Zwischenwelt

"A bell is a cup until it is struck."
(Wire)


Unter den Jungen auf dem Raucherhof galt derjenige als angesagt, der besonders viele Abenteuer vorweisen konnte, sowohl im Verführen von Mädchen als auch im Gebrauch suchterzeugender Substanzen. Rega versuchte gar nicht erst, mit ihnen gleichzuziehen. Er stylte sich nach Vorbildern aus Science-Fiction-Filmen und träumte davon, auf einem fremden Planeten zu leben. Das trug ihm die Feindseligkeit seiner Altersgenossen ein. Sie schauten auf ihn herab und beneideten ihn zugleich, weil er bei den Mädchen so beliebt war und sich um den Haß seiner Mitschüler nicht kümmerte. Manchmal fragten sie ihn, welches Mädchen er sich ausgesucht hatte. Rega antwortete nicht, schüttelte nur den Kopf. Was ihn rettete, war der Umstand, daß die Jungen in seinem Jahrgang sich zu fein waren für körperliche Auseinandersetzungen und grobe Streiche. Sie lästerten und stichelten lieber, und das machte auf Rega wenig Eindruck.
Die Mädchen hatten ihrerseits über Rega zu tuscheln. Viele von ihnen hatten schon versucht, seine Freundin zu werden. Weiter als bis an seinen Computer oder vor seinen Fernseher hatten sie es nicht geschafft. Dennoch behaupteten einige, sie hätten schon etwas mit ihm gehabt, weil sie sich damit wichtig machen wollten. Rega unternahm nichts, um das richtigzustellen. Er blieb der geheimnisvolle Platinblonde mit der Bürstenfrisur, der viel suggerierte, aber niemanden an sich heranließ.
Eines Tages fehlte Rega in der Schule. Die schüchterne Aimée saß in der ersten Bank und schaute während des Englischunterrichts immer wieder nach hinten, wo Rega seinen Platz hatte. Es kam öfter vor, daß jemand fehlte, auch unentschuldigt, doch Rega hatte während des gesamten Jahres, in dem er mit Aimée in eine Klasse ging, noch nie gefehlt. Aimée sagte sich, es sei doch nichts Ungewöhnliches, wenn jemand fehlte, und sie müßte das auch Rega zugestehen. Doch sie wurde ein unheimliches Gefühl nicht los. Es war Montag, und an einem Wochenende konnte viel passieren.
Rega stand immer außerhalb der vermeintlichen Klassengemeinschaft. Aimée gehörte ebenfalls nicht dazu. Sie war jünger als alle anderen in ihrer Klasse und wurde deshalb von den Mädchen übersehen, und mit den Jungen zu reden, wagte sie nicht. Die Jungen hatten eine seltsame Sprache. Sie gaben einzelne Laute und Silben von sich und verständigten sich in der kleinen Pause durch das Hin- und Herschießen eines Tennisballs.
"Was guckst du andauernd zur Tür, Aimée?" fragte Herr Häuser, der Lehrer. "Hier vorne ist der Unterricht."
"Rega ist nicht da", würgte Aimée hervor, denn das Aussprechen dieses Namens brachte sie kaum fertig.
Niemand sollte wissen, was in ihr vorging, wenn sie Rega begegnete ... schon gar nicht er selbst, und niemand sollte es ihm zutragen können.
"Hat sich nicht entschuldigt", sagte Herr Häuser. "Das gibt Ärger. Wir sind hier nicht im Knast, aber ein paar Regeln müssen schon sein, Leute."
"Rega hat noch nie gefehlt", sagte Aimée und wußte nicht, woher sie die Kraft nahm.
"Einmal ist immer das erste Mal", sagte Herr Häuser leichthin.
"Rega hat noch nie gefehlt", ahmte die höhnische Marydianne Aimée nach.
Da drehte Aimée sich um, schaute Marydianne ins Gesicht und sagte vernehmlich:
"Halt' dein Maul."
Aimée wußte nicht, woher sie die Kraft nahm, es tat aber gut und schien ihr noch mehr Kraft zu geben.
"He, wer will hier 'rausgehen?" meldete sich Herr Häuser. "Wenn nicht sofort Ruhe einkehrt, dann weiß ich ein paar, die 'rausgehen wollen."
Er blickte zu Aimée und Marydianne herüber und zu ein paar Jungen in der letzten Bank, die mit dem Tennisball herumkickten und Tierlaute von sich gaben.
Rega blieb verschwunden, auch in den nächsten Wochen. Aimée traute sich nicht, die Lehrer zu fragen, ob sie etwas über ihn wußten. Sie horchte, was die Mitschüler redeten, doch die schienen nichts zu wissen oder wissen zu wollen.

-   -   -


Es gab ein neues Hochhaus, das stand auf einem Hügel am Rand eines Gewerbegebiets. Von einem Tag zum anderen erschien es dort. Es war mit einer silbrigen Metallschicht umhüllt und hatte kaum Fenster, nur feine Schlitze. Nachts wurde es von Strahlern beleuchtet, so daß es hell schimmerte in der Dunkelheit. Aimée konnte das Hochhaus von ihrem Fenster aus sehen, und da stand sie oft und betrachtete es, wie es ruhig zu warten schien, doch auf was, das konnte sie sich nicht vorstellen.
Die Schule war ein Gebäudekomplex aus Beton, mit schwarzen und orangefarbenen Fensterrahmen aus Holz, von denen die Farbe absprang. Im höchsten Gebäude gab es mehrere Stockwerke, wo Internatsschüler wohnten. Einem Fehler des Architekten war es zu verdanken, daß die Zimmer nicht doppelt belegt werden konnten, wie es geplant war, sondern daß die Schüler Einzelzimmer bekommen mußten. Aimée hätte sich über kaum etwas mehr freuen können. Die Zimmer waren klein und eng, doch jeder hatte sein eigenes Reich.
Möbliert waren die Zimmer in Schwarz und Orange, weil man glaubte, durch diese Farben die Lernmotivation zu fördern. Die Wände aus nacktem Beton, der die Maserung der Schalbretter trug, sollten durch ihre Nüchternheit ebenfalls die Lernmotivation fördern. Bei Aimée förderten sie vor allem die Kreativität. Aimée betrachtete die Vorsprünge im Beton und malte sich aus, die Zimmerwand sei die Wand eines Kerkers, und auf den Vorsprüngen seien die Gefangenen angekettet.
Aimée war keine Gefangene. Sie konnte so weit fahren, wie es ihr Schülerticket erlaubte. An einem Winternachmittag wollte sie es wissen. Sie fuhr mit der Stadtbahn so nahe wie möglich an das silbern schimmernde Hochhaus heran und stieg langsam den Hügel hinauf, vorsichtig um sich schauend. Sie suchte nach einem Schild, auf dem stand, um was für ein Gebäude es sich handelte.
Die Dämmerung sank bereits. Die Schneedecke auf dem Hügel leuchtete matt. Aimée umrundete das Hochhaus mit dem sechseckigen Grundriß und kam dabei der Außenwand immer näher. Sie nahm an, daß hinter den Fensterschlitzen Kameras verborgen waren, und sie legte sich eine Erklärung zurecht, was sie hier suchte, falls jemand sie ansprach. Besonders verwunderte es Aimée, daß sie keinen Eingang entdecken konnte. Sie dachte erst, sie sei noch nicht ganz herum, doch als sie an ihren Fußspuren im Schnee erkannte, daß sie längst herum war, machte sie sich bewußt, daß der Eingang entweder versteckt lag oder daß es wirklich keinen gab. Wenn der Eingang versteckt lag, konnte es sein, daß er nicht gefunden werden sollte.
Aimée entschloß sich, zur Stadtbahnhaltestelle zurückgehen. Sie fuhr zusammen, als sie eine Hand auf ihrer Schulter fühlte. Wie aus dem Nichts war hinter ihr ein Mann aufgetaucht, silbrigweiß gekleidet, das Gesicht reglos und in einem metallischen Grau getönt.
"Gesund sieht der nicht aus", dachte Aimée, "und atmen tut er auch nicht, also müßte er tot sein, aber dafür bewegt er sich zuviel."
Die Maschine führte Aimée zu dem Hochhaus, und da tat sich in der Wand eine Luke auf und gab den Blick frei auf das hell erleuchtete Innere. Aimée wehrte sich nicht. Sie dachte zum einen, daß sie dem Androiden ohnehin nicht entfliehen konnte; zum anderen hoffte sie, in dem mysteriösen Hochhaus zu erfahren, was aus Rega geworden war.
Der Android betrat mit Aimée einen Aufzug. Zwischen den Metallwänden stand Aimée nun einem Kunstwesen gegenüber, das schwieg und vielleicht gar nicht reden konnte.
Als der Android mit Aimée den Aufzug verließ, betraten sie eine Halle, in der ringsherum graue Stahlregale aufgestellt waren mit allerlei Gerätschaften, vorwiegend Werkzeuge und elektronische Bauteile. Zumindest vermutete Aimée, daß es sich um so etwas handelte, denn die Sachen ähnelten denen, die es in der Werkzeugabteilung von Baumärkten zu kaufen gab. Der Android ging mit Aimée hinter eines der Regale und blieb dort stehen. Nun tat sich eine Seitentür auf, und zwei Gestalten, die so aussahen wie der Android, führten Rega in die Mitte der Halle. Er hatte sich verändert; er wirkte bleicher als sonst, und er trug silbrigweiße Kleidung wie die Androiden.
"Er ruft doch nicht um Hilfe", sagte jemand.
"Schwierig wird das", sagte jemand anders.
Die Leute, die das sagten, kamen hinter einem Wandschirm hervor. Sie waren gekleidet in graues Plastik.
Aimée sah einen Ausdruck des Entsetzens in Regas Gesicht. Anscheinend war der Android, der mit ihr hinter dem Regal stand, seiner Sache zu sicher und hielt sie nicht fest. Sie lief mitten in die Halle und hörte, wie einer der Männer in Plastik sagte:
"Moment mal, Moment mal."
Rega fiel vor Aimée leblos auf den grauweißen Fußboden. Aimée wollte sich zu ihm herunterbeugen, wurde aber von einem der Androiden daran gehindert. Sie rang nach Atem, während der nicht atmende Android sie durch die Aufzugtür zerrte.
Es ging nach oben, nicht nach unten. Aimée sah sich einem Schicksal ausgeliefert wie dem von Rega. Sie versuchte, innerlich mit ihrem kurzen Leben abzuschließen.
"Vielleicht kann ich im Tod alles nachholen?" dachte sie. "Und Rega wiedersehen ..."
Es war keine Zelle, in die der Android sie brachte. Es war eine Suite, mit grauem Teppichboden an den Wänden und indirektem Licht. Aimée bekam ein weißseidenes Nachthemd hingelegt, lang und fließend. Als die Tür sich zuschob, konnte Aimée sie nicht mehr öffnen.
"Entweder liegt es daran, daß ich nicht weiß, wie es geht", dachte sie, "oder er hat mich tatsächlich eingeschlossen."
Aimée fand einen Schalter, mit dem das Licht gedimmt werden konnte. Im Halbdunkel zog sie das Nachthemd an und setzte sich auf das Bett, das wie eine Schaukel an der Decke hing. Da öffnete sich die Tür wieder, und einer der in Plastik gekleideten Männer kam herein, die Aimée in der Halle gesehen hatte. Er ging mit eiligen Schritten auf Aimée zu und hob eine Waffe.
"Alles umsonst", dachte Aimée. "Jetzt ist es aus."
Hinter dem Mann mit der Waffe kam ein anderer herein, dem Aimée noch nicht begegnet war. Er hob eine Fernbedienung, drückte eine Taste, und der Mann mit der Waffe erstarrte in seiner Haltung. Aimée rutschte von dem Bett und lief in eine Ecke neben einem Wandschrank. Sie wußte, daß es hier keine Fluchtmöglichkeit gab, doch in der Ecke fühlte sie sich sicherer.
Der Mann mit der Fernbedienung nahm dem Mann in Plastik die Waffe ab, steckte sie ein, drückte eine weitere Taste und schickte den Mann in Plastik hinaus. Der fügte sich wortlos.
Als die Tür sich wieder geschlossen hatte, machte der Mann mit der Fernbedienung eine angedeutete Verbeugung. Er trug ein weites weißes Hemd aus einem Stoff, der wie knittriges Papier aussah, und eine ebensolche Hose.
"Leander heiße ich", stellte er sich vor. "Die Leute sagen, ich erscheine immer da, wo Tod und Verderben ist."
"Das ist auch so", entgegnete Aimée. "Rega ist tot."
Leander schüttelte den Kopf.
"Nicht?" rief Aimée und legte die Hände vor den Mund.
"Es gibt Menschen, die sich wie Androiden verhalten", sagte Leander, "und es gibt Androiden, die sich menschlicher verhalten als mancher Mensch."
"Und was bist du?"
"Was denkst du, was ich bin?"
"Jetzt sag' schon, was du bist."
"Wenn ich es dir sage, weißt du es immer noch nicht sicher, denn ich kann dir etwas vorspielen."
"Ist Rega ein Android?"
"Was jemand ist, wirst du immer nur glauben können, nicht wissen."
"Wo ist Rega?"
"Es geht jetzt um dich", meinte Leander. "Du bist hier in Gefahr, du mußt hier weg."
"Warum bin ich in Gefahr?" fragte Aimée. "Was ist das für ein Gebäude?"
"Das ist ein Gebäude, das aus dem Nichts erscheinen und ins Nichts verschwinden kann, und es kann dich mitnehmen ins Nichts."
"Und Rega auch."
"Es geht jetzt um dich."
"Ich will zu Rega."
"Dieses Gebäude ist voller Maschinen, die sich gegen dich wenden können, weil sie dich als fremd wahrnehmen", erklärte Leander. "Es kann dich das Leben kosten, wenn du noch länger hierbleibst."
"Warum haben die Maschinen mich nicht längst umgebracht?"
"Weil sie das Fremde nicht nur als bedrohlich, sondern auch als Material für wissenschaftiche Beobachtungen wahrnehmen. Die Entscheidung, ob sie dich am Leben lassen oder nicht, kann unvermittelt fallen."
"Ich will zu Rega. Sie bringen ihn um, wenn ich ihn nicht mitnehme."
Leander seufzte.
"Dann folge mir", winkte er.




Sie gingen durch gekrümmte Flure, manche schattig und metallisch-grau, manche hell und in einförmigem Weiß. Leander schirmte Aimée ab, wann immer sich eine der Gestalten näherte, die in dem Hochhaus unterwegs waren.
In einem noch höheren Stockwerk, am Ende eines Flurs, öffnete Leander eine Schiebetür. Dahinter befand sich ein Raum, der sah auf den ersten Blick wie ein Büro aus. Aimée kannte die Gegenstände nicht, die auf dem Schreibtisch standen oder lagen. Es konnten Computer mit Zubehör sein, sie sahen aber mehr aus wie Bauklötze, wenn auch in zurückhaltendem Grau, Silber oder Weiß.
Durch den Raum gelangte man in einen weiteren, der war schwach erleuchtet und fast leer. Nur ein Gestell sah Aimée vor der hinteren Wand. Das Geschöpf, das darauf lag, hätte sie fast übersehen.
"Das ist doch eine Schaufensterpuppe", sagte sie in Gedanken. "So eine wie die in der Retro-Boutique, die immer diese schrillen Sachen anhaben."
Aimée forschte in dem wächsernen Gesicht mit den geschlossenen Augen nach dem Rega, den sie aus der Schule kannte.
"Jetzt hast du Rega gesehen", sagte Leander. "Du mußt jetzt wirklich hier weg."
"Er ist doch tot."
"Er ist vergiftet worden, aber er ist nicht tot."
"Die Androiden haben ihn in der Halle vergiftet."
"Komm' mit in die Kaffeeküche", bat Leander. "Ich erkläre dir, was passiert ist."
Während er Kaffee eingoß, überlegte Aimée, wie sie erkennen konnte, wann Leander die Wahrheit sagte und wann nicht.
"In der Innenstadt haben sie gestern eine Mördergrube ausgehoben", erzählte Leander. "Die war in einem Bürohaus, das geht fünf Stockwerke unter die Erde, und in den Tiefgeschossen war ein Snuff-Studio, getarnt als Filmproduktionsfirma."
"Was ist ein Snuff-Studio?"
"Live-Folter und Live-Mord, mitgeschnitten und international verkauft."
"Und das war in dem Bürohaus?"
"Es war gut getarnt, wirklich. Die Polizei hat die Leichen der Opfer gefunden und die der Täter, die sich umgebracht haben, als sie gemerkt haben, daß sie in der Falle sitzen. Eines der Opfer lebte noch, und das war Rega."
"Was haben sie mit ihm gemacht?"
"Die Snuff-Filmer wollten ihn mit einem Gift umbringen, das zu einem besonders grausamen Tod führt. Rega ist aber nicht gestorben. Da haben sie ihn in eine Zelle gesperrt und sind jeden Tag vor laufender Kamera zu viert über ihn hergefallen und haben ihm jeden Tag mehr von dem Gift verabreicht."
"Und das hat Rega dir erzählt?"
"Sie haben irgendwann genug gehabt und ihn untersucht und festgestellt, daß es sich bei Rega um eine Mutation handelt, die mit dem Gift nicht so leicht umzubringen ist wie gewöhnliche Menschen."
"Und du meinst nicht, das hat Rega sich zusammengesponnen?"
"Wir haben das Gift nachgewiesen."
"Heute in der großen Pause lief Radio, die Nachrichten um elf Uhr dreißig", erinnerte sich Aimée. "Da gab es einen Bericht, in dem ging es um Bandenkriminalität und daß die in der Stadt irgendwelche Toten gefunden haben. Aber wie kommt Rega ausgerechnet hierher in dieses ...?"
"Die Androiden haben ihn mitgenommen, bevor die Polizei da war. Das war die Aktion, bei der sich die Täter erschossen haben."
"Und warum haben die Androiden Rega hierher gebracht?"
"Wir haben das Antidot. Das kennt man woanders nicht."
"Warum war es euch wichtig, Rega das Leben zu retten?"
"Die Androiden haben eine einprogrammierte Neugierde. Sie wollen herausfinden, ob Rega überlebt, wenn er das Antidot bekommt, oder ob er letztlich doch an dem Gift stirbt."
"Und was war das vorhin in der Halle?"
"Die Androiden haben Rega das Antidot gegeben, das wollte er aber nicht, weil er dachte, daß sie ihn auch nur vergiften wollten. So war das."
"Ihr hättet ihm doch sagen können, daß es ein Antidot ist?"
"Er hat es nicht geglaubt."
"Und jetzt fallen die Androiden jeden Tag über Rega her."
"Vertrauen kann man nicht erzwingen, schon gar nicht, wenn man unter Fremden eingesperrt war und von Fremden herausgeholt wird", meinte Leander. "Rega glaubt, daß wir mit ihm auch solche Versuche machen wollen wie die Leute in dem Snuff-Studio. Er kann sich nichts anderes vorstellen. Und im Grunde ... ist es auch nichts wesentlich anderes, nur mit einem anderen Ziel."
"Gibt es viele Snuff-Filme?"
"Sehr viele. Meistens sind es aber keine richtigen Filme mit Drehbuch, sondern nur Mitschnitte. Die werden überwiegend in Ländern aufgenommen, wo Folter und Hinrichtungen zur Tagesordnung gehören. Es gibt sie, seit das Medium Film Verbreitung gefunden hat. Aus der NS-Zeit gibt es welche, aufgenommen in Vorräumen von Gaskammern, wo unbekleidete Frauen hindurchgetrieben wurden. Aus den siebziger Jahren gibt es welche, aus südamerikanischen Folter-Camps. Und der gesamte Bereich der Kinderpornografie - Filme mit diesen Inhalten sind immer Snuffs, immer mit Straftaten verbunden. Es muß nicht Mord sein wie in den Gaskammer-Filmen, es kann auch Folter sein, Mißhandlung, Vergewaltigung. Und es gibt genug Fetischisten und Voyeure, die bereit sind, für authentische Gewaltdarstellungen viel Geld auszugeben."

-   -   -


Der Hausaufgaben-Raum befand sich im Inneren des Betonbaus und hatte keine Fenster. Man war der Meinung, daß die Fensterlosigkeit und das Licht der Leuchtstoffröhren die Lernmotivation förderten.
Die Tische waren aneinandergerückt, so daß sich ein einziger langer Tisch ergab. Aimée und ihre Mitschüler hatten Thermoskannen mit Kaffee vor sich stehen. Auf dem Boden standen Cola-Flaschen. Chips-Tüten raschelten. Eine Dose wurde herumgereicht mit Cola, der achtzigprozentiger Schnaps zugesetzt war. Einige Schüler redeten darüber, was sie sich kaufen wollten. Andere spielten mit winzigen Computerspielen. Im Radiorecorder lief "Planet Claire" von B52's. Melodien und Signale vom Band und von den Spielen vermischten sich zu einer eigenartigen Musik.
Der Platz gegenüber von Aimée war leer. Als Rega den Raum betrat, blickte er kurz nach rechts und links, entdeckte den freien Platz und setzte sich. Aimée holte Atem, als hätte sie eine wilde Flucht vor sich. Sie wollte sich bremsen und umklammerte die verchromten Stuhlbeine.
Rega schaute Aimée ins Gesicht und nickte. Sie nickte ebenfalls.
"Es ist, als wäre ich jahrelang nicht mehr hiergewesen", sagte Rega nachdenklich. "Es ist mir völlig fremd. Ich bin ein völlig anderer."
"Vielleicht bist du nur ... endlich du selbst", vermutete Aimée.
"Das mit der Selbstfindung, davon wird so viel geredet, aber eigentlich ist das nur so, weil es gerade in ist", meinte Rega. "Ich glaube, die meisten Menschen wollen sich gar nicht finden. Sie würden sonst in Abgründe fallen."
"Sowas solltest du mal in einem Deutsch-Aufsatz schreiben ..."
"Was kriege ich dafür, was denkst du?"
"Ich glaube, der Dobrock würde gar nicht verstehen, was du meinst."
Auch die Mitschüler um sie herum schienen das Gespräch nicht zu verstehen. Aimée war es, als wenn sie mit Rega allein war, als wenn sie den Raum ganz für sich hätten.
Es war das schönste Erlebnis, das Aimée jemals gehabt hatte - daß sie sich mit einem Jungen, der ihr gefiel, von Mensch zu Mensch unterhielt.
Schon im vergangenen Jahr hatte Rega ihr in die Augen geblickt, es war auf einer Klassenparty. Aimée lag auf einem Sofa, er setzte sich zu ihr auf die Kante. Sie hatte seinen Blick nicht erwidern können, ihre Schüchternheit war übermächtig. Inzwischen hatte Aimée entschieden, sich von ihrer Schüchternheit nicht mehr den Weg verstellen zu lassen. Sie hatte beschlossen, gegen alle Hindernisse zu tun, was sie wollte.
"Wo warst du denn in der ganzen Zeit?" fragte Aimée.
"Es war fast so schön wie hier", erzählte Rega, "fast so schön wie im Knast."
"Knast" wurde die Schule von den Internatsschülern genannt.
"Warst du weit weg?" erkundigte sich Aimée.
Rega schien nicht zu wissen, daß sie ihn in dem silbernen Hochhaus gesehen hatte und daß Leander ihr seinen Leidensweg geschildert hatte. Aimée sagte es ihm auch nicht - noch nicht, weil sie herausfinden wollte, was Rega ihr von sich aus erzählte und ob die Schilderungen von Rega und Leander übereinstimmten.
"Weit weg, das kann man so sagen", beschrieb Rega. "Weit weg von mir und weit weg vom Leben. Ich kann jetzt noch nicht darüber sprechen. Wenn du willst, erzähle ich es dir nachher in der Fensternische unten in der Pausenhalle, wo die Heizung ist."
"Ach, diese große orange lackierte Heizung."
"Ja, da."
Abends um zehn war die Pausenhalle menschenleer. An der Decke brannte nur die Notbeleuchtung. Die Betonhalle war mit Betongeländern, Betontreppchen und Betonrondellen gestaltet, die alle braun und orange gefliest waren. Das sollte die Kommunikation unter den Schülern fördern. Aimée ging durch das Labyrinth aus Rondellen, Geländern und Treppchen und setzte sich zu Rega in die Fensternische neben der Heizung.
"Kennst du das Gewerbegebiet da unten", begann Rega, "wo diese Lagerhallen sind, die mit den Lamellentoren?"
"Ja, das kenne ich."
"Da war ich bei meinen Freunden im Probenraum, und kurz nach Mitternacht bin ich gegangen. Da draußen ist niemand zu sehen um diese Zeit, wohin man guckt. Autos fahren da auch fast nicht mehr lang. Da kam ein offener schwarzer Porsche mit drei Jungen, die schienen voller Drogen zu sein, vor allem der eine mit der Föhnfrisur und dem Grinsen. Sie sind immer langsamer gefahren, und dann sind sie neben mir hergefahren.
'Was wollt ihr?' habe ich gefragt.
'Dich wollen wir', sagte der mit dem Grinsen. 'Kommst du freiwillig mit, oder soll dich erst der nette Schröder umklatschen?'
Ich bin gerannt, aber in einem Hinterhof ging es nicht mehr weiter, da haben sie mich in die Enge getrieben. Sie haben meinen Kopf gegen eine Mauer geknallt, immer wieder, und ich habe mir Vorwürfe gemacht, weil ich es nicht geschafft habe, mich zu wehren. Ich habe gedacht, daß ich nicht überlebe, als etwas über mich gefallen ist wie ein Schatten. Danach habe ich nichts mehr gemerkt.
Als ich aufgewacht bin, habe ich im grellen Licht auf einem Betonboden gelegen, und sie haben um mich herumgestanden und nach mir getreten, und ich habe mir wieder Vorwürfe gemacht, weil ich es nicht geschafft habe, mich zu verteidigen. Es gab von da an nur noch diesen Betonkeller, ein abgeriegeltes Tiefgeschoß. Sie haben alles gefilmt, auch das mit dem Gift. Jeden Tag sind sie angekommen und haben mir immer mehr von so einem synthetisch hergestellten Gift gegeben. Sie wollten herausfinden, wieviel sie mir geben müssen, damit ich sterbe.
'Was habt ihr davon?' habe ich gefragt.
'Wir wollen Menschen sterben sehen', war die Antwort. 'Das ist doch geil, Menschen sterben zu sehen.'
Am schlimmsten war der nette Schröder, der immer so auf Kumpel gemacht hat. Er hat mit mir was geraucht, und dann war er in Laune. Ich weiß gar nicht mehr, was er alles gemacht hat."
"Und dann, wie ging es weiter?"
"Dann kam die Zeit, wo ich mich an nichts mehr erinnern kann", erzählte Rega. "Das war wohl eine lange Zeit. Ich kann mich erst wieder an das Haus erinnern, wo ich danach war. Das war, nachdem die Polizei zugegriffen hat. Von den Tätern soll keiner überlebt haben, auch der nette Schröder und der mit dem Grinsen sollen tot sein. Aber ich glaube, es gibt da noch mehr von, die nur vorher abgehauen sind, die können jeden Tag wieder auftauchen. Ich fühle mich nirgendwo mehr sicher."
"Auch nicht in dem Haus, wo du dann warst?"
"Da erst recht nicht. Da ging es ja nur weiter. "
"Was haben die denn gemacht?"
"Ob sie gefilmt haben, weiß ich nicht, ich habe keine Kameras gesehen, aber es können ja auch versteckte Kameras da sein. Jedenfalls, sie sind auch jeden Tag angekommen mit irgendetwas, das sie mir geben wollten."
"Und was sollte das sein?"
"Das wollte ich nicht wissen, ich wollte nur in Sicherheit sein, und Sicherheit gab es nicht mehr, die wird es wohl auch nie mehr geben."
"Waren sie genauso brutal wie die Leute in dem Tiefgeschoß?"
"Eigentlich nicht, sie waren mehr ... berechnend."
"Ich fand sie brutal", sagte Aimée, und da ging ihr auf, daß Rega nun wußte, daß sie ihn in dem Hochhaus gesehen hatte.
"Jetzt weiß ich, warum du die Einzige warst, die mir in dem Hausaufgaben-Raum vertraut vorgekommen ist", staunte Rega. "Die anderen, die kenne ich ja schon lange, aber die waren mir alle fremd geworden. Nur du kamst mir so vor, als wärst du die ganze Zeit bei mir gewesen, in der ich weg war. Wie bist du bloß in dieses Hochhaus gekommen? Und wie bist du darauf gekommen, daß ich da war?"
"Daß du da warst, wußte ich nicht", erzählte Aimée. "Ich wollte nur wissen, was das für ein Haus ist. Es ist wie aus dem Nichts entstanden, als hätte es jemand mal eben da hingestellt. Und dann gibt es auch kein Schild, auf dem steht, was in dem Haus sein soll, und ein Klingelschild gibt es schon gar nicht, nicht einmal eine Tür ... und fast keine Fenster!"
"Und wie bist du in das Haus gekommen?"
"Einer von den Androiden ist 'rausgekommen und hat mich mit 'reingenommen, aber ohne irgendwas zu sagen."
"Ach, dann war das einer von denen, die nur reden, wenn es unvermeidbar ist."
"Ja, so kam der mir vor. Oben in der Halle hat er mich dabei zusehen lassen, wie mehrere Androiden oder Menschen oder was immer dich angegriffen haben. Ich bin auf dich zugerannt, um dir zu helfen. Da hat mich ein Android weggezerrt und weiter oben im Haus in einer Suite eingeschlossen. Und dann kam einer von denen, die wirklich fast wie Menschen aussehen, in die Suite und wollte mich erschießen. Daß er kein Mensch sein kann, habe ich daran gemerkt, daß Leander ihn mit einer Fernbedienung von hinten abgeschaltet hat. Das wäre bei einem Menschen wohl nicht gegangen."
"Du hast Leander getroffen?"
"Ja, und ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll."
"Es zieht ihn immer dorthin, wo es Tod und Elend gibt."
"Ich habe gedacht, du warst tot, als Leander mir dich gezeigt hat", erzählte Aimée. "Ich habe geglaubt, die Androiden haben dich umgebracht."
"Wo ist das gewesen?"
"Noch weiter oben, hinter einem Büro."
"Das ist ein Zimmer, das sieht wie eine Abstellfläche aus", erklärte Rega, "es ist aber ein Überwachungsraum mit viel unsichtbarer Technik."
"Leander wollte, daß ich gehe, wegen der Androiden", fuhr Aimée fort. "Was ist Leander eigentlich? Warum ist er in dem Haus? Was hat er da für eine Aufgabe?"
"Ich glaube, er ist Programmierer, aber ich bin mir nicht sicher."
"Wem gehört das Haus eigentlich?"
"Das habe ich Leander auch gefragt", erzählte Rega. "Er hat geantwortet, es gehört Saroud. Als ich wissen wollte, was Saroud für eine Firma ist, hat er geantwortet, es ist mehr ein Gemeinwesen als eine Firma. Und als ich gefragt habe, wo sich dieses Gemeinwesen befindet, hat Leander gesagt, daß er mir nicht antworten kann, weil es sich um eine geschützte Information handelt."
"Welche Firma stellt denn solche Androiden her wie die in dem Hochhaus?"
"Ich weiß von keiner."
"Das sind aber doch Maschinen ... die atmen nicht, im Aufzug habe ich das gemerkt."
"Ich glaube, daß die nicht von hier sind."
"Ehe ich sowas glaube, zweifle ich an meinem Verstand."
"Ich glaube, das Hochhaus ist in Wirklichkeit gar kein Haus. Es wurde hier nicht gebaut, sondern hingestellt."
"Leander hat doch sowas gesagt", überlegte Aimée, "er hat gesagt, das Gebäude kommt aus dem Nichts und kann auch wieder ins Nichts verschwinden."
"Leander sagt nie die ganze Wahrheit, glaube ich."
"Vielleicht denkt er, daß die Wahrheit die Menschen überfordert?"
Aimée steckte die lichtrosa Kirschblüten fest, die sie im Haar trug.
"Es ist Frühling geworden", sagte Rega. "Vom Winter habe ich nichts mitbekommen."
"Wenn es Frühling wird und die Zierkirschen blühen, ist das für mich gleichbedeutend mit Tod."
"Warum denn das?"
"Diese hellrosa Blüten sind so vergänglich. Sie sind luftig und zart, und wenn es regnet, leuchten die Blütenzweige in dem diesigen Grau. Sie leuchten so hellrosa, daß es fast weiß ist. Und schon nach wenigen Tagen zerfallen die Blüten, und auf dem Gehweg sieht es aus, als hätte es geschneit. Dann muß ich immer an den Tod denken. Es ist eine Stimmung wie auf dem Friedhof."




"Aimée, kennst du jemanden, dem du vertraust?"
"Nein."
"Was ist mit deinen Eltern?"
"Ich bin froh, daß ich nicht zu Hause wohne. Im Internat wird man auch gegängelt, aber zumindest hier, in diesem Internat, habe ich mehr Freiräume als zu Hause."
"Mein Vater hat mich hier abgegeben, als meine Mutter gestorben ist", erzählte Rega. "Wir haben uns nicht viel zu sagen. Es ist besser, wenn wir uns nicht so oft sehen."
Aimée wollte etwas erwidern, doch es blieb ihr im Halse stecken. Sie fühlte sich nicht nur bewegt, sie fühlte sich nicht nur traurig, sie fühlte sich erstickt. Sie stand auf, um Luft zu holen.
Als Rega die Arme um sie schloß, erwiderte Aimée die Umarmung, ohne sich das bewußt zu machen. Sie fand ihre Arme auf seinem Rücken, auf seinen Schultern. Sie beobachtete, wie sie sich auf seinen Schoß setzte, innig umschlungen mit ihm, und ihr Gesicht an seine Wange legte. Es war, als wenn sich etwas gefunden hatte, das aneinanderpaßte wie Puzzleteilchen.
Aimée hatte nicht damit gerechnet, daß sie jemals das Verlangen haben würde, einem Menschen so nahe zu sein.
"Damit habe ich nicht gerechnet", sagte Rega, "daß es das wirklich gibt, daß ich einem Menschen so nahe sein will."
"Gibt es denn jemanden, dem du vertraust?"
"Nein. Das ist es ja, ich fühle mich überall fremd und nicht zugehörig."
"Vielleicht sind wir einander zugehörig", sagte Aimée.

-   -   -

Von jetzt an konnten die Klassenkameraden über Rega und Aimée gleichzeitig lästern. Und Aimée mußte nicht mehr in der großen Pause allein vor dem orange lackierten Heizkörper stehen, um sich zu wärmen.
Gleich, wie persönlich und geheim das war, worüber Rega und Aimée redeten - sie konnten sich in aller Öffentlichkeit darüber unterhalten. Ihre Art, zu sprechen war so weit entfernt von dem einsilbigen Kieksen der Cliquen-Mädchen und den kryptischen Lauten der Jungen, daß sie zuversichtlich sein konnten, von niemandem verstanden zu werden.
Nachts lag Aimée wach und versuchte, sich vorzustellen, wie sie Rega verlieren würde. Am wahrscheinlichsten war, daß er von einem Tag zum anderen nichts mehr von ihr wissen wollte, einfach so. Die meisten Beziehungen, von denen Aimée gehört hatte, endeten auf diese Weise.
Es konnte auch sein, daß Rega eines Tages das Gefühl bekam, noch nicht genügend Erfahrungen gesammelt zu haben und hinter seinen Altersgenossen zurückzubleiben. Dann würde er Aimée fallenlassen, um andere Mädchen auszuprobieren.
Es konnte auch sein, daß ein Mädchen ihn besonders heftig umschwärmte und er sich davon geschmeichelt fühlte. Aimée war kein Mensch, der andere Menschen umgarnen und umschwärmen mochte. Sie würde mit einem solchen Mädchen nicht mithalten können.
Es konnte auch sein, daß Rega dem Gift, das ihm bei seiner Entführung verabreicht worden war, im Nachhinein doch noch zum Opfer fiel.
Und es konnte sein, daß Rega den Mittätern zum Opfer fiel, die sich während des polizeilichen Zugriffs nicht in dem Tiefgeschoß aufgehalten hatten.
"Wann?" - das war die Frage, die Aimée beschäftigte. "Wann wird mir der Mensch, den ich liebe, wieder entrissen?"
Sie erzählte Rega nichts von diesen Gedanken. Er sollte nicht das Gefühl haben, daß sie ihm mißtraute.
Aimée half sich schließlich, indem sie vor ihrem Zimmerfenster einen Barbie-Katafalk aufstellte. Sie legte eine Barbiepuppe darauf, in einem weißseidenen Totenhemd, das Gesicht mit einem bestickten Schleier verhüllt. So hatte das Grauen eine Gestalt bekommen, es war faßbar geworden und hinderte Aimée nicht mehr am Schlafen.




Eines Abends erschien Leander in Aimées Zimmer.
"Bitte folge mir", sagte er.
"Rega ist gleich da", erwiderte sie.
Leander schüttelte den Kopf.
Aimée stand mit dem Rücken zu der Betonwand und krallte ihre Finger in die Vorsprünge, die die Schalbretter hinterlassen hatten.
"Bitte folge mir", wiederholte Leander.
Er fuhr mit ihr zu dem Wirtschaftseingang einer Intensivstation des städtischen Klinikums.
"Hier hatte ich Spätschicht", erzählte Leander. "Vorhin."
Er schloß eine Stahltür auf und winkte Aimée, mit ihm zu kommen. Im Innern des Gebäudes hörte Aimée Lärm von allen Seiten. Schritte von Gummischuhen hallten auf dem Linoleumboden, Plastikfolie knisterte, Stimmen klangen durcheinander, Kaffee wurde in große Becher gegossen.
"Wo du gerade da bist, kannst du hier noch was unterschreiben?" fragte ein Mädchen mit Zopfschnecken, das einen graugrünen Kasak anhatte, und hielt Leander ein Formular hin.
"Hat der Pharmareferent dir Kulis mitgebracht?" wurde Leander von einem anderen Mädchen gefragt. "Hier ist nämlich fast keiner mehr, und du weißt ja, wie schnell die verschwinden."
"Kann ich in deinem Zimmer telefonieren?" fragte ein drittes Mädchen.
Leander beantwortete alle Fragen routiniert und beinahe gleichzeitig:
"Ja - ja - ja."
Dann zog er Aimée mit sich in ein Zimmer am Ende des Flurs. Hinter einer Schiebetür aus Stahl befand sich ein leeres Bett.
"Hier war es", sagte Leander. "Und es war das Gift."
Der Tod gehörte auf der Intensivstation zum Alltag. Er konnte kein Loch in die täglichen Abläufe reißen, auch nicht in die Seelen der Menschen, die hier arbeiteten. Sie waren gefaßt auf das, was ihnen begegnete.

-   -   -


Aimée ging einen überdachten Plattenweg entlang, in der Hand eine verzinkte Gießkanne. Der silbergraue Himmel warf ein bleiches Licht über die Grabmale. Hier war es ruhig, hier herrschte ein Friede, so schwer wie Beton.
Ein Jahr war vergangen, die Zierkirschen blühten wieder. Aimée hatte hellrosa Kirschzweige auf Regas Grab in eine Vase gestellt. Sie zündete in der Laterne ein neues Ewiges Licht an.
Regas Stimme klirrte in ihrem Kopf. Wohin sie blickte, immer sah sie sein Gesicht, seine Gestalt vor ihren Augen. Immer fühlte sie ihn in ihren Armen.
"Es ist zuviel", sagte Aimée. "Es muß ein Ende haben."
Sie tat einen Spruch:
"Wenn mir das Schicksal einen Wunsch erfüllt, dann wünsche ich mir, eine Schaufensterpuppe zu sein."
Als Puppe würde sie nichts mehr empfinden können von dem, was ihr nur noch eine Last war: die Trauer, mit der sie nicht wußte, wohin.
Es begann zu regnen.
"Beerdigungswetter", dachte Aimée.
Sie wollte nicht in das Schulgebäude zurückkehren, nie mehr. Ihr Zuhause sah sie nirgendwo, am allerwenigsten im Internat.
Was das Hochhaus auf dem Hügel betraf, so war dieses seit Monaten verschwunden. Leander war aber nicht mit ihm verschwunden. Aimée war ihm neulich auf dem Friedhof begegnet.
"Das Hochhaus wird bald wieder da sein", hatte Leander berichtet. "Wir bekommen neue Androiden und neue Forschungsprojekte."
"Wenn das ein Haus für mich sein könnte", dachte Aimée, "aber es ist mir noch unheimlicher als die Schule."
Es gab ein Haus in der Innenstadt, das war in den fünfziger Jahren von Aimées Verwandten gebaut worden. Es war ein Mehrfamilienhaus und hatte fünf Stockwerke. Aimée besaß den Schlüssel zu einer der Wohnungen im obersten Stockwerk, die leerstand. Dorthin wollte sie gehen.
Drinnen waren die Tapeten noch dieselben wie in den fünfziger Jahren, mit einem ausgeblichenen Blumenmuster. Im Balkonzimmer stand ein Bett und daneben ein resedagrünes Tischchen, das eine Messingumrandung und spitz zulaufende Beine hatte. Auf dem Tischchen stand eine Vase mit Anturien und Strelitzien. In der Vase war kein Wasser. Die Blumen waren aus Plastik.
Es regnete nicht mehr, nur etwas neblig war es. Auf dem Balkon stand ein Wäscheständer mit leeren Leinen, an denen noch die Klammern hingen. Regentropfen waren an den Leinen aufgereiht wie Glasperlen. An dem Windschutz aus durchsichtigem Wellplastik hing eine Blumenampel, die aussah, als hätte sie jemand vergessen.
Aimée legte sich auf das Bett und betrachtete die dunklen Wolkenbänke, hinter denen das Himmelslicht allmählich verlöschte.
Als in der Abenddämmerung noch einmal die Sonne hervorkam und die Regentropfen hell aufleuchteten, hatte sich Aimées Wunsch erfüllt.
Schaufensterpuppen wurden nicht begraben. Sie lebten nicht, aber sie waren auch nicht tot. Die leere Wohnung war ein geeigneter Aufbewahrungsort, denn Aimée paßte als Schaufensterpuppe zu den Gegenständen, die dort zurückgelassen worden waren.











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