Netvel: "Im Netz" - 16. Kapitel































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Ende Februar klingelte das Telefon nachts um viertel nach vier. Noch im Schlaf rannte ich in den Flur und nahm den Hörer ab.
"Na?" sagte eine Stimme.
"Wer ist denn da?" wollte ich wissen.
"Ja, wen gibt's denn schon, der dich um diese Zeit anruft?" fragt es vom anderen Ende der Leitung.
"Du bist es", erkenne ich.
"Ja."
"Ja, und?"
"Wie geht's dir?" erkundigt sich Rafa.
"Es ist schön, daß du da warst", antworte ich langsam und stockend. "Es war so schön."
"Und deshalb geht's dir gut?"
"Ja, es ist einfach schön, dieses Gefühl, daß du wieder bei mir warst. Jetzt habe ich meine Sehnsucht nach dir wenigstens ein bißchen gestillt."
"Und sonst? Waren die drei Tage Urlaub schön?"
"Ja, das waren sie. - Am Samstag war ich wieder im 'Elizium' ... und ich war beeindruckt von Esplendor Geometrico und De Fabriek ..."
"War Dolf da?"
"Ja, der war da."
"Und wo war ich?"
"Du warst nicht da. Wo warst du denn?"
"Auf einer Geburtstagsparty von einer alten Freundin von mir, nämlich ..."
"Luisa."
"Ja."
"Das habe ich mir fast gedacht. - Und am Freitag warst du in der 'Halle', und du hast so hübsch ausgesehen."
"Ja!" sagt Rafa fröhlich. "Ich habe die ganzen alten Sachen wieder vorgezogen, aus den Achtzigern, den Talar ... Da habe ich meine ganzen alten Bogey's-Klamotten aus dem Schrank geholt."
"Ich hätte dich so gern so gesehen."
"Tja, bis zum nächsten Mal mußt du jetzt wieder ein halbes Jahr warten."
"Ja, ich weiß, du machst das immer nur zweimal im Jahr, daß du dich so stylst."
"Vielleicht mußt du ja nicht ein halbes Jahr warten, sondern nur 'ne Woche. Aber ich mache es halt eben selten."
"Ja, das ist schade."
"Mußt du morgen arbeiten?" fragt mich Rafa.
"Ja, sicher", erwidere ich zögernd. "Warum?"
"Ah, schon gut, ist schon gut."
"Ja, warum?"
"Ach, ist schon gut."
Rafa soll wissen, wo er mich finden kann. Ich erzähle von meinen Plänen fürs Wochenende:
"Freitag gehe ich nicht weg, und am Samstag bin ich im 'Elizium'."
"Nächste Woche bin ich nicht da."
Rafa gibt auswärts ein Konzert.
"Am 10. bin ich in HB. bei 'Crucifiction' und am 11. wieder im 'Elizium'", fahre ich fort.
Mit Stolz in der Stimme zählt Rafa auf, wann und wo er in der nächsten Zeit noch überall Konzerte gibt. Vorwiegend an den Wochenenden ist er ausgebucht.
"Ich bin auf großer Tour", erklärt Rafa.
"Das merke ich schon."
"Im Juni trete ich sogar fünfmal hintereinander auf; das ist der Höhepunkt."
"Wie kommt es, daß du so viele Auftritte hast?" möchte ich wissen.
Rafa entgegnet kühl:
"Tja - der Rafa braucht Geld."
"Na, das ist doch ganz geschickt, wie du das vermarktest."
"Ja."
"Und wie wird das bezahlt?"
Ich nehme das Telefon mit in mein Zimmer und lege mich ins Bett.
"W.E nimmt pro Auftritt zwischen dreihundert und siebenhundert Mark", sagt Rafa. "Und wenn W.E bei einem großen Festival auftritt, dann sind das auch mal ... locker 'n Tausender."
"Das ist doch Einiges."
"Das reicht nicht, daß da einer kommt und sagt:
'Du, ich geb' da so 'ne Party ...'
Da frage ich ihn schon, was er daran verdient, wie hoch der Eintritt ist, wieviele Leute erwartet werden, und danach wird dann die Gage ausgerechnet."
"Dann bist du ja ein richtig geschickter Geschäftsmann", bemerke ich. "Wie gelingt dir das immer wieder, Orte zu finden, an denen du auftreten kannst? Da bist du doch wohl den ganzen Tag nur noch am Telefonieren."
"Telefonieren, das macht alles Dolf. Dolf ist nämlich mein Manager."
"Ach, der macht das."
"Ja, der macht das ganze Management. Ich mache die Musik."
"Wird Dolf denn auch bezahlt?"
"Ja, der kriegt ja sein Geld ja dafür."
"Und wieviel kriegt der so?"
"CD's und das, was ich so an Musik mache, das geht alles an mich, was ich damit an Geld verdiene. Und was Touren angeht, Auftritte, das ist ja das, was Dolf und Tessa und ich machen, das wird dann verteilt."
"Ist die Sängerin denn etwa immer noch dabei?"
"'türlich."
"Und du bist also auch immer noch mit der zusammen."
"Ja. Wir sind zusammen."
"Und du wagst es, mich anzurufen, obwohl du dich von der nicht getrennt hast."
"Wieso willst du mir verbieten, mich anzurufen, nur weil ich mit einer Frau zusammen bin?"
"Weil ich es nicht dulde."
"Wo sind meine Zigaretten?" fragt Rafa unruhig. "Ah, da."
"Ich habe dich darum gebeten, daß du es unterläßt, mit mir zu sprechen, solange du nicht solo bist", sage ich müde. "Ich will, daß du, wenn du mich anrufst, daß du dann frei für mich bist, wirklich frei, so frei, wie ich auch für dich bin."
"Das sind deine Wünsche."
"Ja."
"Und was ist mit meinen Wünschen?"
"Was wünschst du dir denn von mir?"
"Ich will dich anrufen können, wenn ich mit dir reden will."
"Ich soll dir also zur Verfügung stehen, obwohl du eine andere Frau hast", folgere ich. "Rede doch mit der, und Schluß. - Warum hast du mich überhaupt angerufen?"
"Ich muß mit dir reden", gesteht Rafa. "Ich war auf einer Rosenmontagsparty, und ich weiß keinen anderen, mit dem ich reden kann."
Ich erkundige mich danach, wie die Party gewesen ist.
"Ich hasse gute Laune", sagt Rafa leidenschaftlich.
"Aber Neue Deutsche Welle ist doch auch solche Gute-Laune-Musik", meine ich.
"Neue Deutsche Welle ist keine gute Laune", erwidert Rafa. "Aber darüber können wir uns ja eh ewig streiten."
"Das stimmt."
"Gute Laune, das ist für mich dieses 'Jetzt feiern wir Party, und alle müssen gute Laune haben'."
"Das finde ich auch fürchterlich."
"Neue Deutsche Welle ist das einzige, was deutsche Musiker hervorbringen können", behauptet Rafa.
"Pierrepoint ist nicht Deutsche Welle, sondern es ist was ganz Modernes", entgegne ich sofort.
"Das spricht ja nicht viele Leute an", meint Rafa. "Ich will viele Leute ansprechen. Und nur die Neue Deutsche Welle spricht die Leute an. "
"Das stimmt nicht. X marks the Pedwalk spricht die Leute auch an."
"Da kräht doch heute kein Hahn mehr nach."
"Wenn man möglichst viele Leute ansprechen will, bleibt meistens der Anspruch auf der Strecke."
"Das ist ja gar nicht entscheidend", findet Rafa. "Entscheidend ist, daß die Leute angesprochen werden. Ich will mein Gehirn ..."
"Verkaufen?"
"Nein, ich will mein Gehirn nicht verkaufen. Ich will es verbreiten. Ich habe etwas zu vermitteln, und das kann ich so am besten."
"So, du möchtest also vermitteln, daß es moralisch ist, was du mit mir machst", schließe ich.
"Was mache ich denn mit dir?" tut Rafa unschuldig.
"Du redest mit mir, obwohl du mit einer anderen zusammen bist."
"Da ist doch gar nichts Unmoralisches dabei", findet Rafa. "Ich bin eben mit jemandem zusammen, und gut. Und mit dir will ich eben auch reden."
"Mach' mit der Sängerin Schluß, dann bin ich immer für dich da. Dann bin ich jederzeit für dich da."
"Was hat das denn damit zu tun?" fragt Rafa trotzig. "Das hat doch damit überhaupt nichts zu tun, ob ich eine Freundin habe oder nicht, wenn ich mit dir reden will."
"Das hat sehr wohl was damit zu tun. Das habe ich dir schon x-mal gesagt. Das habe ich dir schon fünfzig- oder hundertmal gesagt, daß ich das nicht dulde, wenn du irgendeine Frau an deiner Seite hast außer mir. Ich will dich für mich alleine. Ich dulde es nicht, wenn eine andere Frau da noch ist. Ich dulde nichts und niemanden an deiner Seite außer mir."
"Sag' mal, in was für einer Zeit leben wir denn?" kommt es von Rafa. "Heute ist das eben nicht mehr so, daß man immer nur einen haben muß."
"Das hat mit der Zeit überhaupt nichts zu tun", entgegne ich rasch. "Das finde ich. Das ist meine persönliche Ansicht."
Rafa erzählt, daß es ihm auf der Fete ziemlich schlecht ging.
"Wenn du mit der Sängerin Schluß machst, stehe ich dir voll und ganz zur Verfügung, von Kopf bis Fuß", verspreche ich.
"Wenn ich nur dann mit dir reden würde, wenn ich mit Tessa nicht zusammen wäre, dann würde meistens zwischen uns Funkstille herrschen, und das will ich nicht."
"Es geht aber nicht, daß du mit mir redest, wenn du eine Freundin hast. Ich dulde keine Frau an deiner Seite außer mir."
"Dann dürften wir uns jetzt ja eigentlich gar nicht unterhalten."
"Nein, eigentlich nicht."
"Du könntest vielleicht eine gute Freundin von mir werden", meint Rafa.
"Das gibt's aber nicht", erwidere ich. "Ich bin nicht Luisa. Luisa macht das. Mit der kannst du reden, auch wenn du eine Freundin hast. Die akzeptiert das. Aber ich tue es nicht. Ich akzeptiere das nicht. Ich lasse mich nicht degradieren zu einer Gesprächspartnerin von dir."
"Ich degradiere dich nicht."
"Jedenfalls bin ich nicht irgendeine Freundin von dir."
"Sind wir befreundet?"
"Nein, wir sind nicht befreundet."
"Eben."
"Und ich will dich auch nicht einfach so als Freund."
"Als was willst du mich denn?"
"Ich will dich als Partner."
"Ich verzichte dir zuliebe darauf, dein Partner zu sein."
"Warum mir zuliebe?"
"Weil du das gar nicht aushalten würdest."
"Mit dir werde ich schon fertig", versichere ich. "Ich fühle es."
"Was fühlst du?"
"Daß wir zusammenpassen."
"Daß wir zusammenpassen!"
"Ja, wir passen zusammen."
"Du kennst also alle Milliarden Menschen auf dieser Welt?"
"Das muß ich gar nicht, um das zu wissen", gebe ich zurück. "Der einzige Mensch, der dich wirklich bedingungslos liebt, bin ich!"
"'Ich liebe dich' und so, das höre ich von so vielen Leuten - da kann ich gar nicht mehr solche Unterschiede machen", tut Rafa sich hervor. "Warum solltest ausgerechnet du da herausragen?"
"Weil ich die Einzige bin, die dich wirklich liebt und es nicht nur sagt. Aber du glaubst mir ja noch nicht mal, daß ich lieben kann."
"Ich glaube dir, daß du lieben kannst."
"Du glaubst mir nicht, daß ich dich liebe."
"Ich glaub' dir schon. Aber das ist einseitig."
"Solche Äußerungen hat es von dir schon mal gegeben", seufze ich. "Es wird Jahre dauern, ehe du mir glaubst, daß ich dich liebe. Das kann viele Jahre dauern."
"Weshalb geht es denn immer um Gefühle? Sag' mir doch lieber mal was Wichtiges voraus."
"Gefühle sind das Wichtigste, was es gibt", sage ich ernst. "Es gibt nichts Wichtigeres."
"Und wenn wir jetzt mal ... ganz übertrieben ... einfach davon ausgehen, daß es morgen einen Atomschlag gibt und die ganze Welt kaputtgeht, ist das dann nicht wichtig?"
"Doch, das ist schon wichtig."
"Wie lange lebe ich noch? Wieviele Kinder werde ich haben? Wie lange wird es die Welt noch geben? Das sind doch die wichtigen Sachen."
"Gefühle bilden die Grundlage für das, was die Menschheit sich und der Welt antut. Und meine Gefühle für dich sind für mich das Wichtigste auf der Welt. Ich liebe dich eben bedingungslos."
"Was heißt das, du liebst mich bedingungslos?"
"Ich liebe dich ausschließlich, endgültig und ganz."
Rafa sagt kurz etwas wie:
"Moment!"
Dann schweigt er. Ich höre ein seltsames Rascheln, wie es ein Stift macht, der über ein Blatt Papier kritzelt.
"Was machst du da?" frage ich.
Von Rafa kommt nur:
"Hm?"
Ich frage nicht weiter nach.
Rafa scheint mein Treueversprechen schwarz auf weiß bannen zu wollen, um es mir vorhalten zu können, wenn ich es breche. Ich schließe daraus, daß mein Gelöbnis ewiger Liebe und Treue für Rafa sehr wichtig ist und beinahe einem Ehevertrag gleichkommt.
Rafa scheint in diesem Gespräch öfter mitzuschreiben, was ich sage. Vielleicht hat er meine Taktik durchschaut. Vielleicht hat er erkannt, daß man im Kampf seine Position verbessert, wenn man weiß, was bereits geschehen ist. Vielleicht wird Rafa bewußt, wie wichtig die Erinnerung ist, und er entfernt sich von dem Vergessen-Wollen. Er muß die Vergangenheit aufnehmen in das Jetzt, und zwar nicht so, wie er sie gern gehabt hätte, sondern wie sie tatsächlich gewesen ist.
"Und wenn ich dir jetzt sage, daß Tessa mich bedingungslos liebt und ich sie auch?" kommt Rafa ein neuer Einfall. "Was willst du da machen?"
"Das ist doch eine völlig instabile Beziehung", urteile ich. "Achtmal hast du dich von ihr getrennt."
"Neunmal habe ich zu ihr wieder hingefunden", entgegnet Rafa. "Das ist doch ein Zeichen für eine absolut gute Beziehung."
"Da waren aber acht Trennungen dazwischen. Es wurde dauernd Schluß gemacht."
"Je mehr Trennungen es gibt, desto öfter findet man sich doch auch wieder."
"Das wäre wohl für dein Kind nicht so toll, wenn ihr euch alle zwei Jahre scheiden laßt und es weiß, ah, Papi ist mal wieder geschieden. Meine Eltern sind mal wieder geschieden. Und dieses Hin und Her. Das wäre doch furchtbar für dein Kind."
"Davon rede ich ja noch nicht, vom Verheiratet-Sein. Das ist ja irgendwie nicht so einfach mit der Scheidung."
"Stell' dir mal vor, ihr hättet jetzt ein Kind, und du wärst mit ihr nicht verheiratet, und du würdest dich dann fünfzigmal im Jahr trennen."
"Genau, und einundfünfzigmal würde ich dann wieder zu ihr zurückfinden."
"Meinst du, das wäre für das Kind so toll, diese ewigen Trennungen?"
"Das würde dem Kind ja nicht unbedingt auf die Nase gebunden werden."
"Aber das kriegt es mit, ich sag' es dir. Das Kind kriegt es mit. Das kriegt sehr wohl mit, wenn die Eltern sich nicht treu sind."
"Die Tatsache, daß ich neunmal zu Tessa zurückgefunden habe, auch nach Meta, das ist ja wohl der absolute Beweis dafür, daß das wirklich eine starke, tiefe Bindung ist."
Ich kann mich noch daran erinnern, wie es zu dem Verhältnis mit Meta gekommen ist. Laut Daria soll Rafa im letzten Sommer dauernd gesagt haben:
"Ich brauch' irgendeine Freundin. Ich brauch' unbedingt irgendeine Freundin."
Meta war irgendeine Freundin, und sie war Rafa außerdem noch dienlich bei den Verhandlungen mit dem Besitzer des "Future". Rafa konnte sie gebrauchen. Auf die Sängerin hatte er damals angeblich "keine Lust mehr".
"Du bist deiner Freundin nicht treu", merke ich an.
"Es ist viel harmonischer, wenn man fünf Leute liebt als nur einen", behauptet Rafa.
"Das ist dann keine reife Liebe", entgegne ich. "Die reife Partnerschaft ist monogam. Das ist nun einmal so; daran gibt es nichts zu ändern."
"Und du willst mir diese Reife vermitteln?"
"Ja. Damit du imstande bist zu einer ganz normalen Partnerschaft."
"Was ist denn, bitte schön, an uns schon normal?" fragt Rafa. "Was ist denn an uns, bitte sehr, normal?"
"Wir sind vielleicht nicht normal, aber trotzdem, man kann nur genau einen Menschen lieben wie einen Partner."
"Es ist doch etwas viel Höheres, wenn man alle Menschen liebt, alle Menschen."
"Es gibt unterschiedliche Formen der Liebe", halte ich dagegen. "Das ist nicht dasselbe, ob man einen Partner liebt oder einen Freund oder eine Schwester. Die reife Partnerschaft ist monogam, da hilft alles nichts."
"Ich schlafe mit jedem, den ich liebe, mit jedem."
"Man kann nur einen lieben."
"Du vielleicht."
"Es gibt eben eine bestimmte Art der Zuneigung zwischen Mann und Frau, und das ist nicht dieselbe wie die zwischen Freunden. Und du kannst offenbar nicht unterscheiden zwischen Freundschaft und Liebe."
"Liebe fängt bei mir viel später an", erklärt Rafa. "Die fängt bei mir viel später an."
"Wo fängt sie denn bei dir an?"
"Die fängt da an, wo neue Räume entstehen und wo sich die Gedanken des einen mit den Gedanken des anderen zu etwas ganz Neuem verbinden. Da fängt Liebe für mich erst an."
"Was für eine theoretische Definition", bemerke ich. "Liebe ist ein Gefühl, nichts Theoretisches. Liebe fühlt man. Aber ich weiß, daß dein Verhältnis zu dem, was du als Liebe bezeichnest, reichlich zwiespältig ist."
"Hast du denn nie mit jemandem geschlafen, einfach nur, weil du Lust auf ihn hattest?"
Ich will Rafa sagen, daß diese Bedürfnisse für mich immer mit Liebe verbunden sind. Aber er läßt mich nicht ausreden.
"Du kannst gar nicht wissen, was Sex ist", fällt er mir ins Wort. "Du hast Sex nie gehabt. Deshalb kannst du auch keine sexuellen Bedürfnisse haben."
"Ich habe sehr wohl ..."
"Du weißt ja gar nicht, was Sex ist!" wird Rafa zunehmend aufgebracht. "Du hast noch nie welchen gehabt! Du hast gar keine Ahnung davon! Du weißt überhaupt nicht, wovon du redest!"
"Ich kann etwas, was andere nicht können. Ich kann dir etwas geben, was andere dir nicht geben können."
"Was kannst du mir denn geben?"
"Also ..."
"Ja! Und? Ja, nun sag' schon! Nun sag' schon!"
"Du läßt mich nicht ausreden", stelle ich fest.
"Ja, was ist?" unterbricht mich Rafa mit seiner Unschuldsstimme. "Nun sag'! Nun sag'!"
"Darf ich dann vielleicht mal ausreden?"
"Ja, Mensch, was issen? Nun sag' schon endlich!"
"Also, jetzt hörst du mal ganz hübsch zu, ja?"
"Ja, ja, ich hör' dir zu."
"Also ..."
"Also, was ist nun? Was ist nun?"
"Du bist jetzt mal leise und läßt mich ausreden", sage ich streng.
"O.k., jetzt bin ich fünf Minuten ruhig", verspricht Rafa.
"Na, fünf brauchen es nicht sein; es reichen auch zwei."
"Ach? Nur zwei Minuten für so eine wichtige Sache?" fragt Rafa argwöhnisch. "Ich dachte, das ist eine wichtige Sache."
"Na gut. Wenn du möchtest - fünf ... Es ist so, daß meine sexuellen Bedürfnisse ...", setze ich wieder an.
"Ich weiß!" ruft Rafa. "Ich weiß! Deine sexuellen Bedürfnisse bestehen darin, daß du neben mir liegen willst und mich streicheln willst wie einen Hund!"
"Eben nicht. Also ..."
"Ich will nur wissen, was kannst du, was ich nicht kann?"
"Rafa? Du wolltest mir nicht dazwischenquatschen."
"O.k., eins zu null für dich."
"Also - Sex ..."
"Ja, ja, was du mit Sex schon meinst!"
"Ich habe sehr wohl sexuelle Bedürfnisse ..."
"Ja! Ich weiß!" ruft er dazwischen. "Du willst mich anfassen wie einen Hund! Du willst mich streicheln wie einen Hund und dich einfach nur neben mich legen! Ja! Ja! Ich weiß!"
"Jetzt sei endlich mal leise und laß' mich ausreden!"
"Ja, dein Hund soll dich ausreden lassen! Dein Hund soll ruhig sein!"
Rafas Stimme ist voller Vorwürfe. Er läßt mich kaum ein Wort zuendesprechen. Es hört sich an, als sei ich schuldig an seinem Verderben. Es hört sich an, als laste die ganze Verantwortung für sein zerstörtes Menschenleben auf meinem Gewissen. Es hört sich an, als hätte Rafa nach langer Suche in mir denjenigen gefunden, den er anklagen darf, den er zur Rechenschaft ziehen kann für die Qualen, die er erduldet. Wie sehr muß Rafa nach einer Gerechtigkeit verlangen, die Strafe bringt für das, was ihm angetan wurde ... und was muß ihm angetan worden sein ...!
Immer wenn ich ansetze, Rafa zu erklären, was ich kann und was er nicht kann, redet er mir dazwischen.
"Ja, nun sag' schon!" fordert er. "Nun sag'! Ja, ja! Nun fang' an!"
"Du läßt mich nicht ausreden ..."
"Ja, sag' schon, fang' an!"
"Also ..."
"Ja, ja! Und? Und? Und?"
"Du läßt mich nicht ausreden. Jetzt hältst du mal deinen Mund und hörst zu!"
Rafa fährt mir wieder dazwischen. Er überschlägt sich schier.
"Ich weiß, warum du mich nicht ausreden läßt!" rufe ich schließlich, so laut, daß ich seinen Redeschwall übertöne. "Du läßt mich nicht ausreden, weil du nicht hören willst, was ich dir sage! Weil du dich fürchtest vor der Wahrheit! Weil du die Wahrheit nicht hören möchtest! Es ist nämlich so: Du ärgerst dich grün und blau, weil du mit mir nicht ins Bett gehen kannst! Du bist völlig wild auf mich! Du ärgerst dich total darüber, daß du es nicht schaffst, mich ins Bett zu kriegen! Und deshalb, deshalb quälst du mich jetzt!"
"So? So?"
"Jawohl!" rufe ich und werde mir sicherer und sicherer. "Deshalb quälst du mich, weil du es nicht verwinden kannst, daß du es nicht schaffst, mich ins Bett zu kriegen!"
"Sag' mal, findest du das nicht irgendwie ziemlich arrogant, was du da sagst?"
"Das ist die Wahrheit! So ist es nämlich! Deshalb bist du dauernd mit dieser Schlampe zusammen, weil du dich darüber ärgerst, daß du mich nicht kriegst! Deshalb vögelst du mit dieser Schlampe, um dich da abzureagieren, und du knallst dich zu mit Alkohol und mit Drogen und mit Sex, um zu vergessen, daß du mich nicht kriegen kannst! Jawohl, das weiß ich ganz genau!"
"Und? Du vernichtest dich doch auch - durch deine Liebe", erwidert Rafa. "Das ist ja auch nichts anderes als Drogen und Alkohol."
"Liebe baut einen doch auf. Das macht einen doch nicht kaputt."
"Gucken wir uns doch beide mal im Spiegel an, und dann sagst du, du liebst mich."
"Ja, ich liebe dich."
"Wir leben doch auf zwei ganz verschieden Ebenen", will Rafa mich verunsichern. "Wir passen gar nicht zusammen."
"Ich denke schon, daß wir zusammenpassen. Du kommst doch immer wieder zu mir, weil du Sehnsucht nach mir hast."
"Wie kommst du denn darauf, daß ich Sehnsucht nach dir habe?"
"Das merke ich daran, wie du dich mir gegenüber verhältst. Ich brauche dir nur in die Augen zu schauen, dann weiß ich es. Ich brauche nur dein Verhalten zu beobachten, dann weiß ich es."
"Was siehst du denn in meinem Verhalten?"
"Daß wir zusammenpassen."
"Ich habe doch mit dir nie etwas gehabt", meint Rafa. "Niemals ist was zwischen uns gewesen."
"Das sehe ich aber ganz anders."
"Wieso? Was war denn zwischen uns? Was war denn schon zwischen uns?"
"Ich weiß, für dich fängt das alles erst beim Coitus an. Für mich aber fängt das schon viel eher an."
"Wo ist denn die Grenze? Wo ist denn die Grenze?"
"Ich weiß wohl, daß du mit jedem schlafen kannst. Theoretisch kannst du mit jedem ins Bett gehen. Mit allen kannst du schlafen. Du wirfst deinen Körper der Öffentlichkeit vor. Jeder kann mal mit dir. Jeder darf mal im Karussell 'Rafa' fahren."
"Bist du noch da?" fragt er etwas ängstlich, als es in der Leitung knistert.
"Ja, sicher bin ich noch da", antworte ich ruhig. "Meine körperlichen Bedürfnisse und meine Seele, meine Gefühle, die sind untrennbar miteinander verbunden. Und deshalb habe ich auch nur das Verlangen nach einem Menschen, den ich liebe. Und ich habe niemals nach irgendeinem anderen Menschen körperliches Verlangen. Körper und Seele sind bei mir fest miteinander verkoppelt. Bei dir dagegen sind sie zum Teil völlig voneinander abgekoppelt. Also, das körperliche Verlangen und die Gefühle sind teilweise völlig voneinander getrennt. Und deshalb kannst du auch mit irgendwelchen Leuten schlafen. Natürlich ist dieser Konservensex immer ein flaues, leeres, nie wirklich befriedigendes Erlebnis. Das ist mehr eine lokale körperliche Befriedigung, die man dadurch erreicht. Das ist niemals ein wirkliches Glück. Das kommt eben wirklich nur von der Sexualität, die mit der Liebe verbunden ist. Da hast du deinen Schaden. Und du hast einen gewaltigen Schaden. Das ist dein wunder Punkt. Da hakt es bei dir. Da hakt es ganz furchtbar bei dir. Das sind ganz schlimme Brüche bei dir. Du hast Angst vor Gefühlen, weil du Angst vor Enttäuschungen hast. Du hast Angst davor, wirkliche Gefühle für jemanden zu haben, weil es auch Abhängigkeit bedeutet, eine positive Abhängigkeit. Aber jede Abhängigkeit birgt eben die Gefahr der Enttäuschung. Und du kannst eben gerade die Enttäuschung nicht verkraften. Ich würde dich niemals enttäuschen, aber du hast halt Angst davor. Du könntest es nicht ertragen, von mir enttäuscht zu werden."
Während ich rede, raschelt Rafa seltsam mit dem Telefon herum. Ich frage mich, was er damit alles so anstellt. Er muß sehr aufgeregt sein.
"Sex mit einem Menschen, den man liebt, heißt, daß man sich ganz gibt", erkläre ich. "Das heißt Hingabe. Und dazu bist du nicht fähig. Und das, was du nicht kannst und was ich kann, das ist, daß ich frei bin, mich bedingungslos, ausschließlich und endgültig für dich zu entscheiden. Und du hast vor Entscheidungen Angst. Du kannst dich immer nicht entscheiden."
"Eine Frage mal", unterbricht mich Rafa. "Das wollte ich jetzt nicht wissen. Mich interessiert jetzt nur, was du für mich tun kannst, das andere nicht für mich tun können."
"Ich kann dir insofern helfen, als ich dir dabei helfen kann, dein Gefühlsleben und deine Sexualität wieder zusammenzubringen und dadurch wirkliches Glück zu empfinden."
"Du bist ja nur neidisch darauf, daß du mein Verhältnis zur Sexualität nicht hast."
"Ich freue mich darüber, daß ich so ein Verhältnis zur Sexualität nicht habe."
"Außerdem - was hast du schon für eine Ahnung von meiner Sexualität?" fragt Rafa. "Seit zweieinhalb Jahren habe ich nur mit einer einzigen Frau geschlafen, und zwar mit Tessa."
"Du hast auch mit Meta geschlafen."
"Stimmt, die auch noch."
"Siehst du, und mit Kappa hast du auch geschlafen."
"Woher willst du das wissen?"
"Oder du hast ihn doch zumindest befriedigt."
"Woher weißt du das?"
"Das hast du mir selbst erzählt", rufe ich ihm ins Gedächtnis zurück. "Außerdem bist du zwischendurch nicht nur mit Meta, sondern auch noch mit Velvet zusammengewesen."
"Das ist nicht wahr."
"Doch, Schatz. Du warst mit ihr zusammen."
"Nein, Schätzchen. Ich habe mit Velvet nichts gehabt."
"Doch, doch. Das war im Dezember '93. Da hast du mir selber gesagt, daß du mit ihr zusammen bist." "Wenn das für meine Zwecke günstig war, habe ich dir auch Sachen erzählt, die nicht stimmten", gesteht Rafa.
"Du hast mir also bewußt und absichtlich Lügen erzählt."
"Ja."
"Du hast dich nie zu mir bekannt."
"Zwischen uns war ja auch nie was."
"Wir lagen nebeneinander im Bett und haben uns umarmt und gestreichelt und geküßt ..."
"Ich habe dich doch da nur abgeschreckt", behauptet Rafa. "Ich will dich abschrecken, indem du glauben sollst, daß ich nur auf Sex aus bin."
"Das stimmt nicht, daß du nur auf Sex aus bist."
"Was muß ich denn noch tun?" fragt Rafa. "Ich habe jetzt zweieinhalb Jahre lang mit Tessa was und dann auch noch mit Meta und mit Kappa ... Wie weit muß ich denn noch gehen?"
"Du kannst gehen, so weit du willst."
"Ich kann also mit dir machen, was ich will?" fragt Rafa entsetzt.
"Nein, nein", antworte ich schnell. "Du kannst mit mir nicht machen, was du willst."
"Was würdest du denn tun, wenn ich Tessa jetzt heiraten würde und sie ein Kind von mir hätte?"
"Ich wußte es! Ich wußte es!"
"Womit wir schon fast bei der Wahrheit wären."
"Dann ... dürftest du mit mir so lange nicht reden, bis du von ihr geschieden wärst und dich von deinem Kind getrennt hättest", sage ich bestimmt und voller Wut. "Ich verlange von dir, daß du dich für immer von der Sängerin trennst und daß du dich auch von deinem eigenen Kind trennst. Es gibt noch mehr Jungs, die uneheliche Kinder haben oder geschiedene, und die mit den Müttern ihrer Kinder nicht mehr zusammen sind. Du mußt ein Opfer bringen. Du mußt ein schweres Opfer bringen. Du mußt dich von deinem eigenen Fleisch und Blut trennen. Ich verlange das."
"Soll ich das tun für dich?"
"Ja. Du sollst das für mich tun."
"Was?" fragt Rafa ungläubig. "Ich soll das tun, bloß weil du eine fixe Idee hast?"
"Das ist keine fixe Idee. Das ist die große Liebe."
"Aber doch nur auf deiner Seite."
"Du glaubst mir nicht. Du glaubst mir nicht."
"Natürlich glaube ich dir. Natürlich glaube ich dir."
"Wenn auf deiner Seite überhaupt nichts wäre, keine Gefühle für mich, dann hätte ich zu dir nie so eine tiefe Beziehung aufbauen können, wie ich sie habe. Du kannst dich nur nicht für mich entscheiden. Du hast Angst vor Entscheidungen. Du hast Angst davor, dich zu entscheiden."
"Ich habe mich für Tessa entschieden."
"Gut, dann ziehen wir einen Schlußstrich unter das Ganze. Dann bleibst du bei der Sängerin und redest nicht mehr mit mir, und ich weiß dann eben, daß meine große Liebe fern von mir ist und daß ich sie nicht erreichen kann."
"Weißt du, was ich hier in meiner Hand halte?"
"Ja, was?"
"Ein Schweizer Messer", sagt Rafa. "Und ... was ist, wenn ich mir jetzt damit die Pulsadern aufschneide?"
"Dann wäre mein Leben vorbei. Mein Leben endet mit deinem. Dann hätte mein Leben seinen Sinn verloren."
"Ach."
"Du willst dir also die Pulsadern aufschneiden?"
"Ja. Muß das Messer nur noch aufklappen ... so ..."
"Welches Gefühl bringt dich dazu, dich umbringen zu wollen?"
"Weiß ich nicht."
"Aber das mußt du doch wissen, was du für ein Gefühl hast."
"Ich weiß es aber nicht."
"Ich habe mich immer davor gefürchtet, daß du suizidal wirst."
"Theoretisch ist doch jeder in der Gefahr, sich umzubringen", meint Rafa.
"Ich bin nicht selbstmordgefährdet", entgegne ich. "Bei mir besteht nicht die Gefahr, daß ich mich umbringe, weil ich weiß, daß du mich brauchst. Und da würde ich nicht auf den Gedanken kommen, mich umzubringen. - Hast du schon mal versucht, dich umzubringen?"
"Ja."
"Wie oft?"
"Zwei-, dreimal."
"Wann?"
"Einmal war das mit acht oder neun Jahren, einmal ... ich glaub', mit zwölf Jahren, und einmal ... weiß ich nicht."
"Dann war deine Familie also doch keine heile Familie."
"Den Himmel hat man doch eh nur dann, wenn man auch die Hölle gehabt hat."
"Dann war deine Familie also Himmel und Hölle."
"Es kann einem ja nur gut gehen, wenn es einem vorher schlecht gegangen ist."
"Dazu muß ich dich dann bei Gelegenheit noch weiter fragen", kündige ich an. "Über deine Familie muß ich mit dir noch näher reden. Da müssen wir noch dran arbeiten. - Warum faßt du überhaupt den Gedanken, dich umzubringen?"
"Wegen einer Person, die mit 'H' anfängt."
"Also wegen mir."
"Ja."
"Weshalb willst du dich wegen mir umbringen?"
"Weiß ich nicht."
"Ich liebe dich, und du bist der Einzige, für den ich solche Gefühle habe."
"Ich bin nicht der Einzige."
"Wie kommst du darauf, daß es da noch irgendjemand anderen gibt?" frage ich wütend.
"Es gibt mehrere Leute, die erzählen, daß du zu ihnen genau das gesagt, was du eben zu mir gesagt hast", behauptet Rafa. "Und die erzählen mir das unabhängig voneinander."
"Mein Gott, du bist der Einzige, zu dem ich jemals gesagt habe: 'Ich liebe dich'!" beteuere ich und komme mir vor wie Desdemona. "Es gibt sonst niemanden!"
"Das ist ja an sich gar nicht so schlimm, wenn du anderen Leuten auch sagst, daß du sie liebst", wird Rafa zynisch. "Das ist ja gar nicht so schlimm. Da drehe ich dir ja gar keinen Strick draus."
Da komme ich erst recht in Fahrt.
"Du glaubst mir nicht!" rufe ich. "Das ist eine absolute, unverschämte Lüge, was diese Leute über mich verbreiten!"
"He, das ist doch überhaupt kein Beinbruch für mich, wenn du irgendwelchen Leuten sowas erzählst."
"Jetzt hör' aber mal her! Das ist eine unverschämte Lüge, was diese Typen da über mich erzählen! Und du glaubst das!"
"Die haben das wortwörtlich so erzählt. Das kann einfach nicht sein, daß die das erfunden haben."
"Hier wird eine Intrige gegen mich gesponnen, eine ernste Intrige. Und ich muß wissen, wer diese Intrige in die Welt setzt!"
Rafa rückt damit heraus, daß drei verschiedene Leute angeblich unabhängig voneinander behauptet haben sollen, ich hätte ihnen meine Liebe gestanden. Ihre Namen will er nicht preisgeben.
"Ich finde es entsetzlich, daß über mich diese unfaßbaren, unverschämten Lügen verbreitet werden!" rufe ich außer mir.
"Das kann doch nicht sein, daß drei Leute unabhängig voneinander sagen, du hättest zu ihnen genau das gesagt, was du jetzt zu mir sagst", meint Rafa. "Die können doch nicht hellsehen."
"Ich kann das erklären. Ich erkläre dir das jetzt auch, wie das zustandekommt."
Rafa fällt mir dauernd ins Wort. Ich schaffe es kaum, einen Satz zuendezusprechen.
"Ich kann dir das ganz genau erklären, wenn du mich nur ausreden läßt", fange ich noch einmal an.
Für einen kurzen Augenblick verschaffe ich mir Gehör.
"Ich kann dir das genau erklären", wiederhole ich. "Es gibt eine Menge Jungs, die auf mich geil sind."
"Wer denn?" fragt Rafa schnell. "Wer denn?"
"Der Fechtner, der Sockenschuß ..."
"Ja, und? Und wer noch?"
"Ja, wer noch? Ich weiß nicht. Zum Teil kenne ich die auch gar nicht. Ich weiß nur, ich bin ein Typ Frau, auf den eben viele Jungen abfahren. Es gibt eine Menge Jungen, die wild auf mich sind und mit mir schlafen wollen."
"Bin ich auch einer von denen?"
"Du liebst mich; das ist was anderes. Du willst mit mir schlafen, weil du mich liebst. Und die anderen wollen nur mit mir schlafen aus dem Grund, aus dem die mit anderen auch schlafen. Also, wer ist es - Ivo Fechtner ... der Sockenschuß ... und wer ist der dritte?"
"Du hast noch keinen aus meiner Reihe genannt."
"Etwa Dolf, dieser komische Gartenzwerg?"
"Dolf ist kein Gartenzwerg."
"O.k., ist ja gut", lenke ich ein. "Ich kenne ihn nicht. O.k., ist gut. Ja, aber vielleicht ... Darryl?"
"Wer ist Darryl?"
"Ach, das ist doch dieser Detlev. Oder - oder - ich hab' keine Ahnung; ich glaub' nicht, daß Detlev auf mich geil ist. Ich hab' keine Ahnung."
"Du hast einen noch nicht genannt", sagt Rafa. "Was ist ... zum Beispiel ... mit Kappa?"
"Was!" rufe ich entsetzt. "Kappa hat über mich verbreitet, ich hätte gesagt, ich würde ihn lieben? Ha! Das gibt's doch nicht! Ha! Der! Ha! Der! Ha! Ha!"
"Nein, Kappa hat das nicht gesagt", beruhigt mich Rafa. "Kappa hat das nicht gesagt. Ich will hier keine falschen Gerüchte in die Welt setzen. Ehrlich. Kappa hat das nicht gesagt."
"Aber wer war's dann?"
"Ich tratsche nicht, und deshalb will ich die Leute nicht preisgeben."
"Du glaubst mir einfach nicht. Du glaubst mir einfach nicht. Ich habe das nie und nimmer ... Du bist der einzige Mensch auf der ganzen Welt, und du bist der einzige Mensch in meinem ganzen Leben, zu dem ich jemals gesagt habe, daß ich ihn liebe. Du bist der Einzige, zu dem ich jemals gesagt habe: 'Ich liebe dich'. Es gibt sonst niemanden. Nochmal - wer sind diese Leute, die diese Lüge über mich verbreiten?"
"Drei Leute sind es", wiederholt Rafa, "und von einem weißt du noch nicht mal den Namen richtig. Und alle drei haben gesagt:
'Ja, mit der bin ich auch schon mal zusammengewesen.'"
Mehr bekomme ich aus Rafa nicht heraus. Selbst das Raten bringt mich nicht weiter. Einmal erwähnt Rafa bei unserem Wortgefecht Laura.
"Was?" rufe ich. "Laura hat über mich verbreitet, ich hätte zu ihr gesagt, ich würde sie lieben?"
"Nein!" ruft Rafa schnell. "Vergiß' das! Vergiß' das! Ich will hier keine Gerüchte in die Welt setzen."
Ich zernage ihn bis auf die Knochen, aber er bleibt standhaft.
"Ich sehe, du glaubst mir nicht!" rufe ich schließlich und bin vor Wut ganz erschöpft. "Und das, daß ich angeblich andere Leute noch liebe, das nimmst du als Rechtfertigung dafür, dieses dreckige Schwein zu schwängern und zu heiraten!"
"Sag' mal, wen meinst du jetzt - wie kommst du dazu, sie so zu nennen?"
"Diese Frau ist mir widerlich, und ich weiß auch, warum."
"Warum?"
"Nach dem, was die mir schon getan hat, weiß ich's."
"Das, was sie dir getan hat, ist noch das Netteste gegen das, was du jetzt über sie sagst."
"Das ist doch selbstverständlich, daß mir eine solche Person widerlich ist, daß ich eine solche Person abstoßend finde."
"Tessa gibt mir das, was du mir nicht geben kannst. Tessa gibt mir das, was ich von einer Frau erwarte. Und das kannst du mir nicht geben."
"Sicher, sie kann mit dir schlafen. Aber mehr kann sie auch nicht. Und das ist ja das Rechte für eine, die nichts geben kann als Sex ..."
"Das ist nicht wahr!" ruft er. "Das ist nicht wahr!"
"... und die nur mit dir ins Bett gehen kann und sonst nichts", fahre ich unbeirrt fort. "Das ist doch einfach - wenn sie sich an dich binden will, dann braucht sie dir nur ein Kind unterzuschieben. So eine Frau muß nur mal die Pille vergessen. So einfach ist das. Wenn sie einen Mann an sich fesseln will, muß sie nur mal die Pille vergessen."
"Kannst du was für dich behalten?"
"Ja. Ich kann etwas für mich behalten. Was ist es denn?"
"Kannst du es auch wirklich für dich behalten?"
"Ja."
"Es gibt kein Kind zwischen mir und Tessa."
"Was!" rufe ich laut. "Es gibt kein Kind zwischen dir und der Sängerin?"
"Nein."
"Oh, Gott sei Dank!" schluchze ich. "Oh, Gott sei Dank! Ich bin ja so erleichtert!"
"Es wurde abgetrieben."
"Oh, ich bin ja so erleichtert! Was glaubst du, was ich geweint habe deswegen! Das war so ein Alptraum für mich! Immer dieser dunkle Schatten im Hintergrund! Das Kind hätte mir so leid getan. Ich bin echt so erleichtert, das gibt's gar nicht."
"Das Kind gab es aber. Das Kind war wirklich da."
"Ich wußte, daß es da war! Ich wußte es! Ich wußte es!"
Mein hemmungsloses Schluchzen scheint Rafa mehr anzurühren, als ihm lieb ist.
"Das ist wohl ... eine ziemlich gute Nachricht für dich, nicht?" fragt er betont sachlich.
"Oh ja, das ist es!" rufe ich und schluchze weiter. "Was glaubst du, was ich für eine Angst davor hatte ..."
"Also, beruhigen wir uns jetzt wieder? Beruhigen wir uns jetzt wieder?"
"Du sollst nur unsere Kinder lieben, nur deine und meine, und nicht die Kinder, die du noch mit irgendwelchen anderen Frauen hast. Ein Familie will ich mit dir haben, nur mit dir. Da soll es kein uneheliches oder geschiedenes Balg im Hintergrund geben, das du lieben mußt, weil es deins ist."
Ich höre nicht auf zu schluchzen.
"Ja! Ja!" kommt es ungeduldig von Rafa. "Haben wir uns jetzt wieder beruhigt? Hm? Haben wir uns jetzt wieder beruhigt?"
"Ja", schluchze ich.
"Das war auch kein Test, den ich mit dir machen wollte", versichert Rafa. "Das Kind war wirklich da. Und ich könnte mir in den A... beißen dafür, daß es abgetrieben wurde."
"Warum?"
"Weil es ein Teil von mir war, und es hätte leben können."
"Was hätte es denn für ein Leben gehabt? Mit jemandem wie dir als Vater, der so unstet ist und sich nie entscheiden kann?"
"Ach, du traust mir gar nicht zu, die Vaterrolle zu spielen?"
"In gewisser Hinsicht traue ich dir die Rolle durchaus zu. Aber ich denke, daß du einfach noch zu unreif dafür bist."
"Ich will Kinder. Kinder sind ein Stück Unsterblichkeit."
"Ja, Kinder sind ein Stück Unsterblichkeit", stimme ich Rafa zu. "Aber es ist doch wohl eine denkbar schlechte Verbindung zwischen dir und der Sängerin."
"Zwischen mir und dir, das ist doch wohl ein unmögliches Kind", meint Rafa.
"Das unmögliche Kind ist das von dir und der Sängerin", gebe ich zurück. "Wenn ich von dir ein Kind hätte, dann würde ich es nicht abtreiben lassen, oh, weiß Gott nicht!"
"Das geht ja nicht, daß du von mir ein Kind bekommst. Das ist ja unmöglich."
"Warum ist das unmöglich?"
"Deine Prinzipien. Du schläfst ja nie mit jemandem."
"Ich will doch gerne mit dir schlafen, aber ich kann es ja nicht. Und bloß weil ich das nicht kann, weil ich nicht mit dir schlafen kann, deshalb kriege ich einen Tritt, und du gibst der Sängerin den Vorzug, die nichts anderes kann, als mit dir zu schlafen und sich schwängern zu lassen."
"Also, eins ist erstmal klar: Ich habe Tessa geschwängert, nicht sie mich."
"Die, die bevorzugst du, und mich verletzt du, bloß weil ich das, was ich so gerne möchte, nicht kann."
"Wie habe ich dich denn verletzt?"
"Du hast mich mit dem Kind verletzt."
"Das Kind ist in meinem Bett gezeugt worden."
"Und du hast mich damit verletzt."
"Wenn ich jemanden verletze, ist das nie Absicht", behauptet Rafa. "Dann mache ich das nur aus Versehen."
"Daß du die Sängerin hast, ist kein Versehen."
"Ich habe eine Freundin - na und?"
"Und zwischendurch bist du immer wieder zu mir gekommen."
"Aber es war ja nie was zwischen uns."
"Es ist sehr wohl was zwischen uns."
"Das ist doch gar nicht gegenseitig."
"Ich habe dich gefunden."
"Du kennst mich jetzt vielleicht seit vier Jahren. Was hast du denn in den fünfundzwanzig Jahren davor gemacht?"
"Was in den fünfundzwanzig Jahren passiert ist, das habe ich dir schon erzählt."
"Du kannst mir doch nicht erzählen, daß du fünfundzwanzig Jahre lang nicht wußtest, was Liebe ist", meint Rafa. "Und erst, als du mich kennengelernt hast, fiel's dir plötzlich ein."
"Ich habe immer gewußt, was Liebe ist", entgegne ich. "Ich habe es immer gewußt, mein ganzes Leben lang. Ich habe auch in dieser Zeit mich einfach nach dem Menschen gesehnt, den ich lieben kann, der meine Liebe verdient, dem ich mich ganz schenken kann. Ich habe mich nach diesem Menschen gesehnt."
"Und dann hast du mich gefunden."
"Ja. Dann habe ich dich gefunden."
"Woher willst du gewußt haben, was Liebe ist?"
"Vielleicht ist es Eingebung. Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, was Liebe ist. Ich weiß es einfach."
"Aber das ist doch einseitig."
"Das ist es ja gerade nicht."
"Ach, du meinst also, daß ich dich genauso liebe, wie du mich liebst."
"Ja."
"Woher willst du das wissen?"
"Ich fühle es. Ich fühle es."
"Und ich fühle es nicht", entgegnet Rafa. "Ich fühle es nicht. Das kann ich auch sagen. Ich fühle es nicht."
"Du würdest dich ja lieber umbringen, als zuzugeben, was du für mich empfindest. Du würdest dich lieber umbringen, als zuzugeben, daß du mich liebst."
"Gut, ich sag's - ich liebe Tessa."
"Das ist Unsinn."
"Warum ist das Unsinn?"
"Sie liebt dich auch nicht."
"Warum sollte sie mich denn nicht lieben?"
"Diese Person begreift dich niemals. Deshalb kann sie dich nicht lieben."
"Wie hast du mir denn schon gezeigt, daß du mich liebst? Etwa damit, daß du mit einem Rucksack ins 'Nachtlicht' kommst? Wie hast du mir das denn schon gezeigt, daß du mich liebst?"
"Zum Beispiel, indem ich dir meine Treue schenke ..."
"Auf Treue gebe ich gar nicht viel", behauptet Rafa. "Treue ist gar nicht so wichtig."
"Ich weiß, wie sehr du darunter leidest, daß du mit mir nicht schlafen kannst. Und ich leide selbst darunter, daß du darunter leidest."
"Was?" fragt Rafa fassungslos. "Du leidest, weil ich leide?"
"Ja."
"Das geht überhaupt nicht."
"Ich tu's aber!"
"Das ist Unsinn. Das ist Schwachsinn."
"Das ist die reine Wahrheit. Ich habe so manche Träne vergossen deswegen. Ich liebe dich, und ich will mit dir leben."
"Willst du, daß ich leide?"
"Ich will für immer mit dir leben, für alle Zeiten."
"Du willst also, daß ich leide."
"Du glaubst, daß ich mit dir nicht schlafe, weil ich dich nicht liebe. Aber das ist nicht wahr."
"Warum kannst du denn nicht mit mir schlafen?"
"Das habe ich dir schon so oft gesagt. Das liegt daran, daß in mir etwas kaputt ist."
"Was ist denn da kaputt?" fragt Rafa. "Wo ist da was kaputt?"
"In meinem Innern ist etwas kaputt. Das ist wie ein falsches Programm."
"Und warum ist das kaputt?"
"Das weiß ich ja nicht", seufze ich. "Das ist, weil mir in meiner Vergangenheit irgendjemand irgendwas angetan hat, an das ich mich nicht mehr erinnern kann."
"Das ist aber dann dein Problem", weist Rafa die Verantwortung von sich.
"Und das ist ein Problem, das ich nicht lösen kann", erwidere ich fest. "Das können nur wir beide herausfinden, zusammen, gemeinsam, woran es liegt, daß ich mit dir nicht schlafen kann."
Rafa überlegt.
"Meinst du, du bist ein Mensch, dem man vertrauen kann?" fragt er schließlich.
"Man kann mir vertrauen", antworte ich schlicht.
"Du würdest das gar nicht schaffen", kommt es unvermittelt von Rafa.
"Was würde ich nicht schaffen?"
"Eine Partnerschaft mit mir."
"Dann probieren wir es doch einfach aus", schlage ich vor. "Dann sind wir eben jetzt mal zusammen."
"Ich habe Angst", gesteht Rafa.
"Wovor hast du Angst?"
"Ich weiß genau, wie die Beziehung mit dir wäre", meint Rafa, "und davor habe ich Angst."
"Du weißt gar nicht, wie die Beziehung mit mir ist, weil du sie noch nie hattest."
"Und du weißt gar nicht, wie die Beziehung ist mit mir."
"Dann müssen wir es doch ausprobieren."
"Ich will keine Beziehung mit dir, weil ich am Leben bleiben will."
"Du meinst also, daß ich dich vernichte."
"Na ... physisch würde ich wohl überleben."
"Aber seelisch nicht."
"Nein", ist er sicher.
"Weshalb glaubst du, daß du in einer Beziehung mit mir seelisch nicht überleben kannst?" möchte ich wissen.
"Weil du das, was ich sage und tue, überall herumerzählst", entgegnet er. "Nichts kannst du für dich behalten. Wenn ich dir etwas anvertraut habe, konnte ich es kommen sehen, daß es bald jeder wußte. Da habe ich mich echt gefragt, in welcher Zeitung steht das jetzt wieder drin? Das dreht mir echt die Gedärme um, wenn ich von Leuten, die ich nicht austehen kann, Sachen zu hören bekomme, die ich selbst getan habe und die die dann verfälschen und die ich dann in einer ganz anderen Form wiederhöre, als sie passiert sind. Dann liegt mein Essen vor mir auf dem Fußboden. Du bist eine echte Tratschtante. Du erzählst einfach alles herum."
"Ich muß mich mitteilen", erkläre ich mein Verhalten. "Ich kann das alles nicht immer in mich 'reinfressen."
"In mir ist genug Platz, um alles in mich 'reinzufressen, was ich erlebe - also, nicht 'reinzufressen, aber ich kann das alles gut für mich verarbeiten."
"Es wäre besser, wenn du mir sagen würdest, was ich nun weitererzählen darf und was geheim bleiben muß."
"Das finde ich blöd, wenn ich alles so etikettieren muß:
'Das darfst du weitererzählen, das darfst du nicht erzählen ...'"
"Sicher, man müßte schon ein System finden, nach dem man vorgehen kann. Ich meine - ich erzähle ja nicht allen Leuten alles, sondern immer nur Teile."
"Siehst du, und der eine erfährt diesen Teil, der andere erfährt diesen Teil, und den Rest bauen die sich dann selber zusammen. Und da kommen eben Sachen heraus, die mit dem, was tatsächlich passiert ist, nichts mehr zu tun haben."
"Wer sind denn jetzt die Leute gewesen, die behauptet haben, daß ich gesagt habe, ich würde sie lieben?"
"Das verrate ich nicht."
"Sag' mir, wer das ist, damit ich den Leuten einen Tritt geben kann", verlange ich. "Ich möchte in meinem Freundeskreis aufräumen. Ich will solche Leute nicht in meinem Freundeskreis haben."
"Das sind nicht unbedingt Leute, die zu deinem engsten Kreis gehören. Aber es sind Leute, die du eben durchaus kennst."
"Ja, genau. Und den Leuten will ich einen Tritt geben."
"Ich will die nicht verraten. Ich bin nicht der Typ, der tratscht. Ich habe die auch nicht konkret gefragt; die haben mir das einfach so erzählt, und ich habe einfach nur gelauscht und sie ausgehorcht und nur gesagt:
'Ah, ja. Ah, ja.'
Ich habe gar nicht weiter gefragt. Da haben die mir das alles unaufgefordert erzählt. So - 'Weißt du, die Hetty hat ...' und so weiter. Da höre ich über Fräulein Hetty so allerlei Sachen."
"Die Leute kriegen mit, daß zwischen mir und dir was ist, und deshalb ...", vermute ich.
Rafa streitet das ab:
"Zwischen dir und mir ist nichts."
"Da ist was gewesen", widerspreche ich. "Wenn man sich umarmt und streichelt und küßt, das ist eben auch alles schon etwas. Das ist eben wirklich nicht nichts."
"Weißt du, mit wievielen Leuten ich schlafe?" regt Rafa sich auf.
"Ich weiß, du kannst es theoretisch mit jedem treiben", entgegne ich kühl. "Du kannst theoretisch mit jedem Menschen schlafen. Dein Verhältnis zu deinen Gefühlen ist kaputt."
"Du mußt doch sicher bald aufstehen", vermutet Rafa.
"Natürlich", bestätige ich. "Mein Wecker klingelt ja schon die ganze Zeit. Merkst du das nicht?"
"Was? Wie spät ist es denn?"
"Es ist gleich fünf."
"Oh-ooh!"
"Ja, ich muß jetzt aufstehen."
"Dann hieße das, daß Fräulein Hetty jetzt den Hörer auf die Gabel legt."
"Ja."
"Du hast nun die Chance, durch einen Draht, nein, durch zwei Drähte - Pluspol und Minuspol - ein Leben zu beenden."
"Wie kann ich es denn machen, daß ich dein Leben nicht beende?"
"Indem du nichts tust", sagt Rafa. "Oder ... weiß ich nicht."
"Also, wenn ich jetzt gar nichts tue, beende ich dein Leben nicht."
"Weiß ich nicht."
"Dann müssen wir uns ein neues Konzept überlegen."
"Du willst mich ja nicht mit dir reden lassen, wenn ich eine Freundin habe."
"Ich muß ja irgendetwas tun, damit du begreifst, damit du merkst, daß ich das nicht dulde, daß du eine andere Frau an deiner Seite hast als mich", erkläre ich. "Ich kann dir das nicht so einfach machen. Ich sage ja auch nicht, daß das der richtige Weg ist, alle Gespräche mit dir zu unterbinden ..."
"Tust du aber, tust du aber, tust du aber!" ruft er dazwischen.
" ... und ich habe dich ja schließlich unendlich ...", rede ich gegen ihn an, "... ich habe dich ja schließlich nicht zurückgewiesen; ich habe ja mit dir ein langes Gespräch geführt ..."
"Du hast mich zurückgewiesen!" fällt Rafa mir wieder ins Wort, und seine Stimme klingt schwer anklagend. "Du hast mich zurückgewiesen!"
"Was soll ich denn tun, damit ich dich nicht zurückweise?"
"Ich will mit dir reden können, wenn ich dich brauche."
Mein Tonfall wird lauernd:
"Nun sage mal, hm? Wie ist das? Hm? Weshalb brauchst du mich denn?"
"Ich mußte halt mit irgendjemandem reden", weicht Rafa aus. "Ich habe halt irgendjemanden gebraucht, mit dem ich reden kann."
"Nur irgendjemanden?"
"Ja."
"Aber dann hättest du doch auch jemand anderen anrufen können als mich. Warum wolltest du denn gerade mit mir reden? Warum denn ausgerechnet mit mir?"
"Du weißt doch eh die Antworten schon im Voraus", meint Rafa.
"Nein, das möchte ich jetzt von dir hören", entgegne ich ruhig und bestimmt. "Da mache ich jetzt keine Prognosen und Voraussagen und dergleichen ..."
Rafa lacht ein wenig.
"... sondern das möchte ich wirklich nur von dir hören", beende ich den Satz.
Rafa schweigt. Ich lasse ihn ein Weilchen schweigen und erkläre dann vorsichtig:
"Ich rede nur sehr ungern mit dir, wenn du eine Freundin hast."
"Was hat das damit zu tun, wenn ich mit einer Frau irgendwas habe?" gibt er sich noch immer verständnislos.
"Natürlich, das hängt mit deiner Sexualität zusammen, mit dieser Abkopplung", deute ich. "Ich dulde keine Frau an deiner Seite außer mir, weil ich dich liebe. Und das bin nur ich, die dich bedingungslos liebt und die dich wirklich ganz liebt."
"Wieso bist das nur du? Woher willst du denn wissen, daß das sonst keiner ist?"
"Es gibt nur einen, der solche extremen Gefühle für dich hat. Das bin ich. Ich bin der einzige Mensch auf dieser Welt, der dich wirklich bedingungslos liebt. Ich liebe dich von Herzen und durch und durch, und außer mir gibt es keinen, dem es so geht."
"Ich habe mich aber für Tessa entschieden."
"Die ist das nimmermehr, die dich liebt."
"Weißt du, was Tessa zu mir gesagt hat?"
"Was hat sie denn zu dir gesagt?"
"Sie hat gesagt, sie würde sich für mich aufgeben. Und das ist doch ziemlich viel, finde ich."
"Na, was die sagt ..."
"Ja, was?"
"Ich würde mich nicht für dich wegwerfen", sage ich fest. "Denn wenn ich nicht mehr da bin, dann kann ich auch für dich nicht mehr da sein. Ich möchte mich nicht wegwerfen für dich. Ich will mich für dich erhalten. Sonst kann ich dir kein Halt und keine Stütze sein. Sonst kann ich dir nicht helfen. Wenn ich mich für dich wegwerfe, dann hast du von mir nichts. Wenn ich ich bleibe, und wenn ich mir treu bleibe, nur dann, dann kann ich für dich da sein. Dann kann ich dir helfen und eine Stütze sein. Nur dann. Ich will stark sein für dich."
"Wenn du so stark bist, dann kannst du doch auch alleine leben."
"Nein! Ich lebe ja für dich! Ich bin für dich da!"
"Was!" staunt Rafa. "Du lebst für mich?"
"Ja! Ich lebe für dich! Und nur für dich! Ich will nur für dich da sein."
"Dann bräuchte es ja die anderen Menschen auf dieser Welt gar nicht zu geben", meint Rafa. "Dann könnte ja die ganze Welt leer sein."
"Nein, das ist nicht so. An die anderen Menschen bin ich durchaus auch gebunden. Nur ist das eben eine ganz andere Form der Liebe oder Beziehung oder Freundschaft als die, die ich mit dir habe."
"Und wenn ich jetzt tot wäre?"
"Dann hätte mein Leben keinen Sinn mehr. Dann wäre mein Leben zuende."
"So. Dann wäre dein Leben zuende. So, so."
"Ja, weil deins zuende wäre. Mein Leben endet mit deinem."
"Wenn ich jetzt tot wäre, was würdest du dann machen? Dann könntest du dich ja umbringen."
"Um mich umzubringen, bin ich zu positiv. Aber ich könnte auch nicht mehr leben. Ich würde nur noch trauern."
"Trauern?"
"Sicher. Ich habe lange genug getrauert. Ich weiß, was es heißt, zu trauern."
"Um wen hast du getrauert?" fragt Rafa argwöhnisch. "Hast du um den Sockenschuß getrauert?"
"Nein! Nein! Nein!"
"Also, du hast um den Sockenschuß getrauert."
"Nein! Nein! Nein!"
"Um Sockenschuß getrauert hast du also."
"Nein! Nein!" rufe ich wieder.
Rafa ist für einen Augenblick still. Ich hole tief Atem und rede langsam und sehr deutlich weiter:
"Bevor ich dich kannte, habe ich einfach getrauert um die Zeit, die vergangen ist, ohne daß ich sie mit dir verbringen konnte - jede Stunde, jeden Tag, Wochen, Monate und Jahre, die ich ohne dich leben mußte. Und jedesmal hatte die Sehnsucht eine andere Form. Und dann auch später habe ich immer getrauert um die Zeit, die ich mit dir nicht verbringen konnte."
"Was? Du hast getrauert um die Zeit? Nicht um mich? Du hast nicht um mich getrauert, sondern um die Zeit?"
"Wenn ich daran denke, wieviel Zeit ich mit dir nicht verbringen konnte, dann macht mich das einfach im Nachhinein traurig", erkläre ich. "Und ich fühle tiefe Trauer, wenn ich daran zurückdenke. Erst seit ich dich kenne, weiß ich, wofür ich lebe, wofür ich auf der Welt bin."
"Mensch, dann habe ich dir ja schon ganz schön viel gegeben."
"Oh ja, das hast du! Du hast mir schon so viel gegeben an Zuwendung. - Ich werde schon einen Weg finden. Du mußt fühlen, daß ich das nicht dulde, was du tust. Du mußt meine Wut fühlen."
"O.k., Baby ... ich will dich jetzt nicht davon abhalten, zur Arbeit zu gehen."
"Das tust du nicht."
"Und was ich noch sagen wollte - die Videokassetten, die kriegst du natürlich wieder", verspricht Rafa. "Ich habe mir auch schon überspielt, was ich mir aufnehmen wollte."
"Wenn Rafa mir die Videokassetten zurückgeben will, kann er sich noch nicht so schnell umbringen", denke ich.
"Das ist schön", sage ich, ein wenig beruhigt.
"Gut, dann beenden wir das Gespräch."
"Es ist nur blöd, das wir jetzt gar nichts ausmachen können", seufze ich.
"Wir müssen doch nichts ausmachen."
"Gut, dann warten wir einfach ab, was passiert", sage ich nachdenklich und besorgt. "Hast du denn das Schweizer Messer immer noch in der Hand?"
"Das liegt noch vor mir. Ich muß es nur nehmen. - Jetzt habe ich es wieder in der Hand."
"Ich werde schon einen Weg finden, um mit deiner zügellosen Sexualität fertigzuwerden."
"Wie?"
"Ich werde schon einen Weg finden, um mit deiner zügellosen Sexualität fertigzuwerden."
"Es ist viel schwieriger, mit mir fertigzuwerden", meint Rafa.
"Mit dir werde ich fertig", entgegne ich voller Zuversicht.
Rafa erwidert zweifelnd:
"Das haben schon mehr Leute gesagt."
"Du mußt es eben einfach sehen, daß ich es schaffe. Warte es nur ab."
"O.k., warten wir's ab", sagt Rafa abschließend. "Und wer als Erster das Schweizer Messer in die Hand nimmt, hat verloren! Ciao!"
Es ist etwa viertel nach fünf. Ich beschließe nach einigem Ringen und Abwägen, am heutigen Tag nicht zur Arbeit zu gehen. Wieder kann ich mir ohne Schwierigkeiten freinehmen.
Das erste Kind ist tot. Was geschieht, wenn die Sängerin das zweite Kind von Rafa erwartet? Ich weiß genau, daß ich es nicht abwenden kann. Ich weiß genau, daß ich nur warten kann und hoffen, hoffen vor allem darauf, daß die Sängerin sich kein Kind von Rafa wünscht.
Weshalb hat Rafa gesagt, er könne sich "in den A... beißen" dafür, daß sein Kind abgetrieben wurde? Hat er die Sängerin dazu genötigt, es abtreiben zu lassen?
Ich wundere mich darüber, daß Rafa nicht den Hörer aufgelegt hat, als ich über die Sängerin hergezogen bin. Ich habe manchmal das Gefühl, ich spreche ihm aus der Seele, wenn ich die Sängerin niedermache.
Rafa will mich vor sich warnen. Ich glaube, er hat Angst davor, nicht genug empfinden zu können und deshalb auch nicht lieben zu können. Er fühlt meine Liebe und hat Angst davor, sie nicht erwidern zu können. Und er ahnt seine eigene Liebe zu mir, auch wenn er sie nicht als solche erkennt, und er fürchtet sich davor, daß ich ihm diese Liebe nicht erwidere.
Rafa versteckt sich, indem er Wahrheiten und Lügen mischt. Es ist vorstellbar, daß Rafa sich die Geschichte von den drei Leuten, die behauptet haben sollen, ich hätte ihnen meine Liebe gestanden, nur ausgedacht hat, um mich zu "testen". Nach seinen eigenen Worten ist ihm das Verfahren des "Testens" nicht fremd.
Wieviel Wahres an seinen bisherigen Selbstmordversuchen ist, werde ich kaum herausbekommen. Fest steht jedoch, daß der Selbstmord an sich für ihn ein Thema ist, auch wenn er in diesem Gespräch nur damit gedroht haben sollte.
Rafas Depressivität geht wahrscheinlich auf ein beeinträchtigtes Selbstwertgefühl zurück und auch darauf, wie diese Selbstwertstörung entstanden ist durch einen Mangel an Zuwendung und Aufmerksamkeit von Anfang an und den daraus folgenden Glauben, nicht wichtig und beachtenswert zu sein.
Ich gehe davon aus, daß Zuwendung für Rafa in seiner Kindheit etwas war, das er nur unregelmäßig und unvorhersehbar bekam. Er konnte sich auf niemanden wirklich und dauernd verlassen. Er hat erfahren, daß Vertrauen sich nicht lohnt.
Sein "Mißtrauensvotum" gegen mich begründet Rafa unter anderem mit dem angeblichen "Herumtratschen" von Geheimnissen. Was aber von dem, was andere ihm von mir erzählen, wirklich von mir gesagt worden ist, kann er nicht überprüfen. Vielmehr nimmt er einfach an, daß ich dieses und jenes so gesagt hätte, nur zu gern bereit, von mir das Schlechteste zu glauben.
Rafa scheint nicht darauf vertrauen zu können, daß es mir nicht darum geht, ihn schlechtzumachen, sondern daß ich ein Bild von ihm zeichnen möchte, das ihn so wiedergibt, wie er ist, mit seinen Schwächen und Fehlern, aber auch mit seinen Fähigkeiten, die im Weiteren keineswegs alltäglich sind.
Vielleicht fürchtet er sich auch davor, sein wirkliches Spiegelbild betrachten zu müssen, mit allem, was er lieber verdrängt hätte.
Ich will erreichen, daß Rafa sich in die Augen sehen kann. Ich will erreichen, daß er sich selbst vertraut und daß er auch mir vertraut. Ich will ihm die Erfahrung vermitteln, daß Vertrauen sich lohnt.
"Ich liebe dich bedingungslos", habe ich zu ihm gesagt. "Ich liebe dich ganz, endgültig und ausschließlich."
Wenn Rafa diese Worte mitgeschrieben hat, besitzt er sie schwarz auf weiß, und er könnte sie mir vorhalten, wenn ich ihn fortstoßen würde. Er hätte dann meine mangelnde Vertrauenswürdigkeit unter Beweis gestellt. Nun ist es aber so, daß ich mir selbst meine eigenen Worte aufschreibe. Ich muß mir genau überlegen, was ich sage. Ich vermeide tunlichst, unbedacht daherzureden, wenn ich mit Rafa spreche. Ich betreibe Seelenchirurgie, und Worte sind das Messer - ein Schweizer Offiziersmesser sozusagen.
Ich bin erleichtert, daß Rafa endlich mit mir über seine Selbstmordgefährdung gesprochen hat. Seit eineinhalb Jahren mache ich mir schon Sorgen, daß er sich etwas antun könnte.
Am Vormittag hatte ich folgenden Traum:

Es war ein kalter Tag, und es regnete. In der Nähe des ehemaligen "Nachtlicht" waren Karussells und Buden aufgebaut für den Rosenmontagsrummel. Unter Regenschirmen erzählte ich Constri von Rafas Anruf. Nicht weit von uns erblickte ich Dolf. Der stand so ruhig da, als würde er angestrengt lauschen. Ich wollte flüstern, doch es fiel mir schwer, meine Stimme zu dämpfen. Ich konnte nur raunen. So leise wie möglich verriet ich Constri, daß das Kind von Rafa abgetrieben worden ist. Ich sagte ihr auch, daß sie es nicht weitererzählen dürfe. Da sah ich unter dem Rand meines Schirms die Füße von Dolf. Er stand reglos auf dem Pflaster, kaum einen Schritt von Constri und mir entfernt. Er war dichter herangekommen. Ich war mir nun sicher, daß er uns belauschte. Er konnte Rafa zutragen, daß ich mein Versprechen gebrochen hatte.

Dieser Traum gemahnt mich an mein versprochenes Schweigen. Ich werde jenes Geheimnis über Jahre hinweg für mich behalten und es dann auch nur in mittelbarer Form verarbeiten.
Sicher werde ich mich fragen müssen, ob Rafas Geheimnis eigentlich der Wahrheit entspricht, denn man kann das, was Rafa erzählt, nicht immer glauben, gesteht er doch seine Lügen teilweise auch selbst. Für mich ist aber entscheidend, daß ich selbst ehrlich bin, zu mir und zu anderen.
Notlügen sind in meinem Leben etwas sehr Seltenes und eng auf eine bedrängende Situation Begrenztes, das nie zu einem beziehungsgefährdenden Vertrauensbruch wird. Es könnte sein, daß Rafa, der es mit der Wahrheit alles andere als genau nimmt, ausgerechnet mir, der die eigene Ehrlichkeit so viel bedeutet, Zweifel an meiner Aufrichtigkeit einreden will. Damit könnte Rafa von seiner eigenen Unehrlichkeit ablenken wollen.
Der Traum teilt mir auch mit, daß Dolf für Rafa herumhorcht. Er spielt die Rolle eines Zuträgers. Am Ende stimmt also meine Vermutung, daß Dolf mich im Auftrag von Rafa belauscht und beobachtet?
Die regennassen Karussells für den Rosenmontagsrummel können darauf hinweisen, daß Rafa unter der oberflächlichen "Rosenmontagsfröhlichkeit" leidet. So hatte er das auch in unserem Telefongespräch angedeutet.
Vielleicht ist diese "Karnevalslaune" auch ein Sinnbild für Rafas Fassade, die er sich auferlegt hat und die er nicht mehr abwerfen kann, weil er sich ohne sie schutzlos fühlt. Die "Partystimmung" kann ihm bewußt gemacht haben, wie unecht und künstlich sein selbstgewähltes Leben verläuft.
Der Traum ging noch weiter:

In einer verregneten Landschaft stand eine einsame Häuserzeile. Constri und ich gingen darauf zu. Das Gebäude war auf dieselbe Art verfallen wie die alten Häuser im Osten; der Putz blätterte ab, und das Mauerwerk war dunkelgrau vom Staub. Man mußte eine sehr, sehr steile Treppe hinaufsteigen, um in das Haus zu kommen. Der feine Regen machte die Stufen glatt. Constri und ich hielten uns an einem dünnen, kalten Eisengeländer fest. Ich turnte an dem Geländer. Ich wollte höher und höher klettern; das war aber gefährlich, und ich stieg wieder herunter, um mir nicht das Genick zu brechen.
Im Haus gab es einen schmalen, dunklen Flur, der in ein Patientenzimmer führte. In dieses Zimmer wurden Siamesische Zwillinge gebracht. Es lagen noch zwei alte Tratschtanten dort und ein ebenso schwerer wie schwieriger Mann, der halbtot war. Man dachte darüber nach, den Mann zu verlegen.
Constri und ich verließen das baufällige Haus durch den Hinterausgang. Die Häuserzeile war überraschend schmal. Sie bestand aus nicht viel mehr als den Fassaden.
Constri und ich kamen wieder in eine Landschaft; das war der ehemalige Osten. Das Wetter war trübe und schwül. Der Himmel war grüngetönt. Wir sahen vor uns zwei quadratische, offenbar künstlich angelegte Gewässer, jedes so groß wie ein Kornfeld. Schiffe fuhren darauf. Laura hatte mir gesagt, was dies bedeutete. Die Schiffe bügelten die Gewässer, um sie aufzuheizen. Das Wasser sollte nie gefrieren, damit die Algen darin besser gediehen.
Zwischen den künstlichen Seen führte ein schmaler, morastiger Steg hindurch, der mit kurzem Gras bewachsen war. Constri und ich wanderten über diesen Steg und kamen an immer neue Paare von quadratischen Gewässern. Jedes zeigte deutlicher als das vorherige den Verfall der Natur, der durch das ständige Bügeln verursacht wurde. Die Überwärmung des Wassers hatte den Algenwuchs ausufern lassen. Die Pflanzenberge faulten. Das Wasser wurde brackig und fehlte schließlich ganz; nur ein übelriechender Schlamm war in den letzten Seen zu finden. Hinter diesen Seen erhob sich eine Mauer aus Erde, naß und bemoost.
"Das kann nur schlimmer werden", dachte ich. "Ich komme hier ins Nichts."
Ich ging mit Constri wieder zurück zu der einsamen Häuserzeile. Die Siamesischen Zwillinge waren nicht mehr in dem Patientenzimmer. Die beiden Tratschtanten waren aber noch da und auch der schwere Patient. Ihn hatte man nicht verlegen können, weil er so schwer war.

Vielleicht versinnbildlichen die künstlich angelegten und beheizten Seen die hintereinanderliegenden Beziehungen von Rafa und der Sängerin. Jedes Seenpaar wird künstlich warmgehalten und verfault langsam, aber unausweichlich. Wenn ein Seenpaar hinüber ist, wird ein neues angelegt, das das Schicksal der vorhergehenden teilt. So fängt Rafa auch immer neue Beziehungen mit der Sängerin an, und er macht immer wieder den gleichen Fehler dabei. Er läßt der Natur nicht ihren Lauf. Er versucht, sich die Sängerin künstlich warmzuhalten. Das Ergebnis dieser Verbindung könnten die Siamesischen Zwillinge sein. Hier hängt etwas aneinander, das nicht aneinandergehört. Die Natur wurde verletzt und antwortet darauf mit einer Mißbildung. Ein Kind von Rafa und der Sängerin bestünde aus zwei Hälften, die zusammen kein Ganzes ergeben könnten, weil sie nicht aneinanderpassen. Im übertragenen Sinn wären das Siamesische Zwillinge.
Die einsame Häuserzeile besteht aus nicht viel mehr als einer brüchigen Fassade. Und hinter dieser Fassade zeigt sich eine nur scheinbar heile Natur. Je weiter man hinter die Fassade kommt, desto offensichtlicher werden Zerstörung und Verfall. Und der Verfall schreitet fort; er rückt immer näher an die Fassade, bis er sie schließlich mit ergreift. Das Tote, Ekle, Widerwärtige in der gewaltsam geknüpften Beziehung wird dann jedem durchschaubar.
Ich habe eine Entdeckung gemacht. An meiner Zimmerwand steht schon wieder ein Spruch, wie damals, als Rafa mich zum ersten Mal nach Hause begleitet hat. Es ist fast genau ein Jahr her, da machte Rafa mich darauf aufmerksam, daß etwas mit Bleistift an die Wand über meinem Sofa geschrieben war, "Streß im Kopf". Ich war überrascht und ahnungslos und glaubte, der Spruch stamme von Brinkus, der schon öfter in meiner Wohnung etwas in Unordnung gebracht hat. Dieser neue Spruch kann aber unmöglich von Brinkus sein, nicht zuletzt, weil er in der fraglichen Zeit gar nicht bei mir war.
"Miau miih!" steht jetzt neben dem Bild, das ich von Rafa gemalt habe, als ich ihn noch nicht kannte.
Ich habe die Buchstaben verglichen mit denen auf dem Zettel, wo Rafa seine Adresse notiert hat - es ist die gleiche Schrift, mit den gleichen Schnörkeln. Da hat Rafa also schon wieder etwas an meine Wand geschrieben. Denn auch "Streß im Kopf" kann nur von ihm stammen. "Streß im Kopf" ist ein eher unbekannter Titel auf Rafas Debutalbum, das zu jener Zeit gerade erschien. Von meinen Leuten wird das Stück damals keiner gekannt haben.
Zudem war auch das erste Graffiti schräg neben ein Bild von Rafa gemalt worden, mit ebensolcher Schrift, auch mit einem dünnen Bleistift, und auch sehr hart aufgedrückt.
Vielleicht will Rafa, der Maler, auch hier, in meiner Welt, Spuren hinterlassen.
Am frühen Sonntagmorgen klagte Xentrix im "Elizium", zu dieser Stunde würden nur noch Betrunkene ankommen und mit ihm reden wollen.
"Betrunkene haben ihre eigene Sprache", meinte Xentrix. "Die versteht man nur, wenn man sich selber die Kante gegeben hat."
Als ich ihn vor den Folgen des Alkohol- und Zigarettenkonsums warnte, erzählte er:
"Wir haben in der Schule einen Film über die Folgen des Rauchens gesehen. Davon waren die Schüler so geschockt, daß sie sich hinterher erstmal eine anstecken mußten."
Mit Derek und Sator war ich bei "IndiRec" zum Einkaufen und Kaffeetrinken. Rick hat bestätigt, daß "Nachtlicht"-Geschäftsführer Donhausen Kappas Einnahmen unterschlagen hat. Die Miete fürs "Nachtlicht" hat Donhausen nicht bezahlt; stattdessen soll er das Geld verwendet haben, um seine vorher angesammelten Schulden von etwa hunderttausend Mark zu begleichen. Donhausen soll sogar dem Hauseigner - der Buchhandlung - mitgeteilt haben, er wolle den Betrieb abgeben. Kappa soll von der Schließung des "Nachtlicht" völlig überrascht worden sein. Er kam gerade noch rechtzeitig, bevor das "Nachtlicht" ausgeräumt war und er vor verschlossener Tür hätte stehen müssen. Kappa konnte noch einen Teil der Anlage retten. Das gekreuzigte Skelett hat er jetzt bei sich zu Hause. Demnächst möchte Kappa in der Innenstadt wieder einen Laden aufmachen. Ich meinte dazu, daß ich diesen Laden nur werde besuchen können, wenn mir dort niemand meine Tasche wegnehmen will.
Von Rafa erzählte ich, daß er viele Konzerte gibt, um Geld zu verdienen.
"Damit will der reich werden?" zweifelte Rick.
"Ach was", winkte ich ab. "Damit will der sich über Wasser halten, sonst nichts."
In der neuesten Ausgabe des Obdachlosenmagazins ist der Sockenschuß abgebildet, gemeinsam mit anderen Bewohnern eines Männerwohnheims für Obdachlose. Da ist er also hingeraten im Laufe seiner Geisteskrankheit.
Derek hat den Sockenschuß öfter bei "Kaufwelt" beobachten können. Er meinte, daß der Sockenschuß dort gar nicht einkauft, sondern nur herumlungert. Er verwendet den Supermarkt als Wohnzimmer.
Sadia ist nach wenigen Wochen Ehe ihrem Arved davongelaufen. Sie hatte das Gefühl, daß er sich nicht genügend um sie kümmerte. Hinzu kommt, daß ein kurdischer Verehrer ihr neuerdings blumenreich den Hof macht. Das, meint Sadia, habe sie bei Arved immer vermißt.
"Da weiß man gar nicht mehr, woran man noch glauben kann", meinte Constri, "denn an die Liebe kann man offenbar nicht glauben."
"Natürlich gibt es Grund, an die Liebe zu glauben", versicherte ich, "spätestens dann, wenn du dich auf die Liebe verlassen kannst, die in dir selbst ist, die Liebe, die du für einen anderen Menschen fühlst."
Malda hat mir eine Kleinanzeige kopiert, die Rafas Verehrerinnen in ein Szeneblatt gesetzt haben.
"Unserer geliebten Sumpfdotterblume", heißt es darin, "dem Nachtlicht-Rafa zu Ehren tragen wir schon Sabberauffangringe und rote Schleifen. Da jedoch unsere geliebte, verehrte, hochgeschätzte, angegrabene Sumpfdotterblume schon angenervt ist, suchen wir neue Hilfsblumen (Hallo Kappa?).
Nachtlicht-Logik: 21x 'Babsi ist tot' (gewünscht von Daphne) + 'Nerv mich nicht' (Antwort von Rafa) ergibt '42' (Zitat Velvet)."
Die ersten Fotos, die ich selbst von Rafa gemacht habe, sind jetzt im Album unter dem Titel "Rafa im Video-Wunderland". Die Serie handelt davon, wie Rafa sich dagegen wehrt, von mir fotografiert zu werden.
Laura hat erzählt, daß Vince einen W.E-Fanclub gründen möchte. Deshalb fährt er zu allen Konzerten, die Rafa gibt, und sammelt Fans. Seine derzeitige Freundin - es ist Salome - sieht Vince aus diesem Grunde fast nie. Das herausragende Engagement von Vince soll Rafa lediglich mit einem "Schön, schön" quittiert haben.
"Vince tut so viel für Rafa", klagte Salome. "Da könnte Rafa doch wenigstens mal sagen, gut, deine Freundin kann nach SHG. kommen und mit mir im Auto mitfahren."
Vor "Crucifiction" war ich dieses Mal bei Dag zu Besuch. Wir hatten Wein, Kaffee und weiße Schokolade. Ich erzählte von Rafa, den ich mir gern auf der Zunge zergehen lassen möchte:
"Das Schönste, was ich kenne, ist Rafa, und danach kommt erst mal eine ganze Weile nichts."
"Ihr beide habt ja so einen Schatten", fand Dag.
Er wunderte sich darüber, daß Rafa mich nachts um zwei anrief und mit mir an die Nordsee fahren wollte, und noch mehr wunderte er sich darüber, daß ich einverstanden war.
Dag meint, daß es besser ist, sich nicht zu binden; er bevorzugt lose Zweckbeziehungen. Gefühlsbedingte Abhängigkeiten will Dag meiden. Er glaubt, daß man den größten Vorteil hat, wenn man wenig teilt und mitteilt.
Dag erzählte, ein Mädchen namens Maleen laufe ihm hinterher. Ihm sei die Sache unangenehm. Er glaubt, daß er einem Mädchen, mit dem er zusammen ist, nur schaden kann.
"Du hast Bindungsangst", sagte ich zu Dag. "Und du hast ein vermindertes Selbstwertgefühl."
Dag stritt das ab, doch ich blieb bei meiner Meinung. Rafa hat mich auch vor sich gewarnt ...
Ich schlug Dag vor, bei unseren nächsten Filmaufnahmen mitzumachen.
"Oh nein", stöhnte Dag. "Nicht mit mir. Bei dir, da lohnt sich's. Da lohnt es sich wirklich. Das lohnt sich echt, dich beim Tanzen zu filmen. Wenn du tanzt, das muß man echt mal gesehen haben."
Dag bekam einen schwärmerischen Blick.
"Dann ist ja gut", meinte ich nachdenklich. "Es verfehlt seine Wirkung nicht."
"Allerdings."
Dag erzählte von einem, der seinen Hund "Nordbau" getauft hat. Eine Band soll so heißen.
An der Straßenbahnhaltestelle sah ich ein Haus mit einem großen schwarzen Schild, auf dem stand nur das Wort "GE.BE.IN". Ich fragte Dag, was das sei, und er antwortete, es sei ein Beerdigungsinstitut - und zwar ein recht großes.
"Crucifiction" fand diesmal ausnahmsweise in einer Location namens "Kehrwieder" statt, die sich auf einem weitläufigen Fabrikgelände am Hafen befindet. Der Tanzraum ist ebenerdig und recht gemütlich. Weniger gemütlich fand ich die Tatsache, daß dort auch der Sockenschuß umherlief. Jahrelang hat er sich in der Szene nicht mehr gezeigt, und nun tauchte er in HB. wieder auf. Mir wurde ganz schlecht.
Der Sockenschuß sah aus wie immer, mit seinem gummiähnlichen John-Lennon-Gesicht, den filzigen Haaren und dem schlurfenden Gang.
"Wer oder was hat ihn hergelockt?" fragte ich mich. "Glaubt er nicht mehr daran, daß Rafa mich beschützt? Wirkt der Schutz nicht mehr, den Rafa mir gegeben hat? Fängt der Sockenschuß jetzt wieder an, mich zu drangsalieren? Glaubt er vielleicht, daß er in die Öffentlichkeit zurückkehren muß, weil er für die Obdachlosenzeitung fotografiert worden ist?"
Ich erklärte Degras und Sareth, was es mit dem Sockenschuß auf sich hat, und sie meinten, ich solle nicht panisch werden; es würde schon nichts passieren, solange sie da seien.
"Wenn man fünf Jahre lang von so einem verfolgt worden ist, dann macht einen das panisch", erklärte ich.
Dag war neugierig darauf, wie der Sockenschuß aussieht. Ich zeigte ihm den Sockenschuß, und er ging hin mit den Worten:
"Den muß ich mir genauer ansehen."
Ich glaube, für Dag war der Sockenschuß eine Kuriosität. Und ich glaube, daß auch Ivo Fechtner für Dag eine Kuriosität darstellt. Ich erzählte Dag, daß Ivo Fechtner vorgibt, mit mir etwas gehabt zu haben. Da meinte Dag:
"Mensch, das sieht man doch auf einen Blick, daß das nicht stimmen kann!"
Ivo Fechtner war mit Malda gekommen, die neuerdings mit ihm zusammen ist. Auch Daria war dabei und ein recht gut aussehender Junge, der Darias Freund sein könnte. Daria trug wieder ihre Langhaarperücke. Die schwarzen Kunsthaare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengerafft, aus dem auf der linken Seite lange Strähnen heraushingen. Das fand ich recht hübsch; es wirkt femininer als ihre Kurzhaarfrisur. Malda hatte sich, passend zu ihrer Eroberung, eine Bomberjacke angezogen. Ich fragte sie, weshalb sie ausgerechnet den Fechtner erwählt hatte.
"Ach, das hat sich so ergeben", antwortete Malda und sah mich mit ihren großen, schläfrigen Kinderaugen an.
"Aber Ivo Fechtner ist doch so blöd", meinte ich.
Da sagte sie:
"Aber der Sockenschuß ist noch schlimmer."
"Stimmt, der Sockenschuß ist noch schlimmer", gab ich ihr recht.
Bei "Crucifiction" liefen ausgesuchte, seltene Stücke aus dem Industrial-Bereich, nicht nur rhythmische, sondern auch Ambient-Stücke wie das mystische, unwirkliche "Twilight of the Idols" von SPK. "To die" von Whitehouse ist ein tonloses Stück Unmusik; die Höhen sind ein Fiepen, ein Schwirren, und die Bässe ergießen sich immer wieder auf Neue in einen Abgrund.
Einmal setzte sich Dag in einen Sessel, und weil sonst kein Platz mehr frei war, schlug Dag mir vor, sich auf seine Knie zu setzen. Ich tat es - nach einigem Zögern und so unverfänglich, wie es ging. Ich erzählte Dag von meiner Furcht, daß Ivo Fechtner es an Rafa weitertragen könnte. Rafa würde bereitwillig glauben, daß zwischen Dag und mir etwas lief. Dies konnte für Rafa lebensgefährlich werden. Er lauert nur darauf, daß ich ihn enttäusche, damit er einen Grund hat, sich umzubringen. Ich hoffe nur, daß Rafa mit mir redet, bevor er Hand an sich legt. Dann kann ich ihn vielleicht noch retten. Wenn ich daran denke, daß er es angeblich schon mehrmals versucht hat, wird mir schwindelig. Wenn das die Wahrheit ist, war ich schon mehrmals in der Gefahr, das Liebste zu verlieren, was mir dieses Leben schenken kann. Und ich bin dieser Gefahr nur knapp entronnen. Was kann ich tun, um die Gefahr aus dem Weg zu räumen?
Ich wollte Malda einprägen, daß ich mit Dag nichts hatte, damit sie dies an den Fechtner weitergeben und seine Gerüchte blockieren konnte. Doch Malda schien zu der vorgerückten Stunde nicht mehr aufnahmefähig zu sein.
Ein betrunkenes Mädchen rempelte mich öfters auf der Tanzfläche an.
"Oh Mann, jetzt reicht's aber!" rief ich ärgerlich, als es mir zu bunt wurde. "Warum haust du mich dauernd?"
Ich war mir nicht sicher, ob das Mädchen mich verstand.
"Keine Sorge, ich hab's gesehen", sagte Dag nachher zu mir.
Da vermutete ich, daß mich das Mädchen aus Eifersucht gestoßen hatte - wie damals Dara.
"Noch so ein Fall", dachte ich.
Gegen vier Uhr morgens endete die Veranstaltung. Der Sockenschuß war immer noch da. Ich beschloß, den ersten Zug nicht zu nehmen und auch den zweiten nicht. Ich wollte sicher sein, nicht mit dem Sockenschuß im selben Zug zu sitzen.
Dag wollte zu der Wohnung von Sareth und Ciril fahren. Ciril hatte sich dort am vergangenen Abend betrunken, und Dag war die Sache nicht ganz geheuer. Ich kam mit. Neben mir auf der Rückbank saß das Mädchen, das mich angerempelt hatte. Inzwischen wirkte es nüchterner und recht friedlich. Der Fahrer war ein Schweigsamer mit fortgeschrittenem Haarausfall. Dag und das Mädchen redeten über den Holzhafen. Ich fragte nach, was in dem Holzhafen sei, und das Mädchen erklärte es mir:
"Da stehen sie und wollen Geld, und wenn es nur Zwanzigmarkscheine sind. Das sind diese frustrierten Hausfrauen, die es notfalls auch so tun. Als Frau allein solltest du da nicht hingehen, denn sonst kann es sein, daß du bald keine Augen mehr hast. Die kratzen die dir nämlich ohne Grund aus. Wenn da ein weibliches Wesen kommt, das ein bißchen besser aussieht als sie, fürchten die gleich die Konkurrenz."
Dag witzelte über Such-und-Finde-Parties:
"Preßlufthammer sucht Baustelle! Bang! Bang! Bang!"
Als wir bei Sareth und Ciril in den Hausflur kamen, lagen dort großformatige Bilder verstreut und dazwischen die CD von dem Die Form-Sideproject Elektrode.
"Oh", machte Dag. "Heute ist es besonders schlimm. Jetzt bitte ganz leise sein."
Dag schloß die Wohnungstür auf. Wir kamen in ein großes Zimmer, das verwüstet aussah. Hier hatte jemand noch mehr Bilder und CD's herumgeworfen. Ein Videorecorder lag auch dabei.
"Also - setzt euch mal ganz leise irgendwo hin", sagte Dag und klopfte an Cirils Zimmertür.
"Ciril?" rief er.
"Ja?" antwortete eine leise Stimme.
Dag verschwand. Das Mädchen, der Fahrer und ich nahmen auf einer Couchgarnitur Platz. Ich äußerte die Vermutung, daß Ciril selbstmordgefährdet sei. Das Mädchen bestätigte das und fügte hinzu:
"Genau wie Dag!"
Es stellte sich heraus, daß das Mädchen Maleen war und daß sie mit Dag ganz ähnliche Sorgen hat wie ich mit Rafa. Maleen merkte, daß ich von Dag gar nichts will, und das schien sie zu erleichtern. Sie entschuldigte sich für ihre Rempeleien auf der Tanzfläche. Sie meinte, das hätte mit dem Alkohol zu tun gehabt.
Maleen hat Dara nicht kennengelernt. Dag kennt Maleen seit einem Jahr, doch erst vor drei Wochen ist sie ihm nähergekommen. Sie will Dag ein Leben lang nicht mehr verlassen.
"Drei Wochen sind kurz", sagte ich, "eigentlich zu kurz, um schon sicher sein zu können, daß das mit dir und Dag endgültig ist. Außerdem bist du in einem Alter, in dem sich noch Vieles in dir bewegt und ändert."
Maleen ist noch so jung, daß ich ihr eine endgültige Entscheidung nicht zutrauen mag. Sie ist ein Schulmädchen von etwa achtzehn Jahren.
"Das Wort 'Liebe' benutze ich nicht gerne, weil soviel Unsinn damit gemacht wird", sagte Maleen. "Aber 'Liebe' ist das einzige Wort, mit dem ich beschreiben kann, was ich für Dag empfinde."
Maleen glaubt, daß Dag seine Gefühle und auch sein Ich verleugnet und verdrängt. Ich sagte ihr, daß ich diese Vermutung teile. Ich erzählte ihr auch, daß Rafa dieselben Schwierigkeiten hat wie Dag und daß ich es als meine Aufgabe betrachte, ihm dabei zu helfen, sich wiederzufinden und anzunehmen.
Maleen ist Anfang Januar im "Nachtlicht" gewesen, als der Strom ausfiel. Der Stromausfall soll Stunden gedauert haben. Die Gäste blieben fast alle und wurden mit Kerzenschein und mehreren Runden Sauren bei Laune gehalten. Maleen saß auf ihrem damaligen Freund, einem Mitglied der Band Steril. Sie mußte sich anhören, wie er sich in dem stillen "Nachtlicht" mit seinem Nachbarn über Intimes austauschte. Es ging um die "Morgenlatte" und wie man sie loswird:
"Was macht man, wenn die Freundin keine Lust hat?"
Ich dachte darüber nach, was dieser Junge für ein Bild von einer "Freundin" haben könnte. Vielleicht sieht er die "Freundin" vor allem als Funktionseinheit, die einen bestimmten Zweck erfüllen muß. Die "Freundin" ist Gegenstand der Verehrung, Gegenstand der Begierde, ein Gegenstand jedenfalls.
Der Kahlkopf schwieg und schwieg, während Maleen und ich ratschten. Ich glaube, er fand es ganz unterhaltsam, uns zuzuhören.
Dag hatte schließlich sein Gespräch mit Ciril erfolgreich beendet und kam ins Wohnzimmer zurück. Er setzte sich zu uns.
"Na, hast du Ciril wieder vorm Selbstmord bewahrt?" fragte ich ihn.
"Selbstmord wäre nicht das Schlimmste", meinte Dag. "Es gibt noch Schlimmeres."
Ich wurde hellhörig:
"Ach, du findest, Selbstmord ist nicht das Schlimmste?"
"Nein. Ist doch nicht schlimm, wenn man sich die Pulsadern aufschneidet; das geht ruckzuck, und alles ist vorbei."
"So kann nur einer reden, der auch selbstmordgefährdet ist."
"Das bin ich nicht; ich bin nur so trocken!"
"Vielleicht zu trocken."
Ciril kam alsbald zum Vorschein, ein dünnes Gespenst in einem knielangen schwarzen Gewand. Er schlich durch die Stube und sagte leise:
"Ich glaube, ich habe da etwas gemacht, das nicht so toll war."
Das konnten wir bestätigen. Dag schickte Ciril zu Bett. Doch aus Cirils Schlaf wurde nichts. Sareth kam heim und brachte Marianna mit, Cirils Freundin. Es gab ein großes Theater wegen der Unordnung. Ciril hatte sich vor allem an Mariannas Sachen ausgelassen, an ihren Bildern und ihren CD's. Sie schrie Ciril an. Er tapste durch die Wohnung und sagte immer wieder:
"Ich bin ein Schwein."
Sareth entdeckte mich.
"Mensch, Helmchen, du bist ja auch noch da!" staunte er.
Er bot mir an, in seiner Wohnung zu übernachten.
"Ich muß nach Hause", erwiderte ich. "Ich habe nachher noch etwas vor - Leute besuchen. Dieses Wochenende bin ich andauernd am Leute besuchen."
Sareth sah mich an mit einem Blitzen in den Augen.
"Sag' mal", kam es schließlich von ihm, "weißt du eigentlich, daß wir dich hier 'Lord Helmchen' nennen?"
"Sicher", antwortete ich. "Das hat mir doch der Dag schon gesteckt. Er weiß aber auch nicht, weshalb ich diesen Namen habe."
Marianna wußte nur, daß es mit meiner Frisur zu tun haben soll, doch inwiefern, das wußte sie auch nicht; das scheint keiner zu wissen.
Die Toilette in der Wohnung fand ich "grenzwertig". Ich hielt nicht damit hinter dem Berg, daß Toiletten mir Schauer über den Rücken jagen können.
Es wurde halb sieben, und damit war es spät genug, dem Sockenschuß nicht mehr in die Fänge zu laufen. Dag brachte mich zur Straßenbahnhaltestelle. Er erzählte, daß Ciril bereits in psychiatrischer Behandlung gewesen ist. Ciril soll meistens die Sachen seiner jeweiligen Freundin verwüsten. Die Sachen von Sareth rührt er nicht an.
"Das soll der wagen", meinte Dag, "dann macht Sareth ihn fertig."
Am Abend besuchte ich Carl in seinem neuen Zimmer. Er hat es hübsch eingerichtet mit viel Rosa und etwas Schwarz. Constri, Derek und Rikka waren auch da. Ich überbrachte ihnen eine traurige Nachricht, die ich von unserem Friseur Mauro bekommen habe: unser Friseur Wieland stirbt an AIDS. Wieland ist ein besonders begabter Friseur, der mit seinem Freund an die zehn Jahre lang fest zusammen war. Dieser Freund ist bereits an AIDS gestorben. Ich vermute, daß Wieland in seinen frühen Jugendjahren die AIDS-Gefahr noch nicht in ihrem vollen Ausmaß erkannte und sich deshalb angesteckt hat.
Wieland und Henk haben gemeinsam die Berufsschule in GF. besucht und sich gut verstanden. Später haben sie sich allerdings aus den Augen verloren. Henk wird von Wielands Schicksal noch nichts wissen.
Als ich in der Runde von den Verwüstungen erzählte, die Ciril in seiner und Sareths Wohnung angerichtet hat, sagte Derek mit verlegenem Grinsen:
"Das kenn' ich doch irgendwoher."
Mit Constri und Derek ging ich ins "Elizium". Steini und Jane waren auch da. Constri unterhielt sich mit Rick. Sie wußte noch, daß sie und ich Rick und Steven die ganze Zeit geneckt haben, als wir vor acht Jahren im "Read Only Memory" mit ihnen am Tisch saßen.
Am Sonntagmittag rief Steini mich an und teilte mir freudestrahlend mit, daß er und Jane sich gefunden hätten, morgens in Adis Wohnung. Adi wußte von dem jungen Glück noch gar nichts. Steini meinte, ich sei es gewesen, die ihn und Jane zusammengeführt hätte.
In der kommenden Nacht habe ich Folgendes geträumt:

Für einen Tag nach Tokio
In einem Wohnloch, das jemand anderem gehörte, hatte ich Unterschlupf gefunden. Der Mieter war fast nie da, und ich hatte die Behausung meistens für mich. Dennoch war es ein unhaltbarer Zustand. Nie fand ich das richtige Plätzchen. Ich wurde überdies begehrt und verfolgt von Gierschlünden, denen ich jedoch entkam.
Institutsmitarbeiter Wegart bot mir an, ihn auf einer Tagungsreise zu begleiten. Das war mir recht, denn so konnte ich den Aufregungen für kurze Zeit entfliehen. Ich teilte Constri am Telefon mit, was ich vorhatte:
"Dann holt mich Wegart morgens früh ab, und wir fahren nach F. oder von wo aus das losgeht - ist doch F., nicht? - und dann fliegen wir nach Tokio."
Ich fragte mich, mit welcher Geschwindigkeit wir flogen. Wieviele Stundenkilometer waren es bei einem Überschallflugzeug?
Auf einem der Sessel saß eine Fliege.
"Für eine Fliege ist es einfach, nach Tokio zu reisen", dachte ich. "Sie darf nur nicht im Flugzeug verlorengehen."
In Tokio gab es in den Unterführungen lauter seltsame Dinge zu kaufen, T-Shirts, Spielzeug, Helme, Brillen in abenteuerlichen Formen und Farben. Ich ging mit den Kongreßteilnehmern durch viele unterirdische Gänge, die die Haltestellen der Stadtbahnlinien verbanden.
Mit dem Flugzeug waren auch zwei Touristen nach Tokio gekommen, ein Musiker und sein linkischer, stotternder Freund. Die beiden lebten von der Hand in den Mund. Sie waren auf Tour. Ich glaube, sie nannten sich "W.E". Der Musiker verehrte mich. Er schien mich sehr zu brauchen. Er suchte dauernd meine Nähe und verwickelte mich in Gespräche. Sein Künstlername klang so ähnlich wie "Pyrolator"; dies ist ein Name, den ein Mitglied von Der Plan verwendet. Der linkische Freund meines Verehrers nannte sich D.a.; das hieß eigentlich "D as God", ein Name, der dem Bandnamen "God is LSD" nachempfunden ist. "D as God" war den Herren auf Tour zu blasphemisch fürs große Publikum, und so kürzte man es ab. Ich hieß übrigens auch nicht mehr Hetty, sondern Desolation. So heißt einer meiner Lieblingstitel von X marks the Pedwalk.
Schließlich ging ich der Reisegruppe verloren. Auch den leidenschaftlichen Verehrer sah ich nicht mehr. Ich war allein in dem Labyrinth Tokio. Es war mir nicht ganz klar, ob ich nach den Kongreßteilnehmern oder nach dem Verehrer suchte. Ich suchte einfach. Ich kam zu einem himmelhohen Dom aus Beton, Stahl und Glas. In der Dunkelheit wurde er von gewaltigen Strahlern angeleuchtet. Viele Touristen waren da und fotografierten. Rings um den Dom war der Boden mit Betonplatten gepflastert. Am hinteren Ende des Doms gab es einen Platz, auf dem eine große Skulptur stand. Touristen waren dort nicht mehr. Doch auf der Skulptur entdeckte ich die beiden "Helden", meinen Verehrer und seinen linkischen Diener. Sie kletterten da herum. D.a. sah mich als erster. Er rief dem betrübt ins Leere blickenden Verehrer zu:
"P - p - pyrolator! Sie ist es! D - d - desolation!"
Der Pyrolator wollte es nicht fassen. Freudestrahlend kletterte er von der Skulptur herunter und tapste auf mich zu. Ich nahm ihn liebevoll in die Arme und ging mit ihm ein paar Schritte. Nun mußte erzählt werden.
"Ich dachte mir, daß sich Touristen am ehesten in der Nähe von Sehenswürdigkeiten aufhalten", sagte ich. "Aber es gibt ja in Tokio so viele Sehenswürdigkeiten..."
Eigentlich durfte ich meinen Verehrer nicht umarmen, denn ich darf nur Rafa umarmen. Aber ich war in dem Traum nicht ich, sondern Desolation - und Rafa war nicht Rafa, sondern - wahrscheinlich - der Pyrolator. Und so durfte ich es doch.

An Maldas Geburtstag war ich zum Kaffee bei ihr. Das Geschenk für Malda hatte ich mit einer Schleife aus einem lila Vicrylfaden verziert, an dessen Ende sich eine gebogene Nadel befindet. Im Krankenhaus übe ich zur Zeit die Chirurgennähte und komme deshalb auf solche Einfälle.
Außer mir waren noch andere Mädchen zu Gast, unter ihnen Marcia, Clara, Daphne und Siddra. Auch Carl und Rocco waren gekommen.
Daphne erzählte, Xentrix habe sie angeschnauzt wegen ihrer Anzeige mit den "Sumpfdotterblumen". Ich frage mich, weshalb sich Xentrix über so etwas aufregen sollte. Ich kann mir kaum vorstellen, daß Xentrix sich ernstlich darüber erhitzt hat.
Daphne leidet unter der Schließung des "Nachtlicht". Sie fand es schön dort. Zu Halloween wurde Topfschlagen gespielt und die Reise nach Jerusalem, und zu Weihnachten verteilte Kappa Geschenke. Am Tannenbaum soll zusätzlich zu dem lila Lametta eine Lichterkette gehangen haben. Als Daphne von dem Ende des "Nachtlicht" erfuhr, rief sie sogleich Rafa an und bat ihn:
"Sag', daß es nicht wahr ist!"
"Es ist wahr", antwortete er. "Laß' mich in Ruhe."
Daphne hat auch schon Ärger mit den Türstehern gehabt. Kappa hatte denen mehrmals gesagt, daß Daphne kostenlos ins "Nachtlicht" kommen soll, und die Türsteher pflegten das andauernd zu vergessen. Sie verzogen unwilllig das Gesicht, wenn Kappa Daphne durchwinkte. Trotz alledem fühlten sich Daphne und Clara im "Nachtlicht" "wie zu Hause", während sie die Leute im "Elizium" als arrogant erlebten.
Siddra scheint mit dem Sockenschuß inzwischen nichts mehr zu tun zu haben. Sie konnte erzählen, wie die Dusche des Sockenschuß ausgesehen hat, als er Anfang der Neunziger Jahre in dem verrufenen Stadtteil Rc. wohnte, kurz vor seinem Umzug ins Obdachlosenwohnheim. Die Dusche soll schwarz vor Dreck gewesen sein, und eine Reihe leerer Haarsprayflaschen soll dabeigestanden haben.
"Ich glaube, der hat die Dusche gar nicht benutzt", meinte Siddra. "Die war für den nur ein Mülleimer."
Der Sockenschuß soll seine Haare mit Ruß färben - "weil es billiger ist".
"Lockenruß" wäre ein neuer Name für ihn.
Siddra weiß, weshalb der Sockenschuß seinerzeit aus den Redaktionsräumen des "Autodafé" geworfen wurde. Er hatte Listen entwendet, Listen mit den Adressen von Leuten aus der Szene, die Kappa Anfang März 1992 bei einer Unterschriftenaktion in der "Halle" gesammelt hatte. Davon habe ich schon einmal gehört.
Siddra kann sich noch an ein Einschreiben erinnern, das mir der Sockenschuß 1993 zusandte; es war eine Art Drohbrief, der von mir sogleich in den Müll geworfen wurde. Ich glaube, der Sockenschuß wollte mich verklagen wegen fortgesetzter Belästigung.
Siddra erzählte, der Sockenschuß habe ihr einmal weismachen wollen, sie sei Sadomasochistin. Ich meinte dazu:
"Das sagt er, weil er selber SM ist."
Ein wahres Wort soll freilich aus dem Mund des Sockenschuß gekommen sein:
"Ivo Fechtner redet über seine Ex-Freundinnen wie über verlorengegangene CD's."
Ich bestätigte, daß Ivo Fechtner Menschen wie Gegenstände zu behandeln pflegt.
"Mit dem hast du eine schöne Niete gezogen", sagte ich zu Malda.
Durch Siddra erfuhr ich noch einiges aus der Vergangenheit. Als Rafa mit Luisa zusammen war, war Siddra eine von Luisas engsten Freundinnen.
"Damals konnte Rafa so eklig sein", erzählte Siddra. "Der ist irgendwann voll arrogant geworden. Früher hat der sich voll bei mir eingeschleimt. Der wollte was von mir, aber ich nicht von ihm. Ich wollte was von Dolf, aber der nicht von mir. Und dann wurde Rafa so eklig."
"Wie hat sich das denn geäußert?" fragte ich.
"Ach, schon was der mit Luisa gemacht hat", erinnerte sich Siddra. "Der hat die so mies behandelt. Einmal war das so - wir sind ins 'Fall' gefahren, und als wir von BO. wieder nach SHG. gefahren sind, saß Rafa mit Luisa auf der Rückbank. Neben Rafa saß aber noch so ein Weib. Und als wir dann in SHG. angekommen sind, ist Rafa einfach mit diesem Weib ausgestiegen und hat zu Luisa gesagt:
'Tschüß, Luisa. Bis morgen!'
- so, als sei das was völlig Selbstverständliches, daß er fremdgeht."
"Und was hat Luisa da gemacht?"
"Nichts."
"Was, die hat sich das bieten lassen?"
"Na ja, sie hat ihn halt geliebt ..."
"Wenn man jemanden liebt, muß man ihm aber Grenzen setzen! Das ist das A und O! Wenn man ihm keine Grenzen setzt, findet der bei einem doch keinen Halt und keine Stütze. Wenn man alles mit sich machen läßt, kann man dem Menschen, den man liebt, doch gar nicht helfen. Ich bin nicht so; ich lasse mir nichts gefallen, gar nichts; ich habe eine eiserne Hand."
Laut Siddra soll Rafa inzwischen wieder netter und zugänglicher sein.
Siddra fand es besonders schön im "Elizium", als 1991 und 1992 der Keller in den Betrieb miteinbezogen wurde. Einmal kam Rafa ihr auf der dunklen Kellertreppe entgegen. Da breitete er seinen Talar aus und schloß ihn um Siddra herum. Das gefiel ihr.
Dem Rafa brauchte ein Mädchen nur über den Weg zu laufen, schon wurde es verführt. Rafa übte sich im Verführen. Er wurde zu einem Könner im Verführen.
Es war gegen zweiundzwanzig Uhr, und ich war eben von Maldas Geburtstagsfeier nach Hause gekommen, da klingelte das Telefon.
"Ja?" meldete ich mich.
"Hallo?" kam es vom anderen Ende der Leitung.
Ich sagte noch einmal:
"Ja?"
"Hier ist Ivo Fechtner."
"Ja, was ist denn los?" fragte ich ärgerlich und ungeduldig.
"Ich höre, daß du ... Sch... über mich erzählst", begann Ivo Fechtner.
"Bitte Ruhe, ja?" schnitt ich das Gespräch ab. "Ich möchte mit dir nichts zu tun haben."
Und ich legte auf. Ich frage mich, wie sich Ivo Fechtner dafür zu rächen versucht.
Am kommenden Abend habe ich im "Rohbau" endlich die Tambours du Bronx gesehen. Der "Rohbau" hatte eigentlich ein Kaufhaus werden sollen, doch waren damals in den Siebziger Jahren die Pläne geändert worden, und nach der Fertigstellung von etwas mehr als dem Erdgeschoß blieb eine triste Neubauruine stehen. Heute ist es ein Veranstaltungszentrum.
Die Tambours du Bronx bestehen aus achtzehn Franzosen, die auf Ölfässer einschlagen. Sie hatten die Fässer in einem Halbrund aufgestellt. In der Mitte war einer, der dirigierte, indem er hin- und herrannte, den Takt mitschlug und die Musiker anfeuerte. Es sind richtig wilde Kerle, Leute aus dem Vorstadtghetto. Sie kamen ordentlich ins Schwitzen. Erst hatten sie noch dunkle Brillen auf und Westen an, doch die flogen bald in irgendwelche Ecken, gefolgt von den T-Shirts. Die Fässer verbeulten ordentlich, und mehrere Trommelstöcke zerbrachen. Am ärgsten wurde das Faß des Dirigenten zugerichtet. Er bearbeitete es gelegentlich sogar mit einer riesigen Zange. Die Playlist war mit einem Edding auf dieses Faß geschrieben. Am Ende des vielbeklatschten Spektakels wurden alle Fässer auf einen Haufen geworfen. Die Truppe wird für jeden Auftritt neue Fässer brauchen. Wo sie die nur hernehmen?
Es war echte Industriemusik, Handwerksarbeit.
Auf dem Konzert traf ich nicht nur Luie und Versicherungs-Rono, sondern leider sah ich beim Hinausgehen auch den Fechtner vorm "Rohbau" stehen. Als ich ihn entdeckt hatte, wandte ich mich rasch ab.
"Oh, bloß schnell weg hier", sagte Ivo Fechtner hämisch und aufdringlich.
Ich stieg ins Taxi.
In den kommenden Tagen waren Merle und Elaine bei mir zu Besuch. Auch Constri, Derek und Carl waren da. Derek, der behauptet, mit kleinen Kindern nichts anfangen zu können, trug Elaine mit sich herum und wollte sie gar nicht wieder hergeben.
Derek gestand von sich aus, daß er verschlossen ist.
"Wenn ich depressiv bin, sage ich es nicht; dann rollen höchstens Köpfe", spielte er auf das "Schneckendrama" von neulich an.
Derek meinte, daß es ihm schwerfällt, Constri zu sagen und zu zeigen, daß er sie liebt. Ich erinnerte ihn daran, wieviele kleine Geschenke und Aufmerksamkeiten Constri von ihm schon bekommen hat. Am selbigen Abend erst hatte Derek für Constri eine Tasse mit Schneckenmotiv bei der Tankstelle gekauft.
"Rafas Geschenke an mich sehen so aus, daß er sich von mir Kassetten ausleiht", sagte ich. "Er schenkt mir Vertrauen, indem er mich um etwas bittet. Mehr kann er noch nicht. Du bist schon viel weiter. Kürzlich hast du Constri sogar schon die erste Rose geschenkt."
Ich führte Derek vor Augen, daß Rafa mir gegenüber eine große Verantwortung trägt: wenn er sich umbringt, vernichtet er auch mich.
"Und du trägst Constri gegenüber dieselbe Verantwortung", setzte ich hinzu.
Derek tat ganz unschuldig und sang:
"Lalala ..."
In einem Telefongespräch erzählte Laura noch etwas über Rafas Frauengeschichten. Ein Mädchen mit blauer Haarsträhne, das Sina heißen soll - von dem auch schon vor längerer Zeit die Rede war, das ich jedoch nie kennengelernt habe - soll im Herbst und im Winter 1993 / 1994 etwas mit Rafa gehabt haben. Er soll die Sängerin fortgesetzt mit Sina betrogen haben. Einmal kamen Sina die Tränen, und sie ging nach draußen. Laura ging ihr nach und fand sie weinend im Auto. Sina sagte zu Laura, sie könne sich nicht vorstellen, jemand anderen als Rafa zu wollen. Laura sagte Rafa bescheid, und er setzte sich zu Sina ins Auto und tröstete sie.
Laura hat kürzlich mit Sina telefoniert. Sina hat inzwischen einen neuen Freund. Über Rafa sagt sie, sie sei nun doch von ihm losgekommen; sie glaube aber nicht, daß Rafa von der Sängerin loskomme. Ansonsten findet Sina, daß Rafa gut im Bett ist.
In den frühen Neunzigern soll es Rafa auf Parties in verschiedenen Betten und Winkeln getrieben haben. Es soll auch Fotos von diesen Abenteuern geben, deren Herausgabe Rafa vehement von der Fotografin gefordert haben soll.
Hendrik war vor vierzehn Tagen in der "Halle", Anfang März. Rafa wurde von Kappa ans DJ-Pult gerufen. Die Sängerin saß unten, meistens allein, und rauchte. Rafa kam öfter zu ihr und redete mit ihr.
Was Hendrik gestört hat, waren die vielen "Skinoiden" in der "Halle", Jungs, bei denen es sich um Skinheads handeln könnte, ohne daß das sicher erkennbar ist. Die "Rechten" - sofern es tatsächlich welche sind - dürften versuchen, angepaßter und bürgerlicher zu wirken, um in den Clubs eingelassen zu werden. Dennoch verursachen diese Herrschaften bei mir ein unwohles Gefühl. Und das liegt nicht nur an solchen Leuten wie Lennart, sondern auch an der allgemeinen Atmosphäre, die diese "Angeskinten" verbreiten.
Am Samstag begrüßten mich im Torweg zum "Elizium" Siddra und Malda. Siddra hatte etwas Nettes an, ein langes, enges, roséfrabenes Kleid und schwarze Handschuhe.
Drinnen mußte sich Malda wieder um ihren Fechtner kümmern. Und ich mußte auf die Tanzfläche, denn "Sacrosancts bleed" von In Slaughter Natives wurde gespielt.
Sareth war mit mehreren Leuten aus HB. im "Elizium", darunter auch seine Freundin Siri. Laura wollte mit Sareth bekannt gemacht werden. Sie findet ihn hübsch. Auch ich finde Sareth hübsch, ausnehmend hübsch sogar. Er hat sich das kurze blonde Haar sauber über den Ohren rasiert und trägt Creolen.
Daß aber jemand von mir attraktiv gefunden wird, heißt nur dies und sonst nichts. Rafa würde mir das wahrscheinlich nicht glauben. Er könnte sich nichts anderes vorstellen, als daß ich mit solchen Jungen etwas anfangen würde, sobald sie vorübergehend zu haben sind.
Rick war eben in "Halle 1" gewesen und hatte es dort nicht lange ausgehalten. Kappa ließ eine Band auftreten, die Rick überhaupt nicht gefiel. Ich fragte Rick, welche DJ's in "Halle 1" seien.
"Ja, Kappa ..."
"Und wer noch alles?"
"Ich glaub', der andere heißt Rafa", sagte Rick, der wohl ahnte, worauf ich hinauswollte.
Nach der Sängerin fragte ich Rick nicht; das wäre mir zu offensichtlich gewesen.
Als ich vor der Bar stand und mich mit ein paar Jungen unterhielt, kam Ivo Fechtner des Wegs. Im Vorbeigehen stieß er mich in den Rücken. Luc sah es und fand es unmöglich. Ich erzählte es gleich allen, die mir begegneten. Man soll wissen, was Ivo Fechtner für einer ist, damit ich im Bedarfsfall Schützenhilfe erwarten kann.
Siddra findet den Fechtner neuerdings auch nicht mehr so besonders nett. Unter anderem ist er ihr zu rechtsradikal. Übrigens hat er Siddra bereits erzählt, daß ich den Hörer auflegte, als er mich anrief.
Ivo Fechtner verließ das "Elizium" zeitig, mit Malda im Schlepptau.
Erst nach vier Uhr kam Revil aus "Halle 1" herüber. Ich fragte ihn aus, und er berichtete, daß Rafa, Cyrus und Kappa hinterm DJ-Pult gestanden hätten. Die Sängerin hat Revil nicht gesehen.



Als ich am kommenden Freitag im "Elizium" meinen Mantel aufs Podest legte, sah ich am oberen Ende der Treppe die Sängerin auf einer Bank sitzen. Gerrit setzte sich neben sie. Rafa war nicht im "Elizium". Das wunderte mich.
Mit Bertine redete ich über Laura, die zunehmend unleidlich wird und sich deshalb nach und nach meine Freundschaft verscherzt.
Ragnar war auch im "Elizium". Er hob mich mit einem Arm in die Höhe.
"Auch mal wieder hier?" begrüßte ich ihn.
"Auch mal wieder?" gab er zurück. "Ich bin doch öfter hier. Mich sieht wohl mal wieder keiner ..."
"Ach, so ein Dinosaurier wie du ist doch eigentlich gar nicht zu übersehen."
Xentrix kam vorbei.
"Es ist schon verrückt, wenn man zwei Leute sieht, die sich so ähnlich sehen", bemerkte ich.
Da fragte Ragnar entrüstet:
"Ähnlich? Hab' ich Magersucht?"
"Toll - als ich zu Xentrix gesagt habe, daß du ihm so ähnlich siehst, hat er gesagt:
'Mein Bruder ist doch viel dicker als ich!'
Dabei ist Xentrix auch nicht gerade eine Gerte. Der ist doch schon etwas fülliger."
Ich bedauerte Adi, weil er im Gegensatz zu Steini noch keine Frau fürs Leben gefunden hat. Adi wollte aber nicht bedauert werden. Er ist Buddhist geworden und meint, als Buddhist brauche man keine Frau, um glücklich zu sein.
Ivo Fechtner ließ Malda für kurze Zeit unbewacht, und so konnte ich mich ein wenig mit ihr unterhalten.
Daria will neuerdings mit Brinkus nichts mehr zu tun haben. Sie saß am Tisch auf dem Podest mit Viktoria und Genoveva.
Jane, Steini, Adi, Brinkus und Rocco hatten sich einen Tisch unterhalb des DJ-Pults gesucht, zwischen der rechten Box und dem Podest. Ich war dort auch meistens.
Die Sängerin verließ schon bald das "Elizium". Mir fielen ihr steifer Gang und ihre kurzen, harten Schritte auf. Sie schien schlechte Laune zu haben. Ich kenne überhaupt nur zwei Stimmungen von ihr - die gewohnte schlechte Laune oder die seltenere Schadenfreude.
Als ich mich im Seitengang mit Simon unterhielt, ging die Sängerin an uns vorbei. Sie war ins "Elizium" zurückgekommen.
Ivo Fechtner ging ans DJ-Pult. Mit dumpfen Gongschlägen begann "Total War" von Boyd Rice. Gerrit und ich tanzten einander gegenüber. Nach dem Intro kam die Sängerin dazu und tanzte neben Gerrit.
Ivo Fechtner spielte noch mehr "Industrie", darunter "Jesus Army" von Con-dom und "Elektrode" von Elektrode. Dann war es mit der Herrlichkeit vorbei, denn der Ska-Block begann. Die Aussicht auf Ska hatte einige Skinheads in "Elizium" gezogen, unter ihnen auch den "Nachtlicht"-Türsteher Lennart. Ich redete wieder im Seitengang mit Simon. Währenddessen entdeckte ich Rafa an der Bar. Ich war außer mir und hatte Mühe, mir das nicht anmerken zu lassen. Rafa unterhielt sich mit verschiedenen Leuten. Die Sängerin konnte ich nirgends sehen.
Rafa hatte sich ganz besonders niedlich zurechtgemacht. Er trug seine Kapitänsmütze, unter der eine dunkle Haarsträhne hervorschaute. Passend dazu hatte er eine Jacke mit zwei silbernen Knopfreihen an. Er war sauber rasiert und trug Creolen. Geschminkt war er nicht, und eine Brille hatte er auch nicht aufgesetzt.
Ab und zu warf ich einen Blick zu Rafa hinüber. Er sah mich auch an und strahlte. Da konnte ich nicht anders; ich mußte kichern und mich wegdrehen - bis zum nächsten Blick.
Ich bot Simon an, ihm meine Leute vorzustellen, und er wollte sie kennenlernen. Ich nahm ihn mit in die Ecke zwischen Podest und Lautsprecher. Eine Weile redete ich mit Rocco und Simon gleichzeitig. Immer wieder suchten meine Augen die von Rafa. Er saß noch an der Bar und schaute mich durchdringend an. Dann unterhielt er sich weiter. Jetzt war es Terry, mit der er sprach.
Ich wechselte die Position, um für Rafa besser erreichbar zu sein. Ich ging zwischen Simon und Rocco hindurch und drehte mich um. Nun stand ich vor den beiden Jungen und kehrte der Tanzfläche den Rücken zu. Als ich mich umsah, war Rafa ein ganzes Stück näher gekommen. Er redete im Seitengang mit mehreren Leuten.
"Rafa ist da", sagte ich zu Rocco.
Ich zeigte ihm Rafa.
Simon hatte etwas Eigenartiges entdeckt: einen Betrunkenen, der hinter der Tanzfläche an der Heizung lehnte und schlief. Der Betrunkene hielt ein Bierglas in der Hand. Wir warteten alle darauf, daß es zu Boden fiel.
Rafa ging die Treppe hoch zur Galerie, kam aber bald wieder herunter und redete weiter mit den Leuten im Seitengang. Etwas später stieg er aufs Podest, und damit war er nur noch knapp zwei Meter von mir entfernt. Daria und ihr Gefolge waren nicht mehr da. An dem Tisch auf dem Podest saßen nur noch Velvet und Julienne, die Freundin von Luca. Rafa kniete sich vor den Tisch und redete mit den beiden. Wie ich lächelte und lachte er beim Reden dauernd.
"Das ist die typische Annäherung in Zickzackform", erklärte ich Rocco. "Rafa redet mit diesem und mit jenem und kommt mir wie beiläufig immer näher. Er macht das choreografisch. Achte mal darauf - ich bin der Tanzfläche abgewandt, er ist der Tanzfläche abgewandt. Ich stehe vor zwei Jungen, die stehen, und er kniet vor zwei Mädchen, die sitzen. Bei Rafa ist das kein Zufall. Vielleicht schafft er es, mit mir zu reden, vielleicht nicht - muß ich abwarten."
"Ist das nicht ein Feigling?" meint Rocco.
"Der ist nicht feige", sagte ich fest. "Der hat Angst. Feige ist der nicht."
Es klirrt. Das Bierglas ist dem Betrunkenen aus der Hand gefallen.
Rafa erhebt sich schließlich und stellt sich an die Säule, die das Podest zum Seitengang und zur Tanzfläche hin abgrenzt. Ich trete etwas abseits von Rocco und Simon und beobachte Rafa ununterbrochen. Er scheint seinen Mut zusammenzunehmen. Dann hat er es geschafft - er dreht sich zu mir um und kommt mit einem freundlichen Lächeln auf mich zu. Er streckt die Hand zur Begrüßung aus und will "Na?" sagen, da übersieht er eine flache Stufe und fällt beinahe hin. Er trägt ein Bierglas, und ein wenig von dem Bier schwappt über. Rasch steige ich hinauf zu ihm und schließe ihn in die Arme.
"Oh - dein Blick hat mich so gebannt, daß ich fast abgestürzt wäre", sagt Rafa entschuldigend.
"Oh, und dann hättest du fast dein kostbares Bier verschüttet", sage ich teilnahmsvoll und schließe noch fester die Arme um ihn.
"Und, wie geht's?" fragt er.
"Na - wie's halt so geht ...", antworte ich.
"Wie?"
"... ohne dich", füge ich hinzu.
Ich streichle Rafas Schultern und kuschle meine Wange an seine. Für ein Weilchen läßt er sich das gefallen und scheint es sogar zu genießen. Dann gibt er sich wieder stachelig.
"So - so - ist gut, ist gut", sagt er und löst meinen Griff.
Mit einem angewiderten "Äh!" schüttelt er meine Hände von seinen Armen. Das hindert mich nicht daran, ihn gleich von Neuem zu umschlingen; ich mache es nur etwas vorsichtiger, damit er es nicht so sehr merkt.
"Und? Was 's' los?" fragt Rafa unruhig.
"Bist du denn jetzt endlich solo?" frage ich streng.
"Nein!" antwortet Rafa.
Ein leichtes Grinsen umspielt seine Mundwinkel. Ich nehme sofort meine Hände von seinen Schultern und stemme sie in die Hüften.
"Dann mußt du jetzt gleich wieder gehen", bestimme ich.
"Ja?"
"Ja, dann mußt du jetzt gleich wieder gehen. Du kannst nicht mit mir reden, wenn du irgendsoein Weibsbild an deiner Seite hast."
"Dann darf ich jetzt also nicht mit dir reden."
"Nein. Du darfst nicht mit mir reden."
"Hör' mal - ich habe mir alle Kassetten von dir aufgenommen. Ich ruf' dich an und komm' vorbei; ist das o.k.?"
"Wenn du solo bist, ist das kein Problem."
"Ach, soll ich extra deswegen Schluß machen?"
"Ja."
"Soll ich die Videokassetten bis an mein Lebensende behalten?"
"Nein. Du sollst nur Schluß machen", sage ich mit beherrschter Wut in der Stimme. "Und du wirst Schluß machen. Du mußt dich entscheiden."
"Ich habe mich entschieden."
"Das hast du auch schon zehnmal gesagt. Also, wenn du dich entschieden hast, dann mußt du auf mich verzichten."
"Was muß ich?"
Ich neige mich zu Rafa und wiederhole in einem freundlichen Ton:
"Dann mußt du auf mich verzichten."
Ich schaue ihm gerade ins Gesicht und streichle seine Wange. Das würde ich gern noch viel länger tun. Auch auf den Mund küssen möchte ich ihn, Tag und Nacht. Ich gestatte es mir aber nicht. Mit einem scharfen Blick sehe ich Rafa an und sage:
"Entweder du willst mich, oder du willst mich nicht. Und wenn du mich willst ..."
"Was dann?"
"Dann mußt du frei für mich sein", sage ich deutlich und dicht an seinem Ohr.
Rafa und ich lassen unsere Blicke ineinandertauchen. Wir sind Gegner in einem ernsten Spiel. Einer versucht den anderen zu packen.
"Also, dann wünsche ich dir viel Spaß beim Schlußmachen", beende ich das Gespräch.
Ich greife nach dem Aufschlag von Rafas hübscher Kapitänsjacke und ziehe kurz und kräftig daran.
"Man sieht sich!" verabschiede ich mich und gehe wieder hinunter zu meinen Leuten.
Rafa bleibt für einen Moment aufrecht stehen, als hätte er etwas hinunterzuschlucken. Dann durchquert er mit raschen Schritten das "Elizium" und findet Zuflucht an der Bar. Ich glaube, er ist entsetzlich wütend - vor allem auf sich selbst ...
Ich hätte Rafa so gern gesagt, wie niedlich er aussieht. Leider muß ich ihn so lange abweisen, bis er sich doch noch von der Sängerin trennt.
Der Ska-Block endete, Xentrix übernahm das Pult, und ich konnte weitertanzen.
Als ich zwischendurch nach Rafa schaute, war er fort. Ich wunderte mich darüber, daß die Sängerin nicht mit ihm gegangen war. Sie setzte sich neben Gerrit aufs Podest.
Der Betrunkene wachte wieder auf und tanzte. Später legte er sich der Länge nach auf die Heizung und schlief.
Brinkus redete dauernd davon, wie sehr es ihn nach der Sängerin gelüstete.
"Wenn ich es ihr richtig gezeigt habe, ist Rafa frei", tönte er.
Gegen halb drei kam Revil noch ins "Elizium".
"Ich bin heute nicht so besonders gut drauf", sagte er.
Als ich wissen wollte, weshalb, antwortete er:
"Ach, das ist privat."
"In meinem Privatleben bin ich gerade ganz sachte am Aufräumen", erzählte ich. "Radikal werde ich nur dann, wenn die Leute gegen mich Intrigen spinnen. Das ist kommt nur ganz selten vor. Das ist nur bei Ivo Fechtner so gewesen."
"Was verstehst du unter 'Intrigen'?"
"Intrigen sind für mich nicht das normale Lästern, sondern wenn man mit dem Vorsatz, jemandem zu schaden, Lügen erzählt."
"Warum lästerst du denn?"
"Nur um mir Luft zu machen."
"Na, man kann doch auch die Leute einfach links liegen lassen."
"Ja, aber das genügt mir nicht", erklärte ich. "Ich muß meine Emotionen 'rauslassen. Das staut sich sonst alles auf. Ich muß denen einen Weg verschaffen. Ich will aber niemandem schaden. Und da halte ich es für das beste, Leuten gegenüber, die ich kenne, zu lästern und mir auf diese Art Luft zu machen. Die Aggressionen müssen irgendwohin, und ich finde, das ist immer noch der geschickteste Weg, wenn man bewußt lästert und auch weiß, warum man lästert."
Die Sängerin verließ das "Elizium" gegen halb vier. Sie ging allein. Als Rocco, Brinkus und ich gegen vier hinauskamen, sahen wir den roten BMW der Sängerin am Straßenrand parken. Ich schloß daraus, daß die Sängerin noch in der Stadt war. Ich nahm an, daß sie sich im "Nachtbarhaus" mit Rafa versöhnte.
Rocco schenkte mir ein Spielzeug, das er beim Aufräumen gefunden hat. Es ist ein Roboter auf einem Pferd, eine Darstellung wie aus einem Science-Fiction-Film. Das Besondere an dem Roboter ist, daß die Körperteile mit Magneten aneinanderhaften. Mit einem Hebel kann man die Fäuste des Roboters wegschießen.
Am Samstagabend sah ich im "Elizium" die Sängerin in der Nähe der Schwingtür an der Bar sitzen. Luc war bei ihr. Rafa war nicht da und kam auch nicht.
Als ich zu den Toiletten ging, kam die Sängerin mir nach; das Klappern der Stöckelschuhe und das Klimpern der Armreifen waren nicht zu überhören. Am Waschbecken begegnete ich ihr; sie zupfte sich an den strähnigen, rotgefärbten Haaren herum. Ich wusch mir nur schnell die Hände und eilte davon.
An Veronique fiel mir etwas auf. Sie schien den Tanzstil der Sängerin nachzuahmen. Sie stand mit verkreuzten Füßen auf der Tanzfläche und schüttelte die Fäuste.
Rick erzählte, daß Kappa in der Nähe des CITICEN das "Exil" eröffnen will, den Nachfolgeladen für das untergegangene "Nachtlicht". Kappa will per Post werben und die Clubkartenbesitzer anschreiben. Nun, dazu gehöre ich nicht.
"Wahrscheinlich gehe ich sowieso nie in den Laden", sagte ich zu Rick. "Da stehen doch wieder nur irgendwelche Skinheads in der Tür, die mir die Tasche wegnehmen wollen."
Rick möchte nicht, daß ich immer über die Türsteher rede; er meint, davon würde ich nur schlechte Laune bekommen. Er bot mir an, gemeinsam mit mir ins "Exil" zu gehen und mir Begleitschutz zu geben. Damit war ich einverstanden.
Carl und Saverio sehen sich zur Zeit regelmäßig. Sie machen in Saverios Wohnung Musik. Carls Mitschüler haben sich schon daran gewöhnt, daß Saverio in den Pausen zu Carl in den Klassenraum kommt. Körperliche Nähe gibt es zwischen den beiden freilich nicht.
Saverio hat Carl sogar einen Krankenbesuch abgestattet, als Carl Grippe hatte. Damit ist Saverio weit über seinen Schatten gesprungen.
Laura hat es sich inzwischen auch mit Viktoria verscherzt, indem sie Streit angefangen hat.
Constri wird während ihres Design-Studiums immer kreativer und läßt sich immer schneller immer mehr einfallen. Für Ellen und Talis erfand sie ein Mobile, ein Spinnennetz aus Silberdraht, an dem kunstvoll gefertigte Spinnen baumeln und unter ihnen auch eine eingewickelte Fliege. Dieses Netz kann man unter der Decke in einem Winkel befestigen, dort, wo Spinnennetze gewöhnlich ausgespannt sind. Ich wünschte mir solch ein Mobile gleich zu Ostern.
Im Institut machte mir "Laubfrosch" Sega ein seltsames Kompliment:
"Du duftest so gut."
"Das sind die Äpfel von Rutger", vermutete ich, denn ich hatte gerade einen Apfel gegessen.
"Nein", widersprach Sega und schnüffelte an meiner Schulter. "Das ist irgendwie mehr ein ganz dezenter Musk-Geruch."
"Musk", wunderte ich mich. "Ich nehme überhaupt kein Parfüm."
Stattdessen war ich kurz davor, mein Oberteil in die Wäsche zu tun, weil ich es schon längere Zeit getragen hatte.
Ich erinnerte mich daran, wie ich hingebungsvoll an der Schulter des angeblich ungewaschenen Rafa geschnüffelt habe. Das war eine geheimnisvolle Mixtur, die an Weihrauch und Patchouli erinnert und doch viel feiner und besonderer ist.
Rutger hat übrigens ein Schweizer Offiziersmesser. Ich sah es mir genau an. Mit einem solchen Messer also wollte Rafa sich töten.
Von Rick bekam ich die versprochene Ankündigung für die Eröffnung des "Exil" übersandt. Das Logo des "Exil" ist ein Schriftzug in nüchternen Helvetica-Blockbuchstaben; nur das "X" ist ersetzt durch ein schemenhaftes, schlicht gemaltes Männchen. Wahrscheinlich hat wieder Rafa den Schriftzug gestaltet. Warum hat er auf Friedhöfe und Fledermäuse vetzichtet?
Kappa verwendet in der Ankündigung viele englische Ausdrücke. Da ist die Rede von einer "Location in der City" und von einer "undercover Eröffnungsparty". Außerdem soll es bald neue "Membership Karten" geben.
Kappa verspricht ein "absolut professionell renoviertes 'Exil' mit gewohnt düsterer Atmosphäre", doch ob er wieder den Gästen die Taschen abnehmen will, sagt er nicht. Die Freitage sollen "Lee oder Honey" gestalten, an den Samstagen wollen "Kappa u.a." ans Pult.
Ich war traurig darüber, daß es für mich kaum möglich sein wird, ins "Exil" zu gehen.
Am Freitagabend feierten Talis und Ellen ihre Geburtstage und die Einweihung ihrer hübschen, in Schwarz und Weiß eingerichteten Wohnung.
Tora lernte ich kennen, die ehemalige Freundin von Cyber. Sie war mit Cyber fünf Jahre zusammen.
"Lief es nicht mehr so gut?" fragte ich.
"Es lief nichts mehr", antwortete Tora.
Sie erzählte, Cyber habe sich so in seine Managertätigkeit gestürzt, daß für eine Beziehung weder Zeit noch Kraft übriggeblieben sei.
Ellens Kollegin Scarlett war auch da. Scarlett ist zwanzig Jahre alt und hochschwanger. Der Vater des Kindes ist ihr langjähriger Brieffreund. Sie wollte nicht mit ihm zusammensein. Er soll sie im alkoholisierten Zustand überrumpelt haben. Weil das Kind ein "Unfall" ist, fällt es Scarlett schwer, es anzunehmen. Sie wollte es aber weder abtreiben lassen noch es zur Adoption freigeben. Daraus schließt sie, daß sie ihr Kind eben doch liebt.
Anfang April erlebte ich in einem Traum Feindseligkeiten in der Berufswelt:

Im Schwesternzimmer war der Frühstückstisch gedeckt. Eine Schwester, die mich nicht leiden konnte, saß schon. Sie blickte mich über den Tisch hinweg an und behauptete:
"Du bist 'rausgeflogen. Und das hast du nicht gesagt."
"Ich bin überhaupt nicht 'rausgeflogen", erwiderte ich.
"Aber sicher bist du 'rausgeflogen", kam es da von der Schwester. "Das ist uns mitgeteilt worden."
Ich wehrte mich weiter gegen diese Verleumdung, und dauernd fiel die Schwester mir ins Wort. Sie und einige andere regten sich über ein Glas auf, das mir kaputtgegangen war. Der Zivi ließ auch ein Glas fallen, und es zerbrach. Da wurde ich vollends zornig. Ich sprang vor Wut fast selbst in Stücke. Ich beugte mich über den Tisch und sah der Schwester in die Augen.
"Nu' los, nu' los", zwitscherte ich zuckersüß und winkte mit der Hand. "Komm' 'rüber; komm' 'rüber; ich will was hören."
Da wurde es still. Nun konnte ich reden. Das Sprechen strengte mich so an, daß meine Stimme ganz leise war. Ich mußte die Worte unter großen Mühen hervorwürgen. Doch die Leute hörten mir gebannt zu.
"Jedem Menschen kann mal ein Glas kaputtgehen, ob er ungeschickt ist oder nicht", sagte ich langsam und deutlich. "Das kann jedem passieren. Und das geht nicht an, daß man jemanden deshalb als 'unfähig' abstempelt."
Gegen diese Argumentation konnte keiner etwas einwenden.

In einem weiteren Traum gab es ähnliche Angriffe von gehässigen Kollegen. Eine trieb es besonders schlimm. Ellen war ihr Opfer. Ein Mann wurde sehr geschädigt, für den Ellen zu sorgen hatte. Das geschah dadurch, daß die Kollegin auf einem Rummelplatz Intrigen ausstreute. Der verletzte Mann ging traurig zwischen den Karussellen und Achterbahnen hindurch, und hinter ihm fiel der bunt leuchtende Vergnügungspark in sich zusammen. Ellen war geschickt. Sie erreichte, daß sich die Kollegin mit den Worten entschuldigte:
"Verzeih' mir. Laß' uns weiter Freunde sein."

Laura umwirbt Adi. Sie hat ihn angerufen und einige Stunden lang mit ihm telefoniert. Er schrieb ihr eine Karte, und sie schenkte ihm Gedichte und Fotos.
Am Samstag war das "Elizium" trotz der gleichzeitig stattfindenden Eröffnung des "Exil" gut besucht. Luc berichtete, in HB. gebe es heute nacht eine "Crucifiction"-Veranstaltung. Davon hatte ich nichts gewußt; es war wohl kurzfristig zustandegekommen.
"Ich habe gestern mit Tessa telefoniert", erzählte Luc. "Sie hat das gesagt."
"Ist sie denn hingefahren?"
"Ja, sie wollte hinfahren. Sie hat gesagt, sie freut sich ein zweites Loch in den A..., weil sie endlich mal wieder von hier wegkommt."
"Hätte sie dich nicht mitnehmen können?"
"Ja, aber ich kriege erst am 15. Geld. Ich habe echt keine Mark mehr."
"Sie hätte dir doch etwas leihen können."
"Die hat zur Zeit auch kein Geld."
"Aber die fährt doch einen BMW."
"Ja, aber bloß weil man einen BMW fährt, heißt das doch nicht, daß man immer Geld in der Tasche hat." "Das ist richtig."
Die Sängerin war nicht zur Einweihung des "Exil" gegangen. Stattdessen freute sie sich, der Szene in H. den Rücken kehren zu können. Und vielleicht wollte sie auch noch jemand ganz Bestimmtem den Rücken kehren ...
Revil kam aus dem "Exil" herüber und konnte ergänzen, was ich schon darüber gehört hatte. Mir war bereits erzählt worden, daß das "Exil" acht Mark Eintritt kostet und daß es keinen Verzehrbon gibt. Stattdessen bekommt jeder Gast einen Zettel, auf dem die Getränke angekreuzt werden, und beim Verlassen des "Exil" muß man bezahlen. Wenn man den Zettel verliert, kostet das fünfzig Mark. Ich finde diese Regelung kundenfeindlich.
Trotz des hohen Eintrittspreises soll das "Exil" klein sein - laut Revil sogar noch kleiner als das "Elizium". Fledermäuse und anderen gothischen Zierat soll es im "Exil" nicht geben. Viele Gäste sollen gekommen sein, doch Revil kannte kaum einen von ihnen. In Kappas Einladung war von einer Liveband die Rede gewesen. Revil meinte, davon habe er nichts bemerkt.
Bertine nimmt an, daß das "Exil" dem "Elizium" die ungeliebten Psychos und Skinheads wegfängt. Die Gothics waren wie gewohnt im "Elizium" mit ihren Gehröcken, Haarteilen, Schleppen und Kreuzen. Marilene führte auch wieder eine Kostümierung vor; sie mag es neuerdings zerfetzt. Ich bemerkte, daß Marilene sich mehrmals die Oberlippe durchbohrt hat und Ringe darin trägt. Das finde ich entstellend.
Xentrix spielte meine Wünsche, auch das melancholische "Dear God Remix" von Evils Toy. Ich habe Evils Toy jetzt erst richtig für mich entdeckt und bin begeistert.
Laura rief am Sonntag an und warf mir vor, alles "herumzutratschen", was sie mir erzählte. Ich entgegnete, sie müsse schon kennzeichnen, was sie nicht weitererzählt haben wollte.
"Ich habe meine eigenen Maßstäbe", erklärte ich, "und ich erzähle, was mir paßt - es sei denn, jemand wünscht ausdrücklich, daß es geheim bleibt. Ich möchte mich austauschen über das, was ich erfahre und was mich bewegt. Wenn ich nichts weitertragen soll, brauchst du dich mit mir gar nicht zu unterhalten."
Sie war erbost und redete immer schneller. Irgendwann legte sie den Hörer auf, und das war mir ganz recht. Ich wollte mir durch solche Anfeindungen nicht die Zeit stehlen lassen.
Steini und ich glauben beide nicht recht daran, daß aus Laura und Adi ein Paar wird. Und wir sind auch froh, wenn sie es nicht werden.
"Laura braucht einen, der ihr auch mal sagt, jetzt ist Schulze!" findet Steini.
Ein Traum riet mir, Grenzen rechtzeitig zu setzen, auch für Rafa:

In meinem ferneren Bekanntenkreis war eine ältere Frau gestorben, und ich wollte zur Beerdigung gehen. Auf dem Friedhof war ich mit Rafa verabredet. Ich hatte keine allzugroße Hoffnung, daß Rafa kommen würde, denn wir hatten uns schon vor einiger Zeit verabredet und uns danach nicht mehr gesehen. Ich wartete an dem von uns ausgemachten Platz. Währenddessen ging die Zeremonie schon los. Constri verschwand zwischen den Hecken und nahm an der Trauerfeier und der Beisetzung teil. Ich ließ Rafa noch eine halbe Stunde. Er kam aber nicht. Da suchte ich nach der Kapelle und dem Grab, weil ich von der Beerdigung noch etwas mitbekommen wollte. Die war aber schon vorbei.
"Im Augenblick haben die hier soviel zu tun, daß sie die Toten in einer halben Stunde unter die Erde bringen", hörte ich von den Trauergästen.

Dieser Traum könnte bedeuten, daß Rafa nicht fähig ist, über einen längeren Zeitraum hinweg eine Verabredung mit mir einzuhalten. Der Traum könnte mich auch davor warnen, mir etwas vorzunehmen, wenn gleichzeitig eine Verabredung mit Rafa besteht.
Bei "IndiRec" habe ich wieder viel eingekauft, darunter "Dear God" von Evils Toy und für Folter die Box von Flugschädel. Diese Box ist so aufgebaut, daß die CD in ein Poster gewickelt zwischen zwei Stahlplatten steckt, die mit schwarzen Gummis zusammengehalten werden.
Außerdem kaufte ich noch ein burgunderrotes T-Shirt mit Emblemen von Blood Axis. Es sieht mystisch aus und wird wahrscheinlich nicht nur mir, sondern auch Rafa sehr gut stehen. Ich würde es ihm gerne geben.
Rick erzählte, die Eröffnungsfeier des "Exil" sei ohne Besonderheiten verlaufen. Die angekündigten Neon Judgement seien deshalb nicht aufgetreten, weil sie bereits am Vortag in der "Halle" gespielt hatten. Eine Garderobe soll es im "Exil" nicht geben, so daß auch niemandem die Taschen weggenommen werden können. Lennart soll nicht als Türsteher gedient haben.
"Die wollten dich im 'Nachtlicht' dazu zwingen, deine Tasche abzugeben?" staunte Rick.
"Ja, sicher!"
"Ja ja, ich glaub' dir's ja, ich glaub' dir's ja ...", sagte Rick nachdenklich. "Und die haben echt um dich 'rumgestanden und ..."
"Ja, ja, sicher! Das waren eben welche, die hatten ein Häßchen auf mich. Das gibt es ja, daß Leute auf einen ein Häßchen haben."
"Ja, ja."
"Eben."
"Ich meine - wenn du jetzt am Eingang das Sagen hättest, und da würde Ivo Fechtner kommen ...?"
"Ich bin höflich zu meinen Feinden", sagte ich. "Sicher, wenn Ivo Fechtner am Telefon sagt - wie neulich geschehen:
'Ich höre, daß du Sch... über mich erzählst.'
- dann sage ich:
'Bitte, ich will nichts mit dir zu tun haben.'
- und mache ..."
Ich ahmte das Auflegen eines Hörers nach.
"Ivo Fechtner ist ein überdrehter Rechtstyp", lästerte ich, "in der EKG-Sprache ausgedrückt. Ein überdrehter Rechtstyp ist immer pathologisch. Das ist ein Zeichen für eine Rechtsbelastung."
Rick will ins "Exil" und überredete mich, es auch zu versuchen. Wir verabredeten uns.



Rick war pünktlich. Wir trafen uns in der Freitagnacht um viertel nach eins hinterm CITICEN. Unbehelligt kamen wir ins "Exil". Es scheint wirklich keine Garderobe zu geben. Kappa hat das gekreuzigte Skelett über der Treppe angebracht, die nach unten zum Tanzraum führt. Wie im "Nachtlicht" wird die Skulptur rot angestrahlt. Überall im "Exil" gibt es Schwarzlicht. Am Eingang zum Tanzraum befindet sich ein rundes Leuchtschild mit einem schemenhaften tanzenden Männchen darauf, ein ähnliches wie das auf dem Logo. Dieses Männchen ist auch schwer gebaut und bewegt sich, und es bildet dadurch auch ein "X". Die Männchen erinnern mich sehr an meine Traum-Tanzpartner, die ich in den frühen Neunzigern so gerne gemalt habe. Das waren immer schwere, gedrungene Gestalten, aufs Papier gewischt mit einem dicken Pinsel. Sie bewegten sich wild. Rafa kann sich so bewegen, kraftvoll und elegant; ich glaube jedoch, daß er beim Tanzen nicht aus sich herausgehen kann und deshalb so aufgesetzt wirkt. Wenn Rafa die Männchen gemalt hat - und das liegt nahe -, dann gibt mir das einen Hinweis darauf, daß er der richtige Tanzpartner für ein Pas de deux wäre. Ich wünsche mir so, daß eines Tages dieses Pas de deux zustande kommt.
Im Tanzraum saßen Adi und Valeria auf einer Polsterbank. Ich legte dort meine Sachen hin. An der Tür standen zwar keine Skins, doch es waren welche zu Gast im "Exil". Freilich waren die überwiegende Mehrheit der Gäste Gothics, auch schön zurechtgemachte Gothics. Das "Exil" war gut besucht, nicht überfüllt und nicht zu leer.
Das "Exil" ist recht schick. Es befindet sich in einem alten Keller mit Kreuzgewölbe. Es gibt viele Spiegel; hinter der Tanzfläche sind sie so hoch wie die Wand. Die Tanzfläche ist aus Stein und rutschsicher. Über der Wand hinter der Tanzfläche leuchtet das "Nachtlicht"-Logo.
Zu mehreren Stücken tanzte ich, darunter "Bite of God" von Die Form und "Kain und Abel" von Das Ich.
"Rafa spielt alles, wenn er genug getrunken hat", erzählte Simon. "Am letzten Samstag bei der Eröffnungsparty war er ziemlich betrunken."
"Alles kann er nicht spielen", meinte ich. "Der weiß nicht, was Esplendor Geometrico ist. Dem mußt du echt angeben und sagen, das, das und das."
Nun wußte ich nicht nur, daß die Sängerin am vergangenen Samstag nach HB. fahren wollte, sondern ich wußte auch, daß Rafa am vergangenen Samstag im "Exil" war. Die beiden waren nicht gemeinsam unterwegs, und das war der Wunsch der Sängerin. Auch dieses Mal war sie nicht da.
Aus der Ferne beobachtete ich Rafa. In der rechten hinteren Ecke des "Exil" befindet sich das DJ-Pult, eingerahmt von den Bars. Das Pult ist nicht sehr groß. Rafa stand allein da oben. Er war ganz schlicht in schwarze Baumwolle gekleidet und trug einen Pferdeschwanz mit der Schleifenspange darin. Er war ungeschminkt und ordentlich rasiert. Ich fand ihn so niedlich und anziehend; keiner kann ihm gleichkommen, das fühlte ich. Ich wollte die schwere Gestalt mit den runden, kräftigen Schultern umarmen, aber ich konnte ja nicht hingehen; Rafa muß sich mir von selbst nähern.
Ein Mädchen von der Bar, mit langen Locken, kam hin und wieder zu Rafa ans Pult und redete mit ihm. Ich hatte gleich den Gedanken, daß Rafa dieses Mädchen als Freundin genommen hat oder es bald nimmt. An sich würde es mich nicht stören, wenn Rafa sich mit anderen Mädchen unterhält; ich unterhalte mich ja auch mit anderen Jungen. Aber bei Rafa sind Hintergedanken angebracht.
Ich glaube, Rafa denkt, daß man bei mir auch immer Hintergedanken haben muß. Er bekommt so schnell Angst, daß ich einen anderen gewählt haben könnte.
Ich achte darauf, nicht immer nur mit einem einzigen Jungen zu reden, und ich achte darauf, zwischendurch auch mit Mädchen zu reden. Rafa verhielt sich ähnlich wie ich. Er redete nicht nur mit dem Barmädchen, sondern auch mit anderen Leuten.
Rick stellte mir ein Mädchen im Streifenshirt vor, das hieß Tanita. Wenig später eilte Rafa quer durchs "Exil" zu dem niedrigen Podest, wo Rick und ich standen. Erst redete Rafa neben dem Podest mit einigen Leuten, dann kam er hinauf und redete mit Tanita. Er war nur einen knappen Meter von mir entfernt. Er warf mir sehr, sehr kurze Blicke zu. Rick und ich redeten über Perücken und wie Daria plötzlich so lange Haare bekommen hatte.
"Vielleicht hat Rafa auch eine Perücke auf", meinte Rick, der wohl bemerkt hatte, daß ich andauernd zu Rafa hinüberschaute.
"Wer, meinst du, hat eine Perücke auf?" fragte ich.
"Rafa."
"Der hat keine Perücke auf", wußte ich. "Bei dem ist alles echt. Wie kommst du überhaupt darauf, daß Rafa eine Perücke aufhaben könnte?"
"Weiß ich auch nicht."
Ein grob gebauter Skin schaffte sich einen Weg durch die Menge. Rafa rief ihm hinterher und reichte ihm die Hand. Dabei mußte Rafa noch näher an mich herankommen. Er begrüßte den Skinhead so überschwenglich, daß es mir vorkam, als wollte er eigentlich mich begrüßen. Kurz danach eilte Rafa wieder ans DJ-Pult, um die CD zu wechseln.
Als Rafa "Song of the Winds" von Project Pitchfork spielen wollte, hakte die CD. Rafa versuchte es mit "Alles Lüge" von Lacrimosa, doch auch damit wurde es nichts.
"Rafa soll es sein lassen mit dem Auflegen", fand Simon. "Er ist eben zu doof dafür."
"Es ist sein Stil, mit CD's umzugehen", meinte ich. "Das kommt halt davon, wenn man mit besoffenem Kopf voll auf die CD's packt."
"Guck' ihn dir an, dann weißt du bescheid", sagte Simon. "Das Kaugummi schmeckt ..."
"Und die Zigarette auch", ergänzte ich. "Wohlgemerkt - beides gleichzeitig. Und dann möglichst noch Bier."
Ich stand jetzt näher am DJ-Pult und konnte Rafa besser beobachten. Er kaute Kaugummi, rauchte und trank Orangensaft. Ich fragte mich, ob Rafa versuchte, durch das Kaugummikauen weniger zu rauchen und Bier durch Orangensaft zu ersetzen. Manche Suchtkranke unternehmen hin und wieder Anläufe, auf ihre Suchtmittel zu verzichten, mit mehr oder weniger Erfolg.
Simon und ich tanzten öfter miteinander. Ich lobte Simons goldgestickten, mit Spiegelchen verzierten Überwurf. Ich hatte mir auch etwas Besonderes ausgedacht. Statt der Schleife hatte ich mir seitlich eine Strähne hochgebunden, mit einem silbernen Stoffband, durch das ein Gummi gezogen war. Das Haar hatte ich mit Glitzerspray übersprüht.
Von halb drei an wurde es im "Exil" leerer. Ich stand meistens mit Simon an der Bar. Einmal redete ich mit ihm und sah über seine Schulter hinweg Rafa. Rafa redete am Ende der Bar mit einem Kurzhaarigen und sah über dessen Schulter hinweg mich an. Rafa schaute mich nur sehr vorsichtig an. Als die CD gewechselt werden mußte, ging er rasch zum DJ-Pult zurück.
Rafa wahrte immer sein "Pokerface". Nur ganz, ganz scheue Blicke trafen mich. Ich lächelte unwillkürlich.
Rafa war auch gar zu tapsig im Umgang mit der Anlage. Hier hakte etwas, da sprang etwas, und zwischendurch war für mehrere Augenblicke der Ton ganz weg.
"Jawoll!" schallte es aus dem Publikum.
"Au Mann, was is'n das!" stöhnte Rafa und kämpfte verzweifelt mit der Technik.
"Ich sag' es ja - er ist zu doof dazu", wußte Simon.
Kurz bevor ich das "Exil" mit Simon und seinen Freunden verließ, schaute ich noch einmal nach Rafa. Er schien auch nach mir zu schauen. Das wäre ungewöhnlich, denn sonst hat er sich immer weggedreht, wenn ich vor ihm einen Laden verlassen habe. Ich befürchtete sehr, daß Rafa glaubte, ich würde mit Simon etwas haben.

Ein Traum führte mich in einen großen Saal, einer Discothek, in der es auch Stuhlreihen gab wie im Kino. Es war schon recht leer geworden. Die Leute, die noch da waren, lästerten viel über Rafa. Die Sängerin schienen sie alle zu mögen. Ich schwieg zu dem, was sie redeten. Ein schwarzgekleideter Junge räumte zwischen den Stuhlreihen auf. Er zog ein Stück Teppichboden hervor und sagte zu mir: "Hier, das ist noch von Tessa."
Die Sängerin hatte bei sich daheim einen neuen Teppichboden verlegt und ein Stück davon in der Discothek liegenlassen. So weit waren ihr häusliches Leben und die Discothek schon miteinander verbunden.
Und mehr noch ... die Sängerin hatte in der Discothek sogar ihren eigenen Sitzplatz gehabt, vorn in der ersten Reihe, ganz außen. Vor diesem Platz klebte ein Stück Papier an der Wand.
"Guck', hier hängt noch ihr Zettel", sagte der Junge. "Ja ... das kommt davon, wenn man mit einem Feigling zusammen ist. Der hat bestimmt nicht nur seine Tessa betrogen, sondern auch die anderen ... wie sie alle heißen ... Luisa ... Tara ... Sanna ..."
An der Wand hingen noch andere, ähnliche Zettel. Es waren Wunschlisten. Man sammelte seine Lieblingstitel darauf, und man sammelte auch Punkte für ein Spiel, das mit der discointernen Hitparade zu tun hatte. Oben auf dem Zettel der Sängerin stand die Zahl "27". Sie schien noch mitten im Punktesammeln gewesen zu sein, als sie ihr Revier von einem Tag zum anderen aufgab. Vielleicht war sie in der Discothek mehr zu Hause gewesen als in ihrem eigentlichen Zuhause. Vielleicht hatte Rafa ihr ein Gefühl von Heimat vermittelt. Nun hatte sie jedenfalls verspielt, verloren, und alle fühlten mit ihr.




Am Samstag fuhr ich mit Constri und Derek zum "Elizium". Constri hatte mich in meinem silbernen Glitzerzeug fotografiert und ich sie in ihrem hübschen ärmellosen Kostüm. Beim Warten auf die Bahn kam Constri der Einfall, auch Derek zu fotografieren. Derek nahm augenblicklich Reißaus und versteckte sich hinter einem Pfosten. In der Bahn gab es keine Fluchtmöglichkeit mehr. Derek hielt sich einen Schal vors Gesicht. Ich kitzelte ihn. Er rief:
"Ich bin nicht kitzlig!"
Dann nahm er den Schal weg und wehrte sich, weil er eben doch kitzlig ist. Nun konnte Constri Bilder machen.
"Neiin!" kam es von Derek.
"Genau wie Rafa!" rief ich entzückt. "Der hat auch 'Nein!' gerufen und sein armes, süßes Gesicht zugehalten."
Und ich kitzelte Derek weiter, bis der Film abgeknipst war.
Constri erzählte, daß Scarlett ihr Kind ohne Schwierigkeiten zur Welt gebracht hat. Leider schafft sie es kaum, dem Kind ausreichend Zuwendung zu geben. Sie kann es immer noch nicht als "ihr" Kind annehmen.
Nicht besser wäre es wohl dem Kind von Rafa und der Sängerin ergangen. Ich hoffe nur, daß Rafa nicht noch einmal eine seiner Freundinnen schwängert.
Weil wir spät ins "Elizium" kamen, begrüßte mich Xentrix ganz biestig mit den Worten:
"Sag' nichts, ich weiß, wo du warst!"
"Ich war nicht im 'Exil'", verteidigte ich mich. "Ich gehe samstags nicht ins 'Exil'."
"Das kann jeder sagen!"
Im "Elizium" traf ich Carl, der auf Etas Party gewesen war. Eta hatte viele Leute eingeladen, auch Laura, die sie nur flüchtig kennt. Ich war nicht unter den Gästen. Von Carl wollte ich es dann genau wissen. Laut Carl kann Eta mich nicht leiden. Das mag ihr zustehen, doch ich finde, daß sie sich durch ihr Verhalten ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen entzogen hat. Nicht nur ist sie von mir bereits zweimal eingeladen worden. Sie kann sich auch denken, daß ich es mitbekomme, wenn sie um mich herum allerlei Volk einlädt und mich ausspart. Sie muß wissen, daß sie mich damit vor den Kopf stößt. Die Folge wird sein, daß ich Eta sorgfältig schneide. Ich möchte meine Zeit und meine Kraft nicht an Leute verschwenden, die mich ohnehin ablehnen. Aus diesem Grund wollte ich von Carl auch wissen, wer mich noch alles nicht leiden kann. Ich verhörte ihn ein Weilchen, und unterm Strich kam nur noch Violet dabei heraus. Sie wird von mir in Zukunft ebenfalls geschnitten.
Laura tat ihrerseits so, als sei ich nicht vorhanden. Sie hätte nur noch mit mir reden können, wenn sie sich ihre Schwächen eingestehen könnte.
Auf Etas Party soll Laura über mich gelästert haben.
Carl erzählte auch von Malda. Sie wünscht sich, daß ich sie wieder einmal anrufe. Das will ich gerne tun. Derek sagte über die Geschichte mit Eta und Violet:
"Jetzt weißt du, warum ich die beiden Frauen nie leiden konnte!"
Über Laura sagte Derek:
"Die Frau hat ein Problem. Da habe ich auch schon mit Ted drüber gesprochen. Die will unbedingt einen Kerl haben. Aber wenn ihr einer zu nahe kommt, zerkratzt sie ihm das Gesicht. Ich sage dir, die wird nie einen kriegen, nie!"
Es hat entsprechende Vorfälle gegeben. Calvin wurde von Laura die Brust mit einer Schramme verziert, als er harmlos mit ihr balgte. Ted wollte auf meiner Geburtstagsparty mit Laura ein Scheingefecht austragen und erntete Kratzer im Gesicht. Laura kann offenbar ihre Aggressionen weder einschätzen noch beherrschen. Sie fordert in aggressiver Weise Nähe und Aufmerksamkeit, und wenn sie dieses bekommt, stößt sie den, der es ihr gibt, in ebenso aggressiver Weise wieder weg. Man könnte sagen, daß sie die Brücken, die man ihr baut, selbst wieder einreißt. Sie macht sich ihre Feinde. Sie macht auch aus Freunden Feinde. Wahrscheinlich hat sie einen Bedarf an Feinden. Wenn sie zu sehr gemocht wird, ist vielleicht ihr Weltbild gefährdet.
Cyrus spielte "W.O.L.F.". Rafa scheint in diesem Stück lauter Wölfe abzuschießen. Die Beats hören sich an wie Gewehrschüsse, nicht ein bißchen anders. Das fiel mir erst jetzt richtig auf. Warum befeuert Rafa seine Hörer so? Glaubt er, daß er sie nur erreicht, wenn er sie durchlöchert?
Ich stand vor der Treppe zur Galerie und unterhielt mich mit Revil, da eilte etwas Großes, Schwarzes an uns vorbei nach oben. Es war Rafa. Auf der Galerie mußte er erst einmal mit allen möglichen Leuten reden, reden, reden.
Ich fand ihn wieder zum Anbeißen süß. Er trug seinen schwarzen Wehrmachtsmantel und das Schleifchen im Zöpfchen. Eine dunkle Strähne hing ihm ins Gesicht. Unter dem Mantel hatte er ein weißes Hemd an.
"Hast du ihn gesehen?" fragte ich meine Schulfreundin Odette. "Das ist mein Videowürmchen, meine große Liebe."
Ich blieb am Fuß der Treppe stehen und unterhielt mich mit Carl, der Neues von Saverio erzählen konnte. Am letzten Dienstag haben sich Carl und Saverio wieder in Saverios Wohnung getroffen. Es wurde spät. Da rief Saverio seine Freundin Edna an und machte ihr am Telefon lauter Komplimente, damit es sie nicht störte, wenn er über Nacht nicht zu ihr kam. Dann schlief er mit Carl in einem Bett. Es blieb unschuldig zwischen den beiden, aber immerhin ...
Carl hat Saverio gegenüber seinen Verdacht geäußert, daß Saverio sich deshalb mit "widerlichen Leuten" umgibt, weil er sich selbst für widerlich hält. Saverio hat zugegeben, daß er sich selbst widerlich findet. Ich glaube, daß auch Rafa sich deshalb eine Freundin gesucht hat, die mich und ihn abstößt, weil er sich selbst für abstoßend hält ... und denkt, nichts Besseres verdient zu haben.
Rafa war eine ganze Weile auf der Galerie. Dann kam er endlich herunter, etwas langsamer, als er hinaufgegangen war. Ich lächelte ihm freundlich entgegen.
"Hallo!" sagte er.
"Hallo!" erwiderte ich den Gruß und legte vorsichtig meine Hände auf seine Arme.
Er strebte gleich weiter. Dann redete er am Rand der Tanzfläche mit Dolf. Von Dolf hatte ich den Eindruck, daß er die Rolle eines Wächters spielte, vielleicht sogar die eines Aufpassers für Rafa, der verhindern sollte, daß Rafa seinen Wünschen nachgab und sich mir näherte.
Nachdem er mit Dolf gesprochen hatte, verschwand Rafa. Nur ungefähr zwanzig Minuten lang ist er im "Elizium" gewesen. Dolf blieb noch länger im "Elizium", etwa bis fünf Uhr.
Cyrus, Luie und Xentrix legten im "Elizium" gemeinsam auf. Unter anderem liefen das seltsame "478:5 pt 2" von Lille Roger, "A Day" von Clan of Xymox, "Heartland" von den Sisters of Mercy und als Höhenpunkt ein nicht mehr erhältliches Stück von Les Tambours du Bronx.
"Ich finde es faszinierend, daß diese wilden Ghetto-Leute so elegante Musik machen können", sagte ich zu Luie.
Das dumpfe Trommeln von Les Tambours du Bronx könnte man sogar als Ballettmusik verwenden.
Ich verließ das "Elizium" kurz nach halb sechs. Toni begleitete mich ein Stück auf meinem Weg zur Haltestelle. Er wollte wissen, ob ich Darryl wiedergesehen hätte. Er nennt Darryl nie beim Namen, sagt immer nur "dieser Mensch, den du kennst". Ich nenne die Sängerin und den Sockenschuß auch nie bei ihren richtigen Namen, ebensowenig die Band von Rafa. Und Ivo Fechtner hat für mich keinen Vornamen mehr. So ist das, wenn man verfeindet ist mit einem Menschen oder einer Sache.
Toni will Darryl immer noch zusammenschlagen.
"Mit Gewalt löst man keine Probleme", mahnte ich. "Damit schafft man nur neue."
"Ich habe es aber jemandem versprochen."
"Ich würde nie jemandem versprechen, für ihn jemanden zusammenzuschlagen. Gut, für mich sind auch schon Leute zusammengeschlagen worden. Aber davon wußte ich nichts. Ja, das hat es tatsächlich schon gegeben, daß jemand für mich jemanden verprügelt hat."
"Was ist, wenn einer, sagen wir mal, einen nach Strich und Faden ... vergewaltigt?"
"Vergewaltigung ist wie Mord."
"Das ist Mord, seelischer Mord."
"Das ist seelischer Mord. Und Darryl hat also jemanden vergewaltigt."
"Ja."
"Wen hat er denn vergewaltigt?"
"Kennst du diese Kleine, Nette mit den roten Haaren, den längeren? Hennike?"
"Sicher kenne ich die. Und Darryl hat die vergewaltigt?"
Toni erzählte mir eine reichlich wirre Geschichte. Danach soll Hennike bei der Polizei zunächst Darryl als Täter angegeben haben. Dann soll sie jedoch Revco beschuldigt haben. Revco soll vorübergehend in Untersuchungshaft gekommen und dann mit drei Jahren auf Bewährung wieder entlassen worden sein.
"Warum Revco?" fragte ich. "Wenn es doch Darryl war?"
Angeblich soll Darryl Hennike erzählt haben, daß er gelegentlich von anderen Leuten besessen wird und daß diese dann auch verantwortlich sind für das, was er tut. Darryl soll behaupten, daß er manchmal von Revco und manchmal auch von Kappa besessen wird. Und Revco soll behaupten, Meister der weißen und schwarzen Magie zu sein.
"Das ist doch schizophren", urteilte ich. "Woher willst du denn jetzt wissen, wer der Schuldige ist? An deiner Stelle würde ich Hennike erst nochmal gründlich ausfragen, ehe ich zur Selbstjustiz greife. Sonst bestrafst du den Falschen."
Ich begann mich ernsthaft zu fragen, an wessen Verstand ich zu zweifeln hätte - am Ende doch noch an dem von Toni. Je mehr der erzählte, desto mehr klang das Ganze irrwitzig und wahnhaft, zumindest jedenfalls nicht schlüssig oder glaubwürdig. Schließlich sind sowohl Darryl als auch Revco ihrer Figur nach eher als "Hänfling" zu bezeichnen, und eine erwachsene Frau könnte sich ihrer recht gut erwehren.
Am Morgen habe ich Folgendes geträumt:

Es war ein Baum mit neunundzwanzig Ästen, die sollten abgesägt, gekürzt und wieder aufgesetzt werden. Dies mußte am Abend geschehen, und alle Kollegen mußten mit anfassen. Ich griff gleich zur Säge und sägte den ersten Ast ab.
"Hat jemand mal ein Messer zum Markieren?" rief ich.
Mir wurde eines gereicht, und ich ritzte in den Ast und in den Stumpf je eine römische "I". Mit der Markierung wollte ich sicherstellen, daß jeder Ast wieder auf den richtigen Stumpf kam. Caspar, der Sohn des Chefs, war weniger fleißig als ich, hatte dafür aber deutlich mehr auszusetzen.
"Was ist denn das für eine 'I'?" krittelte er. "Hier, der Strich ist ja doppelt! Das sieht ja aus wie eine 'II'! Wie soll man denn jetzt erkennen, ob das eine 'I' oder eine 'II' ist?"
Ich ritzte die "I" noch deutlicher und sagte:
"Das sieht man, daß das eine 'I' ist. Und ich schlage dich gleich zusammen, wenn du mich nicht in Ruhe läßt."
Da trollte sich Caspar. Ich sägte den nächsten Ast ab und ritzte in den Ast und den Stumpf je eine "II". Caspar kam schon wieder und zankte:
"He, was ist denn das für eine 'II'? Das sieht ja aus wie eine 'I'! Wie soll man denn jetzt erkennen, ob das eine 'II' oder eine 'I' ist? Also, wenn du das nicht besser machst, dann ..."
Ich ritzte die "II" noch deutlicher und sagte:
"Das sieht man, daß das eine 'II' ist. Und ich schlage dich gleich zusammen, wenn du mich nicht in Ruhe läßt."
Da legte Caspar richtig los.
"Morgens immer als Erster kommen, he?" rief er voller Mißgunst.
Das war es nämlich, was ihn störte: ich war der Streber, der Leistungsträger des Chefs. Ich war es, auf den sich der Chef verlassen konnte. Ich übernahm das Organisatorische, für das die anderen zu faul waren, und als Organisator erlaubte ich mir ein herrisches Auftreten.
Die anderen schauten zu Caspar hin.
"Jetzt bringen sie mich um", dachte ich.
Ich hätte gehen können, aber ich wollte den Chef nicht im Stich lassen, der zu dieser späten Stunde keine Aushilfe mehr finden konnte. Ich wollte weit umherlaufen und rufen:
"Mord! Mord! Mord!"
Alle sollten erfahren, daß ein Mord bevorstand. Ehe es so weit kam, wachte ich auf.

Carl hat beobachtet, daß die meisten Menschen mich entweder anhimmeln oder ablehnen. Und die Eigenschaft, derentwegen ich angehimmelt werde, ist es auch, derentwegen ich abgelehnt werde. Es ist meine Eigenschaft, die Aufmerksamkeit der Leute auf mich zu ziehen, wie das auch immer geschehen mag - durch Sprache, Mimik, Gestik, Bewegung. Rafa geht es nicht anders als mir; er wird aus demselben Grund angehimmelt und abgelehnt. Rafa und ich haben beide eine starke, vereinnahmende Ausstrahlung. Wir können uns in hervorragender Weise ergänzen und stützen. Wir können uns verstehen. Wir begreifen und erfassen uns. Wir als Gespann ... was wird das? Was kommt dabei heraus? Verstärken wir gegenseitig unsere magnetische Wirkung noch? Stöhnen die Menschen "Oh, Gott!", wenn sie uns begegnen, und sinken sie dann hilflos in das Schwarze Loch, das sie ansaugt? Werden wir so sehr zur Zielscheibe von Haß und Verehrung, daß unsere Mitmenschen uns erschlagen und zerreißen? Oder kehren wir einander unsere ganz Aufmerksamkeit zu und werden unsichtbar? Versinken wir ineinander, so daß uns keiner mehr wahrnimmt?
Am Telefon sagte Malda, sie sei glücklich mit Ivo Fechtner. Doch sie erzählte auch Sachen, die nicht so recht dazu passen wollen. Etwa sollen die Gespräche mit ihm nicht allzu tiefgründig sein.
"Meistens redet er von sich", sagte Malda. "Oder er redet auch über andere, aber so unwichtiges Zeug, das niemanden interessiert."
Ivo Fechtners Wohnung soll mittlerweile von CD's völlig überschwemmt sein. Sogar das Bett soll er damit fluten. Wirkt das anregend auf ihn ...?
Ich bin jedenfalls froh, daß ich mit Rafa nicht in einem Meer von CD's baden muß, wenn denn jemals ... Violet soll übrigens nicht nur gegen mich, sondern auch gegen Malda eine Abneigung haben.
"Ich bin nicht angewiesen auf 300 Kilo Hackfleisch", witzelte Malda über die schwere Violet.
Der Spruch paßt auch deshalb, weil Violet gern zu "60 Kilo Hackfleisch" von Cancer Barrack tanzt.
Man weiß nie so recht, weshalb Violet jemanden nicht leiden kann; jedenfalls gibt es viele, die sie nicht mag. Hier drängt sich die Frage auf, ob Violet sich eigentlich selber leiden kann.
Malda hat auch schon unangenehme Erfahrungen mit Lauras ungesteuerter Aggressivität gemacht. Nach Etas Party wollte Laura der Malda einen Kampftrick vorführen, den Rocco ihr beigebracht hatte. Wieder wurde aus diesem Scheingefecht Ernst. Lauras spitzer Absatz landete mit Schwung in Maldas Bein. Laura entschuldigte sich sogleich, doch das änderte nichts daran, daß Malda wütend auf sie war.
Ende März ist Malda auf Daphnes Geburtstagsfeier gewesen. Rafa schneite ebenfalls herein, begleitet von Velvet. Er schenkte Daphne eine CD mit einer handgeschriebenen Widmung, die ungefähr so klang:
"Alles ist möglich für uns."
Er soll Daphne ordentlich den Hof gemacht haben.
"Nimm' doch mal endlich die Sonnenbrille ab!" stöhnte sie entnervt.
"Mit wem bist du denn jetzt zusammen?" wollte Malda von Rafa wissen.
Verschämt und geheimnisvoll antwortete er:
"Mit mir!"
"Ach, nicht mit Hetty?" fragte Malda.
Da kam von Rafa ein Spruch, ein Reim, den Malda nicht mehr ganz im Gedächtnis hat. Er lautete etwa so:
"Jetzt nicht und morgen wohl auch nicht."
Oder vielleicht so:
"Nein. Und das wird auch in Zukunft nicht so sein."
In der Nacht zuvor hatte ich von Rafa gefordert, sich von der Sängerin zu trennen, und nun war er bereits von ihr getrennt, keine vierundzwanzig Stunden später.

In einem Traum hatte Dracula etwas Wertvolles zu vergeben - sein Blut, das besondere Kräfte verlieh. Doch er hatte nicht für alle Menschen Blut.
"In einem Gürtel an der Grenze zu Rußland könnte das ein Hit werden", sagten die Marktexperten, "doch nicht darüber hinaus; es gibt einfach zu wenig davon!"
Die Bewohner dieses Landstrichs tanzten zu einem Stück von Suicide, ihrem musikalischen Hit. Einige Mädchen waren darunter, die ein Mann in seinen Diensten hatte.
"Hat er dich auch aufgeschlitzt?" fragte ein Mädchen ein anderes.
Der Mann zerstörte das Sprechvermögen der Mädchen, damit sie nicht mehr über ihn tuscheln konnten. Ihm wurde jedoch bewußt, daß er auch Dienerinnen brauchte, die reden konnten. Und was die Mädchen zu sagen hatten, zeugte von besonderen Fähigkeiten, die der Mann nicht ungenutzt lassen wollte. Also hörte er auf, die Mädchen zu verstümmeln.
Die Mädchen dienten weniger ihm selbst; er schickte die meisten in fremde Haushalte.
Rafa wollte, daß er und ich einander dienten und füreinander da waren.
"Man kann auch Tabus brechen", sagte er zu mir. "Wenn du dich nur halb zu mir drehst, sehe ich dich nicht an. Dann könntest du kommen."
Ich sagte dasselbe zu ihm. So besiegelten wir unseren Vertrag.

Es ist vorstellbar, daß es sich bei Dracula und dem zerstörerischen "Sklavenhalter" gleichfalls um Rafa handelt, einen maskierten Rafa. Auch Rafa tritt herrisch und vernichtend auf. Daß er sich schließlich in seiner wahren Gestalt zeigt und in der Lage ist, eine gleichberechtigte Beziehung einzugehen, kann daran liegen, daß er sich mir nur "halb" zuwendet, sich also eine Fluchtmöglichkeit vorbehält.
Eine Beziehung mit mir könnte für Rafa das Brechen eines Tabus bedeuten. Ich bin "tabu" für ihn, vielleicht, weil ich ihm Angst mache, vielleicht, weil die Gefühle ihm Angst machen, die er für mich hat, vielleicht, weil er sich mir unterlegen fühlt ...

Am Karfreitag träumte ich, daß Rafa mehrmals versucht hatte, mich anzurufen; er erreichte mich aber nicht. Außerdem träumte ich, ich sei in einem fremden Haus und hätte Rafa bei mir. Es ging ihm nicht gut. Ich setzte mich auf ein Bett. Rafa legte sich mir auf die Knie, und ich hielt ihn umarmt.

An einem sonnigen Nachmittag fuhren wir nach HB., Talis, Ellen, Constri, Derek und ich. Bei Folter gab es Kaffee, Süßigkeiten, Bier, Mezzomix ... Folter hatte auch Dag und dessen Freund Lennox zu Besuch. Lennox und Dag können es nicht fassen, daß ich mich eindeutig und endgültig an einen Menschen gebunden habe. Mit gequälten Mienen lauschten sie meinen Schwärmereien und Lobliedern auf Rafa. Sie erklärten mich für verrückt.
Lennox ist gut befreundet mit Dara. Ich schimpfte ordentlich auf Dara und fragte Lennox, was ich tun könnte, um neue Angriffe von Dara zu verhindern. Lennox riet mir, mich bei "Crucifiction" von ihr fernzuhalten.
"Hoffentlich reicht das", meinte ich.
Dag findet jetzt ein Mädchen namens Rowena süß. Rowena hat lange Haare und seit vier Jahren einen Freund, einen "Geier", wie Dag das nennt.
Auf Maleen war Dag gar nicht gut zu sprechen. Als ich ihn nach ihr fragte, stieß er seltsame Schreie aus.
"Ich reiß' dir den Kopf ab!" drohte er. "Dieses Weib ist sowas von verwöhnt und ordinär ..."
Er wollte es gar nicht fassen, daß ich mit Maleen im März so ein langes Gespräch geführt habe. Er findet, daß man mit ihr gar nicht reden kann.
"Du fürchtest dich vor einer festen Bindung, und deshalb weist du mich zurück", soll Maleen zu Dag gesagt haben. "Aber ich liebe dich."
"Daß du mich liebst, glaube ich nicht", will Dag entgegnet haben.
Maleen soll mich damals in der Tat aus Eifersucht angerempelt haben. Es störte sie, daß Dag mich auf seinem Schoß sitzen ließ.
"Was ist das für eine Schlampe, die bei Dag auf den Knien sitzt?" soll sie die Marianna gefragt haben.
Dag war erstaunt darüber, daß Maleen sich bei mir für ihre Rempelei entschuldigte.
"Wie ist das - du bist zur Zeit solo?" wollte Lennox von mir wissen.
"Ich liebe einen Mann", antwortete ich, "und er weiß das, und er braucht mich auch."
Wieder begann ich, von Rafa zu schwärmen. Lennox setzte sich mit unterdrücktem Stöhnen neben mich auf Folters Bett.
"Kann ich dir helfen?" fragte ich ihn. "Brauchst du einen Rat?"
Lennox gurgelte:
"Hat dir schon mal jemand gesagt, daß du zuviel redest?"
"Ja, sicher", entgegnete ich, "aber die Leute, die mich mögen, mögen mich so, wie ich bin. Rafa redet auch immer so viel; das mag ich so an ihm."
Und ich schwärmte und schwärmte. Lennox ließ später verlauten, von den Leuten aus H. müsse er sich erst einmal erholen.
Bei "Crucifiction" war viel los.
"Lord Helmchen!" wurde ich gerufen.
Das waren Jungen, die am Geländer vorm Eingang zum Tanzraum standen. Maleen war auch bei ihnen. Ich hatte die Gesichter der Jungen schon wieder vergessen. Ich bat sie, mich zu grüßen, wenn sie mich trafen, damit ich mich wieder an sie erinnerte. Die Jungen nannten sich Unhold, Rys und Lila. Lila heißt eigentlich Linus.
Unhold behauptete, mir den Spitznamen "Lord Helmchen" angehängt zu haben. Er fand, mit "einer solchen Pagenkopffrisur" könnte man nicht anders heißen.
"Du siehst aus wie Lord Helmchen - du bist Lord Helmchen", war die einhellige Meinung.
Drinnen ging es weiter mit dem Unsinn. Vor dem DJ-Pult, am Rand der Tanzfläche, verlangten Lila und ein hübsch über den Ohren rasierter Stephane:
"Lord Helmchen, tanz' für uns!"
Dag war da noch und Lennox und was weiß ich, und schließlich hatte ich vier oder fünf gut gebaute Kerle in Schwarz um mich herum, die sich an mich drückten und bettelten:
"Lord Helmchen, tanz' für uns!"
Als "Kerosene" von Big Black begann, faßte Stephane mich um die Knie und hob mich hoch, so daß ich befürchtete, an die Betonbalken unter der Decke zu stoßen. Stephane tanzte mit seiner Last herum, und das hätte noch ein Weilchen so gehen können, wenn nicht wieder einmal der CD-Player gestreikt hätte und das Lied ausgeblendet worden wäre.
Sareth kämpfte mit diesem Player die ganze Nacht lang. Mehrere Stücke wurden zerhackt. Wenigstens blieb "No Control" von Frontline Assembly heile, das schräge "Nazis of the Night" von Club Moral Antwerpen und das gnadenlose "Ash Nazg" von M.O.A.T.A. Omen & The Rorschach Garden.
Maleen erzählte, zwischen Dag und ihr würden nur noch Freundlichkeiten fallen wie "Ich reiß' dir den Kopf ab!" und "Ich reiß' dir die Eier ab!"
Sie vermutet, daß sie nicht die Kraft hat, standfest zu bleiben und Dag zu bezwingen.
"Das wird die Zeit zeigen", sagte ich.
Nur ganz wenige Menschen scheinen einen solchen Willen und eine solche Unerbittlichkeit zu besitzen wie ich. Fast alle klagen sie über ihre schwache Kraft. Fast alle sind sie am Ende doch bescheiden und geben ihre Träume auf. Viele wissen nicht einmal, was sie wollen. Viele erniedrigen sich auch, um voranzukommen, und der Erfolg, den sie dann haben, ist ein trügerischer. Sie haben ihn mit ihrer Persönlichkeit bezahlt.
Rowena saß auf einer Box, und Dag hatte einen Arm um ihre Taille liegen. Maleen war eifersüchtig.
"Richte deine Eifersucht nur gegen Dag, nicht gegen das Mädchen", empfahl ich. "Das Mädchen kann nichts dafür."
Also bekam Dag von Maleen die böse Frage zu hören:
"Na, schon wieder ein neues Liebchen?"
Dag hatte von da an noch viel wüstere Worte gegen Maleen. Er findet, daß Rowena nicht die richtige Frau für ihn ist. Süß sei sie, aber nicht stark genug.
Als "Slogun" von SPK kam, schirmte Dag mich auf der Tanzfläche gegen Dara ab. Dara war wieder einmal schwer betrunken und schlurte mit wedelnden Armen über die Tanzfläche, längs und quer und ohne Grenzen.
Morgens gab es Frühstück bei Folter. Dag war dabei und Constri und Derek. Lenni und Lena kamen auch noch kurz mit. Bei diesen Frühstücksveranstaltungen wird heißer Kaffee getrunken, und die Hälfte der Leute schläft und ist nachher nur noch mit Mühe zu wecken.
Am Ostersonntag gab es nachts eine Party im "Elizium". Ich war auf dem Weg zur Straßenbahn, da hörte ich jemanden hinter mir gehen. Ich kann es nie leiden, wenn hinter mir jemand geht, doch besonders beunruhigt war ich nicht. Ich blieb an der Ampel stehen. Da sah ich den Sockenschuß an mir vorbeilaufen, der bei Rot noch zur Haltestelle hinüberwollte. Ich fühlte Schaudern. Aber der Sockenschuß scherte sich gar nicht um mich. Er setzte sich ins Wartehäuschen. Ich stellte mich so, daß er mich von seinem Platz aus nicht sehen konnte. Dann kam die Bahn. Ich stieg vorn in den ersten Wagen, und der Sockenschuß stieg viel weiter hinten ein und näherte sich mir auch auf der Fahrt nicht.
"Erkannt haben muß er mich", dachte ich bei mir. "Hat er Angst vor Rafa, und greift er mich deshalb nicht an?"
In mein Wohnviertel ist der Sockenschuß vielleicht nur gekommen, um seine Schwester zu besuchen. Zu hoffen wäre es.
Am Bahnhof war ich mit Carl verabredet. Wir gingen unbehelligt ins "Elizium". Constri und Derek kamen ebenfalls dorthin. Meta sah ich. Sie wurde von Sazar begleitet. Die Sängerin war nicht im "Elizium". Es gab auch im "Exil" eine Osterparty, und vielleicht war die Sängerin dort.
Rick kam spät aus dem "Exil" und erzählte, es sei dort gewesen wie üblich. Ich kann ihn nicht gezielt fragen, weil ich ihn noch nicht über Rafa ins Bild gesetzt habe. Freilich wird Rick Vieles erahnen.
In der Toilette gab Veronique "Exil"-Tratsch zum besten. Danach soll ihr ehemaliger Freund, der blonde Vince, von zwei "Exil"-Türstehern zwangsrasiert worden sein. Sie sollen ihm oben alle Haare wegrasiert haben. Es sei die Frage, ob Vince sich jetzt noch in H. sehen lasse.
Stehen jetzt doch wieder Skinheads in der Tür des "Exil", die sich einen Spaß daraus machen, Gäste zu quälen? Eigentlich hätte man die Türsteher anzeigen können wegen Körperverletzung. Veronique freilich schien Vince kaum zu bedauern, vielleicht, weil sie noch eine Rechnung mit ihm offen hat.
"Hat er dich auch betrogen?" fragte Salome ihre Vorgängerin Veronique.
"Einmal", antwortete Veronique. "Aber das wußte ich."
Dolf soll "voll gelacht" haben, als er von Vinces Fansuche für W.E hörte.
Hinterm Pult winkte Xentrix drohend mit einer Single von Modern Talking. Ich hatte ihm musikalische Entgleisungen vorgeworfen. Xentrix hatte schließlich noch ein Einsehen, und es gab einige Lichtblicke, darunter "Battered States of Euphoria" von Mentallo & the Fixer, "Mercy" von Dive, "The Mercy Seat" von Nick Cave und "Heimat" von Weltklang.
Bei Luca hat es in der Osternacht eine große Party gegeben. Ein Junge namens Onno möchte Anfang Juli mit Luca wieder so eine große Party geben, und zu der soll ich auch kommen. Onno und Luca haben am selben Tag Geburtstag und wollen deshalb gemeinsam feiern.
Revil stellte mir Onno vor. Onno geht erst seit zwei Wochen ins "Elizium"; früher war er im "Nachtlicht" beheimatet.
Onno lud mich zu einem Kaffee am nächsten Mittwoch ein.
"Wie kommt es, daß du allein wohnst?" erkundigte er sich.
"Ach, da gibt es ein paar ganz spezielle Gründe für", antwortete ich.
"Nenn' mir mal einen", bat Onno.
Auch Revil wurde neugierig.
"Ach, ich mache da immer ganz gern so ein bißchen ein Geheimnis drum", sagte ich zu den beiden. "Ihr wißt das sowieso irgendwann. Alle wissen es irgendwann. Das ist nur eine Frage der Zeit."
"Kenne ich ihn aus Presse und Radio?" fragte Onno.
"Mit Sicherheit", antwortete ich.
Dann mußte ich auf die Tanzfläche.
Später fand ich Revil und Onno an einem Tisch auf der Galerie. Sie rückten mir einen Stuhl hin. Onno versuchte zu erraten, was ich gern trinke. Er hatte gleich heraus, daß ich Süßes mag und Longdrinks.
"Also - wer ist dein Freund?" fragte Onno.
"He - ich habe nicht gesagt, daß ich einen Freund habe", bremste ich ihn. "Ich habe gar nichts gesagt."
"Stimmt."
"Ich möchte nicht, daß Leute da etwas zusammendichten, wo nichts ist", erklärte ich.
"Wenn jetzt jemand um deine Hand anhalten würde, dann würdest du sagen, du bist vergeben?" fragte Onno.
"Ja", erwiderte ich.
"Ist er im 'Elizium'?" wollte Revil wissen.
"Heute nicht", gab ich zur Antwort.
In den nächsten Tagen war ich mit Malda auf dem Frühlingsfest. Ich gehe selten zum Rummel. Ivo Fechtner geht überhaupt nicht hin.
"Dem ist das zu blöd", erzählte Malda.
Nicht einmal seiner Freundin zuliebe wollte er zum Frühlingsfest gehen. Und als Malda ihn zu Ostern besuchen wollte, sagte er, Essen müßte sie selber mitbringen.
"Der kauft nur Wurst", berichtete Malda. "Und ich esse keine Wurst."
Erst hatte Ivo Fechtner ihr fleißig den Hof gemacht.
"Du heißt vielleicht bald Frau Fechtner", soll er zu ihr gesagt haben.
Dann aber kamen Streits, bei denen Ivo Fechtner recht grob wurde; einmal hat er Malda den Finger umgedreht. Nun ist sie nicht mehr so besonders verliebt in ihn.
Ivo Fechtner soll zu Malda gesagt haben, die Sängerin hätte zu ihm gesagt, ich sei kurze Zeit mit dem Sockenschuß zusammengewesen. Welche Wege geht der Klatsch jetzt? Eigentlich ist doch Ivo Fechtner einer der Wenigen, die sich noch an die Zeit im "Base" erinnern können, als der Sockenschuß vorübergehend zu meinem Bekanntenkreis gehörte. Wer hat noch alles mit der Sängerin über mich geredet?
Malda und ich sind in der Geisterbahn, im Gruselkabinett "Erdbeben" und im Riesenrad gewesen. Dann haben wir bei Malda Tee getrunken. Sie gab mir einen Ankündigungszettel für die neue MCD von Rafa, "W.O.L.F.". Unter dem Titel steht:
"Das Tier in mir ist aufgewacht!"
Was soll das denn für ein Tier sein? Haben wir da den schrecklichen, wilden, furchterregenden Rafa, der er gern sein will? Möchte er Angst machen, um zu überdecken, daß er Angst hat? Soll die Menschheit erzittern vor einem NDW-Schnuckelchen, das mit einer Spielzeugpistole um sich schießt?
Nein, Rafa macht nicht mehr nur NDW. "E.B.M. + N.D.W." ist auf dem Zettel zu lesen. Man wird langsam härter - oder versucht es zumindest.
Am frühen Abend fuhr ich mit Malda zu Onno. Dort war außer uns noch Revil zu Gast. Onno lebt zur Untermiete in einer schicken Altbauwohnung. Sein Zimmer ist in grün, türkis und blau eingerichtet. So liebevoll, wie er den Raum gestaltet hat, hatte Onno auch den niedrigen Tisch zum Tee gedeckt. Daria hatte sich noch am Vortag fest angesagt, war aber nicht gekommen und hatte auch nicht angerufen. Über diese Enttäuschung kam Onno gar nicht recht hinweg. Ich erzählte ihm, was ich mit Daria erlebt habe. Revil meinte, er hätte sich schon gedacht, daß eine Freundschaft von Daria und mir nicht halten könne; wir seien zu verschieden.
Gemeinsam kamen wir zu der Vermutung, daß Daria wenig übrig hat für das Persönliche, Besondere, Einmalige. Sie lebt sehr an der Oberfläche und mißt dem Schein mehr Bedeutung bei als dem Sein.
Als Revil und Malda fort waren, plauderte Onno noch eine Weile aus dem Nähkästchen. Er ist vor einem halben Jahr von der "Waterkant" nach H. gekommen, und erst jetzt findet er hier Freunde und Bekannte. Er ist Antiquitäten- und Kunstliebhaber und wirkt etwas durchgeistigt und verträumt. Er malt auch selbst und schreibt Gedichte. Ein Gedicht las er mir vor, etwas Romantisches.
In den kommenden Tagen habe ich von Onno gehört, daß Luca seit Neuestem mit Daria zusammen sein soll; nach mehr als vier Jahren trennte er sich von Julienne. Die Beziehung soll zu eingefahren gewesen sein. Mit Daria soll es allerdings auch etwas enttäuschend laufen.
Onno ist zur Zeit in Sasa verliebt. Sie lud ihn und mich zu ihrer Geburtstagsfeier ein. Luca hat Onno schon gewarnt und ihm gesagt, daß Sasa nicht einfach ist. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Onno es schafft, sich in sie hineinzuversetzen. Er ist kein sehr guter Zuhörer. Wenn man ihm etwas erzählt, kann es vorkommen, daß er einen unvermittelt unterbricht, als hätte er gar nicht alles aufgenommen, was man gesagt hat. Er lenkt schnell von Thema zu Thema, ohne daß das vorherige zuende besprochen wurde. Dieses Verhalten wirkt jedoch nicht beabsichtigt oder gar böswillig; vielmehr scheint Onno nicht so recht wahrzunehmen, was in seinem Gegenüber vorgeht.
In der Freitagnacht war ich im "Elizium". Ted ging mit Marvin und Cyan später noch ins "Exil" hinüber. Rafa legte dort auf. Ein Frauenzimmer mit langen rotgefärbten Haaren soll auch dagewesen sein, das früher viel im "Nachtlicht" gewesen ist. Es handelte sich sehr wahrscheinlich um die Sängerin.
Als Rafa das NDW-Stück "Das Telefon sagt Du" von Andreas Dorau spielte - das ich sehr albern finde -, tanzten alle Gäste außer Ted, Marvin und Cyan Polonaise. Ted wollte "Mother" von :wumpscut: hören, das hatte Rafa aber nicht da. Ted, Marvin und Cyan waren die letzten Gäste, und sie bekamen eine Runde Sauren ausgegeben.
Brinkus hat kürzlich in das "Halle" jemanden über die Sängerin sagen hören, sie sei unten rasiert. Daß Rafa trotzdem mit ihr ins Bett geht, ist mir unbegreiflich und hört sich für mich schon nach Masochismus an.
Am Samstag war Dolf im "Elizium". Ich hatte wieder einmal das Gefühl, von ihm beobachtet zu werden.
Onno beschäftigte sich kaum mit Sasa. Dafür saß er mit Revil und zwei Mädchen an einem Tisch, Esther und Grace. Sie sind Zwillinge. Alle vier gingen später gemeinsam weg.
Am Sonntagabend spielte Ace im Radio als Erstes "W.O.L.F." von Rafa. Gleich danach kam als Kontrast "Untermensch" von :wumpscut:.

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Als ich wieder bei Onno zum Kaffee war, lief dort "W.O.L.F.". Revil hatte Onno die MCD geliehen. Auf dem Cover befindet sich ein kunstvolles, aufwendiges Gemälde, das einen Wolf - wahrscheinlich einen Werwolf - darstellt. Das Besondere - dieser Wolf ist ein Zyklop. Und die MCD erschien erst nach meinem Traum von dem Zyklopen, der in der S-Bahn Menschen zerriß und mich inständig bat, ihm zu helfen.
"Schaut mich an!" schreit Rafa im Titelstück der MCD. "Was mach' ich nur? Ich bin ein Fehler der Natur!"
Ich fühle mich erinnert an die Hauptfigur in der "Werwolf"-Verfilmung mit Bela Lugosi aus den Vierziger Jahren. Dieser Mann litt sehr unter seinem Doppelleben als Werwolf und ließ sich sogar an einen Stuhl fesseln, um sich selbst an seinem mörderischen nächtlichen Treiben zu hindern. Das alles half aber nicht, und erst der Tod erlöste ihn von diesem unseligen Dasein.
Die Geschichte rührte mich schon damals, als ich Rafa noch gar nicht kannte, seltsam an.
Vor zwei Jahren habe ich mir überlegt, daß Rafa ein Schaf im Wolfspelz sein muß, scheu hinter einer schauerlichen Fassade. Solch eine gespaltene Persönlichkeit findet sich auch in der Figur des Werwolfs, nur wechseln sich hier die Harmlosigkeit und die Bösartigkeit in Phasen ab.
In meinem Traum hat der Zyklop entsetzlich grausige Taten vollbracht. Einem kleinen Kind hackte er die Hände ab.
Auf Rafas MCD-Cover befindet sich links unten ein kleines Schild mit dem Hinweis:
"Freigegeben ohne Altersbeschränkung."
Daß zuerst in meinem Alptraum und dann auf Rafas Cover ein Zyklop aufgetreten ist, kann ich kaum fassen. Ich wußte damals jedoch, als ich den Traum hatte, wirklich nichts von Rafas Gemälde. Nach allem, was sich zwischen Rafa und mir schon ereignet hat, scheint es tatsächlich eine unirdische Verbindung zwischen uns zu geben ... oder ich bin einfach nur imstande, in manchen Träumen in die Zunkunft zu sehen.
Auf dem Innencover der MCD wird für das nächste Album geworben. "Alles ist möglich" soll es nun heißen. So lautete auch die Widmung zu der CD, die Rafa Daphne zum Geburtstag geschenkt hat.
Zu Rafas MCD gab es in der Szenepresse folgende Rezension:
"Die überbewerteten NDW-Klone des Minimal-Electro haben sich nicht aufgelöst. Vielmehr lassen W.E erneut ihren schlechten Geschmack auf der Maxi-CD 'W.O.L.F.' heraus. Ein neues Album ('Alles ist möglich') wird ebenfalls angekündigt. Vielleicht ist es möglich, das Album noch zu stoppen?"
Ein anderes Magazin schreibt, das Stück "W.O.L.F." sei wenigstens noch "witzig". Der Rest sei nichts Neues und so simpel, daß es bei den schlichten Gemütern sicherlich Anklang finden werde.
"Eben!" dachte ich, als ich das las. "Genau! Das ist es! Rafa macht dümmliche Musik für dümmliche Hörer. Seine Zielgruppe sind die Leute mit wenig Hirn. Warum nur? Will Rafa die Naiven als Fans gewinnen, weil sie harmlos für ihn sind? Weil sie ihn anhimmeln und bewundern? Weil er vor ihnen so leicht den Helden spielen kann? Weil sie ihn nicht durchschauen können?"
Sicher werden nicht alle Fans von Rafa dumm oder oberflächlich sein. Und sicher ist auch nicht jedes Stück von Rafa oberflächlich. Doch immer wieder drängt sich mir die Vorstellung auf, daß Rafa es besonders auf die Schlichteren und Oberflächlichen abgesehen hat.
Das Schicksal des "Nachtlicht" teilt nun das "ZMK". Laut einer Anzeige steht es zum Verkauf. Das wäre innerhalb kurzer Zeit der zweite Club mit unhöflichen Türstehern, der seinen Betrieb einstellt.
Rafa ist im Stadtmagazin zu sehen, am DJ-Pult des "Exil". Auch Malda und Ivo Fechtner sind in den Szeneseiten abgebildet. Malda hat erzählt, daß Ivo Fechtner gedroht hat:
"Wenn ich Hetty in deiner Wohnung sehe, schmeiße ich die 'raus."
Ivo Fechtner lästert viel über Maldas Freunde, deshalb gibt es häufig Streit.
Ende April hatte ich einen seltsamen Alptraum:

In einem größeren, flachen, etwas altertümlichen Haus auf dem Lande befand sich eine Fortbildungsstätte. Ich hieß Desirée und war in dem Haus mit anderen jungen Leuten. Ein Mädchen namens Barbie wurde mir und anderen gefährlich. Barbie hatte sehr lange blonde Haare und fiel ansonsten durch ihr bösartiges, gefühlsarmes, berechnendes Wesen auf. Sie hatte Pläne zur Vernichtung der Menschheit. Eine unscheinbare Gehilfin diente ihr, Nicki. Barbie verübte mehrere Mordanschläge. Da gab es zum Beispiel einen Plüschbären, den sie in ein Zimmer schmuggelte. Als ich in dieses Zimmer gehen wollte, warnten mich meine Freunde vor dem Bären. Sie entfernten ihn heldenmütig. Draußen explodierte der Bär. Es war eine Bombe gewesen.
An einem Steilufer, das mit einer Mauer befestigt war, hielt sich Barbie gerne auf. Ich stieß sie über die Brüstung, und sie fiel in den See. Erst hielt sie sich an einem Tau, doch ich warf das Tau ebenfalls hinunter. Da tat Barbie, als würde sie versinken, griff dann aber blitzschnell nach ihren langen schwarzen Kleidern, die sie um die Brüstung gewickelt hatte. Ehe sich Barbie an den Kleidern hochziehen konnte, hatte ich sie ihr fortgerissen. Nun verlegte sich Barbie aufs Betteln.
"Du mordest", sagte ich zu ihr. "Für sowas gibt es lebenslänglich. Du sollst fühlen, was deine Opfer fühlen. Du willst mindestens zwei Menschen umbringen, vielleicht sogar noch mehr."
"Genau."
"Und deshalb muß die Menschheit vor sowas wie dir bewahrt werden."
Ich zog ein lila Tablett mit Barbies Mordwerkzeugen von der Brüstung weg. Dann packte ich Barbie und schleuderte sie weit über den See. Sie tauchte bald wieder auf und schwamm zurück zum Steilufer.
"Diese Zeit muß ich nutzen", dachte ich.
Ich überlegte, wie ich Barbie besiegen konnte. Ich hatte keine Waffen außer meiner körperlichen Kraft und meinem Verstand.
Barbie stieg aus dem Wasser. Nun sollte der Kampf auf Leben und Tod kommen.
"Mhmh ... ich habe eine Idee ...", sagte Barbie und holte einen Plüschbären hervor. "Dieser Bär langweilt sich ... unterhalte dich mit ihm mal ein bißchen länger ..."
Der Bär sah so aus wie die Bombe und war wohl ebenfalls ein heimtückisches Mordwerkzeug. Ich wußte nicht, wo meine Freunde waren, die die Technik dieser Vernichtungsapparate kannten. Ich mußte selbst einen Weg finden, das mörderische Plüschtier unschädlich zu machen.
Barbies Gehilfin Nicki zog den Bären mit einem Schlüssel auf. Barbie ging in eines der Zimmer in der Fortbildungsstätte und knallte die Tür zu. Nicki reichte mir den Bären.
Da wurde ich wach.

Wer trachtet der Menschheit nach dem Leben? Wer ist dieser Satan mit langen blonden Haaren? Wer ist mein Todfeind in harmlosen Masken? Wer ist dieses Monster "Barbie"? In wem lauert die Gefahr?
"Barbie" verkörpert in diesem Traum eine Teufelsfigur, das Böse schlechthin, wie es auch der Mann in der spanischen Villa verkörpert hat. Das war jener dunkle Mittvierziger, dem der Rätselraum gehörte, der virtuelle Garten Eden. Auch jenen Traum habe ich nie vollständig deuten können. In beiden Träumen hatte ich eine gewisse Macht über das Böse; ich erfuhr aber nicht, ob diese Macht ausreichte, um es zu bezwingen. Und ich bekam nicht heraus, welcher Mensch aus meinem Umfeld die satanischen Züge trägt. Ich konnte nicht feststellen, wer mein Todfeind ist, zumal das Böse in der wirklichen Welt ohnehin nicht in einem einzigen Menschen untergebracht ist.
Sicher bin ich mir nur darin, daß die Puppe "Barbie" selbst unschuldig ist, ein Spielzeug, das hier nur seinen Plastikkörper zur Verfügung stellt, um das "Absolute Böse" darin wohnen zu lassen.
Ein wirkliches Monster fällt mir ein, das den Namen "Barbie" trägt - der NS-Verbrecher Klaus Barbie. Vielleicht hatte ich auch den in meinen Gedanken, weil das Stück "Klaus Barbie" von Genocide Organ ein Clubhit ist.
In HH. bin ich hinterm alten Elbtunnel zwei Jungen begegnet, Heyro und Dorian. Sie berichteten, das geplante Festival in dieser Gegend falle wegen technischer Probleme aus. Stattdessen will Mal im Mai im "Nowhere" auftreten.
Mal hat mir am Telefon erzählt, daß er sich nach der Trennung von Alanna schon sieben- oder achtmal verliebt hat, doch nie war es die Richtige.
"Und dann geh' ich wieder an den Computer und denke:
'Das ist es!'"
Ich hielt dagegen:
"Ohne Gefühle gibt es für mich keine Kunst. Die Gefühle inspirieren mich ja erst zur künstlerischen Arbeit. Wenn ich meine Gefühle nicht hätte, könnte ich gar nicht künstlerisch arbeiten."
In HH. traf ich Lisa. Wir waren auf dem Fernsehturm und entdeckten Souvenirs, wie wir sie aus unserer Kindheit kennen - kleine Plastikfernseher mit Guckloch in der Rückseite, durch das man Fotos von Sehenswürdigkeiten betrachten kann. Mit einem Knopf kann man die Bilder weiterklicken. Einen dieser Fernseher kaufte ich für Constri.
Lisa meinte, der rasche Wechsel von Lauras Freundschaften habe etwas mit ihrem jungen Alter zu tun; es gebe eine Phase, in der man "herumprobiere", das kenne sie auch von sich selbst.
"Ich hatte das nie", entgegnete ich.
"Stimmt", erinnerte sich Lisa, "du warst immer sehr ernst. Aber du warst auch mit Sicherheit anders als der Durchschnitt."
"Freundschaften waren für mich immer etwas ganz Kostbares."
"Ja, du hast das immer sehr ernst genommen."
Merle und ich sind am Samstag endlich wieder miteinander ausgegangen. Wir haben uns De/Vision angeschaut und waren danach im "Elizium". Laura erzählte Merle, sie habe sich mit mir verstritten. Fedor traf ich; seine Haare standen nadelförmig in die Höhe. Er bestätigte, daß das "ZMK" zum Verkauf steht. Weshalb es aufgegeben wird, wußte er nicht. Es ist noch unklar, ob in den Räumen des "ZMK" auch künftig eine Discothek betrieben wird.
Laura und Fedor sah ich nicht miteinander sprechen.
Onno ist inzwischen nicht mehr in Sasa, sondern in Grace verliebt nahezu übergangslos.



Am Sonntagabend kam Brinkus, wie versprochen. Ich höre mir gern an, was Brinkus über die Leute sagt, die wir beide kennen. Den Rafa mag er, seine Gefolgschaft hingegen nicht. Ich habe Brinkus gefragt, wie er es sich erklärt, daß Rafa Leute um sich schart, die sich so sehr von ihm unterscheiden.
"Der braucht die Leute, um hochzukommen", glaubt Brinkus."Und wenn er sie nicht mehr braucht, können sie gehen."
Brinkus hält Rafa für ebenso berechnend wie liebenswert.
"Rafa hat eine ganz schöne Hochachtung vor dir", vermutet Brinkus.
Woran er das ablese, wollte ich wissen.
Brinkus erzählte eine Begebenheit aus dem Herbst 1993. Damals hatte er im "Elizium" mit Rafa geredet. In seiner Trunkenheit pries Brinkus mich in höchsten Tönen an:
"Die Hetty ist gülst. Die mußt du dir warmhalten."
Da soll Rafa gelächelt und dem Brinkus auf die Schulter geklopft haben. Seitdem ist Brinkus sicher, daß ich Rafa viel bedeute.
Um Mitternacht gingen Brinkus und ich mit Rikka und Seth ins "Exil" zum Tanz in den Mai. Die Türsteher waren friedlich. Sie guckten Rikka und mir in die Taschen und ließen uns ansonsten in Ruhe. Ist ein Wunder geschehen? Ist Kappa endlich anderen Sinnes geworden?
Unten kam Rick auf mich zu. Er reichte mir ein Glas Sekt und stieß mit mir an. Er hatte Geburtstag; es war sein 28.
"Du verrätst mir deinen Geburtstag?" staunte ich. "Mensch, dann vertraust du mir ja deine Privatgeheimnisse an. Du hältst doch sonst immer den Deckel drauf."
Rafa stand am DJ-Pult. Er sah ganz streng aus, mit Sakko, steifem Hemd, Kravatte, Stirnband und Brille. Er blieb all die Stunden, wo er war; einmal nur sah ich ihn kurz ein Stück hinter die Theke gehen. Die Sängerin war nicht im "Exil", Dolf auch nicht.
Zuerst fand ich die Musik seicht und kitschig. Ich dachte, sie würde so bleiben, aber sie änderte sich noch in erfreulicher Weise. Sicher, wir mußten "Das Telefon sagt Du" von Andreas Dorau ertragen und einen sentimentalen Hit von Vangelis. Doch es kamen auch "Burnin' Heretics" von Apoptygma Berzerk, "Der Sturm" von Calva y Nada und "Untermensch" von :wumpscut:. Also konnte auch ich tanzen.
Rafa spielte wieder das Stück, in dem "Gothic Erotic" von Umbra et Imago auf die Schippe genommen wird.
"Bring' mir Bier oder Alkohol!" grölt da eine wüste Stimme, und ich bin mir fast sicher, daß die Stimme Rafa gehört. "Ich habe Hunger wie ein Tier, und deshalb esse ich aus deiner heißen ... Friteusää!"
Es würde zu Rafa passen. Er hat so einen herrlich zynischen Humor.
Was mir an dieser Version von "Gothic Erotic" außerdem besonders gefällt, ist die Tatsache, daß das Zwischenstück mit dem lauten Gestöhne hier fehlt. Am Original stört mich gerade das Gestöhne am meisten. "Stöhn-Samples" sind zur Zeit sehr angesagt, viele Musiker verwenden sie, und jedesmal, wenn ich solch ein Stück höre, widert es mich an. Wenn ich zu dem Original von "Gothic Erotic" tanze, bleibe ich während der "Stöhn-Samples" stehen oder gehe von der Tanzfläche.
Ich stellte mich zu Calvin und Sandro an einen Tisch. Sandro ist ein aufwendig kostümierter und bemalter Gothic, der den Tanzstil von Rafa nachahmt. Calvin trug schlichtes Grau, hatte sich aber die Augen geschminkt.
Wir trieben allerlei kurzweiligen Unsinn und waren recht lustig dabei. Calvin kippte Sandro Pils ins Hefe. Sandro kippte etwas von dem Gemisch zurück in Calvins Glas. Wir probierten es und fanden es abscheulich. Calvin holte Fisherman's Friend hervor, Sandro Vivil, und wir vertrieben damit den widerlichen Geschmack. Dann passierte Sandro ein Mißgeschick. Er riß einen der Wandstrahler ab, als er Calvin damit ins Gesicht leuchten wollte. Rafa tat mir leid. So liebevoll war das "Exil" zurechtgemacht worden, und nun ...
Weil es so heiß war, wedelte ich mit meinem Fächer herum. Calvin erinnerte sich an die "Nachtlicht"-Eröffnung:
"Draußen war es warm, drinnen war es warm, und das Bier war auch warm."
Rafa verzichtete auf Abkündigungen vom DJ-Pult. Er legte nur ganz ruhig und ernst die CD's auf. Besonders freute mich, daß er "Song of the Winds" von Project Pitchfork spielte. Dieses Mal hakte die CD nicht. Es kam überhaupt nur bei "Heimat" von Weltklang vor, daß die CD hakte - leider, leider bei "Heimat" und nicht bei "Das Telefon sagt Du".
Im Programm waren Rafa und Kappa als DJ's angekündigt. Kappa legte aber gar nicht auf. Ich sah ihn nur kurz oben bei Rafa hinterm Pult. Ich glaube, Rafa wollte allein auflegen. Vielleicht ging es ihm ums Geld. Vielleicht hätte er auch nicht gewußt, was er sonst im "Exil" hätte tun können. Ich war ihm so gefährlich nah. Das Pult ist seine Zuflucht. Übrigens sah ich kein Frauenzimmer zu Rafa hinaufgehen. Wenn er wieder eine Freundin haben sollte, zeigt er es nicht.
Daphne und Clara waren auch im "Exil". Sie fürchten sich vorm "Elizium"; warum, das wissen sie selbst nicht recht.
Erst als es gegen halb vier leerer wurde im "Exil", ging ich mit Brinkus noch kurz ins "Elizium". Laura war dort. Sie hat sich am letzten Samstag einen Freund zugelegt, den recht gut aussehenden Jen, der wohl auch schon durch Darias Hände gegangen ist.
Derek hat sich an Ereignisse aus dem "Elizium" erinnert, die sich vor zwei Jahren zugetragen haben. Er ist damals durch die dunkle Ecke vor der Stahltür gelaufen, nach etlichen Cola Pernod. Da hörte er einen Aufschrei und erkannte, daß er Rafa auf den Fuß getreten war. Er sah Rafa an, und der soll ihm einen sehr seltsamen Blick zugeworfen haben.
"Oh!" sagte Derek. "Bin ich jetzt tot?"
In den letzten Wochen soll Rafa Derek im "Elizium" zweimal gegrüßt haben, im Vorbeigehen, mit einem freundlichen "Hallo". Dabei haben Rafa und Derek sonst gar keinen Kontakt.
Noch mehr staunte Derek, als Rafa Carl ebenfalls grüßte.
Onno und Derek haben früher beide viel NDW gehört, darunter Rheingold und Grauzone. Auch ich habe damals NDW gehört. Allerdings gefallen mir nur die Titel, die ich nicht so albern finde wie "Das Telefon sagt Du". Und Rafa spielt bevorzugt solche Albernheiten; die hintergründigen, melancholischen Titel meidet er überwiegend.
Terry hat erzählt, daß es in einem Underground-Musikgeschäft die MCD "W.O.L.F." second hand für die Hälfte des sonst gültigen Ladenpreises gibt. Das nahm ich als Wink des Schicksals und schlug zu.
Die gesamte MCD finde ich so schauerlich wie das Titelstück. Am schlimmsten finde ich ein Stück, daß Rafa für die Sängerin zusammengebastelt hat. Untermalt von Synthesizer-Geklimpere hechelt sie mit ihrer harten, ausdruckslosen Stimme einen naiv-romantischen Text herunter:
"Wir tanzen in den Morgen 'rein,
mit dir ist immer Sonnenschein."
Die Sängerin stößt die Silben hervor, als wären es Gewehrschüsse. Das Einzige, was ihr beigebracht wurde, war eine deutliche Aussprache.
Im Hintergrund gurrt die Sängerin mehrmals "I love you". Dieser Sample wurde durch Halleffekt und englische Sprache weichgespült, vielleicht, damit die Stimme der Sängerin nicht gar so blechern klingt.



Am Freitagabend war ich mit Carl, Derek, Lenni und Lena im "Exil". Es war dort recht leer. Weder Dolf noch die Sängerin waren da. Rafa gab sich Mühe und spielte anspruchsvolle Musik; also konnte ich oft tanzen, und manchmal war die Tanzfläche recht voll. Unter anderem liefen "Love in Chains" von Call, "Totally gone" von Blackhouse und "Ad mortem festinamus" von Qntal.
Rafa hat sich auf eine fast beängstigende Art verändert. Seine schönen langen Haare sind der Schere zum Opfer gefallen. Er trägt sie jetzt ein wenig so wie ich - rechts sehr kurz und in einem Bogen ausrasiert, links in einen Pagenkopf übergehend. Den Pony trägt Rafa als schwere Tolle, nicht - wie ich - als kurze Fransen. Zur Zier blinkte rechts eine Creole. Rafa hatte ein weißes Hemd an und eine schwarze Weste. Das Hemd hing über die Hose. Das fand ich alles sehr hübsch, doch ich war traurig wegen der abgeschnittenen Haare.
Rafa wirkte sehr ruhig. Er blieb fast die ganze Zeit hinterm Pult. Manchmal stützte er sich auch aufs Pult, als sei er müde. Er rauchte vor sich hin und trank Mineralwasser, das er sich aus einer Flasche in ein Glas nachschenkte. Einmal schien es mir, als würde er mir aus der Ferne zuprosten.
Gelegentlich kam das Barmädchen zu Rafa hinauf und redete einige Sätze mit ihm. Ich beobachtete die beiden. Rafa und das Barmädchen berührten sich nicht, doch das heißt noch nichts; Rafa pflegt seinen Freundinnen zu verbieten, ihn in der Öffentlichkeit zu streicheln und zu umarmen.
Einmal kam Rafa vor die Bar, während ich tanzte, ganz in meine Nähe, doch mir abgewandt. Er blieb jedoch nicht lange dort stehen.
Die Lampe, die Sandro letztes Mal abgerissen hat, hängt jetzt wieder an der Wand. Mir ist aufgefallen, daß die Wände im Tanzraum des "Exil" mit zahlreichen kunstvollen Reliefs verziert sind. Steinfahle Gesichter und Hände wachsen aus dem Putz, als wollten sich lauter Menschen an die Luft kämpfen. Rotes Licht strahlt auf sie herunter. Im unteren Vorflur des "Exil" gibt es viele große Spiegel. Wellenlinienförmige Streifen aus silbernem Stoff hängen reihenweise an der Decke. Schwarzlicht brennt dort, und das sieht kühl und edel aus.
Sandro erzählte, daß ihn die vielen Spiegel im "Exil" stören. Er guckt nicht gern in den Spiegel; er kann sein Gesicht nicht leiden. Er übertüncht es mit weißer Schminke und zahlreichen schwarzen Mustern und Linien.
Als kaum noch Leute im "Exil" waren, setzte ich mich mit Carl zu Sandro und fächelte.
"Wünsch' dir doch mal 'Song of the Winds'!" bat mich Sandro.
"Der weiß, was ich hören will", entgegnete ich. "Deshalb wünsche ich mir von ihm nichts. Der kennt meinen Musikgeschmack genau."
Sandro hatte sich das Stück schon gewünscht, und ich bat Carl, es sich an meiner Statt auch noch zu wünschen. Rafa sagte zu ihm, die CD sei kaputt. Dasselbe hatte er schon zu Sandro gesagt. Ich glaube Rafa. Es kann sein, daß er das Stück auf zwei verschiedenen CD's hat und daß er die heile nicht dahatte.
Rafa blickte manchmal in meine Richtung, doch er war so weit weg, daß ich nicht sicher sein konnte, ob er mich ansah. Ich betrachtete ihn, wie er sich durch das kurze Haar fuhr und es aus der Stirn schüttelte. Er hatte diese unsicheren Bewegungen dabei, die ich so anrührend finde. Ich wollte ihn so gerne umarmen, aber er war unerreichbar.
Vor einigen Tagen lief im Radio "Weekend" von Earth & Fire. Das hatte ich vor vierzehn Jahren auf einer Kassette, die ich dauernd gehört habe. Es erinnert mich an die Sehnsucht, die mich damals schon immer begleitete, an die Liebe, die ich für Rafa damals schon fühlte, als ich ihn noch gar nicht kannte.
Kappa kam spät ins "Exil" und ging zu Rafa hinters Pult. Er sprach nicht lange mit Rafa und verschwand auch bald wieder.
Sandro meinte, Kappa sei furchtbar überheblich und eingebildet. Rafa sei nicht so schlimm. Laut Sandro soll Kappa sehr viel koksen, jeden Tag.
Am Samstag waren Constri und ich in BI. bei einem Festival mit Evils Toy, Steril, Haujobb und Die Form. Die Form haben ihre Show entschärfen müssen. Ich finde, daß das der Show keinen Abbruch tut, im Gegenteil.
Malda hat am Telefon erzählt, daß die Sängerin in der Nacht, als ich in BI. war, nicht im "Exil" gewesen ist. Ein Mädchen namens Yasmin hat mir erzählt, Rafa soll in jener Nacht "voll komisch" gewesen sein. Er legte gleich zweimal seine "Hitsingle" gegen Videospiele auf und erklärte:
"An meinem letzten Tag kann ich mir das erlauben."
Malda und Yasmin haben sich sehr über diesen Spruch gewundert. Ich befürchtete, daß Rafa sich umbringen will. Carl und Constri meinten hierzu einhellig, das sei gewiß nicht der Fall; Rafa habe wohl nur gekündigt. Beruhigen kann ich mich aber nicht; immer steht mir der Gedanke vor Augen, Rafa könnte sich etwas antun.
Und ich kann ihn nicht erreichen und nicht mit ihm darüber sprechen.

Ein Traum spielte in einem großen runden Festzelt mit Bretterboden. Durch ein Oberlicht kam Helligkeit von draußen; das künstliche Licht war ausgeschaltet. Das Zelt und seine Gäste erinnerten an die "Halle". Es gab Bars ringsum und flache Podeste mit Geländern. Ich wähnte mich in Sicherheit und wollte das große Zelt verlassen. Da entdeckte ich grellrot gefärbte Haare. Sie gehörten der Sängerin, die mir im Abstand von einigen Metern folgte. Ich ging über ein Podest, stieg hinunter, dann auf das nächste - immer kam die Sängerin mir nach. Ich ging mit der Sängerin im Schlepptau an Constri vorbei, damit sie sah, daß ich verfolgt wurde, und Hilfe holen konnte.

Die Sängerin betrachtet mich offenbar noch immer als Angriffsziel.
Am Freitag gab es im "Nowhere" in HH. endlich wieder ein Konzert von Mal zu sehen. Seit fünf Jahren hatte ich ihn nicht mehr live erlebt.
Mal projizierte Computervideos auf die Rückwand der Bühne, die mich an die Spielereien von Kraftwerk erinnerten. Sie beeindruckten mich sehr.
Zu den elektronischen Rhythmen sprang Mal schreiend über die Bühne, wie Dirk I. das auch tut, und ich fand ihn durchaus überzeugend, im Einklang mit seiner Musik. Über Rafa denke ich, daß seine Musik ganz und gar nicht zu ihm paßt und daß er sie deshalb auch nicht überzeugend vortragen kann.
Mal brachte viele Stücke, die ich kenne, darunter "Einbauküchen" und den Clubhit "Gebärmutter". Die Live-Version von "Menschmaschinen" gefiel mir ganz besonders. Mal gelingt es meiner Ansicht nach wesentlich glaubwürdiger als Rafa, die Nachfolge von Kraftwerk anzutreten.
Mals Sängerin ist gegenwärtig ein Mädchen namens Cindy. Sie hatte die Haare blau gefärbt und einen blauen Kunstzopf angesteckt. Mal trug grüne Haare.
Nach dem Konzert gab es noch Tanz. Nova spielte viele Stücke, die ich von "Klangwerk" kenne, darunter "Muerte al escala industrial" und "Comisario de la luz I" von Esplendor Geometrico und "Start as you mean to go on" von Aphex Twin. Hier verwischen die Übergänge zwischen Industrial und Techno. Es handelt sich um komplexe elektronische Rhythmen ohne eindeutige Zugehörigkeit. An "Start as you mean to go on" gefällt mir besonders die verdeckte melancholische Linie im Hintergrund.
Heyro und Dorian traf ich auch im "Nowhere". Sie waren an dem Tag, als ich sie hinterm Elbtunnel getroffen hatte, spätabends noch ins "Nowhere" gegangen. Ich fragte Dorian, wie es war.
"Du warst nicht da", antwortete er vorwurfsvoll.
"Ja, wie war es denn?" fragte ich.
"Ich sage ja, du warst nicht da", kam es von Dorian.
Ich mußte auf die Tanzfläche; danach kam ich wieder und fragte:
"Habt ihr euch gelangweilt ohne mich?"
Dorian antwortete mit einem gedehnten:
"Jaa!"
"Aber ihr seid doch sonst auch ohne mich im 'Nowhere'."
"Ja. Manchmal findet man halt etwas, von dem man bisher gar nicht wußte, daß es einem fehlt."
"Oh, da machst du mir ja ein richtiges Kompliment."
"Ja, auch die Leute in HH. können Komplimente machen - wenn sie wollen."
"Es kann auch ganz schön langweilig sein, mit mir wegzugehen ..."
"Warum?"
"Weil ich dauernd auf der Tanzfläche bin."
"Aber das ist doch nicht langweilig", meinte Dorian. "Da kann man dir doch beim Tanzen zugucken."
Gegen Morgen - nach "Analogue Bubblebath" von Lassigue Bendthaus - kamen zwei große, schwere Herren an, und der eine sagte zu mir:
"He, dein Tanz war schön."
"Dann tanz' auch so wie ich", entgegnete ich. "Ich brauche Verstärkung."
Die beiden meinten, das könne man nicht, so tanzen wie ich. Der zweite Herr verstand nur englisch. Er sprach mir seine Verehrung aus, indem er mich in den Hals biß und sagte:
"She doesn't dance with the music, she is the music."
Die beiden wollten mich noch mitnehmen in einen anderen Laden, aber ich verwies auf die hervorragende Musik im "Nowhere" und lehnte ab. Mal warnte mich vor den beiden:
"Das sind ganz üble Ganoven, Betrüger und Frauenmißbraucher."
"Keine Sorge", erwiderte ich, "gegen sowas bin ich immun. Ich weiß, wo ich hingehöre."
Im "Nowhere" erfuhr ich, daß das "ZMK" wahrscheinlich von dem bisherigen Geschäftsführer gekauft wird. Dann wird sich wohl an den herrschenden Verhältnissen nichts ändern, und ich werde das "ZMK" auch weiterhin boykottieren.
Mitte Mai gab es in der "Halle" ein großes Festival. Ein Türsteher der "Halle" versuchte, uns unser Haarspray wegzunehmen, doch da sprang ein anderer herzu und sagte, das sei Unsinn; Haarspray könnte man mit hineinnehmen.
Thorlev freute sich, mich endlich wieder einmal zu sehen, und die Freude war gegenseitig. Es gab aber noch ein anderes, häßliches Wiedersehen - der Sockenschuß war ebenfalls da. Er setzte sich hin und wieder zu Leuten, mit denen auch ich redete, Sarolyn, Sandro und Genoveva. Sonst tat er mir nichts. Übrigens hat Sandro die prächtige Jacke, die er trug, selbst so kunstvoll mit Schnüren und Pailletten bestickt. Ein Mädchen kam in einem vielbestaunten Samtkleid, das sie selbst genäht hatte. Die Ärmel liefen nach unten in lange Spitzen aus. Passend zum Stil trug das Mädchen gelocktes Haar und einen hohen Dutt.
Rafa konnte ich nirgends entdecken. Von Thorlev erfuhr ich, daß er gerade einen Auftritt hatte. Die Sängerin und Dolf fehlten ebenfalls auf dem Festival. Vielleicht ist die Sängerin wieder mit Rafa zusammen und singt für ihn. Ich bekam von einem fremden Herrn ein Faltblatt in die Hand gedrückt, das war ein Veranstaltungsprogramm fürs Ruhrgebiet. Darin standen lauter Konzerttermine von Rafa.
Bertine erzählte, daß Rafa und die Sängerin vor einigen Monaten in der "Halle" mit Handschellen aneinandergefesselt getanzt haben. Mich schauderte. Ich bin froh, daß ich das nicht gesehen habe. Weil Bertine die Sängerin auch eklig findet, konnte ich ordentlich über sie lästern.
"Die ist so widerlich!" rief ich. "Die ist so widerlich! Immer denke ich, irgendwas an der muß doch menschlich sein. Und dann gucke ich sie an und denke gleich, oh Gott, hätte ich bloß nicht hingeguckt! Warum ist mir nur schon wieder so schlecht?"
Laura war nicht auf dem Festival. Ein blonder Junge erzählte mir, daß er mit ihr ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie ich. Sie war am Telefon unerträglich schroff zu ihm, und da sagte er zu ihr, unter diesen Voraussetzungen wolle er nicht mehr mit ihr reden.
Laura soll eine Stadt nach der anderen "langweilig" finden und stets nach neuen Kreisen suchen. Zur Zeit glaubt sie, daß es in B. die Leute gibt, die ihr genehm sind. Der Junge vermutet, was auch ich vermute, nämlich daß Laura auch B. bald "langweilig" finden wird.
"Weißt du, wen sie in Wirklichkeit langweilig findet?" fragte ich. "Weißt du, wer das ist, den sie nicht leiden kann?"
"Sich selber!" erwiderte der Junge sofort.
"Ja, genau das ist der Punkt!" bestätigte ich. "Sie kann sich selber nicht leiden, und den Haß auf sich selbst läßt sie an den anderen aus. Aber wohin sie auch geht, sich selbst nimmt sie immer mit. Sie ist auf der Flucht vor sich selber, und diese Flucht führt in eine Sackgasse."
"Da kann man ihr nicht helfen."
"Nein, das kann man auch nicht. Wer sich nicht helfen lassen will, verdient es nicht besser."
Kappa stand wie ein linksherum gedrehter Pullover auf der Festivalbühne, wenn er die Bands ansagte. Er brachte die einzelnen Worte kaum hervor. Ace legte ihm stützend eine Hand auf die Schulter. Ich glaube, Kappa war voller Drogen. Ob er nur kokst, oder ob er noch verschiedene andere Sachen nimmt?
Kappa und Ace wollten nach dem Festival im "Exil" auflegen, doch ich bezweifle, daß Kappa dazu noch fähig war. Außerdem dauerte das Festival bis drei Uhr nachts.
Im "Elizium" saß Laura an der Bar und umklammerte ihren neuen Freund. Mit Thorlev hat sie es sich jetzt auch verdorben. Er sagte ihr freundlich "Hallo", und da erwiderte sie nur kurz das "Hallo" und drehte gleich den Kopf weg.
"He, ist das jetzt alles?" fragte Thorlev.
"Ja", antwortete Laura kalt.
Thorlev kam ganz geknickt zu mir und erzählte mir das.
"Das geht nicht gegen dich", tröstete ich ihn. "Das macht die mit allen so. Die kann sich selbst nicht leiden, und das läßt die an den anderen aus."
Malda hat am Telefon erzählt, weshalb Peter Spilles auf dem Festival ohne Patricia aufgetreten ist. Er hat sich von ihr getrennt. Wahrscheinlich hat Patricia nur deshalb mit Peter gesungen, weil sie seine Freundin war.
Bei einem Sonntagsspaziergang erzählte meine Mutter, daß sie sich "Andorra" ansehen möchte.
"Das Stück könnte ich mir nicht ansehen", meinte ich. "Es ist so deprimierend. Ich brauche Literatur, Filme und Theaterstücke, die Lösungen zeigen. Die Probleme kenne ich; die müssen mir nicht mehr dargestellt werden. Ich will Lösungen sehen."
"Nur ist es leider so, daß es für die meisten Probleme keine Lösungen gibt", entgegnete meine Mutter.
Constri widersprach sofort:
"Umgekehrt! Für die meisten Probleme gibt es Lösungen!"
"Es bringt nichts, wenn man sich vornimmt, die Welt zu verändern", setzte ich hinzu. "Es geht darum, daß man vor seiner Haustüre kehrt. Denn was man im Kleinen bewirkt, das gibt den Ausschlag für die Veränderungen im Großen."
Am frühen Abend hatte ich einen Traum, in dem es darum ging, Lösungen für das scheinbar Unlösbare zu finden:

In dem Märchen "Die kleine Meerjungfrau" geht ein Mädchen zugrunde, weil es von seiner Liebe zu einem Prinzen nicht lassen will. Dabei erwidert der Prinz die Liebe des Mädchens noch nicht einmal. Die Meerjungfrau stirbt sinnlos, und spurlos verläßt sie eine Welt, in der kein Platz für sie ist. Überall sitzt sie zwischen den Stühlen, oberhalb und unterhalb der Wasseroberfläche.
Nach langer Zeit sah ich mir die Verfilmung des Märchens mit Miroslava Safrankova wieder an. Der Film reizt mich, weil er so schön ist. Aber es fällt mir schwer, ihn zu sehen, weil die Geschichte so ausweglos ist. Doch das Wunderbare geschah: Ich konnte den Verlauf der traurigen Geschichte beeinflussen. Ich gewann Macht über das Schicksal der Meerjungfrau. Das Märchen ging nun folgendermaßen:
Es war ein Mädchen mit einem kindlich süßen Gesicht und haselnußfarbenen Haaren, das war nicht nur schön, sondern auch sehr eigenwillig. Ich nenne es Miroslava, weil es wie die Safrankova aussah. Miroslava hatte beschlossen, sich in eine Meerjungfrau zu verwandeln, weil sie hoffte, dadurch ihre große Liebe zu finden. Die Verwandlung sollte Miroslava die Seele rauben und später auch das Leben. So war es vorherbestimmt. Miroslava stellte sich auf einen dunklen Gehweg und sang den Vers, der sie verwandeln sollte. Dabei wurde ich Miroslava und zu einer Meerjungfrau. An Land hatten die Meerleute keinen Fischschwanz. Ich lief als unerkanntes Zauberwesen durch die nächtlichen Straßen einer Stadt voller Wasserläufe und Baustellen. Überall sah ich aufgerissenen Asphalt, Sandberge, Bretterzäune, Rohre, tiefe Baugruben, himmelhohe Wände aus frischem Beton und glaslose Fensterlöcher. Helle Scheinwerfer gaben ein gespenstisches Licht. Weil ich eine Meerjungfrau war, öffnete sich mir innerhalb dieser kargen, rauhen Welt eine andere, eine schillernde, prächtige. Aus den großen Wasserläufen unter einer Betonbrücke strahlte ein buntes Getümmel zu mir herauf. Dort feierte das Meervolk. Wassertropfen wurden für dieses Volk zu Brillanten, Kiesel zu Perlen, grober Sand zu Gold und Silber. Und aus einem Rohbau wurde ein teures Hotel. Wer die Welt der Meerleute betrat, war mit einem Schlage reich. Ich trug ein kostbares Kleid aus leuchtend roter Seide und ließ mich in offenen Wagen herumfahren. Das Leben war wild, schnell und sorglos. In den Hotels gab es große Säle; dort saßen die Meerleute in ihren Ballkleidern, Spitzenhemden und seidenen Fräcken. An einer Tafel, die gedeckt war mit erlesenen Speisen und Getränken, nahm ich Platz.
Rafa saß bei uns. Endlich konnte ich ihn sehen. Ich hatte in diese verwunschene Welt eintauchen müssen, um ihn zu finden. Ich bekam heraus, daß Rafa in zwielichtige Geschäfte verstrickt war. So bezahlte er für sein Leben im Reichtum.
Es erstaunte mich, daß ich am Tisch noch einen Mann traf, den ich aus der Menschenwelt kannte.
"Das ist ein Mitschüler von mir", stellte ich fest. "Wie kommt der hierher?"
Ich erfuhr, daß es möglich war, zwischen der Menschenwelt und der Meerwelt hin- und herzuwechseln. Ich war erleichtert darüber, daß man sich nicht auf die eine oder andere Welt beschränken mußte. Das unterstützte meine Pläne. Ich hatte mehr Macht und konnte besser mit meinem Schicksal kämpfen. Doch ich merkte, daß meine Seele durch die Verwandlung in Gefahr geriet.
Rafa verließ schon bald die Tafel. Er mußte hinausgehen an ein großes Wasserbecken. Dort wartete ein Mann auf ihn, der wollte etwas mit ihm ausmachen. Ich folgte Rafa, ohne daß er mich darum gebeten hatte. In der prächtig gekleideten Schar war er der einzige, der fast nichts am Leibe trug. Dadurch zog er mich noch mehr an als ohnehin. Während Rafa am Wasserbecken stand und verhandelte, hielt ich ihn zart umarmt, oder ich berührte ihn auch nur, an den Schultern, an den Hüften, an den Beinen. Ich scheute mich auch nicht, die Verhandlungen zu unterbrechen. Ich redete mit Rafa und nannte ihn "Schatzi". Ich wollte, daß er sich aus seinen zweifelhaften Vertragsbindungen löste. Schließlich verführte ich ihn dazu, mit mir auf einen Holzsteg zu gehen und in das Becken zu steigen. Im Wasser schmiegten wir uns aneinander. Ich wollte Rafa heraushelfen aus seiner Scheinwelt. Doch diese Welt war dabei, mich langsam zu vergiften. Ich beobachtete, daß ich bisweilen recht gedankenlos sein konnte und recht überheblich. Ich mußte die Zauberwelt so rasch wie möglich verlassen, und ich mußte Rafa mitnehmen.
Meine irdischen Freunde hatte ich indes nicht verloren. Ich begegnete ihnen oft. Sie wähnten mich im Glück, weil ich mehr Geld hatte als sie. Daß es sich nur um scheinbaren Reichtum handelte, konnten sie nicht wissen.
Es gab eine Macht, die stärker war als beide Welten, stärker als die echte und die unechte. Diese Macht nannte man "das Jesuskind". Das Jesuskind nahm die Gestalten kleiner weißer Wesen an; das konnte ein weiß gewickeltes Kind sein, ein weißgekleidetes Engelchen oder ein kleiner weißer Vogel. Ich stellte mich auf einen dunklen Gehweg und öffnete ein Überraschungsei. Darin fand ich das Jesuskind als Bausatz. Ich steckte ein Engelchen zusammen. Die Flügel wollten gar nicht halten; sie fielen immer wieder ab.
Nicht weit von mir verliefen Straßenbahnschienen. Dort sah ich auch einige von meinen irdischen Freunden. Bei ihnen flog ein weißer Vogel herum. Schließlich sank er auf die Schienen und wurde von einer Bahn überfahren. Ich lief hin und nahm den Kadaver mit einem Papierbogen hoch. Da hatte ich etwas Kleines, Weißes auf dem Papier, so hauchdünn wie ein Schmetterling. Es war fast ein Nichts. Ich dachte, das "Jesuskind" sei tot, und ich weinte. Aber dann fiel mir ein, daß das "Jesuskind" nicht mit den Körpern verging, in denen es zur Erde kam. Es wurde in immer neuen Gestalten wiedergeboren. Es starb nie.

Wer oder was verbirgt sich hinter dem kitschigen Begriff "Jesuskind"? Wer oder was ist die Macht, die mit dem Tod nicht stirbt?
Immer wieder fürchte ich mich davor, daß Rafa tot sein könnte. Immer wieder sehe ich Gespenster. Soll mir in diesem Traum gezeigt werden, daß ich mich nicht zu fürchten brauche? Weshalb sollte ich mich nicht fürchten?

In einem Traum trafen sich auf einem Zeltplatz mehrere Gothics. Rafa war unter ihnen, aber ich konnte mich ihm nicht nähern, weil er sich mit der Sängerin abschirmte. Ich wollte ihm gern etwas schenken, doch das war unmöglich. Ich hatte etwas sehr Kostbares für ihn. Als der Vater von Rafa noch lebte, hatte ich mit ihm telefoniert, und dieses Gespräch hatte ich durch Zufall auf Band genommen. Eine Kopie des Gesprächs wollte ich Rafa schenken. Auf der Kassette hörte man seinen Vater einen hektisch getönten Monolog sprechen. Auch die Mutter sagte einige Worte. Ich hatte zuerst sie am Apparat gehabt, und dann hatte sie den Hörer an den Vater weitergegeben.
Ich war traurig und verließ den Zeltplatz. Gegen Abend kam ich noch einmal zurück. Rafa und seine Begleiter waren fort. Die Gothics reichten einen Prospekt herum, der für einen Sampler warb. Einst hatte Rafa zu mir über diesen Sampler gesagt:
"Irgendwo hinten sind wir drauf."
Mit vier Stücken war seine Band auf dem Sampler vertreten. Rafa machte in dem Prospekt auffällige Werbung. Vier große Portraits von der Sängerin waren darin zu finden, für jedes Stück eines. Die Sängerin trug auf allen Bildern eine dunkle Brille. Die Portraits waren mit einem Computer zum Teil so stark verfremdet, daß die Sängerin wie ein schleimiges Monster aussah. Warum hat Rafa sie so grausig dargestellt?

Ein anderer Traum handelte von einem weiß gewickelten Kindchen. Man wußte nicht, ob es am Leben bleiben würde. In einer Gruppe junger Leute trugen wir das Kind durch die Dunkelheit. Ich fühlte mich hingezogen zu dem Kind, und ich fühlte mich auch für es verantwortlich.
Wir waren ein Stück weit gegangen, da fiel Laura mich von hinten an. Wie der Leibhaftige selbst sprang sie mir auf die Schultern. Sie riß an mir herum und drosch auf mich ein. Ich wehrte mich nicht, in der Hoffnung, daß Laura die Angriffslust verlor, wenn ihr Angriff nicht erwidert wurde.
"Constri!" rief ich leise meine Schwester, die vor mir ging. "Constri!"
Erst hörte sie mich nicht, doch als ich noch einige Male rief, drehte sie sich um.
"Sie greift mich an!" konnte ich Constri nun zeigen. "Es ist so wie in dem Traum!"
Laura schien es zu mißfallen, daß ich nicht zurückschlug. Ihre Angriffslust schwand, weil ich nicht die Gegnerrolle spielte.




Als ich in der Freitagnacht eben mit Onno die Stufen zum Tanzraum des "Exil" hinuntergegangen war, kam Rafa mir entgegen. Im Vorbeigehen lächelte er freundlich und grüßte:
"Halloo!"
Ich lächelte auch und kraulte ihn an der Schulter. Dann legte ich meine Sachen auf eine Bank und stellte ich mich dem Gang zugewandt, der sich am Anfang des Tanzraums befindet. Rafa kam bald wieder durch den Gang. Zwei Schritt von mir entfernt blieb er stehen und lächelte mir zu. Ich lächelte ebenfalls, ging aber nicht zu ihm hin. Er drehte sich wieder weg und stand noch ein Weilchen da, als sei er unschlüssig. Dann ging er zurück ans Pult.
Rafa hatte ein kittelähnliches weißes Hemd an, das er über eine schwarze Hose hängen ließ. Anscheinend hat er sich die Seite, auf der er den Pagenkopf trägt, noch kürzer schneiden lassen. Wieviel will er noch abschneiden lassen von seinen Haaren? Ich finde seine Frisur niedlich, aber ich vermisse die schönen langen Haare. Rafa trug blonde Strähnchen im Pony und Ohrringe. Er hatte sich ein bißchen geschminkt, was ich bei ihm sehr mag. Allerdings trug Rafa sein Gestell vor den Augen, seine Sehhilfe. Ich glaube, das hat er sich erst aufgesetzt, nachdem ich ihn an der Schulter gekrault hatte.
Rafa spielte gleich "Love in Chains" von Call. Auch sonst gefiel mir das Programm.
Es war leer im "Exil". Ich kannte von den Leuten nur Daphne und Sandro. Außerdem war Velvet da, dieses Mal wieder im langen schwarzen Samtkleid.
Zuerst sah ich Rafa noch Mineralwasser trinken. Dann sah ich das Barmädchen wieder und wieder und immer länger bei Rafa hinterm Pult stehen. Sie wirkten sichtlich wohlgelaunt. Sie berührten sich nicht in verfänglicher Weise, und doch schien zwischen ihnen mehr abzulaufen als eine harmlose Unterhaltung. Schließlich begannen sie, mit Kurzen anzustoßen und diese herunterzukippen. Ich zählte - eins ... zwei ... drei ... Ich kam mindestens bis sieben. Rafa ließ sich bis zur Fahruntüchtigkeit vollaufen. Wahrscheinlich hatte er vor, in H. zu übernachten, und bei wem, diese Frage brauchte ich mir gar nicht zu stellen. Ebensowenig brauchte ich Zweifel daran zu hegen, was er mit dem Barmädchen anfangen würde, wenn er mit ihr im Bett lag.
Das Mädchen hat lange blonde Locken und lief in Jeans und einem derben roten Baumwollhemd herum. Es ist groß, mindestens so groß wie Rafa. Es schien dem Mädchen sehr zu schmeicheln, daß Rafa es so umgarnte, und es schien das furchtbar aufregend zu finden. Rafa wirkte auf mich bei seinem Eroberungsfeldzug berechnend und routiniert. Sein Lächeln, seine Gesten, alles wirkte durchgeplant und bewußt eingesetzt.
Gelegentlich war Rafa auch unten hinter der Bar und redete und trank dort mit dem Barmädchen. Manchmal kam er auch nur, um Vinylplatten unter den Wasserhahn zu halten. Er und das Mädchen wurden immer betrunkener und immer vergnügter. Ich sah ihnen meistens durch einen Spiegel bei ihrer Turtelei zu. Es kam mir bisweilen so vor, als wenn sie auf mich zeigten und Bemerkungen machten über mich. Das kann aber auch eine Täuschung gewesen sein.
Zwischendurch setzte ich mich mit Onno zu Sandro unterhalb des DJ-Pults an die Bar. Ich nahm Sandro das Glas aus der Hand, und er ließ es sich gefallen, daß ich den Rest von seinem Weizen trank. Ich hätte mir an der Bar nichts zu trinken holen können, denn das Barmädchen war die einzige Bedienung, und von dem wollte ich nichts haben.
Als ich gerade beim Tanzen war, sah ich im Spiegel, wie Rafa kurz den Arm um das Barmädchen legte. Wenn er mit einem Mädchen so weit geht, heißt das in aller Regel, daß er mit ihm auch schläft. Nun hatte ich nicht mehr den geringsten Zweifel daran, daß Rafa mit dem Barmädchen zusammen ist. Ich fand, daß es Zeit war, zu gehen. Aber da kam "Louise" von Xymox, und dann folgten "Kain und Abel" von Das Ich ... und "Israel" von Siouxsie and the Banshees ... Ans Gehen war noch nicht zu denken.
Daphne saß inzwischen allein auf einer Bank. Ich fragte sie, ob sie sich nicht langweilte, aber sie verneinte. Ich blieb bei ihr und lehnte mich an ein Geländer. Ich stand nun im Gang vor der Treppe, die in den Tanzraum führt. Durch diesen Gang mußten Rafa und das Barmädchen immer hindurch, wenn sie zu einem Raum wollten, der sich in einem kleinen Flur bei den Toiletten befindet. Während der Nacht hatte ich manchmal das Mädchen dort verschwinden sehen, manchmal auch Rafa. Es könnte ein Lagerraum sein.
Ich beobachtete Rafa und das Barmädchen aus der Ferne. Sie tranken unaufhörlich ihre Kurzen. Auf dem Schriftband über dem DJ-Pult liefen nicht nur die Termine fürs "Exil" vorbei, sondern auch der Satz "Ich liebe dich!!!" Ich bin mir sicher, daß Rafa diesen Satz für das Barmädchen aufs Schriftband geschrieben hat.
Mittlerweile war es drei Uhr geworden. Rafa machte eine Durchsage:
"Wo jetzt der Abend fast vorbei ist, gibt's nochmal eine kurzfristige Änderung des Musikprogramms."
Es kam "Damned don't cry" von Visage. Wie gebannt sah ich Rafa und dem Barmädchen beim Trinken zu. Schließlich kam Rafa hinter der Bar hervor; er wollte wieder zu dem Raum bei den Toiletten. Ich stand reglos im Gang und lehnte am Geländer. Ich lächelte nicht und sah Rafa auch nicht in die Augen. Er begann zu rennen und stürzte mit wehendem Hemd an mir vorbei. Sonst war er immer nur gegangen. Ich glaube, er schämte sich.
Ich drehte mich nicht nach Rafa um, als er draußen war. Ich blickte ihm nicht entgegen. Dann kam er zurück und rannte wieder. Sein Körper streifte meinen. Das konnte durchaus ein Versehen sein.
Als das Barmädchen etwas später zu dem Raum wollte, rannte es ebenfalls. Das war aber nichts Ungewöhnliches, weil es meistens rannte.
Rafa machte eine weitere Durchsage:
"Wo es jetzt auf den Schluß zugeht, gibt es nochmal eine Runde Sauren ... aber nur für die, die jetzt bei der Polonaise mitmachen."
Dann spielte er das unsägliche "Das Telefon sagt Du" von Andreas Dorau. Sandro und Onno machten bei der Polonaise mit. Ich blieb stehen, wo ich war, und sagte zu Daphne:
"Der soll sich nicht einbilden, daß ich mitmache bei diesem Affenzirkus."
Nachdem sich die Tänzer ihren Sauren abgeholt hatten, sagte Rafa durchs Mikrophon:
"So, natürlich gibt's jetzt auch für alle anderen Sauren, solange der Vorrat reicht."
Ich holte mir keinen. Ich nehme nichts an von dem Barmädchen; außerdem wollte ich mir nichts von Rafa schenken lassen. Ich trinke nicht mit ihm darauf, daß er mit dem Barmädchen ins Bett geht.
Daphne holte sich auch keinen Sauren. Ich stand noch für einen Augenblick bei ihr. Dann zog ich meinen Mantel an und ging zu Onno und Sandro, die beim DJ-Pult an der Bar standen. Ich fragte Onno, ob er noch bleiben wollte. Etwas wollte er noch bleiben. Ich verabschiedete mich von ihm und Sandro und ging, ohne zu Rafa hinüberzuschauen.
Nur ein Platz in dieser Welt ist mir gewiß - der auf dem Friedhof. Doch da kann ich noch lange nicht hingehen. Ich habe zu Rafa gesagt, daß ich Wege finde, um mit ihm fertigzuwerden. Und ich halte meine Versprechen.
Fordert meine Liebe Unmögliches von mir? Gilt es, etwas zu schaffen, das kein Mensch schaffen kann? Wer hat denn schon erfolgreich um einen Menschen gekämpft?
Carl erklärt Rafas Verhalten so:
"Er hat dich gesehen, und da hat er Lust bekommen, mit dir mehr zu machen. Aber er hat nicht die Energie dazu gehabt. Da hat er sich geärgert. Er hat sich gesagt, nein, mit Hetty ist das sowieso nichts! Ich will nur ein Mädchen, vor dem ich keine Angst haben muß."
Carl und ich glauben beide, daß Rafa das Barmädchen in die Ecke werfen wird, wenn er es nicht mehr gebrauchen kann. So hat Rafa auch Meta in die Ecke geworfen.

In einem Traum sollte ich alles verlieren, vielleicht auch meine Freiheit, vielleicht auch mein Leben. Aber noch war es nicht soweit.

Auf Sasas Geburtstagsfeier traf ich Thorlev "Rosen-Reesli" Rees, der mir erzählte, daß er Rafa Ende Mai auf einem Burgfestival in Qu. sehen wird. Ich bat Reesli, mir zu berichten, ob die Sängerin dann schon wieder mitmacht. Reesli findet die Musik von W.E "im Ansatz gut", nur meint er, sie müsse noch reifen.
Sasch erinnerte sich an die Zeit, als er sich noch mit Rafa und Dolf in BO. treffen konnte. Das geht schon lange nicht mehr. Der Kontakt ist abgerissen.
Nachts war ich in HH. bei "Klangwerk". Mal ging es schlecht. Die hübsche, blau bezopfte Cindy hatte sich am vergangenen Wochenende für ihn entschieden, nachdem er zwei Jahre lang auf sie gewartet hatte. Und schon an diesem Wochenende hatte sie sich wieder gegen ihn entschieden.
Die Musik war so mitreißend wie immer. "Shiftwork" von P.A.L kam, "Love in Chains" von Call, "Klaus Barbie" von Genocide Organ, "Start as you mean to go on" von Aphex Twin, "Dead or alive" von Dive, "Crowning Glory" von Will, "Heimat" von Weltklang und sogar "I stand on my Head" von den Severed Heads, das klingt, als sei es nicht von dieser Welt. Ich war vier Stunden lang fast ununterbrochen auf der Tanzfläche.
Carl hat vom "Elizium" berichtet, daß Sator sich dort mit Siddra getroffen hat. Brinkus will die beiden verkuppelt haben. Ich hoffe sehr, daß es hält. Siddra und Sator haben schon öfters "Reinfälle" mit Beziehungen erlebt.

Im Traum ging ich in HH. durch das Tunnelgewirr der U-Bahnstationen. Ich wurde begleitet von Menschen, die waren nicht sichtbar; bloß ihre Schatten konnte man sehen. Schließlich war es nur noch der Schatten von Rafa, der mich begleitete. Ich konnte zu dem Schatten sprechen, und Rafa verstand mich.

Im Krankenhaus finde ich - wie in jedem anderen Krankenhaus - vor allem die Klatschgeschichten spannend. Man hört erzählen von einem Tierlabor, in dem Knochenbrüche bei Hühnern untersucht wurden, weshalb es dort viele Hühner mit Gipsbein gab. Einmal entflog ein solches Huhn und ging auf dem Rasen der nebenan gelegenen Heil- und Pflegeanstalt verloren. Der Professor lief hinterher, und als ein Wärter ihn fragte, was er denn auf dem Rasen wollte, antwortete er wahrheitsgemäß:
"Ich suche das Huhn mit dem Gipsbein."
Da setzte man ihn in der Heil- und Pflegeanstalt fest, und alle Beteuerungen halfen ihm nichts. Erst am nächsten Morgen wurde er von einem visitierenden Arzt erkannt und wieder freigelassen.
Eine andere Klatschgeschichte handelt von einem Professor der Rechtsmedizin, der gern mit Goldkettchen und schnellem Schlitten als Herrenreiter unterwegs war. Eines Tages kam es, wie es kommen mußte - die Polizei wollte ihn anhalten, weil er auf der Landstraße raste. Er versuchte die Flucht. Als die Polizisten ihn endlich zum Stehen gebracht hatten, zerrten sie ihn aus dem Wagen mit den Worten:
"Komm' 'raus, du Zuhälter!"
Der Professor erklärte, er sei kein Zuhälter und müsse dringend zu einem Gerichtstermin. Weil er sich aber nicht ausweisen konnte, wurde er fürs Erste mitgenommen.
Einem anderen Professor wurde im Safaripark von einem Elefanten die Motorhaube zertreten. Als er sich anschließend in einen Auffahrunfall verwickelte, fragte ihn die Polizei, weshalb seine Motorhaube so zerbeult sei?
"Da ist mir ein Elefant draufgetreten", antwortete er.
Das genügte den Polizisten für eine Blutprobe. Der offensichtlich alkoholkranke Professor brachte es immerhin auf 3,2 ‰, und damit war der Führerschein weg.
Ein anderes Geschichtlein spielt im tiefsten Bayern. Dort leistete ein angehender Mediziner seinen Zivildienst und führte das Leben eines menschlichen Fußabtreters. Aus der Küche der Anstalt hörte er folgende Begebenheit:
Einmal schmeckte den Leuten aus der Wäscherei die Suppe nicht, und sie gingen zum Koch und fragten ihn, was da drin gewesen sei.
"Ich weiß doch nicht, was auf der Packung steht!" erwiderte der Koch.
Für diese Antwort wurde er kurzerhand verprügelt.
Weil es mir in der Kantine am "Zivitisch" am besten gefällt, bekomme ich die Arroganz mancher Berufskollegen gewissermaßen "live" mit. Revil fragte mich, was ich von einer Kommilitonin namens Kezia halte.
"Ach, ganz nett", glaubte ich.
"Wir fanden die voll arrogant", berichtete Revil.
"Wenn man den Teufel nennt ...", seufzte ein anderer Zivi.
Kezia kam des Wegs. Ich fragte sie, ob sie sich zu uns setzen wollte. Sie gab etwas Unverständliches von sich, das sich anhörte wie:
"Neeneenee ..."
"Jetzt weiß ich bescheid", nickte ich den Zivis zu, als Kezia weitergegangen war. "So ist die also. Grauenvoll."
In meinem Berufsleben will ich nicht wie lebender Abfall behandelt werden. Und ich will auch verhindern, daß andere so behandelt werden.
Ende Mai habe ich Folgendes geträumt:

Auf einem großen Speicher voller Staub und Gerümpel gab es ein Waschbecken mit Spiegel. Ich knipste die Leuchtröhre über dem Spiegel an. Da hörte ich ein befremdliches Geräusch, das klang wie Knistern und Brutzeln. Ich entdeckte eine Wespe, die hing an einer Stelle, wo ein Kabel bloßlag. Die Wespe verschmorte langsam. Angewidert schaltete ich die Lampe aus. Da schwebte die Wespe empor bis dicht vor meinen Kopf. Ich sah, daß sie auf einer Seite schon stark angeschmort war. Sie wirkte taumelig und umnebelt, aber sie lebte, lebte immer noch. Und sie verfolgte mich. Wohin ich mich auch wandte, immer blieb sie dicht an meinem Kopf. Ich wurde sie nicht los. Schließlich aber war es doch mit ihr zuende. Sie stürzte ab, und ich dachte voller Schrecken, sie sei mir in die Kleider gefallen. Ich suchte nach ihr. Währenddessen wachte ich auf.

Als ich mir vor Augen führte, daß alles nur ein Traum gewesen war, konnte ich endlich beruhigt sein.
In meinen Träumen verbarg sich in der Gestalt von Wespen und Hornissen stets die Sängerin. Will dieser Traum mir sagen, daß sie verspielt hat, daß es aus ist mit ihr?
Abends war ich in HB. Folter hatte Rufus zu Gast. Ich kenne Rufus bereits; er war der Kahlkopf am Steuer, der im März mit Maleen, Dag und mir zu Sareth und Ciril gefahren ist. Übrigens hat Rufus auch ein Schweizer Offiziersmesser, wie Rutger und Rafa.
Dag kam etwas später zu Folter. Er brachte seine neue Freundin mit, Geraldine. Er kennt sie schon an die sechs Jahre, ist aber erst kürzlich mit ihr zusammengekommen.
Bei "Crucifiction" lief mitten in dem ausgesuchten Industrial-Programm auch "W.O.L.F." von Rafa; in den Clubs kommt das Stück ungeachtet der vernichtenden Rezensionen gut an.
Derek hat ein Volkslied auf Dat genommen, "Singen macht die Herzen frei". Das spielt er abwechselnd mit "There's no hope" von Dive. Ich bat Derek, das Volkslied zu zerhacken und unter die dumpfen, schleifenden Klänge von "There's no hope" zu rühren.

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Am Samstag hatte ich abends Gäste. Jane und Steini erzählten, wie sehr ihnen Brinkus in der letzten Zeit auf die Nerven gegangen ist. Brinkus lebt in einem ungemütlichen Wohnloch mit der Besonderheit, daß Janes Wohnung gleich nebenan liegt. Also hat Brinkus versucht, bei Jane "mitzuwohnen". Er kam und blieb, ob erwünscht oder unpassend. Das hat mir Brinkus freilich verschwiegen, als er sich kürzlich bei mir über Janes abweisendes Verhalten beklagte.
Revil entdeckte die vielen Bilder von Rafa, die bei mir an der Wand hängen.
"Das geht gar nicht mit dir und Rafa", sagte Derek zu mir. "Der wird immer populärer, und dann ... wenn der auf der Bühne steht ... kommen die ganzen Groupies an ... da kann der gar nicht widerstehen."
"Untreu kann einer immer sein, ob er populär ist oder nicht", entgegnete ich. "Daß die Untreue Rafas Problem ist, habe ich schnell gemerkt."
Wir gingen ins "Elizium".
"Wo bist du eigentlich freitags?" fragte Xentrix vorwurfsvoll.
"Also, gestern war ich in ...", begann ich.
"Ja, ja, du brauchst nichts zu sagen", kam es beleidigt von Xentrix.
"Ich war in HB.", fuhr ich fort.
"Ja, ah ja", sagte Xentrix. "Was für ein schönes Alibi."
Als sich die Musik änderte und "Computerliebe" kam, dachte ich ans Heimgehen. Ich wollte aber noch das Stück zuende hören. Derek setzte sich an den Tisch, der bei der Treppe auf dem Podest steht. Er sank vornüber, und das war es fürs Erste. Constri ging kurz nachschauen und kam zurück mit den Worten:
"Jetzt kann ich wieder Kindermädchen spielen."
Wir blieben vor der schwarzen Wand unterhalb des DJ-Pults stehen.
Gegen vier Uhr sah ich Rafa und Dolf hinten links in der Ecke neben der Bar. Dolf schaute in meine Richtung, Rafa wandte sich nicht dorthin. Er redete nur, redete und redete. Das blonde Barmädchen vom "Exil" stand bei ihm und verbarg ihn zeitweise vor meinen Blicken. Dieses Mal war das Mädchen in Schwarz gekleidet. Ich fühlte mich daran erinnert, wie Rafa Meta mit ins "Elizium" nahm und mir vorführte, daß er mit ihr zusammen war. Jetzt war das blonde Barmädchen an der Reihe.
"Rafa ist da", teilte ich Constri und Carl mit. "Und er hat das Barmädchen mitgebracht."
Rafa warf immer wieder den Kopf zurück wie ein störrisches Roß. Er hatte die Brille aufgesetzt, die ich so häßlich finde.
"Dabei ist er so süß", dachte ich.
Mir fiel auf, daß Rafa meistens mit Dolf sprach und das Barmädchen links liegen ließ. Er schien sich geradezu an Dolf festzuklammern, als sei ihm die Gesellschaft des blonden Barmädchens unangenehm.
"Da hätte er sich wirklich eine Hübschere aussuchen können", meinte Constri. "Das ist doch eine richtige Gelegenheitsfreundin. Da brauchst du im Grunde gar nicht richtig eifersüchtig zu sein."
Rafa, Dolf und das blonde Mädchen blieben ungefähr eine Stunde lang dort hinten an der Theke. Dann kam das Mädchen aus der Ecke heraus und verließ das "Elizium". Rafa und Dolf blieben zurück.
Das erste Tageslicht schimmerte durch die Rauhglasfenster hinter der Tanzfläche. Ich sah etwas Schwarzes hinauf zum DJ-Pult huschen. Ich dachte, das sei Xentrix, weil der eine ähnliche Frisur hat und auch immer so rennt. Aber dann sah ich Rafa oben an der Barriere zum DJ-Pult stehen. Er unterhielt sich mit Xentrix. Die beiden quasselten und quasselten, wie die besten Freunde. Einer gab dem anderen Feuer. Ich stand immer noch vor der schwarzen Wand unterm DJ-Pult und beobachtete Rafa. Dolf stand im Seitengang und beobachtete mich. Schließlich kam Rafa wieder herunter und ging mit Dolf zur Bar. Ich sah Rafa vor der Theke stehen, mir zugewandt. Ich blinzelte, weil mir ein Scheinwerfer ins Gesicht strahlte. Im Gegenlicht konnte ich nicht erkennen, ob Rafa mich anblickte.
Als "In their eyes" von Fortification 55 begann, gingen Rafa und Dolf allein auf die Tanzfläche. Ich stützte einen Arm auf einen leeren Tisch und sah Rafa zu. Er hatte die rote Weste an, das weiße Hemd mit den steifen Manschetten und die pludrige Hose mit den weißen Streifen an den Seiten. Die Weste trug er offen. Die Sachen wirkten ein wenig zusammengewürfelt, eben nicht ganz genau passend, eher wie eilig und nachlässig übergezogen.
Rafa rückte sich beim Tanzen die Brille zurecht. Ich frage mich, was er mit diesem Gestell bewirken möchte. Soll es abschrecken?
Nach dem Stück von Fortification 55 schien es zunächst, als wenn Rafa sich mit Dolf zum Gehen wenden wollte. Aber er ging nicht. Er ließ Dolf im Seitengang stehen und marschierte schräg über die Tanzfläche auf mich zu.
"Hallo", grüßte Rafa.
Ich schloß ihn in die Arme. Er umarmte mich auch, und er drückte mich an sich, so fest er konnte. Ich drückte ihn ebenfalls, so fest ich konnte, und ich sprang an ihm hoch und mußte lachen.
"He! He!" bremste Rafa verlegen. "He, he! Ja, ja! He! He! Ohh ..."
Er zog meine Hände von seinen Schultern. Ich streichelte ihm die Wange. Dann warf ich mich wieder an ihn und kuschelte meine Wange an seine. Rafa packte mich und stellte mich ordentlich vor sich hin.
"Also, ich weiß noch, wer du bist", versichert er, "und ich weiß auch noch deinen Namen."
Ich nicke.
"Und ich weiß, daß ich noch zwanzig Videokassetten von dir bei mir liegen habe, die ich dir immer noch nicht zurückgegeben habe", fügt Rafa hinzu.
Anstatt endlich etwas zu sagen, falle ich ihm von Neuem um den Hals.
"Ohh - ohh!" wehrt er sich lächelnd. "Ich hasse es -"
Ich kann aber nicht aufhören mit der Kuschelei. Ich muß fühlen, daß er es ist. Ich muß seinen Körper an mir fühlen. Es ist schade, daß Rafa sich wieder einmal nicht ganz so ordentlich rasiert hat. Sonst könnte ich ihn noch ganz anders streicheln, und ich würde ihn wahrscheinlich auch küssen.
"He! Hörst du zu?" fragt Rafa und hält mich ein Stück von sich weg. "Hm? Hörst du mir jetzt zu?"
"Ja", antworte ich und hänge schon wieder an ihm.
Rafa beißt mich vorsichtig in den Hals und sagt sehnsuchtsvoll:
"Ich ruf' dich an und lad' dich zum Essen ein, und dann machen wir beide uns noch einen schönen Abend - zum Ausgleich dafür, daß ich dir die zwanzig Videokassetten so lange nicht wiedergegeben habe. Ist das o.k.?"
Ich zögere mit einer Antwort. Er schaut mich an und fragt noch einmal:
"Ist das o.k.?"
"Ja, aber du mußt solo sein."
"Ich bin solo."
"Ja, dann -"
Ich habe ihn schon wieder im Arm und drücke ihn wild an mich.
"Ja, ja -", stöhnt Rafa und biegt meine Arme weg. "Ich bin nicht solo."
Ich löse mich sogleich von ihm.
"Ja, dann - dann geht es nicht", sage ich.
"Ich weiß nicht, ob ich solo bin", kommt nun von Rafa.
Ich umarme ihn weiter, und er ergänzt:
"Jedenfalls bin ich nicht mehr mit Tessa zusammen."
Rafa ringt mit mir. Ich fasse ihn in die Seite und kitzle ihn. Da wird es ihm zuviel. Er umspannt meine Handgelenke und schiebt mich rückwärts an die schwarze Wand unterhalb des DJ-Pults. Ich lache, und als ich in sein lächelndes Gesicht blicke, lache ich noch mehr. Ich glaube, Rafa findet es schön, daß er mich daran hindern kann, ihn zu streicheln. Und ich finde es schön, daß er es offenbar nötig hat, mich daran zu hindern ... weil er sonst vielleicht seinem Begehren unterliegen würde.
Rafa hält meine Handgelenke noch immer fest. Er breitet meine Arme aus und drückt sie gegen die Wand, als wolle er mich kreuzigen.
"Hast du es gern, wenn ich dich fessle und in voll die ohnmächtigen Stellungen bringe?" fragt Rafa frech und gierig.
"Nicht mit Stricken", gebe ich zur Antwort.
"Hm?"
"Du kannst mich gern biegen, heben und schleppen", gestatte ich ihm, "aber nicht mit Stricken fesseln, weil ich das unerotisch finde."
"Also, es bleibt dabei - ich ruf' dich an."
"Ja."
Rafa schaut zur Seite und fragt:
"Ist das da Carl?"
"Ja."
Rafa geht zu Carl hinüber, der bei Derek am Tisch sitzt. Er gibt ihm die Hand und unterhält sich mit ihm. Er steht über Carl gebeugt und dicht an ihn gedrängt. Während des Gesprächs lege ich von hinten meine Arme um Rafa und kuschle mich an seine Schulter. Ich betrachte die kräftige Hand mit den Ringen und die steife Manschette.
"Ich wollte nur sagen, daß ich dich ... trotz der Sache mit der Zitronenscheibe ... echt sympathisch finde", sagt Rafa zu Carl. "Ist ja schon 'ne Weile her, ne?"
"Ja", sagt Carl und sieht ihn freundlich an. "Das ist wirklich schon eine Weile her."
Rafa schüttelt sich und löst meine Arme von seinem Körper. Er faßt meine beiden Hände mit seiner Linken, damit ich ihn nicht mehr umarme.
"So", sagt er befriedigt und redet weiter mit Carl.
Ich stehe hinter Rafa und überlege, was ich tun kann. Schließlich beuge ich mich über seine linke Schulter und kuschle mich an seinen Arm. Der dünne Stoff seines Hemdes ist getränkt mit diesem seltsamen, verzaubernden Geruch wie nach Patchouli und Weihrauch, den ich schon viel zu lange nicht mehr einatmen konnte. Ich beiße in den Arm, dann etwas weiter unten nochmal und nochmal und nochmal. Nach einer Weile verabschiedet sich Rafa von Carl. Er entwindet sich mir und geht mit Dolf zur Bar zurück. "TV treated" von Neon Judgement beginnt, und ich tanze. Nach dem Stück sind Rafa und Dolf verschwunden.
"Der war aber ganz schön zugänglich", sagt Constri über Rafa.
"Das sah ja aus, als wollte er dich gleich an die Wand nageln", meint Carl. "Man hätte denken können, daß du ihm in der nächsten Minute die Kleider vom Leib reißt."
Ich erzähle Constri, daß Rafa gesagt hat, er wisse nicht, ob er solo sei. Constri nimmt an, daß Rafa noch damit beschäftigt ist, sich von dem Barmädchen zu trennen.
Daß Rafa mich wirklich anruft, bezweifelte Constri.
"Ich denke, er ruft an", entgegnete ich. "Es ist nur eine Frage der Zeit."
Der Geruch wie Weihrauch und Patchouli hing mir noch in den Kleidern, als ich nach Hause kam.
Am Morgen hatte ich folgenden Traum:

Auf dem Altar einer Kirche habe ich meinen Walkman abgelegt. Die Musik dringt durch den Kopfhörer mit vollem Klang bis in ein freistehendes Gebäude auf dem Vorplatz. Dieses Gebäude ist ein dunkler Abstellraum. Ich finde dort die Sängerin sitzen. Ich setze mich ebenfalls, weil in dem Raum meine Sachen liegen. Die Sängerin spricht mich an mit harter Stimme. Ich gebe ihr heraus und muß daran denken, daß ich eigentlich nicht mit der Sängerin reden wollte.
Als ich etwas aus meiner Manteltasche holen will, stelle ich fest, daß die Sängerin auf meinem Mantel sitzt. Ich ziehe ein wenig an dem Mantel, um an die Tasche heranzukommen.
"He!" schreit die Sängerin. "Was soll'n das?"
"Ich möchte nur etwas aus meinem Mantel holen."
Sie rückt zur Seite.
Dann ertönt "W.O.L.F.". Es wundert mich, daß ich dieses Lied auf einer meiner Kassetten habe. Ich renne hinüber zur Kirche und stelle den Walkman ab.

Am Nachmittag kam Carl zum Kaffee. Ich ließ mir beschreiben, wie die letzte Begegnung von Rafa und mir aus seiner Sicht wirkte.
"Du schienst ja regelrecht an ihm zu kleben", meinte Carl. "Wenn ich das mit Saverio machen würde, hätte ich immer das Gefühl, ich würde mich zu sehr an ihn klammern."
"Wieso, Rafa ist doch angekommen", entgegnete ich. "Er muß auf mich zugehen, nicht ich auf ihn, und wenn er auf mich zugeht, dann weiß er, was ihn erwartet."
Als Rafa und Dolf zu dem Stück von Fortification 55 tanzten, sah Carl ihnen aufmerksam zu. Er wollte lachen, und das Gezappele von Rafa brachte ihn wirklich zum Lachen. Dann folgte die heftige Begrüßung von Rafa und mir.
"So etwas sieht man im 'Elizium' auch nicht alle Tage", bemerkte Carl dazu. "Die meisten Pärchen umarmen sich nicht so emotional; bei denen sieht das eher mechanisch aus. - Ich hatte von Rafa schon den Eindruck, daß er schwach wurde. Auch als er dich umarmt hat, das wirkte echt."
"Oh! Endlich sieht man mal was!" stellte Constri erfreut fest, als sie Rafa und mich beobachtete.
Sie hat unsere leidenschaftlichen Begegnungen noch kaum je miterlebt.
"Ich dachte, entweder artet das jetzt in eine Schlägerei aus, oder es geht mehr in Richtung Erotik", meinte Carl dazu, wie Rafa mich an die schwarze Wand schob und mir die Hände festhielt. "Es sah echt aus, als wenn er dich ans Kreuz nageln wollte, wie Jesus. Es sah aus wie - 'Die muß man bändigen!'"
Carl erzählte mir von seiner Unterhaltung mit Rafa. Auf einmal hatte Carl eine Hand in seiner, und ein Arm legte sich um seine Schultern. Dann kam das Gespräch auf die Zitronenscheiben.
"Wir haben uns untereinander mit Zitronenscheiben beworfen, und da kamst du vorbei, und ich habe gedacht, du müßtest auch eine abkriegen", erklärte Carl dem Rafa seinen Angriff. "Es war ein positives Bewerfen."
Dann sagte Rafa so etwas wie:
"Halt' mir die mal."
Er meinte mich. Als er meine Hände in seiner Linken zusammengerafft hatte, konnte er in Ruhe weiter mit Carl reden.
"Du riechst nach Schweiß", sagte er unhöflicherweise zu Carl. "Du solltest dir mal ein Deo besorgen."
Dabei fand Carl, daß Rafa verschwitzt roch, wohl durch die Aufregung. Carl ließ sich von Constri bestätigen, daß er selbst nicht nach Schweiß roch. Und ich schließlich fand, daß der Arm von Rafa unglaublich anziehend roch, so anziehend, daß ich hineinbeißen mußte. Das begreife ich immer noch nicht, und vielleicht begreife ich es nie.
"Wenn man so durch den Garten der Leidenschaften wandelt, kommt man auch in ziemlich extreme Gefilde", sagte ich zu Carl. "Da merkt man, daß die Liebe sich aus dem Räuber-Beute-Verhalten und dem Brutpflegeverhalten zusammensetzt."
Carl glaubt, daß Rafa ihn deshalb umarmt hat, weil er zuvor mich umarmte. Rafa wollte so tun, als sei das gar nichts Besonderes, wenn er jemanden umarmt. Es sollte so aussehen, als würde er jeden beliebigen Menschen eben mal so umarmen. Es war eine Art "Ungeschehenmachen" der körperlichen Nähe zu mir, ein "Gegenhandeln".
Malda hat Carl erzählt, daß sie sich mit Ivo Fechtner verloben will. Sie glaubt, daß sie keinen anderen mehr bekommt. Dabei ist sie erst fünfundzwanzig Jahre alt. Ich möchte Malda sagen, daß ich den Mann meines Lebens mit siebenundzwanzig Jahren gefunden habe. Wer sich Geduld und Hoffnung bewahrt, den belohnt das Schicksal.
Sator hat das Wochenende bei Siddra verbracht. Wenn man ihn so hört, scheinen sich die beiden wirklich ineinander verliebt zu haben. Brinkus ist über diesen Vermittlungserfolg hocherfreut. Er ist eben nicht nur als Versicherungs-, sondern auch als Ehemakler tätig. Und Letzteres macht er mit noch größerem Vergnügen.
Carl sah am kommenden Abend wieder den Sockenschuß durch mein Viertel schleichen. Der Sockenschuß griff Carl nicht an.
Lillien arbeitet als Krankenschwester in der Neurologie, und wir aßen gemeinsam in der Kantine. Auch hier konnte ich beobachten, welches Kastenverhalten in manchen Krankenhäusern von meinen Berufskollegen praktiziert wird. Ein Assistent kam herein, als Lillien und ich uns schon gesetzt hatten, und ich fragte ihn, ob er mit uns essen wollte. Da gab er seltsame Laute von sich, etwas wie:
"Achneenee ..."
Er ging mit seinem Tablett zu dem Tisch, an dem gewöhnlich die Ärzte saßen, und aß dort ganz allein vor sich hin, weil von den Ärzten gerade kein anderer da war.
Es widert mich an, wenn sich jemand so unkritisch und sklavisch einem sinnleeren System unterwirft. Es wirkte so, als wenn der Kollege den Tisch, wo gewöhnlich die Schwestern sitzen und wo ich auch mit Lillien saß, als kontaminiert betrachtete.
Lillien erzählte mir, daß Revco aus H. weggezogen ist. Sie findet, daß Rafa musikalisch mehr bringt als Revco.
"Rafa hat einen ziemlichen Output", bestätigte ich. "Und wo jetzt die Sängerin zum neunten Mal aus der Band geflogen ist ..."
"Tessa, nicht? Na, die als Sängerin ist ja wohl auch ... da kommt ja fast nichts 'raus."
Lillien erinnerte sich an das Konzert, das Rafa mit Dolf, der Sängerin und Daria vor etwa einem Jahr in HI. gab.
"Das war ja wohl peinlich", meinte sie. "In der Vorgruppe war eine Sängerin, die hatte eine astreine Stimme. Und dann kam W.E, und Tessa ..."
"Ich sage, die ist aus anderen Gründen in der Band."
Lillien wollte wissen, weshalb ich immer "die Sängerin" sage und nie "Tessa".
"Das liegt daran, daß ich die nicht in erster Linie als Mensch sehe, sondern als Schachfigur von Rafa", erklärte ich. "Der schiebt die hin und her. Der benutzt die als Barriere gegen mich."
"Ich dachte immer, Tessa wäre der dominante Teil bei den beiden."
"Nein. Die ist willenlos. Rafa kann sie benutzen, wie es ihm paßt."
Lillien ist eines der vielen Mädchen, die die Sängerin verehrt haben.
"Sie hat eine drahtige Figur", meinte Lillien, "und ich finde, daß sie gut tanzen kann. Und dann hat sie immer sowas Unnahbares. Sie sieht so aus wie eine, an die niemand 'rankommt."
"Dafür gibt es einen einfachen Grund", erwiderte ich. "Ihr Gesicht ist starr und ausdruckslos, weil sie nicht viel auszudrücken hat. Und sie redet nicht viel, weil sie nicht viel zu sagen hat. Das wirkt dann cool und unnahbar. Sie ist ein leeres Geschöpf, und sie versucht, sich mit Rafa zu füllen."
Kappa hat sich vor etwa zwei Jahren an Lillien herangemacht. Er nahm sie mit nach Hause. Sie ließ sich auf eine Kuschelei ein, aber nicht auf mehr. Darauf ist sie heute noch stolz. Unglücklicherweise verliebte sie sich in Kappa, als sie mit ihm im Bett lag. Sie rief ihn später an und gestand ihm, daß sie sich in ihn verliebt hatte. Da erst teilte er ihr mit:
"Ich hab' 'ne Freundin!"
Im Herbst 1993, nicht lange nach der Sache mit Kappa, machte Rafa in der "Halle" Lillien den Hof. Rafa hatte sich gerade zum vierten Mal von der Sängerin getrennt und suchte nach einem Ersatz. Von Lillien bekam er jedoch eine Abfuhr. Sie wollte sich nicht noch einmal ausnutzen und zum Besten halten lassen.

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