sich dann noch ergeben hätte ... und was ich mir davon hätte merken können.
"Gib nichts verloren, was dir wichtig ist, auch wenn es verloren scheint", so könnte eine Aussage des Traumes lauten, und eine weitere:
"Achte auf die Wegweiser, auch die scheinbar unbedeutenden."
... und eine weitere:
"Man soll sein Ziel nie aus den Augen verlieren."
Ob Rafa in dem Traum als blonder Jüngling aufgetreten ist oder ob es sich tatsächlich um einen anderen Mann handelte, kann ich schwerlich herausbekommen. Rafa ist mir in meinen Träumen schon in vielerlei Gestalt begegnet - als Terminator, als Despot, als Wildkaninchen, als Kanarienvogel und als Geldautomat.
Im Internet habe ich ein neues Stück von Rafas Vinyl-Edition gefunden, das heißt "Sprechen und Denken". Es enthält die Aussage, die Menschen würden nicht lernen, nachzudenken und miteinander zu reden. Ein Vers lautet:

Du meinst: "Ich liebe dich."
Doch ich verstehe dich nicht.

Daß Rafa mich nicht versteht, wenn ich diesen Satz zu ihm sage, will ich ihm gerne glauben.
Ivco mailte am Freitag, daß er ins "Lost Sounds" gehen wollte. Ich antwortete:

Bist du am 17.12. im "Mute" (Boytronic-Konzert)? "Lost Sounds" heute hört sich gut an, allerdings bin ich müde wie ein Stein ... ich versuch, mal bißchen mehr zu schlafen als die gewohnten 4 Stunden. Irgendwie kanns das nicht sein, daß man schlaftrunken durch den stressigen Alltag taumelt!

Als p.s. schrieb ich:

... und außerdem, morgen legt Cyra im "Byzanz" auf, der neuen Disco, wo ich bisher noch nie war. Da geh ich hin, darf aber nicht zu lange bleiben, weil ich am Sonntag ab 9.00 26 Stunden lang arbeiten muß (Bereitschaftsdienst).

Am Samstag habe ich Folgendes geträumt:

Es war Nacht. Ich befand mich in einer ehemaligen Fabrikhalle, die als Veranstaltungszentrum genutzt wurde. Die Halle war zur Straße hin offen, und draußen gab es einen weitläufigen Kreisel, umgeben von anderen baufälligen Gebäuden. Der Kreisel war belebt von Menschen, die auf Partytour waren. In der Halle waren mehrere Bekannte von mir, einer hieß Mat. Er war nett und anständig.
Rafa kam in die Halle und erzählte von seiner häuslichen Unordnung. Er hatte Murmeln mitgebracht und setzte sich vor der Halle auf den Gehweg, um sie zu sortieren. Ich unterhielt mich währenddessen mit ihm über Beziehungen.
"Wenn ich so jemamden wie Mat heiraten würde", meinte ich, "dann würde ich einen Fehler machen, denn ich mag ihn zwar gerne, aber Liebe ist etwas ganz anderes."
"Ich will überhaupt nicht heiraten", sagte Rafa. "Ich werde niemals heiraten."
Er verlieh seiner Freude Ausdruck, daß es ihm gelang, wenigstens die Murmeln zu sortieren und damit einen Teil seiner chaotischen Lebensverhältnisse zu ordnen.
"Bei mir geht es auch drunter und drüber", erzählte ich. "Da finde ich auch kaum noch durch."
Als Rafa seine Murmeln sortiert hatte, ging ich mit ihm um den Kreisel und sagte über die Ehe:
"Früher zählte die Liebe noch weniger, eigentlich gar nichts. Da heiratete man aus wirtschaftlichen Gründen oder Prestigegründen, und was die Liebe angeht, hieß es:
'Das kommt noch, das kommt.'
Aber da kommt nichts. Entweder ist die Liebe vorhanden, oder sie ist nicht vorhanden, und wenn sie nicht vorhanden ist, kommt sie auch nicht."
"Wie gesagt, heiraten will ich überhaupt nicht", betonte Rafa. "Ich heirate niemals."

Ein Fan namens "Neutron" schreibt für Berenice einen Eintrag im W.E-Forum:

nur für soraya ...
guten abend verehrteste,
wie kommt es, dass sie fast 1 jahr lang sich in bescheidenheit und schweigen hüllen?
ihr tägliches mystisches erscheinen gibt mir rätsel auf ... gibt es hier im forum kein gesprächs-/getippstoff für sie oder geben sie sich nicht mit dem schnöden forumspöbel ab?
ich kann mir gut vorstellen, dass sie auch eine meinung haben, und wir alle würden es sehr begrüssen, diese in schriftform lesen zu können/dürfen zu dem einen oder anderen thema.
herr honig, hier als "sprachorgan" vom und für das funkhaus, hat ja auch meinungen, die er der öffentlichkeit preisgibt ... teuerste, könnten sie sich auch sowas vorstellen??
in etwas sorge um die meinung der weiblichkeit(en) des funkhauses
viele grüsse

Berenice schrieb daraufhin ihren ersten Forumeintrag:

Guten Morgen, Neutron!
Ich würde ja sehr gerne mein "mystisches Erscheinen" wahren.
Natürlich gibt es hier im Forum einige interessante Themen - aber wenn ich nicht direkt angesprochen werde, überlasse ich lieber den Forummitgliedern das Wort, denn für sie ist (meiner Meinung nach) dieses Forum bestimmt.
Da Sie sich so sehr für meine Meinung interessieren, wundert es mich doch, dass Sie anscheinend meine Internetseite nicht kennen. Hier schreibe ich meine Meinung zu allem auf, was ich für wichtig und erwähnenswert erachte ...
Danke für Ihr Interesse!
Soraya

Sie nannte die URL ihrer Homepage.
Neutron antwortete:

ooho ... meine worte wurden gelesen
natürlich kenne ich die hausseite, habe sie auch genau studiert, auch wenns schon etwas länger her ist.
natürlich bleibt es jedem selber überlassen, wie/wo/wann er/sie seine/ihre meinung veröffentlicht.
vielen dank für die hilfreichen worte und herzlichen glückwunsch zum ersten eintrag
viele grüsse

Denise hat schon ihre erste Barbie, die hat Folter ihr aus seiner Sammlung abgetreten. Denise trägt die Barbie am Haarschopf mit sich herum und sagt:
"Püppi."
Als ich mir von Mauro die Haare schneiden ließ, erzählte ich ihm, daß ich beim Kaufen von Weihnachtsgeschenken auch mir selbst etwas kaufte, an dem ich beim besten Willen nicht vorbeigehen konnte - eine hellblau glitzernde Feen-Barbie mit hellblau glitzernden Haaren, Flügeln und Kleidern. Mauro erzählte, daß er sich genau dieselbe Barbie gekauft hat, weil er auch nicht daran vorbeigehen konnte. Er hat sogar noch eine weitere Feen-Barbie gekauft, die in Orange gehalten ist.
"Das Kind im Erwachsenen", stellte ich fest. "Es ist gut, wenn man das leben lassen kann!"
Am Samstagnachmittag war ich mit Gesa in HB. in einer ehemaligen Fabrik, die als Kulturzentrum hergerichtet ist. Die hohen, kahlen, schlichten Räume finde ich wie geschaffen für Ausstellungen. Giulietta stellte dort gemeinsam mit anderen Künstlern aus. Auch ihr Kalender, wo Fische die einzelnen Sternzeichen vorstellen, und das Kartenspiel, wo Fische Opernfiguren verkörpern, waren zu sehen. Ein Künstler zeigte Lampen aus ungewöhnlichen Materialien. Eine bestand aus einem Metallschirm, an dem Bestecke aufgehängt waren, die wahrscheinlich vom Flohmarkt stammten. Der Künstler spielte gemeinsam mit einem anderen Gitarre zur Untermalung. Eine Künstlerin arbeitete an einer Staffelei an einem ihrer fotorealistischen Bilder. Im Flur war ein Tisch aufgestellt, dort gab es ein kostenloses Buffet mit allem, was an einem kalten Dezembertag willkommen ist - heißen Getränken, selbstgebackenem Kuchen und Plätzchen, Fladenbrot, Oliven ...
Giulietta wurde von mir vor ihren Kunstwerken fotografiert. Sie sollte mich vor dem Schaltkasten fotografieren und meinte, das sei mal wieder typisch, da sei ich nun auf einer Kunstausstellung, und ausgerechnet vor dem Schaltkasten ließe ich mich fotografieren.
Nachts war ich im "Byzanz" und hatte das Gefühl, viel zu spät zu kommen, doch Cyra empfing mich mit den Worten:
"Gut, daß du jetzt kommst! Gerade wollte ich anfangen mit Industrial!"
Da war ich sehr erleichtert, und das Programm gefiel mir wirklich sehr gut. Cyra spielte mehrere Stücke von dem Sampler "Intensivstation". Er hat den Untertitel "16 Club-Noise-Injections". Das Titelbild ist eine Collage, auf der man ein Röntgenbild, eine Klemme, Skalpelle, eine Durchstechflasche und eine Spritze sieht. Der ebenso schrille Werbetext im Internet verspricht, mit diesem Sampler ...

... erscheint eine Kopplung, die das Treiben der Industrial-, Noise- und TechNoise-Patienten in allen Facetten ausleuchtet, und zwar bundesweit. Dafür hat ein motiviertes Team von Spezialisten, bewaffnet mit Stethoskop, Skalpell, Tupfer und Pinzette, in einer Tage andauernden Operation die 16 angesagtesten, besten und härtesten Stampfer zusammengetragen, hochgradig infektiöse Newcomer unter Quarantäne gestellt, die eine oder andere Rarität aufgetan und alles zusammen, eingebettet in ein innovatives Gesamtkonzept, auf eine randvolle Scheibe pressen lassen. Für alle noch immer Ungläubigen gibt es hier einen Erste-Hilfe-Kurs, inklusive Musiktherapie!

Cyra spielte auch "Nobody else" von dem Album "Behind the sun" von Dive. Bei diesem Album hat Rafael Martinez Espinosa mitgewirkt, der sich mit seinem Projekt "Geistform" einen Namen macht. Auf dem aktuellen Monolith-Album "15 seconds" wirkt Hilde I. mit, die Schwester von Dirk I., deren Augen sehr den Augen ihres Bruders ähneln, nur blicken sie nicht verwegen.
Hal veranstaltet mit seinem Projekt "Elektronisches Hilfswerk - Gutes tun mit Starkstrom" drei Benefiz-Festivals und eine Benefiz-Party zugunsten der SOS-Kinderdörfer, der Krebshilfe und der Tafeln für Bedürftige. Leider habe ich erst spät davon erfahren und schaffte es nicht mehr, eine dieser Veranstaltungen in meinem Terminkalender einzuplanen. Das Lineup besteht aus den Electro-Acts VNV Nation, Combichrist, [:S.I.T.D:] und Namnambulu, und wie zu erwarten, ist der Run auf die Karten gewaltig. Cyra ist bei allen Veranstaltungen dabei. Hal hält die Kosten so niedrig wie möglich, und das bedeutet, daß die Musiker im Bus schlafen und die Begleitpersonen Bahntickets aus eigener Tasche kaufen. Auch Cyra und Hals Freundin fahren mit dem Zug.
Im "Byzanz" traf ich Sarolyn. Sie trug Lackshorts, was ihr, wie ich finde, sehr gut steht. Sie meinte, es sei an der Zeit, sich das zu trauen.
Magenta und Crimson traf ich ebenfalls. Magenta berichtete, daß sie inzwischen einige Kunden hat, aber längst nicht genug, um ihr Kosmetik-Studio auf Dauer zu halten.
Magenta glaubt übrigens, daß Rafa meine Online-Geschichte heimlich doch liest, weil seine Neugier stärker ist als die Furcht von der Begegnung mit sich selbst.
Avelina und Brandon traf ich auch im "Byzanz". Ihnen rechnete ich vor, wie wenig Schlaf mir heute noch blieb, weil ich ab neun Uhr in der Frühe einen 26-Stunden-Sonntagsdienst hatte. Ich konnte mich aber von der Tanzfläche kaum trennen.
"Wenn die entsprechende Musik läuft, habe ich die roten Schuhe an", erzählte ich. "Der Unterschied zu dem gleichnamigen Märchen ist nur, daß mir das Tanzen Spaß macht."
Am Mittwoch mailte Ivco:

Schade, dass wir uns nicht getroffen haben im "Lost Sounds", der Abend war ziemlich gut. Ich habe viel getanzt. Aber ich kann immer noch nicht abschätzen, ob es Dir auch gefallen hätte. Habe die von Dir gebrannte CD mit dem "Elizium"-Lied" mitgenommen, was Xentrix auch tatsächlich gespielt hat. Leider erst zu späterer Stunde, und da waren viele schon weg, die es evtl. noch gekannt haben könnten. Von denen war ich jedenfalls der einzige auf der Tanzfläche. Dolf meinte noch, dass Xentrix damals (also als Rafa das gerade erst aufgenommen hatte) gar nicht begeistert war von dem Stück.
Am kommenden Freitag werde ich nichts unternehmen. War gestern lange in SHG. unterwegs und morgen wollen wir in die "Spieluhr" nach MI., da werde ich dann am Wochenende nichts weiter machen. Wenn ich ein- oder zweimal in der Woche nur vier Stunden schlafe, komme ich damit noch aus, aber mehr ist nicht drin! Wie schaffst Du das bloß?

Ich antwortete:

Ach, in die "Spieluhr" will ich auch mal wieder ... In der letzten Zeit habe ich es gar nicht mehr geschafft, während der Woche auszugehen, nicht einmal freitags ins "Roundhouse", das liegt an der derzeitigen 57-Stunden-Woche (sieben Nachtdienste diesen Monat, d.h. jeweils ca. 26 Stunden am Stück, und dann kommen noch Überstunden dazu). Inzwischen arbeite ich daran, Überstunden zu vermeiden. Unser Chef liebt es, Pharmareferenten nach offiziellem Dienstschluß herzubestellen, und damit wir uns deren Vorträge anhören, serviert er dazu Kaffee und Kuchen. Kaffee und Kuchen finde ich gut, aber ich sage inzwischen diese Termine ab, weil ich jede Stunde sparen muß, die ich sparen kann, im Interesse meiner Freizeit. Morgen habe ich auch schon wieder so einen ätzenden Freitags-Nachtdienst. Wenn ich heute in die "Spieluhr" gehen würde, hätte ich höchstens 3 Stunden Schlaf.
Am Samstag findet die beste Veranstaltung in L. statt, das ist das "Elektronische Hilfswerk" von Hal, ein Benefizfestival mit hinreißender Besetzung (VNV Nation etc.). L. ist mir für die Samstagnacht zu weit, da fahre ich erst Pfingsten wieder hin. Am Samstag (11.12.) fahre ich in den "Radiostern", der dieses Mal allerdings nicht so gut sein wird wie sonst, denn DJ Cyra ist bei Hal in L. Am letzten Samstag hat Cyra im "Byzanz" aufgelegt, sagenhaft!! Ich konnte mich von der Tanzfläche fast nicht losreißen. Am Sonntag hatte ich dann 26-Std.-Dienst und vorher nur 2 Stunden Schlaf, und im Dienst war es sehr stressig, da kam es mir zugute, daß ich in der Nacht zum Samstag so viel geschlafen hatte. Ich habe nicht vor, mir das Ausgehen von der Arbeit verderben zu lassen.
Daß das am letzten Freitag im "Lost Sounds" gut war, da bin ich mir sicher, und sicher hätte es mir auch gefallen, ich hab einen Sinn für Nostalgie, und Xentrix legt gern nostalgisch auf. Sag mir ruhig wieder bescheid, wenn du da hingehst. Vielleicht schaff ich das nächstes Mal. Wie gesagt, ich will mir das Ausgehen nicht von der 57-Stunden-Woche verderben lassen. Und die "Spieluhr", das muß auch alles mal wieder klappen. Ich war da so lange nicht mehr, ich vermiß das schon.
Rafa hatte im Juli angekündigt, er wird die Geschichte auf meiner Homepage lesen und mir seine Resonanz geben. Das hat er bisher nicht gemacht; ich konnte also noch nicht feststellen, ob ihm die Geschichte in ihrer jetzigen Form recht ist oder nicht. Ich hatte sie ja leicht verändert, und am liebsten würde ich sie in ihren Originalzustand zurückversetzen, denn so ist sie eigentlich gedacht, aber das würde ich am liebsten in Absprache mit Rafa machen, und Gespräche zwischen Rafa und mir sind nach wie vor unmöglich, da er 1. nicht solo ist und 2. nicht mit mir reden will. Erstmal warte ich ab, dann muß ich mir irgendwas einfallen lassen.

Ivco mailte:

Gestern in der "Spieluhr" war es eher enttäuschend. Vor zwei Wochen war ich total begeistert, aber gestern? Einerseits ganz gut, dass nicht jeden Abend dieselben Lieder gespielt werden, aber andererseits war es dann doch zu seicht. Wenigstens ein paar Leute aus "Zone"-Zeiten wiedergetroffen. À propos: heute in einer Woche soll Wiedereröffnung sein, angeblich mit alter Mannschaft! Ob auch mit altem Programm, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Aber Du bist sicherlich besser informiert als ich.
Soll ich bei Rafa wegen Deiner Netzseite 'mal anfragen? Ich kann ja seine Kommentare, so denn welche kämen, gerne an Dich weiterleiten. Vielleicht eine gute Idee, weil Ihr ja auf längere Sicht nicht ins Gespräch zu kommen scheint, vielleicht ist Dir das aber auch zu abwegig? Wenn ich helfen kann, mache ich das gerne! Da wir gerade beim Thema sind: Meines Wissens war das erste Konzert von ihnen im "Jugendhaus" in H. Ich selbst war nicht dort. Weißt Du noch Näheres? Datum, Bandname, andere Bands? Das zweite Konzert war im "Wegkreuz" in BI., meine ich, bloß wann?

Ich listete für Ivco in einer E-Mail auf, was ich nachgeschlagen hatte:

Am 22.01.1993 hatte Rafa seinen ersten Live-Auftritt, in H. im "Jugendhaus". Vor ihm spielten Priscilla Palace und noch eine andere Band. Gemeinsam mit Dolf und Rafa standen PP? auf der Bühne. Zu Beginn des Auftritts baumelte Dolf mit Augenmaske an einem Strick, umwallt von künstlichem Nebel. Später wurde er abgenommen und stand wie die anderen an einem Keyboard. Dolfs Auftritt als Erhängter ist der Auftritt, den ich als einzigen von Dolfs Auftritten als genial bezeichne. Ähnlich gut war noch der, wo Dolf in Frauenkleidern am Keyboard stand, 1996, als Rafa und Dolf beide als Frauen verkleidet in der "Halle" unter dem Bandnamen "The Face of Jesus" auftraten. Rafas damaligen Auftritt in Frauenkleidern bezeichne ich nicht nur als genial, sondern als hinreißend. Schade, daß es davon kein Video gibt.
Rafas zweiter Live-Auftritt fand (vielleicht) am 19.02.1993 im "Volvox" statt, ganz sicher weiß ich das aber nicht mehr. Er hat damals erzählt, daß Dolf auch bei jenem Auftritt einen Erhängten spielte. Rafa wollte damals gern, daß ich mitkam zu dem Konzert. Ich fragte ihn, ob er das meinetwegen wollte oder nur, um den Bus vollzukriegen, den er gemietet hatte. Er gab mir keine eindeutige Antwort. Ich glaube, lieber würde Rafa sich die Zunge abbeißen, als jemals zu sagen, daß er irgendwann und irgendwie in mich verliebt ist oder war.
Beim Nachschlagen dieser Daten fiel mir auch wieder Rafas Schilderung der dramatischen Ereignisse im Dezember 1984 ins Auge, als sein Vater von einem Tag zum anderen verstarb. Und mir wurde wieder einmal bewußt, wie wichtig es mir ist, gerade die Ereignisse Wort für Wort in dem Online-Roman "Im Netz" erscheinen zu lassen. Rafa scheint sich sehr in seinem Groll zu vergraben und wenig Verständnis dafür aufzubringen, daß gerade seine Geschichte für mich den Rang bedeutsamer historischer Fakten innehat. Wahrscheinlich kann er sich einfach nicht vorstellen, daß er mir so wichtig ist wie mein eigenes Leben. Einer seiner neuesten Verse lautet:

Du meinst: "Ich liebe dich."
Doch ich verstehe dich nicht.


Daß er mich nicht versteht, wenn ich zu ihm sage, daß ich ihn liebe, glaube ich ihm gern.
Wenn du Rafa fragen willst, ob er denn nun die Geschichte "Im Netz" gelesen hat, so kannst du das gern tun. Mag sein, daß er in Rätseln antwortet, mag sein, daß er antwortet, mit mir wolle er sowieso nie wieder irgendetwas zu tun haben. Mich würden solche Reaktionen nicht wundern. Freuen würde es mich allerdings, wenn er mir grünes Licht gibt, endlich wieder die ganze Wahrheit in "Im Netz" erscheinen zu lassen.
Verändert habe ich Kapitel 1 des Romans. Um die jetzige Fassung mit der Originalfassung vergleichen zu können, müßte Rafa nicht nur das jetzige Kapitel 1, sondern auch den geheimen Link zur Originalfassung lesen. Damit er beruhigt ist: Diesen Link kennt bislang keiner!

Ich nannte den Link und fuhr fort:

Schön, daß ich in der "Spieluhr" nichts verpaßt habe. In einem arbeitsreichen Nachtdienst am 10. habe ich mich endgültig mit dem Virus angesteckt, das durchs ganze Krankenhaus geistert. Morgens am 11. habe ich mir von einer Schwester von Station Loperamid und Metoclopramid ins Dienstzimmer bringen lassen, um den Heimweg zu schaffen, denn schließlich mußte ich ja noch von BI. nach H. zurück. Als ich zu Hause war, mußten Constri und Schwager Derek bei mir aufräumen und für mich einkaufen, ich habe den Tag wegen Fieber nur im Bett gelegen und alles abgesagt, auch den "Radiostern", und auch heute mache ich nichts, ich will ja auch niemanden anstecken. Und morgen lasse ich mich krankschreiben.
Im "Zone" ist Wiedereröffnung? Auf der "Zone"-Homepage gibt es noch keine aktuellen Infos, nur den Hinweis, daß am 27.09. Räumungsverkauf war. Mal abwarten. Ich werde Les eine SMS schreiben.
Übrigens ist es seltsam, daß Rafa ausgerechnet in dem Saal (im Jugendhaus) zum ersten Mal live aufgetreten ist, wo ich 10 Jahre vorher (1983) immer Chorproben hatte. Das Stück, das mir wirklich gut gefiel ("War Requiem" von Benjamin Britten) war zugleich das letzte, wo ich mitgesungen habe, Juni 1983 in der Backsteinkirche. Unser Part war der der "Unschuldigen Kindlein", wir standen auf der Empore. Unten im Altarraum war der Chor, wo meine Mutter damals mitgesungen hat, weil ihr das "War Requiem" auch so gut gefiel. Es gibt sogar einen Live-Mitschnitt von dem Auftritt.
Aus dem Chor bin ich im Sommer 1983 ausgetreten, weil das Klima da nicht gestimmt hat (eine Mischung aus Leistungsdruck und Konkurrenzdenken).

Ted erzählte am Telefon, daß er sich immer noch nicht getraut hat, Cary zu offenbaren, daß er in ihn verliebt ist.
"Das kannst du, wenn du nur willst", war ich überzeugt. "Viele andere halte ich für schwach, aber dich ganz sicher nicht. Du hast viel soziale Kompetenz. Wenn ich daran denke, wie du andere Leute manipulierst ..."
"Kürzlich", berichtete Ted stolz, "bei der Polizeikontrolle, ich hatte sechs Gläsken getrunken, und die Polizistin fragt mich:
'Haben Sie etwas getrunken?'
Und ich gucke ihr gerade ins Gesicht und sage:
'Nein.'
Und Bergner, der war auch im Auto und stockbesoffen und lallt:
'Sie sind aber eine süße Polizistin!'
Und ich zu ihm:
'Halt' den Schnabel, das ist peinlich.'
Da sagt die Polizistin:
'Der ist stockbesoffen.'
Und ich:
'Ja, der ist stockbesoffen.'
Und gucke ihr gerade ins Gesicht. Und da sagt sie schließlich:
'O.k., fahr'n Sie weiter.'"
"Typisch", bemerke ich. "Und jetzt erzähl' mir bloß nicht, du seist nicht in der Lage, diesen Cary wenigstens zu fragen, ob er auf Männer oder Frauen steht."
"Bei Cary geht es aber um Gefühle."
"Das geht auch bei einer Polizeikontrolle um Gefühle, das kann ich dir aber sagen. Schließlich will keiner seinen Führerschein loswerden."
"Den wäre ich doch auch nicht losgeworden."
"Mit sechs Gläschen, natürlich."
"Du, ich bin athletisch gebaut, und sechs Gläsken ...", rechnete er mir vor, stolz auf seine Figur.
Er brachte noch ein weiteres Beispiel seiner manipulativen Fähigkeiten. Als seine wichtigste Maschine den Geist aufgab, dauerte es keinen Tag, und er hatte von seiner Bank den Kredit für eine neue bekommen - 35.000,- Euro.
Am Freitag war ich im "Mute", wo Boytronic auftraten. Nach dem Konzert gestalteten Edaín und einige DJ-Kollegen das Programm und mischten auch härtere, industrielle Elektronik darunter.
Henriette war nach längerer Zeit wieder im "Mute". Sie lebt und arbeitet inzwischen auf dem Lande und hat eine einjährige Tochter. Das Blumengeschäft, wo sie früher gearbeitet hat, gibt es nicht mehr. Die Angestellten hatten dort in überlangen Schichten arbeiten müssen und kaum freie Wochenenden gehabt. In dem Blumengeschäft, wo Henriette jetzt arbeitet, gebe es auch viel Streß, aber die Beziehung zu den Kunden sei anders, jeder kenne jeden, und es gebe viele interessante Leute draußen auf dem Lande, auch Künstler.
Hagan ist nicht mehr mit Tamina zusammen. Sie hätten sich einfach auseinandergelebt. Außerdem sei Tamina sehr eifersüchtig. Sie habe beim Sommerfestival im "Read Only Memory" so auf ihn aufgepaßt, daß er kaum unter die Leute habe gehen können.
Mit Kappa unterhielt ich mich im Foyer. Ich erkundigte mich:
"Bei euch gab es einen Trauerfall, habe ich gehört, deine Oma ist nicht mehr?"
"Ja, das war ganz schön schlimm", bestätigte Kappa, "und das ist immer noch schlimm."
"Vielleicht ist sie ja noch irgendwie im Hause."
"Ja, ich habe auch das Gefühl, daß sie irgendwie noch da ist."
"Man sollte wohl auch nicht von sich verlangen, daß man einen solchen Verlust überwinden kann. Ich denke, den kann man nicht überwinden."
"Sie fehlt mir überall."
"Sie ist ja vielleicht noch da."
Kappas Großmutter ist einundachtzig Jahre alt geworden.
"Sie war cool", schwärmte Kappa. "Es ist so erstaunlich, wie eng wir über mehrere Generationen hinweg miteinander verbunden waren."
"Ja, im Grunde hattest du drei wichtige Bezugspersonen - Mutter, Vater und Oma."
"Meine Oma war wichtiger als meine Eltern. Sie war so herrlich cool ... Erst war sie ein bißchen mißtrauisch - schwarze Kleidung und so weiter ... aber irgendwann war es dann eher das Gegenteil. Wenn bei mir jemand im schnieken Anzug erschienen ist, hat sie mich nachher gefragt:
'Was war denn das für einer? War das ein Drogendealer?'
Aber wenn Leute mit rasierten Haaren zu mir gekommen sind, hatte sie gleich Vertrauen zu denen."
Kappa erzählte, daß es mit den Betreibern im "Read Only Memory" Differenzen gegeben habe, so daß er dort vorerst keine Parties mehr veranstalten werde; allerdings werde das nächste Sommerfestival wahrscheinlich wie gewohnt im "Read Only Memory" stattfinden. Er hoffe, daß sich bis dahin alle miteinander geeinigt hätten.
"Das Leben ist kompliziert, und die Menschen sind kompliziert, deshalb sollte man manchmal einfach etwas auf sich zukommen lassen", meinte ich.
Edaín erzählte, sie sei am 10.01.1998 mit Kappa zusammengekommen.
"Wenn man bedenkt, daß das jetzt schon fast sieben Jahre sind, die ich mit Kappa zusammen bin ... am 10.01. werden das sieben Jahre sein ..."
An Rafas Geburtstag am 11.01.1998 war Edaín morgens bei Kappa. Kappa hatte eigentlich vor, Rafa an seinem Geburtstag zu besuchen. Er sei aber nicht hingefahren, weil Edaín bei ihm geblieben sei.
"Den ganzen Tag haben wir nur geredet, geredet, geredet", erzählte Edaín, "und am Abend gegen neunzehn Uhr sind wir so müde gewesen, daß wir einfach ins Bett gegangen und eingeschlafen sind, ohne daß noch irgendetwas passiert wäre. Normalerweise ist das bei Disco-Bekanntschaften ja schon so üblich, daß dann doch noch etwas mehr passiert."
"Na ja, aber es war ja eben keine gewöhnliche Disco-Bekanntschaft. Ihr hattet ja einen sehr persönlichen Kontakt von Anfang an, das hatte ja nie den Charakter einer typischen Disco-Bekanntschaft."
Edaín erzählte, Ace erinnere sich noch heute mit Amusement an eine Unterhaltung mit Kappa in der Nacht, als Kappa und Edaín sich kennenlernten. Ace stand mit Kappa an einer Rundtheke im "Inferno". Die beiden erblickten auf der anderen Seite der Rundtheke Edaín. Kappa und Edaín kannten sich noch nicht. Kappa sagte zu Ace:
"Guck' mal, das ist meine nächste Freundin."
"Du spinnst doch", sagte Ace.
"Ja, guck' sie dir genau an", forderte Kappa ihn auf.
Ace ging um die Rundtheke und betrachtete Edaín.
"Du spinnst", sagte Ace, als er wieder bei Kappa angekommen war.
Wie es weiterging, ist bekannt. Edaín wurde nicht nur Kappas Freundin, sondern sie gründete mit ihm eine Familie. Kappa nahm die neue Verantwortung an; Edaín fühlt sich durch ihn sehr unterstützt und entlastet. Kappa sei der Erste, der aufspringe, wenn Maya sich nachts melde.
Danielle war mit ihrem Freund Mike im "Mute". Die beiden haben sich verlobt und wollen im Mai heiraten. Mike will zur Hochzeit eine schicke Lederjacke und eine ganz neue Jeans anziehen, in dem von ihm geliebten Rock'n'Roll-Stil. Dazu würde es passen, wenn Danielle ein kurzes Brautkleid tragen würde. Sie wünschte sich aber schon als kleines Mädchen ein klassisches langes Brautkleid mit Schleier und Diadem. Dazu würde Mikes Rock'n'Roll-Kluft nicht passen. Das letzte Wort ist über die Hochzeitsgarderobe also noch nicht gesprochen. Danielle und Mike wollen standesamtlich im Zoo heiraten; das ist seit einiger Zeit dort möglich. Danielle lobte Mike; er trinke kaum noch, benehme sich ausgezeichnet, habe sich beruflich weitergebildet und bringe gutes Geld nach Hause. Jetzt habe er es verdient, ihr Mann zu werden.
Kappa trug Edaín auf seinen Armen zur Tanzfläche und lief dort mit ihr herum, vor und zurück.
Gegen fünf Uhr früh, als ich schon dabei war, mich von meinen Bekannten zu verabschieden, kam Sanina auf mich zu, gab mir ein Küßchen auf die Wange und raunte:
"Rafa und Berenice sind nicht mehr zusammen."
"Wie kommt das?"
"Berenice hat Schluß gemacht."
"Und weshalb? Hat sie einen anderen?"
"Das weiß ich noch nicht."
"Und wann war das?"
"Erst ganz kürzlich. Also - schnapp' dir Rafa", sagte sie eindringlich. "Schnapp' dir Rafa."
"Ich tue, was ich kann."
Vor mir lag ein schwarzer Kamm auf dem Boden. Den steckte ich ein.
"Im Grunde habe ich ja auch gar nichts gegen Berenice", sagte ich zu Sanina. "Mich hat nur gestört, daß Rafa und sie ein Paar waren."
Kappa ergänzte Saninas Bericht:
"Um Gerüchten vorzubeugen - offiziell - Rafa und Berenice sind auseinander."
Am Morgen erst habe er die E-Mail von Berenice erhalten, in der sie ihre Trennung von Rafa bekanntgab.
"Die E-Mail habe ich noch nicht gekriegt", erzählte Edaín, "aber ich bin ja auch nicht im W.E-Fanclub."
"Das war aber nicht der Fan-Verteiler", erklärte Kappa, "das war ein anderer Verteiler."
Weil Kappa vor einiger Zeit angekündigt hat, ein Buch schreiben zu wollen, fragte ich nach, wann dieses fertig sein werde. Kappa erwiderte, das Buch werde er nicht allein schreiben, sondern Rafa werde über ihn schreiben, und er werde über Rafa schreiben.
"Und wann kommt das Buch 'raus?" erkundigte ich mich.
"Ich warte, bis W.E endgültig den Bach 'runtergeht, und dann kommt unser Buch", verkündete Kappa. "Wenn wir unser Buch erstmal fertiggeschrieben haben, dann werden ganz viele Leute alt aussehen, und wir werden von allen möglichen Leuten die Wahrheit ... von mir die Wahrheit nicht immer ..."
"Kappa, ich korrigiere meine Geschichte gerne", bot ich an. "Sag' mir einfach, wie es wirklich war, und ich ändere sie."
"Ich will die Wahrheit aber gar nicht sagen."
"Kappa, du mußte sie ja auch nicht sagen. Du darfst sie sagen, aber du mußt sie nicht sagen."
"Nein, ich erzähle die auch nicht."
Kappa meinte, in zehn Jahren sei das Buch wohl fertig.
"Und dann werden sich ganz viele Leute umgucken ...", freute er sich, "dann sind ganz viele Leute tot ..."
"Was mich betrifft, so gibt es da nicht viel zu enthüllen. Ich gehe auch mit meiner eigenen Wahrheit so schonungslos um, daß es da nichts Nennenswertes mehr aufzudecken gibt."
"Dich betrifft das auch überhaupt nicht", versicherte Kappa. "Das sind andere Leute, die das betrifft."
"Ich versteck' ja auch nichts. Ich verberge ja nichts."
"Nein, dich betrifft das auch ganz sicher nicht."
"Ich bin sehr neugierig auf dieses Buch."
"Ja, Rafa und ich ... 1994 ... damals ... wir haben uns ja fast jeden Tag gesehen ... Du wirst immer sehr hellhörig, wenn ich über Rafa was erzähle, nicht?"
"Ja, natürlich, das ist doch selbstverständlich."
"Ja, Rafa und ich ... damals ... 1994 ... wir waren ja fast jeden Tag zusammen, das war ein Tag in der Woche, wo wir uns nicht gesehen haben ... er hat ja dann auch immer das ganze Wochenende bei mir übernachtet ..."
"Das konnte er auch nur, weil er nicht arbeitet."
"Der Rafa arbeitet", widersprach Kappa. "Der arbeitet immer, wenn er sich ein Ziel vorgenommen hat."
"Ist es nicht so, daß er auch im Bett liegt und nichts tut?"
"Ja, halbe-halbe."
"Und wenn er sich kein Ziel vorgenommen hat, arbeitet er nicht."
"Der arbeitet ... der hat mit mir zusammen das 'Nachtlicht' aufgezogen, wir haben zusammen das Logo entworfen und ausgeschnitten. Und morgens, wenn ich noch geschlafen habe, hat Rafa schon am Synthi gestanden und immer nur drei Akkorde gespielt, nur drei Akkorde, aber in allen möglichen Variationen."
"Ihr habt Zeit miteinander gehabt. Ihr habt Zeit miteinander verbracht. Das ist das, was ich mir immer so sehr wünsche - endlich mal Zeit mit ihm zu verbringen."
"Ja, es gab einen Tag in der Woche, wo wir uns nicht gesehen haben. Wir waren fast dauernd zusammen."
"Das ist es, was ich mir wünsche - endlich mal Zeit mit ihm zu verbringen, endlich mal so etwas wie Alltag mit ihm zu erleben, einfach den Kontakt zu ihm zu haben, mit ihm reden zu können. Ich habe ihn so viel zu fragen, und ich möchte so viel mit ihm diskutieren, einfach nur friedlich mit ihm diskutieren."
"Und kein Sex?"
"Doch, natürlich. Ich will Kinder mit ihm haben, das ist doch mein ganz großer Wunsch."
"Könnte es denn auch ein anderer Mann sein?"
"Nein, auf keinen Fall. Den würde ich ja sowieso nur belügen können."
"Meinst du denn, daß das beziehungstechnisch überhaupt was würde?"
"Ja, da bin ich mir sicher. Vollkommen sicher."
"Ich kenne Rafa so gut, und ich weiß, der ist menschlich sowas von fehlerhaft ...", warnte Kappa.
"Das weiß ich, daß der viele Fehler hat", entgegnete ich, "ich kenne ihn doch. Er ist ein ganz normaler Mensch mit Fehlern und Schwächen, und ich weiß, was für Fehler das sind. Sonst könnte ich ja schlecht ein dreitausend Seiten langes Buch über ihn schreiben, wenn ich ihn nicht ziemlich gut kennen würde."
"Denkst du nicht, daß das beziehungstechnisch schwierig mit ihm wird?"
"Mir geht es nicht um das Funktionieren einer Beziehung. Mir geht es um eine Person, um einen ganz bestimmten Menschen, um ein Individuum, und das ist nicht ersetzbar."
"Willst du denn nicht, daß das endlich mal was wird? Ist es dir denn nicht wichtig, auch mal mit ihm zusammenzukommen?"
"Doch, natürlich. Aber das habe ich ja nicht in der Hand."
"Wie hältst du das denn aus? Bist du denn nicht manchmal am Verzweifeln?"
"Verzweiflung hätte keinen Sinn. Aktionismus ist fehl am Platz. Kurzschlußhandlungen und kopflose Aktionen sind fehl am Platz. Die bringen nichts. Die haben keinen Sinn. Wichtig ist, Geduld und Gelassenheit zu bewahren. Ich habe mir halt gesagt, wenn ich es nie schaffe, mit ihm zusammenzukommen, dafür kann ich dann aber auch nichts, denn ich habe wirklich alles versucht. Und dann bleibe ich halt alleine. Das ist mir sowieso klar. Wenn mir eine Sache wichtig ist, dann bin ich darin konsequent, egal was passiert. Egal was passiert. Im Grunde genommen habe ich es ja gar nicht so schlecht. Ich bin gesund, zumindest einigermaßen, ich habe nette Angehörige und jede Menge Freunde."
"Und deine Schwester."
"Ja, und meine Schwester. Und meine Nichte."
"Aber reicht das denn wirklich aus, wenn deine eigenen Bedürfnisse immer unerfüllt bleiben? Bist du denn nicht manchmal traurig?"
"Ja, sicher bin ich traurig. Ich bin immer traurig. Ich habe extreme Sehnsucht nach ihm. Aber wenn Rafa partout nicht mit mir reden will, dann kann ich das letztlich nicht ändern. Ich kann ihn nicht dazu zwingen. Wenn er das nicht will, dann will er das eben nicht.
Ich habe mir überlegt, daß es doch irgendeinen Sinn haben muß, wenn ich mir dauernd die Augen ausweine. Ich habe mal gehört, daß das gut fürs Immunsystem sein soll."
Morgens frühstückten Berit, Cennet und ich im "Nachtbarhaus". Wir wetteten, ob es außer uns noch jemanden gab, der sich an das Geiseldrama im August 1988 erinnerte, bei dem drei Menschen starben. Cennet und ich waren uns sicher, daß sich viele Menschen noch an diese Tragödie erinnern. Berit glaubte, daß das Geiseldrama längst in Vergessenheit geraten sei. Sie wollte es genau wissen, griff sich einen jungen Barkeeper und fragte ihn, ob er sich an ein Mädchen namens Silke Bischoff erinnern könne.
"Ja", antwortete der Barkeeper, "den Namen habe ich mal gehört, aber ich kann mich an das dazugehörige Ereignis nicht erinnern."
Er wollte das gleich ändern, ging zu einem Mann, der an der Theke saß, wechselte einige Worte mit ihm, kam zurück an unseren Tisch und fragte uns:
"Ist das die, die erschossen wurde? Bei dem Geiseldrama?"
"Ja, ganz genau die", bestätigten wir.
"Ich war dabei", rief der Mann an der Theke und setzte sich zu uns.
Er stellte sich vor; er sei ein Travestie-Künstler namens Belladonna; heute freilich trug er Männergarderobe. Er stamme aus K., einem der Schauplätze des Geiseldramas. Er sei damals im August 1988 durch die Fußgängerzone von K. gegangen, als es einen Menschenauflauf gegeben habe, und da habe er das Fluchtauto der Gangster gesehen. Einer der Gangster habe die achtzehnjährige Silke Bischoff, die später zu einem der Todesopfer wurde, mit sich geschleppt, ihr die Waffe an den Hals gehalten und gerufen:
"Wenn ihr nicht sofort weggeht, knalle ich sie ab, ich knalle sie ab, ich knalle sie ab!"
Belladonna erinnerte sich, daß er sich damals gefühlt habe wie ein Statist in einem schlechten Film. Er habe nicht begriffen, was vor sich gegangen sei. Überall sei Polizei gewesen.
Berit erzählte, ihre Großmutter stamme aus K. Belladonna begann, in dem dort üblichen Dialekt zu sprechen.
Als offizielles Statement vermeldet Berenice auf ihrer Homepage:

Dies war meine Rubrik rund um W.E!
Allerletzte Neuigkeiten:
Aus privaten Gründen werde ich in naher Zukunft nicht mehr länger Mitglied bei W.E sein.
Dies wird für die Band nichts ändern - eine Nachfolgerin wird sicher bald gefunden sein. Ob ich weiterhin singen werde, wird von meiner Zeit abhängen, die mein Beruf mir lässt, allerdings habe ich schon das Angebot zweier Bands erhalten ...
Ich wünsche W.E für die Zukunft viel Erfolg und dass die Mitglieder auch nur annähernd so glücklich werden, wie ich es im Moment bin!

Das läßt vermuten, daß sie einen neuen Freund hat. Wahrscheinlich hat sie gewartet, bis sich der Beginn einer neuen Beziehung abzeichnete, und sich dann von Rafa getrennt.
Was Rafas Verhalten betrifft, so vermute ich, daß er schon länger recht wenig in seine Beziehung mit Berenice investiert hat und daß sie nicht zuletzt deswegen den ersten Schritt zur Trennung tat, indem sie weit wegzog.
Rafa hat übrigens auf der W.E-Homepage bisher nichts über das Ausscheiden von Berenice bei W.E geschrieben.
Am Samstag war ich bei Ted, der seinen vierzigsten Geburtstag feierte. Unser Tanzbodenhit im Partykeller war der Elektro-Clubhit "Electronic World Transmission" von Rotersand.
Cyan stellte mir seine Frau Catherine vor. Ich aß meine Hühnersuppe am Tisch der beiden. Als ich Cyan von meinem Wunsch erzählte, mich auf Strafrechtsgutachten zu spezialisieren, meinte er, psychisch kranke Straftäter seien doch häufig Menschen, die ein Doppelleben führten - daheim der nette Ehemann, draußen ein Krimineller.
"Meistens sind die auch zu Hause auffällig", meinte ich, "und auch schon, bevor sie kriminelle Handlungen begehen."
"Ich habe auch ein Doppelleben", erzählte Cyan mit provokantem Unterton, "ich bin nämlich ein verkappter Schwuler!"
"Das stimmt", bestätigte ich in sachlichem Ton. "Aber du bist kein Krimineller. Es gibt viele Ehemänner, die homosexuelle Kontakte haben, das ist nichts Ungewöhnliches."
Cyan schien vermitteln zu wollen, daß man ihn zu Unrecht als heimlichen Schwulen abgestempelt habe. Als Catherine sich zu Freunden an den Nebentisch gesetzt hatte, sagte Cyan:
"Mit meiner Frau kannst du so reden, wie du mit mir redest. Ich habe ihr alles erzählt."
"Dann freue dich, daß du so eine Frau hast", meinte ich, "daß sie bei dir bleibt. Sei dafür jeden Tag dankbar."
"He, nicht daß wir uns hier falsch verstehen. Ich bin ein Vollblut-Hetero."
"Nein."
"Sagt die einfach 'nein'", staunte Cyan.
"Du bist kein Hetero", sagte ich. "Du stehst auf Ted."
"Oh, du bist mein Tagebuch. O.k., ich bin ein Hetero mit Ausnahme von Ted."
"Dann könnte ich auch sagen, ich bin asexuell mit Ausnahme von Rafa."
"Oh, wie kann ich dich bloß überzeugen?"
"Gar nicht."
"Ich bin nicht schwul!"
"Aber mindestens bi."
"Wenn ich meine Frau betrügen würde, würde ich sie dann eher mit einem Mann oder einer Frau betrügen?"
"Mit einem Mann, das ist doch klar. Du gehst doch in Gay-Läden und checkst ab."
"Aber die in den Schwulenszene, die sind irgendwie anders drauf als die in der schwarzen Szene, weißt du."
"Ja, die in der Schwulenszene denken nur ans F...en", sagte ich. "Und du würdest Ted auch am liebsten mal eben schnell im Nebenzimmer klarmachen. Auch wenn das hier wohl nicht so Brauch ist."
"Oh, was weißt du, was hier im Nebenzimmer, in der Sauna, schon alles los war ... frag' mal Blanca ..."
Cyan meinte, er könne nicht verstehen, weshalb der Kontakt zwischen ihm und Ted jahrelang unterbrochen war.
"Es hat etwas mit Verwicklungen um Liebe, Eifersucht und Coming out zu tun", meinte ich. "Es hatte auch mit der Beziehung zwischen Ted und Marvin zu tun."
Cyan betonte, Marvin sei heterosexuell und habe Teds Firma aus wirtschaftlichen Erwägungen verlassen. Ted könne vielleicht mit Gefühlen umgehen, aber nicht mit Geld, und Ted sei vollkommen unselbständig.
"Ted ist nicht nur im Lebensalltag, sondern auch beruflich selbständig", hielt ich dagegen. "Und seine Firma läuft."
"Der hat doch nichts außer Schulden", behauptete Cyan.
"Das kannst du doch gar nicht wissen", hielt ich dagegen. "Du hast doch gar keine Informationen über seine Finanzen."
"Der hat in diesem Jahr Insolvenz angemeldet, das heißt doch, daß er pleite ist."
"Das heißt es noch lange nicht. Ted hat Insolvenz angemeldet, weil es ihm dadurch möglich war, die Firma zu retten."
"Ted gaukelt uns allen nur etwas vor. Auch der Bank gaukelt er etwas vor."
"Ted ist ein ehrlicher Mensch. Der verwendet Notlügen nur, wenn er in eine Polizeikontrolle kommt."
Auf Teds Geburtstagsfeier war auch Sylvain. Er meinte, die Musik, die Rafa macht, gefalle ihm; leider gebe es nicht viele Bands, die heutzutage im Stil der Achtziger Jahre Musik machen. Sylvain findet, Rafas Texte seien "gar nichts"; die würden so abgehoben klingen, daß man sich fragen müsse:
"Wo lebt der Kerl?"
Gegen halb fünf Uhr in der Frühe waren nur noch Ted, Sylvain, Teds alter Kumpel Halvert und ich im Partykeller. Sylvain räumte auf, machte sauber und lachte über die absurden Sprüche, die wir drei anderen austauschten. Ted wiederholte sich mehrfach, weil er so betrunken war, daß er vergaß, was er eben gesagt hatte. Als ich ihm erzählte, daß Cyan ihn als unselbständig bezeichnete und ihm unterstellte, er sei beruflich ein Versager und könne nicht mit Geld umgehen, meinte Ted:
"Damit hätte er sich schon wieder drei Jahre Kontaktsperre verdient."
"Aber dadurch ändert er sich doch nicht."
"Ich hatte ihm extra schon drei Jahre Kontaktsperre verordnet, damit er ein bißchen davon wegkommt, mit mir was haben zu wollen", seufzte Ted, "und jetzt will er immer noch was von mir."
"Ja, daran ändern drei Jahre Kontaktsperre nichts."
"O.k., ich unternehme nichts, auch weil's für dich blöd wäre, weil du's mir ja erzählt hast."
Als ich Ted sagte, daß Cyan ihm unterstellt, die Leute in seinem Umfeld hereinzulegen und zu manipulieren und nur durch diese Fähigkeit seine Firma am Laufen zu halten, lachte Ted:
"So bin ich also, jetzt weiß ich's endlich! Kürzlich bin ich zu meiner Bank gegangen und habe denen gesagt:
'Hört mal, ich bin doof! Und jetzt könnt ihr mir einen Kredit für meine neue Maschine geben.'
Da haben die sofort gesagt:
'Na klar machen wir das!'
Jetzt habe ich 35.000,- Euro gekriegt für meine neue Maschine, und alles nur, weil ich doof bin! So einer bin ich!"
"Cyan ist einfach neidisch auf dich, weil du nicht nur mit Gefühlen, sondern auch mit Geld umgehen kannst", deutete ich. "Er kann nämlich nur mit Geld, aber nicht mit Gefühlen umgehen, und zum Ausgleich will er die Leute glauben machen, daß du nicht mit Geld umgehen kannst, damit es wenigstens etwas gibt, was er kann, du aber nicht."
In derselben Nacht fand in B. ein W.E-Konzert statt, von dem die Fans im W.E-Forum begeistert berichteten. Von einem Verschwinden Berenices aus der Band war aber nicht die Rede, so daß ich annehme, daß sie an diesem Konzert noch teilgenommen hat. Gleich am nächsten Tag änderte sie denn auch ihren Hinweis über ihr Ausscheiden bei W.E. Statt:

Aus privaten Gründen werde ich in naher Zukunft nicht mehr länger Mitglied bei W.E sein.

... steht da nun:

Bedingt durch persönliche Gründe verlasse ich nach über 4,5 Jahren nun W.E.

Öffentlich hat Rafa nie erwähnt, daß es sich bei Berenice alias "Soraya" um seine Freundin handelt. Er wird sich wahrscheinlich über die Gründe für ihr Ausscheiden ebenso herausreden, wie er es schon bei dem Austritt von Kitty getan hat. Kitty hat die Band verlassen, weil sie - so Zenza - keine Lust mehr hatte "auf das Theater". Rafa behauptete hingegen, sie sei gegangen, da sie ihr Praktikum bei seinem "Radiosender" - womit W.E gemeint war - abgeschlossen habe ...
In das Gästebuch auf Berenices Homepage hat ein W.E-Fan namens Titan geschrieben:

hallo soraya,
ich gebe zu, es war damals ein wenig komisch fuer mich, als auf einmal zwei neue bandmitglieder bei w.e auftauchten.
habe mich aber sehr schnell an die beiden damen gewoehnt :D
um so trauriger fand ich honeys ankuendigung am samstag in b. bei der hoererclub-weihnacht - Soraya verlaeszt w.e - :-(
Du hast ja hier auf Deiner page geschrieben, dass es persoenliche gruende gibt und Du im moment sehr gluecklich bist. das freut mich :-)
(mir wirst Du bei w.e sehr fehlen, und man kann diese luecke auch nicht fuellen, selbst wenn eine nachfolgerin gefunden wird. ich hoffe, man hoert noch weiterhin (auch wenn nur gelegentlich) etwas von Dir. alles gute )

Berenice vermeldet nun auf ihrer Homepage:

Aus privaten Gründen bin ich nicht mehr länger Mitglied bei W.E. Am 18.12.2004 wurde in B. während des Konzerts offiziell mein Ausscheiden bekannt gegeben.
Dies wird für die Band nichts ändern - eine Nachfolgerin wird sicher bald gefunden sein. Ob ich weiterhin singen werde, wird von meiner Zeit abhängen, die mein Beruf mir lässt, allerdings habe ich schon das Angebot zweier Bands erhalten ... Näheres wird dann hier nachzulesen sein.
Bedanken möchte ich mich vor allem bei einem wunderbaren Publikum, dessen Begeisterung immer wieder motivieren konnte! Rufe wie "Soraya, ich will ein Kind von Dir" werde ich wohl nie vergessen ;)
Die fast 5 Jahre haben mich viel gelehrt, und ich möchte all diese Erfahrungen nicht missen. Nicht zuletzt verdanke ich Menschen wie Honey unendlich viel, die mich immer wieder unterstützt haben. Besonders schön ist es, innerhalb und außerhalb Deutschlands so viele Freunde und Bekannte gewonnen zu haben, die ich hoffentlich irgendwann wiedersehen werde.
Ich wünsche W.E für die Zukunft weiterhin viel Erfolg!

Über "Tierschutz und W.E" schreibt sie:

Da ich innerhalb von W.E diejenige war, die sich für den Tierschutz engagiert (z.B. durch das Auslegen von Unterschriftenlisten während der Konzerte), wird diese Aufgabe mit hoffentlich ebensolchem Eifer von nun an Lucy übernehmen. Ich hoffe, sie erhält viel Unterstützung von Seiten des Publikums!
Ich persönlich werde weiterhin den Deutschen Tierschutzbund unterstützen, Geld spenden und Mitgliedschaften in diversen Tierschutzvereinen übernehmen bzw. die Patenschaft für einen verwaisten Elephanten in Afrika behalten, der mit jugendlichen 10 Jahren ausgewildert werden soll.

Im W.E-Forum postete Cyris:

Dankeschön!
Das W.E-Konzert war wieder mal GRANDIOS!!
Sie haben einfach Stil. Schade nur, daß Soraya geht ...

An Elaines Geburtstag waren Elaine, Merle, Constri und ich im Weihnachtsmärchen "Schneewittchen". In der Damentoilette gibt es einen Schmink-Raum, dort schminkten Elaine und ich uns nach.
Erdnußkopf hatte Elaine zwanzig Euro zum Geburtstag geschenkt, und die trug sie in ihrem Brustbeutel und kaufte sich im Theater zum ersten Mal selbst ihr Popcorn. In den folgenden Tagen lud sie ihre Mutter zu "McGlutamat" ein.
Ivco mailte einen Tag vor Heiligabend:

Hallo Hetty!
Hoffe, dass es Dir mittlerweile wieder besser geht. Danke für die vielen Infos! Aber mit dem zweiten Konzert am 19.02.1993 im "Volvox" irrst Du Dich, glaube ich. Es war zwar in BI., aber der Veranstaltungsort hieß "Wegkreuz". Ich meine, dass das das zweite Konzert war. Allerdings spielte Dolf keinen Erhängten, beide traten in Kniebundhosen und Rüschenhemden auf. Und einen Bus zu diesem Konzert gab es auch nicht. Vielleicht sprechen wir von zwei verschiedenen? Muss ich Rafa oder Dolf bei Gelegenheit 'mal fragen. Wahrscheinlich kommenden Montag (27.12.), wir sehen uns doch im "Plaste & Elaste", oder?
Im "Zone" war vergangenen Samstag wieder eine Veranstaltung. Mehr kann ich aber nicht sagen, auch nicht über das Programm und ob es sich lohnt, mittwochs hinzufahren. Ich war nicht dort, weil in SHG. wieder Tanz im "Keller" war. Und wenn hier zu Hause schon 'mal etwas los ist, will ich nicht fehlen! War auch ein rundum gelungener Abend, sogar Carole hat's gefallen (wenn es auch vielleicht nur an den Komplimenten lag, die sie bekam). Als wir darüber nachdachten, nach Hause zu gehen, wurde die Musik schlagartig besser: "Schizophrenia" (Cat Rapes Dog), "Society" (Sara Noxx), "Love Is A Kind Of Mystery" etc. - fast eine Dreiviertelstunde durchgetanzt. Der DJ kam anschließend auf mich zu und gab sich als Emanuel zu erkennen, der damals viel mit Tessa unternahm, weil er mit ihrer damaligen besten Freundin zusammen war. Konnte mich nur dunkel an ihn erinnern. Er sagte noch, dass Rafa, Dolf und ich damals seine Vorbilder gewesen seien, weil wir uns immer so schick gemacht hätten. Ich als Vorbild? Hat mich natürlich gefreut und ich nahm es als Kompliment, hätte aber nie gedacht, dass ich jemals für irgendjemanden hätte Vorbild sein können.
Wie war es denn mit "Boytronic"? Dolf war sehr enttäuscht und meinte, dass ich nichts verpasst hätte.
Also dann, hoffentlich bis Montag!
Viele Grüße und ruhige Feiertage (sofern das bei Dir überhaupt möglich ist),
Ivco

Ich antwortete:

Hi Ivco!
Ja, am 27.12. bin ich bei dem Festival im "Plaste & Elaste". Mir gehts wieder bißchen besser.
Was das "Zone" betrifft, ab und zu gibt es News darüber in einem OWL-Forum. Z. Zt. hab ich aber noch nichts ganz Aktuelles dort gefunden.
Na ja, vielleicht haben Rafa und Dolf damals zwischen dem 22.01.93 und dem 19.02.93 ihr zweites Konzert gegeben, das im "Wegkreuz" stattfand.
Ist ja schön, daß daheim bei euch in SHG. auch mal was los ist.
Boytronic fand ich gar nicht schlecht. Eine aufwendige Bühnenshow gabs zwar nicht, aber ich habe auch keine superhohen Erwartungen gehabt. Hinten in kleinen Saal ("Maximum Volume") haben Edaín und ein weiterer DJ hinreißend aufgelegt, Elektro und Industrial, so daß ich dort meistens war und fast nur auf der Tanzfläche.
Kappa hat mir erzählt, Rafa und seine Freundin sind auseinander, sie hat Schluß gemacht. Weil sie sich selbst auf ihrer Homepage als glücklich beschreibt, vermute ich, sie hat einen neuen Freund. Sie hat die Band verlassen, und Rafa hat wohl für das Konzert, das er am 18.12. gegeben hat, schnell Ersatz gefunden.
Also bis Montag!
Hetty

p.s.
Hab nochmal nachgelesen online, ich glaube, Rafa hat noch keinen Ersatz für seine Freundin gehabt am 18.12., da war sie wohl noch mit auf der Bühne. Mal sehen, ob er am 27.12. Ersatz mitbringt.
Kappa hat erzählt, daß er gemeinsam mit Rafa ein Buch schreiben will, das in zehn Jahren fertig sein soll. Er will über Rafa schreiben, und Rafa soll über ihn schreiben.

Rafa hat sich zu Weihnachten in Berenices Online-Gästebuch eingetragen. Er führt ungebrochene Harmonie vor:

Ein frohes Weihnachts-Fest und ein guten Rutsch in ein erfolgreiches, wundervolles 2005 wünscht W.E!
Die Tür des Funkhauses steht Dir immer offen.
W.E

Sowohl Rafa als auch Berenice vermitteln den Eindruck, zwischen ihnen habe es nie Mißklänge gegeben. Auch daß sie ein Paar waren, wird sorgsam verschwiegen.
Zu Weihnachten bekam Denise ein Kaspertheater. Denise wollte immerzu hinter das Theater klettern, um nachzusehen, ob sich dort wirklich die auf der rückwärtigen Pappe aufgemalte Welt befand.
Am zweiten Weihnachtstag waren Constri, Denise und ich bei Merle und Elaine zum Weihnachtsessen. Elaine schenkte Denise eine elastische Kinderkette und ein elastisches Kinderarmband. Denise sagte "Ammband" und "Kette". Sie kann auch schon "Tannenbaum" sagen.
Lana hat erzählt, daß ihr alter Freund Jamilan mit seiner Frau auf den Malediven war, kurz bevor die Weihnachts-Flutwelle einen großen Teil Südasiens verwüstete. Jamilan konnte sich das Wort "Tsunami" nicht merken. Seine Frau fragte ihn während des Urlaubs immer wieder:
"Und, wie heißt das Wort?"
Jamilan lernte nach und nach das Wort auswendig:
"Tsunami."
Als sie wieder zu Hause waren, rollte der Tsunami über Südasien, und Jamilan befürchtete, den Tsunami heraufbeschworen zu haben.
Am Montag mailte Ivco:

Hallo Hetty!
Freue mich schon auf nachher! Werde so gegen 17:15 Uhr ankommen und den Abend am Verkaufsstand verbringen. Mir macht das immer einen Heidenspaß, obwohl ich dann leider zumindest optisch vom Konzert nichts mitbekommen werde. Ersatz für Berenice ist da, bei den beiden Weihnachtskonzerten war ein Mädchen aus Obk. mit auf der Bühne. Inwieweit dieser Ersatz Rafa auch außerhalb von W.E betrifft, ist mir noch nicht ganz klar.
Am Tag vor Heiligabend war ich in Asd. (nördlich von NI.) in einer Disco names "Only One". Feiner Laden! DJ war "Dein" Les aus dem "Zone", den ich gleich darauf angesprochen habe. Mittwochs ist dort keine Veranstaltung mehr für uns, er selbst legt an drei Samstagen im Monat auf. Habe mir vorgenommen, den Flugzettel für Dich mitzunehmen, hoffentlich denke ich dran! Musik war genau mein Ding, viele alte Stücke, zwischendurch auch vier- oder fünfmal Industrial, was also noch erträglich war und von mir durchaus als willkommene Abwechslung bezeichnet wurde. Publikum auch entsprechend schwarz. Die Disco selbst hat den Charme eines alten Wirtshauses, was mir aber völlig egal ist, solange Musik und Leute stimmen.
Also dann, bis später!
Ivco




Am heutigen Abend fand im "Plaste & Elaste" das von Kappa veranstaltete Winterfestival statt. Ich trug eine Corsage mit Nadelstreifen und einem Verbindungsstück aus Netzgewebe vorn in der Mitte. Dazu trug ich den langen, weiten silberfarbenen Rock mit den Raffungen, die langen Abendhandschuhe, zwei Schärpen um die Taille, mein Domina-Halsband und eine Hochsteckfrisur mit einen Haarteil darin, von dem lange Kordelzöpfchen herunterhängen. In die Frisur hatte ich silberne und schwarze Scooby-Bänder gesteckt. Der Auftritt von [:S.I.T.D:] gefiel mir sehr; ich tanzte so viel, daß ich trotz der äußerst knapp geschnittenen Corsage nicht fror.
Dina-Laura berichtete, daß ihre ehemalige Chefin ihr einen Teil ihres Gehalts noch immer nicht gezahlt hat. Dina-Laura hat sie verklagt. Sie hat jetzt Aussichten auf eine Managerposition in der Kosmetikbranche, für sie ein Traumjob.
"Da kannst du doch deiner Ex-Chefin noch dankbar sein, daß sie dich 'rausgeworfen hat", meinte ich. "Dein nächster Job ist doch weit interessanter."
"Auf jeden Fall."
Wehmütig ist sie dennoch, da sie in den Spa Bay im Hotel so viel Arbeit und Phantasie investiert hat.
"Diese Erfahrungen kommen dir doch letztlich nur zugute", meinte ich. "Du hast doch dabei vieles gelernt, was du für dich selber nutzen kannst."
"Ja, und all die Kunden, die ich gewonnen habe! Wenn ich daran denke ..."
Ivco betreute den Merchandize-Stand für Rafa. Ich gab Ivco eine weitere CD, die ich von dem Material gebrannt habe, das er mir auf Kassette gegeben hat. Rafas neue Vinyl-Edition war schon zu haben; sie heißt "Horizonterweiterungen", und das Cover zeigt eine Fünfziger-Jahre-Reklameschönheit, wie das bei Rafa üblich ist. Die Texte und Melodien, die mir bereits von diesem Tonträger bekannt sind, deuten nicht auf Horizonterweiterungen hin.
Rafa war wohl schon im "Plaste & Elaste", ließ sich aber nicht sehen.
Bevor die Bühne für Rafas Auftritt hergerichtet wurde, spannten zwei Jungs eine schwarze Plane davor, die den Blick auf die Bühne verbarg. Ich ging mit Syre auf eine Galerie seitlich der Bühne, die ist etwa einen Meter hoch, und von ihr aus gelangt man ins "Nyltest", die Lounge des "Plaste & Elaste". Syre und ich standen am Geländer der Galerie. Unter uns konnten wir Rafa und seine Gefolgschaft beim Aufbauen beobachten. Syre hatte eine Digitalkamera dabei, und ich bat ihn, Rafa beim Aufbauen der Bühnendekoration zu fotografieren. Rafa hatte seine "Schutzbrille" noch nicht aufgesetzt, und man konnte seine Augen sehen.
"Kürzlich habe ich geträumt, ich wäre in einer Discothek, ähnlich wie diese", erzählte ich, "und ich hätte meine Spiegelreflex-Kamera dabei und würde Rafa andauernd fotografieren."
"Warum machst du es nicht wirklich?"
"Weil ich ihn nicht noch mehr zur Weißglut bringen will. Er würde mich jetzt schon am liebsten erschießen, weil er in meinem Online-Roman die Hauptrolle spielt. Da ist es mir lieber, wenn andere ihn fotografieren. Das macht ihn vielleicht nicht ganz so wütend."
Syre machte viele Fotos von Rafa und einige auch von den anderen Bandmitgliedern. Er fotografierte mit Selbstauslöser uns beide, wie wir durch das Geländer schauten, und er fotografierte mein Kostüm.
"Daß du die Bühne von der Seite fotografierst, ist was Besonderes", meinte ich, "das machen die anderen Fans nicht. Die fotografieren nur von vorne. Für deine Bilder würden die dich knutschen."
Auf Syres Bildern sieht man die Bühnendekoration teilweise von hinten, sie sind also ein Blick hinter die Kulissen.
Rafa hat Berenice durch ein Mädchen ersetzt, das wie sie lange blondierte Haare hat. Vom Typ her wirkt es weicher als Berenice. Das Mädchen mußte hinter einer Leinwand auf übereinandergestellte Bier- und Colakisten steigen; es sollte während der Show durch die Leinwand als Schatten zu sehen sein. Es zog die Pumps aus, um nicht zu stolpern. Rafa probierte lange mit dem Mädchen und den Getränkekisten herum, dennoch blieb es ein wackliger Aufbau. Rafa entschied sich am Ende für eine Lösung ohne Getränkekisten.
Unmittelbar vor dem Konzert stand Rafa mit Kappa auf der Bühne, und beide zündeten sich eine Zigarette an. Das erinnert mich an die "letzte Zigarette" vor einer Hinrichtung. Als sie aufgeraucht hatten, fiel der Vorhang.
Ein großer Teil der Besucher des Konzerts schien von außerhalb zu kommen, viele waren Mitglieder des W.E-Fanclubs. Entsprechend begeistert war das Publikum.
Rafa stellte seinen Ersatz für Berenice nicht vor und sagte auch nichts über das Verschwinden von Berenice. Lucy und das neue blonde Mädchen trugen die ewiggleichen rosa Bühnenkleider. Sie schienen playback zu singen, und die Schlagzeuge, die sie spielen mußten, schienen nicht ans Stromnetz angeschlossen zu sein.
"Sowas würde ich nie machen, mich da oben hinstellen und mich zum Affen machen", sagte Dina-Laura.
"Das würde ich auch nicht machen", sagte ich. "Ich würde mit Rafa gemeinsam musizieren, ich würde mit ihm gemeinsam singen, aber ich würde mich nicht da hinstellen und auf ausgestecktem Schlagzeug 'rumhauen und mit Spielzeugpistolen feuern. Das wäre gegen meine Menschenwürde."
"Und ich bleibe dabei, Rafa hat die Damen nach dir gestylt", sagte Revil zu mir, während er die rosafarbenen Kleider der Bandfrauen betrachtete.
Syre hatte den Eindruck, daß Rafa häufig zu mir herübersah. Das konnte freilich nur eine Vermutung sein, denn mit Hilfe einer Brille mit blauen Gläsern verhinderte Rafa, daß man genau sehen konnte, wohin er blickte.
Rafas neues Stück "Erschieß' dich" wurde untermalt durch Schüsse mit Platzpatronen. Als Rafa das Stück sang, hatte ich den Eindruck, daß er voller Aggressionen ist, aber nicht so recht weiß, wogegen. Vordergründig wendet er sich gegen TV-Superstars, Gerichtsshows und Elektrogeräte, aber ich denke, daß all dies nicht nah genug an sein Gefühlsleben herankommt, um solche Aggressionen auszulösen. Ich vermute, die wirkliche Ursache sind innere Konflikte. Vielleicht hadert er mit sich, weil ihm nicht das gelungen ist, was Retorten-Superstars vergönnt ist - ein zwar oft nur kurzer, aber umso höherer Sprung in die offiziellen Charts, verbunden mit entsprechenden Einnahmen.
Syre meinte, Rafa könne seinen Stil nicht ändern, weil seine Fans genau das sehen wollten. Es sei eben nichts fürs große Publikum, sondern eine Nischen-Musik.
Für das neue Stück "Walkman" zogen die Bandfrauen schwarze Lederhosen und schwarze Westen an und setzten sich Kopfhörer auf. Bei dem Kraftwerk-Cover "Schaufensterpuppen" gab es dieses Mal keine blauen Leute auf der Bühne. Dafür machte Rafa steife, kasperige Bewegungen, um die Puppen zu imitieren.
Beifall bekam Rafa von mir dieses Mal vor allem, weil er mit Berenice nicht mehr zusammen war. Allerdings klatschte ich nur wenig und nur mit zwei Fingern. Ich bin nach wie vor nicht einverstanden mit dem, was er auf der Bühne veranstaltet.
Nach mehreren Zugaben verschwand Rafa ins Backstage und überließ das Abbauen der Bühne den anderen Bandmitgliedern und einigen Leuten, die "Roadie"-Funktion übernahmen.
Ich tanzte zu "Folge mir ins Licht" von Melotron, "Ihr redet und atmet" von Shnarph! und "Tractor" von Combichrist. Die Tanzfläche vor der Bühne füllte sich allmählich.
Ein Junge namens Orson erzählte mir, er sei seit etwa zehn Jahren in keiner Discothek mehr gewesen und kenne weder die Band noch die DJ's. Ich sagte ihm, wie die Band heißt und daß Rafa schon seit vielen Jahren in der hiesigen Szene unterwegs ist.
Erst als die Bühne fast leer war, kam Rafa wieder zum Vorschein und räumte mit einem Jungen ein Keyboard weg. Rafa trug statt des Sakkos eine schwarze Weste, die die Arme freiließ. Ich konnte ihn nicht genug betrachten. Am liebsten wäre ich auf ihn losgestürzt, so magnetisch wirkte er auf mich. Als er einmal sehr dicht an mir vorbeigehen wollte, griff ich nach seinem Arm und sagte:
"Hi."
Rafa wich so blitzschnell aus, wie es nur einer tun kann, der mich sorgsam beobachtete und genau wußte, wo ich stand. Er schaute mir aber nie gerade in die Augen; er schien mich nur aus den Augenwinkeln zu betrachten oder mich für Sekundenbruchteile anzublicken, so kurz, daß ich es kaum wahrnehmen konnte.
Orson gab mir Kaffee aus. Er wollte mit mir tanzen. Ich erwiderte, daß die Art, wie ich tanze, nicht in einen Paartanz verwandelbar ist, daß man aber durchaus einander gegenüber tanzen kann.
Rafa lief häufig zwischen dem "Nyltest" und dem Saal hin und her. Er stellte sich zwischen verschiedene Leute an die Bar des "Nyltest", mal zu Kappa und Cyrus, mal ein Stück weiter zu Gavin und Hagan. Mehrere Mädchen, auch Lucy und der Ersatz für Berenice, waren zwischendurch in seiner Nähe. Seltener war Rafa bei Ivco am Merchandize-Stand. Einige Leute ließ Rafa in eine schwarze Weihnachtsmütze fassen, worin sich anscheinend kleine Geschenke befanden.
Edaín fragte mich, wie mein Weihnachten war.
"Echte Weihnachtsstimmung gibt es für mich ja nie", antwortete ich.
"Ach so, ja", nickte Edaín.
Zu Weihnachten werde ich besonders daran erinnert, wie sehr mir Rafa fehlt und sehr mir die Familie fehlt, die ich mit ihm haben möchte.
"Aber es freut mich, anderen etwas zu schenken", setzte ich hinzu.
Ich tanzte zu "Stukas im Visier" von Feindflug und "Der schwarze Mann" von Terminal Choice. Als neben mir ein Junge die Treppenstufen von der Galerie herunterkam und stolperte, unterbrach ich mich im Tanzen und zog ihn hoch.
Als der Merchandize-Stand abgebaut war, traf ich Ivco im "Nyltest".
"Darf ich dir meinen besten Freund vorstellen?" sagte er. "Laurence aus HD."
Laurence erzählte, daß er sich in der Kindheit mit Rafa und Ivco angefreundet hat und als Teenager mit ihnen regelmäßig ins "Black Rose" gegangen ist. Später ist Laurence nach HD. gezogen; das "Elizium" hat er nicht mehr kennengelernt.
Rafa kam mit einigen anderen Leuten mehrmals an dem Tisch vorbei, wo ich mit Ivco und Laurence stand. Rafa hatte sich einen schwarzen Wollpullover übergezogen. Zu mir hielt er stets einen großzügigen Abstand, wenn er auch hin und wieder sekundenkurz zu mir herüberblickte. Er setzte dann einen Silberblick auf, mit dem er mich sehen und dennoch durch mich hindurchschauen konnte.
"Rafa geht Konflikten aus dem Weg", sagte ich zu Ivco.
"Mit meinem Bruder ist das ähnlich", erzählte Ivco. "Der hat massive Eheprobleme, und immer wenn ich ihn darauf anspreche, hat er entweder keine Zeit, oder es ist ihm zu stressig, darüber nachzudenken."
"'Keine Zeit' ist auch Rafas beliebteste Ausrede."
"Mein Bruder blockt nur ab."
Als Rafa seinen Bekannten zum Abschied über den Tisch hinweg die Hand gab, sparte er mich aus, als sei ich nicht da. Geschäftig marschierte er von dannen, im Schlepptau das blonde Mädchen, das er als Ersatz für Berenice verwendet. Es hatte sich ebenfalls einen schwarzen Wollpullover übergezogen.
"Dann wissen wir ja, mit wem Rafa jetzt ins Bett geht", dachte ich.
Ivco hatte ein Fotoalbum dabei mit Bildern aus den frühen Neunzigern. Rafa war auf vielen Fotos zu sehen, kunstvoll gestylt.
"Rafa sieht so niedlich aus", sagte ich immer wieder. "Ihm stehen phantasievolle, außergewöhnliche Sachen viel besser als dieses steife Sakko, das er auf der Bühne anhat. Und er sollte sich endlich mal wieder die Haare über den Ohren wegrasieren."
Auf den Fotos waren auch Rafas erste Fans aus der ehemaligen DDR zu sehen, außerdem die Sängerin Tessa, Dolf und Sarolyn.
"Heute hatte Rafa ja so eine Weste an, die die Arme freiläßt", sagte ich zu Ivco. "Ich hätte ihn am liebsten auf der Stelle verspeist. Das ist wie schon vor zehn Jahren, daß ich ihn gesehen habe und gedacht habe, da steht mein Abendbrot, und ich kann nicht 'reinbeißen ... und das macht mich wahnsinnig."
"Ich kann dir immer nur denselben Rat geben: Schlag' dir Rafa aus dem Kopf."
Ich verneinte dies und äußerte die Hoffnung, daß Rafa damit einverstanden sein wird, wenn ich demnächst das erste Kapitel von "Im Netz" in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetze. Mir sei es nämlich wichtig, daß Rafa damit einverstanden sei.
"Das finde ich gut", sagte Ivco.
"Für mich ist es eine Sache der Fairness", meinte ich. "Deshalb ist mir sein Einverständnis wichtig, ob er die Geschichte nun gelesen hat oder nicht. Die Geschichte habe ich aus Liebe geschrieben. Ich hätte sie niemals geschrieben, wenn ich ihn nicht lieben würde, nie und niemals. Rafa denkt ja, ich hätte sie aus Haß geschrieben, aber das stimmt nicht. Rafa denkt auch, ich würde ihm mit der Geschichte schaden. Aber sie schadet ihm nicht, eher nützt sie ihm. Wenn er die Geschichte jemals liest, würde ihm das wahrscheinlich helfen. In einem Interview hat er mal gesagt, daß er sich selber nie begegnen will. Und in der Geschichte würde er auf jeder Seite sich selbst begegnen, und das wäre gut für ihn."
"Er will es aber nicht."
"Ist halt die Frage, warum er es nicht will."
"Na, da bist du jetzt wieder gefragt ...", spielte Ivco auf meinen Beruf an.
Seraf war die meiste Zeit damit beschäftigt, seine Freundin zu küssen. Er unterbrach sich kurz, um mir zu berichteten, daß Berenice in ER. wohnt und sich dort sehr wohlfühlt. Tatsächlich soll sie einen neuen Freund haben. Als Berenice nach einer Stelle suchte, empfahl Seraf ihr, sich in ER. zu bewerben, und das tat sie.
Seraf erkundigte sich, ob Chantal einen neuen Freund hat. Ich verneinte und erzählte, daß Chantal sich sehr verletzt fühlt, weil Seraf mit einer anderen zusammen ist. Seraf sagte dazu, er habe noch Gefühle für Chantal, aber erstens wohne sie zu weit weg, und zweitens könnte er zwar, müsse aber nicht mit ihr zusammen sein.
Als ich fortging, begegnete mir Orson vor der Tür. Ich wünschte ihm noch eine schöne Nacht. Er entgegnete unwirsch:
"Mit dir hätte ich eine schöne Nacht gehabt."
"Du kriegst mich aber nicht", erwiderte ich. "Keiner kriegt mich außer einem."
Orson ging wieder nach drinnen, und ich fuhr nach Hause.

.
.